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Entwicklungsgeschichten als Romanthema



In der Literaturgeschichte der früheren deutschen Aufklärung finden sich keine Vorformen des mit Wieland hervortretenden Bildungsromans. Die traditionalen Ordnungen wirkten zu dieser Zeit noch so stark, daß die Orientierungsnöte des sich selbst und seinen Platz in der Welt suchenden Einzelnen noch nicht zum Thema wurden. Vereinzelt nur machen sich Anklänge an die psychologischmoralische Thematik individueller Entwicklungsgeschichten bemerkbar, zum Beispiel in der Vorrede zu Karl Friedrich Troeltschs Geschichte einiger Veränderungen des menschlichen Lebens :

'In Romanen erfordert es ohnehin manchmal die Geschichte, daß man seine Helden nicht auf einmal gros werden lasset, sondern man lasset sie durch gute Anweisung und Erfahrung erst zur Reife kommen. Dabei denn die Schwachheiten die sie begehen, dem Leser nützlich sind, und der Hochachtung gegen die Haupt-Personen keinen Abbruch thun" .
      Allerdings schildert der Roman keine Entwicklungsgeschichte, sondern er behandelt seine Hauptfigur nur als Verbindungselement für eine Kette abenteuerlicher Episoden, die insgesamt die Unzuverlässigkeit des Glücks und die Wechsel-haftigkeit der Welt illustrieren.
      Erst bedeutend später erscheinen Romane, die psychologisch vertiefte Ent-wicklungs- und Integrationsgeschichten erzählen und mit dieser Thematik ganz in die Nähe des Bildungsromans geraten. Zu denken ist dabei an Bücher wie Johann Gottlieb Schummeis Wilhelm von Blumenthal , der die Geschichte eines früh verwaisten Kleinbürgersohns von den bedrängten Anfängen in einer deutschen Kleinstadt bis zur Ãobernahme einer hohen Position im englischen Staatsdienst vorführt. Im Vorwort betont der Autor, daß sein Buch mit der Behandlung des Entwicklungsthemas die Erwartungen des durchschnittlichen Romanlesers enttäuschen werde und daß er deshalb auf ein Publikum rechne, das mit 'Behagen [...] ein kleines Samenkorn zum großen, schattigen Baum emporwachsen" sieht.
      Das gute Ende dieser Aufstiegsgeschichte wird durch die hohe Begabung des Helden, durch seine feste Ãoberzeugung von einer höheren Bestimmung und durch kluge pädagogische Förderung erreicht. Vor allem aber erweist sich eine wohlmeinende Vorsehung als Garant von Wilhelms Glück. Zwar kommt es zu gelegentlichen Irrtümern, er verfällt vorübergehend Ablenkungen und gerät schon einmal ins Straucheln, aber eine tiefer reichende innere Verunsicherung des Helden bleibt aus. In dieser metaphysischen Absicherung der Entwicklungsgeschichte liegt der wesentliche Unterschied zu den Lebensläufen der eigentlichen ,Bildungs'-Helden wie Agathon, die sich selbst problematisch werden und um ein gesichertes Weltverhältnis erst noch ringen müssen.
      Johann Carl Wezeis Roman Herrmann und Ulrike zeigt zahlreiche thematische Ãobereinstimmungen mit Schummeis Wilhelm von Blumenthal. Auch hier geht es um den Aufstieg aus dürftiger Herkunft zu einflußreicher Tätigkeit im Dienst des Gemeinwohls. Auch hier ist der Held durch hohe Talente und glühenden Ehrgeiz ausgezeichnet. Aber Wezel macht die Gefährdungen einer solchen Natur deutlicher als Schummel: Herrmanns Mentor, der Hofmeister Schwinger, läßt den Leidenschaften und dem Tätigkeitsdrang seines Zöglings freie Bahn, obwohl er die Möglichkeit eines Scheiterns deutlich sieht: 'Aus solchem Thone muß ein edles Gefäß werden, oder es springe!" . Der Held von Wezeis Roman durchläuft tiefe Krisen und gerät sogar an den Rand der Verzweiflung, er findet jedoch am Ende zu einer glücklichen Existenz an der Seite der geliebten Ulrike und in pflichtbewußter Tätigkeit für den Staat. Auch über dieser Entwicklungsgeschichte wölbt sich noch eine gesicherte Weltordnung, die dem Tüchtigen und Lauteren seinen Platz zu sinnerfüllter Tätigkeit anweist.
      Im Belphegor und im Tobias Knaut hatte Wezel eine verdüsterte Sicht der Welt erkennen lassen. Daß er in Herrmann und Ulrike einem optimistischen Konzept folgt, erklärt sich wohl aus pädagogischen Absichten. Er hat offensichtlich seinen eigenen Roman vor Augen, wenn er es für wünschenswert hält, junge Menschen durch einen dynamischen und erfolgreichen, aber keineswegs ins Idealische gesteigerten Romanhelden zu einer aktiven Lebenshaltung zu bekehren. Er fordert ein Buch,
'das ein Beispiel großer, edler, aufstrebender Thätigkeit enthält, wie sie jeder Jüngling nachahmen kann; das die Triebfeder der menschlichen Größe, die Ehre anspannt; ein Beispiel voll Nerven, Geist, starker männlicher Empfindung; ein Charakter, aus den zwey Hauptelementen einer großen Seele, aus hoher Denkungsart und gefühlvollem Herze, zusammengesetzt, ohne die mindeste idealische Vollkommenheit, mit Schwachheiten und Gebrechen beladen, aber eine Seele voll Gleichgewicht: dieser Charakter muß durch eine Reihe von wahrscheinlichen Begebenheiten, ohne alle Abentheuerlichkeit, hindurchgeführt werden, immer stolpern, oft durch die Ãobertreibung seiner guten Eigenschaften fallen [...] und doch mit unerschütterlichem Ausharren zu seinem letzten Zwecke hindurchdringen - zu dem Zwecke, durch nüzliche Geschäftigkeit auf einen beträchtlichen Theil seiner Nebenmenschen auf eine Art zu wirken, wie sie in unsrer Welt und bey unsrer Verfassung möglich ist" .
      Mit etlichen Formulierungen scheinen diese programmatischen Sätze bereits den Bildungsroman zu beschreiben, doch bleibt bei näherem Hinsehen eine Differenz bestehen, die sich aus Wezeis eindeutig bekundeten didaktischen Absichten und aus dem ungebrochenen aufklärerischen Optimismus ergibt, mit dem Herrmanns Geschichte an ihr gutes Ende geführt wird.
      Neben den harmonisch schließenden Entwicklungsgeschichten in den beiden Romanen Schummeis und Wezeis stehen eine ganze Reihe anderer, die mit Dissonanzen enden und die Unmöglichkeit eines geglückten Lebensgangs demonstrieren. Das psychologische Interesse und auch die ideelle Problematik stellen solche Bücher in die Nähe des Bildungsromans, doch fehlt ihnen eben die für die Gattung konstitutive Tendenz zum Ausgleich zwischen Subjekt und Welt. Der Abstand wird bei einem vergleichenden Blick auf den Werther und Wilhelm Meisters Lehrjahre eindeutig klar.
      Friedrich Traugott Hases Gustav Aldermann ist ein Gegenstück zu Wilhelm von Blumenthal und Herrmann und Ulrike. Zwar steigt auch hier der Held in ein hohes Amt auf, aber das ist nicht mehr der Lohn für Tugend und Tüchtigkeit, sondern das Resultat skrupellosen Ehrgeizes und planmäßigen Betruges. Zunächst war Gustav Aldermann voll besten Willens gewesen, doch hatten dann einige enttäuschende Erfahrungen in ihm Bitterkeit und Rachegefühle geweckt, woraus sich der Vorsatz entwickelte, ein Schurke zu werden. Indem der Roman gegen Ende knapp zu verstehen gibt, daß der mächtige Fürstengünstling entlarvt und verhaftet worden ist, stellt er die moralische Ordnung wieder her. Die Vorrede gibt Aldermanns Geschichte als ein psychologischmoralisches Exempel aus, das die Entwicklung bestimmter Charaktere unter bestimmten äußeren Bedingungen demonstrieren soll. Diese Entwicklung besteht in einem Prozeß der Korruption und Verbildung, der aus unbefriedigtem Ehrgeiz einerseits und aus dem desolaten Zustand der Gesellschaft andererseits erklärt wird.
      Die Unmöglichkeit einer Entwicklung des Menschen zu vernünftiger Selbstbestimmung und sinnerfüllter Lebensgestaltung demonstriert Johann Carl Wezeis bizarrer Roman Lebensgeschichte Tobias Knauts . Alle Figuren des Buches, insbesondere der Titelheld, sind als verzerrte und verkümmerte Wesen dargestellt, die zu blinden Opfern äußerer Determinationen werden und denen die Welt keinen Raum zur Entfaltung vernunftbestimmter, freier Tätigkeit läßt. Die körperliche Verunstaltung Knauts wird auf störende Einflüsse zurückgeführt, die ihn bereits im Mutterleib erreichten, und auch später legen die Umstände unentrinnbar fest, was aus ihm werden kann:
'Alle diese Ingredienzen - eine solche Natur, solche Schicksale, solche Beispiele - werfe man in Eines Menschen Leben zusammen; und ich bin gut dafür, daß nichts anders aus diesen Elementen entstehn wird, als so eine stoische Karrikatur, wie Tobias Knaut" .
      Wezeis Knaut bezieht eine grimmige Gegenposition zu dem Eudämonismus der Aufklärung, zu ihrem optimistischen Glauben an die lebensgestaltende Kraft der Vernunft. Eine gelingende Einordnung in die Gesellschaft konnte das Buch daher nicht darstellen.
      Eine ähnlich desillusionierte Haltung hinsichtlich der Möglichkeit der Selbst-findung und der Integration in die soziale Ordnung zeigt sich - bei allerdings enormen Unterschieden des Darstellungsstils und des geistigen Klimas - in Karl Philipp Moritz' autobiographischem Roman Anton Reiser. Der Vorrede zufolge soll der Anton Reiser 'die innere Geschichte des Menschen schildern" und 'die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst [...] heften und ihm sein individuelles Dasein wichtiger machen" . In diesen Absichten zeigt sich ein psychologisches und allgemeines anthropologisches Interesse, das sich der Vorherrschaft religiöser Gesichtspunkte völlig entzogen hat.
      Der Anton Reiser schildert eine mißlingende Entwicklung und versucht, die Gründe für das Unglück seines Helden sichtbar zu machen: Da wird von einem lieblosen Elternhaus erzählt, von einer kränklichen Veranlagung, von der unfreundlichen Schule und einem despotischen Lehrherrn. Eine selbstquälerische Religiosität zerstört alle Unbefangenheit und erzeugt Hypochondrie; der Mangel an Nahrung und Kleidung stellt Reiser täglich vor neue Nöte. Angesichts dieser Bedrängnisse kann er kein stabiles Bewußtsein seines eigenen Wertes ausbilden. Er schwankt zwischen maßloser Selbstüberschätzung und Selbsthaß, und er flüchtet aus der tristen Wirklichkeit in das Reich imaginärer Tröstungen, zum Beispiel in eine rauschhaft erlebte Lektüre.
      Der Roman bricht ab, ohne daß für den Helden ein rettendes Ufer sichtbar geworden wäre. Zwar ist das Buch von einer überlegen analysierenden, über die Verstrickungen Reisers erhobenen Position aus erzählt. Aber dieser Betrach-tungs- und Beurteilungspunkt ist von dem des Helden durch einen Abgrund getrennt, und es ist nicht erkennbar, wie Reiser diesen Abgrund überbrücken sollte.
      Moritz' Anton Reiser schildert, wie ein begabter und sensibler junger Mensch bei dem Versuch scheitert, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden und sich selbst eine bestimmte Identität zu sichern. Man hat das Buch daher mit Recht als einen 'Antibildungsroman" bezeichnet . Allerdings darf die unglückliche Entwicklungsgeschichte Anton Reisers nicht als Beweis für die grundsätzliche Unmöglichkeit gelingender Bildungsprozesse verstanden werden. Vielmehr soll das negative Beispiel eines gefährdeten und scheiternden Lebens gerade die Notwendigkeit spürbar machen, daß der problematische Einzelne zu einer ausgeglichenen und mit der Welt versöhnten Lebensform findet. Zugleich aber zeigt das Buch auf beklemmende Weise, daß alle Ansätze zur Selbstfindung und alle Versuche zu sozialer Integration dann nicht ans Ziel kommen können, wenn sie von einer ungerecht eingerichteten und verständnislosen Umwelt zurückgewiesen und niedergedrückt werden.

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