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Else Lasker-Schüler - WELTENDE



Es ist ein Weinen in der Welt,als ob der liebe Gott gestorben war,und der bleierne Schatten, der niederfällt,lastet grabesschwer.
      Komm, wir wollen uns näher verbergen . . . das Leben liegt in aller Herzen wie in Särgen.
      Du! wir wollen uns tief küssen — es pocht eine Sehnsucht an die Welt, an der wir sterben müssen.


      Jakob van Hoddis WELTENDE
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, in allen Lüften hallt es wie Geschrei. Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei und an den Küsten — lies't man — steigt die Flut.
      Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
     
ELSE LASKER-SCHÃœLER, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld, mit dem Arzt Dr. Lasker und »dann mit dem Expressionisten Herwarth Waiden verheiratet, lebte 'dennoch meist allein, als dichtende Vagantin, zunächst in Berlin, emigrierte 1933 in die Schweiz, 1937 nach Palästina, wo sie am 22. Januar 1945 starb. Das Gedicht erschien in dem Band Der siebente Tag. Gedichte, 1905.
      JAKOB VAN HODDIS, mit dem eigentlichen Namen Hans Davidsohn, geboren am 16. Mai 1887 in Berlin, studierte zunächst Architektur, dann Griechisch und Philosophie, gründete mit Gleichgesinnten den Neuen Club, einen Debattierclub für die junge Schriftstellergeneration, litt seit 1912 an Schizophrenie, kam zu verschiedenen Privatfamilien in Pflege, 1933 dann in eine öffentliche Heilanstalt, aus der er 1942 abtransportiert wurde, um, als Geisterkranker, getötet zu werden.
      Die repräsentativste Lyrikanthologie des deutschen Expressionismus trug den Titel Menschheitsdämmerung. Das Motiv des Weltendes und des jüngsten Tages, das schon bei der ersten Generation der Moderne vorhanden war, machte bei den Expressionisten wie kaum ein anderes die Runde. Diese Dichter lebten in dem Bewußtsein, daß mit ihnen ein Zeitalter sterbe und ein neues anbreche. Solche dichterische Ãœberzeugungen wurden dort zwar nicht aus einer wissenschaftlichen Analyse der historischen Bewegungen gewonnen, doch wurden sie genährt aus der Erkenntnis, daß die zeitgenössische Welt kein sinnvolles Leben gestatte — demnach auch kein Recht und keine Chance, weiter zu bestehen habe — um so leidenschaftlicher durchlebt. Ein solches Thema jedoch führt nicht nur mitten hinein in die Welt des Expressionismus sondern gestattet auch, einige Eigenheiten moderner Lyrik gleichsam in ihrem Wachsen zu betrachten. Der Titel Weltende lenkt in dem Gedicht der Else Lasker-Schüler Blick und Erwartung des Lesers auf etwas Allgemein-Bedeutendes. Damit stimmt die Aussage der ersten Strophe zusammen: das lyrische Ich nennt Geschehnisse oder Dinge, die zu Zeichen und Anzeichen für einen Sein- und Lebenszustand werden. Die Welt ist erfüllt von Weinen; ein schwerer Schatten fällt auf sie. Der Vergleich aus der zweiten Zeile und die Beiwörter wollen zunächst die Intensität des Weinens und des Dunkels bezeichnen. Darüber hinaus aber läßt der Bereich, aus dem Vergleich und Beiwörter gewählt werden, weitere Bedeutungen aufleuchten. Gerade das Göttliche wird in Beziehung zum Tode gesetzt; das anbrechende Dunkel ist die Finsternis des Grabes. Es ist eine düstere, ideallose und untergehende Welt, die das Ich hier erfährt und in ihrem Wesen ausspricht.
      Blickte das lyrische Ich bisher in verallgemeinernder Weise auf die Welt, so spricht es im Mittelteil ein privates Du an. Die Nähe zum Du?die Liebe also, erscheint als Ausflucht vor dem Andrang solch grabdun~ kler Welt, ist Ausweichmöglichkeit vor den enttäuschenden Erfahrungen der ersten Strophe. Jedoch ist auch Liebe nurmehr in einem Verborgenen, in einem Abseits vom allgemeinen Leben möglich, ist also keine eigentliche Rettung sondern bloß ein von vorne herein unter dem Zeichen des Scheiterns stehender vergeblicher Versuch, sich zu bewahren.
      Die Schlußstrophe beleuchtet dann diese Beziehungen zwischen Allgemeinem und Individuellem näher. Auch als Rückzug ist individuelle Liebe nicht mehr möglich, es sei denn in der Form des Liebestodes. Daher erhält das Gedicht seine letzte Rundung: die Bedrohtheit der Liebe ist der Schatten, den das Weltende vorauswirft, ihr Tod ist das Weltende selbst. Persönliche Not wird also letzen Endes mit dem nothaften Weltzustand gleichgesetzt; eins wirkt auf das andere, wirkt sich im andern aus; das Gedient wird zur Klage des suchenden Menschen auf eine Endzeit, in der seine Träume in die Finsternis fallen und die Liebe erliegt.
      Ganz anders ist Haltung und Ausdruck in dem Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis. Das lyrische Ich nimmt an der Sache keinen Anteil, es zieht sich ganz auf die Position des Berichtenden zurück. Es steht den erfahrenen — vielleicht aus der Zeitung entnommenen — Begebenheiten völlig fremd, kühl und unbeteiligt gegenüber. Das drückt sich schon darin aus, daß Wortwahl und Tonfall durchwegs etwas Abschätziges enthalten: von Bürgern mit spitzem Kopf ist die Rede; Dachdecker gehn entzwei; die Meere hupfen an Land; Menschen haben einen Schnupfen. Die groteske Unterkühltheit solcher Rede macht deutlich, daß das lyrische Ich den berichteten Ereignissen völlig fremd und distanziert gegenübersteht, so distanziert, daß es als Sprecher des Gedichtes sich das Gesprochene selbst nicht zusammenzureimen vermag und darum auch gar nicht sonderlich bemüht ist.
      Andererseits haben die berichteten Begebenheiten zunächst auch miteinnander wenig zu tun. Sie stammen aus den verschiedensten Lebensbereichen und werden voneinander isoliert, in einen Vers gleichsam eingekapselt. Fremdheit und Beziehungslosigkeit herrscht gleichermaßen zwischen den einzelnen berichteten Ereignissen wie auch zwischen diesen und dem Sprecher. So auf den ersten Blick. Der exakte Zeilen- und Strophenbau, der durchgängig gleiche Rhythmus und der Reim stellen dagegen im Formalen eine geradezu feste Verbindung zwischen allem Disparaten her. Betrachtet man diese, so erschließen sich Zusammenhänge, die an der Oberfläche zu fehlen scheinen; sie ergeben sich aber vor allem daraus, daß alle berichteten Begebenheiten auf den am Anfang der zweiten Strophe genannten Sturm bezogen werden. Alle scheinbar unverbundenen Geschehnisse enthüllen sich inihrer Tiefe als bedrohliche Zeichen einer stürmischen Zeit und führen in jeder Zeile zu derselben Tiefenerkenntnis: die Ordnung der Welt löst sich auf, eine furchtbare Katastrophe naht. Der Titel — er gibt dem fügungsdos erscheinenden Gedicht die festeste innere Bindung — erklärt diesen Sturm, diese Katastrophe als Weltende.
      Von diesem Standpunkt her lassen sich nun die beiden Gedichte vergleichen. Beide sind noch durchwegs verständlich, dabei steht aber das Gedicht der Else Lasker-Schüler der traditionellen Lyrik viel näher als jenes von Jakob van Hoddis. Seine lyrische Schönheit entsteht auf herkömmliche Weise durch ein bruehiloses Zusammenwirken von Bild, Rhythmus, Klang, Aufbau, Stimmung und Aussage. Und was in diesem Zusammenhang das Wesentlichste ist: es ist noch ganz Erlebnis- und GefüMsdichtung. Das lyrische Ich nimmt am Weltgeschehen unmittelbar teil; es sucht überall noch Beziehungen zum außerindividuellen Sein, und sei es auch nur, um die Enttäuschung subjektiv auszukosten — wie das ein anderes Mal bei Else Lasker-Schüler heißt: Meine Lieder trugen des Sommers Bläue I und kehren düster heim.
      Von einer Verflochtenheit des Subjekts mit dem Objektiven ist bei J. v. Hoddis keine Rede mehr, auch nicht •von einem Gestalten subjektiver Erlebnisse. Das Weltende wird hier mit varietehaftem Zynismus behandelt, das lyrische Ich bleibt von dem Geschehen und von dem Gedicht fern. Es deutet nicht, hält sich in der Weltinterpretatoin an keine gültigen Ordnungen mehr, vertreibt diese Ordnungen auch aus der künstlerischen Gestaltung und stellt konstruktivistisch und willkürlich Harmlos-Komisches und Unheimlich-Erschreckendes auf groteske Weise nebeneinander, um so das Unbegreifliche und Absurde dieser untergehenden Welt ins Formale zu übersetzen. Die Trümmer einer auf diese Weise zerstörten Sinneinheit der Welt werden in einer Sprachform verdeutlicht, die gleichfalls die Zusammenhänge auf ein Minimum reduziert. Wir begegnen hier jenem Zeilenstil, jener Isolation der Sätze, Bilder und Begriffe, die sich nicht mehr logisch fortsetzen, noch aufeinander beziehen läßt, einer wertungsfreien Reihung, die dann später und in extremen Fällen zu dem schwer verständlichen Gedicht führt, das wie ein zusammengeschüttetes Bildmosaik wirkt.
     

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Else  Lasker-Schüler  -  WELTENDE    





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