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Ein kurzes Wort zu Edgar Allan Poes Philosophie der Komposition



Werfen wir einen Blick auf Poes Schilderung der Entstehung seines berühmtesten Gedichts, The Raven. Es handelt von einem Raben, der sprechen kann, wenn auch nur ein einziges Wort: »nevermore«, und besteht aus 18 Strophen, die eine Geschichte erzählen, die in der letzten Strophe ihre Pointe hat. Poe selbst referiert diese Geschichte folgendermaßen:

Ein Rabe hat mechanisch ein Wort plappern gelernt, entfliegt seinem Gewahrsam und wird um Mitternacht infolge eines heftigen Unwetters dazu getrieben, Einlaß bei einem Fenster zu fordern, aus dem noch Lichtschein fällt. Es ist das Zimmerfenster eines Gelehrten, der, halb über einem Buche brütend, halb in Träume um die verstorbene Geliebte versunken, dasitzt. Auf das Flattern der Vogelschwingen hin wird der Fensterflügel geöffnet, der Vogel fliegt zu einem geeigneten Ruheplatz, der außerhalb der Reichweite des Mannes liegt. Dieser ist über das Vorkommnis und das seltsame Gebaren des Besuchers belustigt und fragt ihn im Scherz und ohne eine Antwort zu erwarten nach seinem Namen. Der Rabe antwortet mit dem ihm eingelernten Wort - einem Wort, das in dem trauervollen Herzen des Liebenden sogleich Widerhall findet. Er spricht laut einige Gedanken aus, die sich aus diesem Anlass in ihm bilden, und wundert sich, den Vogel sein immer wieder passendes Wort wiederholen zu hören. Nun erkennt der Liebende zwar, wie die Dinge liegen, er wird aber, wie ich oben schilderte, durch jene menschliche Sucht nach Selbstpeinigung und zum Teil auch durch einen gewissen Aberglauben gezwungen, solche Fragen an den Vogel zu stellen, auf die ihm die vorauszusehen -de verneinende Antwort ein Ãobermaß von Schmerz verursachen muss. Will man von dem Gipfelpunkt der Selbstpeinigung absehen, so hat die Erzählung, was die Handlung als solche anlangt, durchaus natürlichen Gang, und bis hierher fand nirgends ein Ãoberschreiten der Grenzen der Wirklichkeit statt.
Poe liefert uns hier den buchstäblichen Sinn seines Gedichts, den Literalsinn. Dieser aber ist gerade nicht das Erste, auf das er gekommen ist, nicht das Erste, was er niederschrieb. Dieser buchstäbliche Sinn ist mit seiner psychologischen Zuspitzung die Folge einer Absicht, die zunächst eine unbestimmte Bestimmtheit war , sich dann thematisch und technisch konkretisierte und von der Prämisse getragen wurde, der Text müsse kurz genug sein, um in einem Zuge durchgelesen werden zu können. Die causa finalis - Poe spricht von der »Einheit der Wirkung« - ist hier inhaltlich und formal bestimmt. Wirkung kalkulierend wird zentral über die Thematisierung von Zeit und Raum nachgedacht. Aufweiche Weise sollten der trauernde Liebhaber und der Rabe zusammengebracht werden? An welchem Schauplatz? In einem Wald oder auf einem Feld, das schien nahe zu liegen. Für ein isoliertes Ereignis allerdings würde ein eng begrenzter Raum den besten Rahmen liefern, ein Raum, der mit »moralischer Kraft«, so Poe wörtlich, die Aufmerksamkeit zentriert, nicht zu verwechseln mit bloßer Einheit des Ortes. So wurde der trauernde Liebhaber in seinem Zimmer platziert, einem Zimmer, das ihm durch die Erinnerung an die Person, die ihn darin so oft besucht hatte, heilig war. Mit diesen Setzungen werden Zeit und Raum als erlebte Zeit und erlebter Raum ins Spiel gebracht.
      Der Refrain, in den jede der 18 Strophen mündet und der seine Pointe in dem Wort »nevermore« hat, das kurz und klangvoll Pathos und Melancholie zum Ausdruck bringt, sollte in immer wieder anderer Sinnkonstellation erscheinen und darin Identität und Differenz belegen. Bezüglich der gewählten Verstechnik unterscheidet Poe zwischen genutzter Konvention und gezielter Innovation bei der Art, wie die Zeilen zur Strophe kombiniert werden und die Prinzipien von Reim und Alliteration erweiterte Anwendung finden. Nichts bleibt unbedacht. Ja, Poe legt Wert auf die Feststellung, er habe niemals auch nur die geringste Schwierigkeit gehabt, sich an seine Vorgehensweise in allen Einzelheiten zu erinnern, die er mit einem beliebigen seiner Werke praktiziert habe.
      Was Poe beschreibt, ist nichts anderes als die Selbstverwirklichung eines literarischen Gebildes, die er, der Autor, nur auf den Weg bringt: als Medium.

     
Allerdings betreffen seine Ãoberlegungen nur die gedankliche und technische Konstruktion: ihre Ausführung untersteht der Genialität, über die die rationalen Erwägungen des Autors nicht verfügen. Mit der Festlegung des Raben als sprechendem Vogel und der Melancholie als ausgelöst vom Tod der Geliebten des erlebenden Ich war die causa finalis gegeben, zu der die causa efficiens zu liefern war, wie sie der Literalsinn dann präsentiert.
      Poes Umsetzung seiner Absicht aus der unbestimmten Bestimmtheit in die feste Bestimmtheit sieht folgendermaßen aus: Da sich eine Person, die immer ein und dasselbe Wort wiederholt, realistisch schlecht motivieren ließ, wird ein »mit Sprache begabtes Wesen ohne Vernunft« gewählt: der Rabe.
      Naturgemäß dachte ich zuerst an einen Papagei, dann aber verfiel ich auf den Raben als ein gleichermaßen mit Sprachmöglichkeit begabtes Tier, das sich bei weitem besser in die beabsichtigte Stimmung einfügen ließ.
      Ich war nun so weit: Ein Rabe, ein Vogel schlimmer Vorbedeutung, wiederholt in einem Gedicht, das melancholische Stimmung und eine Länge von ungefähr hundert Verszeilen besitzt, am Schluss jeder Strophe in monotonem Tonfall das einzelne Wort nevermore. Ich behielt ständig mein Ziel vor Augen, höchste Vollkommenheit zu erreichen, und stellte mir nun die Frage: »Was löst nach allgemeinem Empfinden tiefste Melancholie aus?« Die Antwort lautete: der Tod. »Und wo«, fuhr ich zu fragen fort, »wo ist jene tiefste Melancholie dichterisch am tiefsten zu fassen?« Nach dem, was ich oben ziemlich ausführlich auseinandersetzte, liegt die Antwort klar auf der Hand: »Wo sie sich am engsten mit Schönheit vereinigt. Demnach ist der Tod einer schönen Frau der Gipfelpunkt aller Poesie, und am berufensten, dieses erhabene Thema zu erörtern, sind fraglos die Lippen des vereinsamten Liebenden«.
Poes Philosophie der Komposition ist ein Musterbeispiel für das, was unter der poetologischen Rekonstruktion eines literarischen Textes zu verstehen ist. Poe hat sein Gedicht am Ende begonnen, mit der letzten Strophe - und das, nachdem ihm seine Absicht zur festen Bestimmtheit geworden war: zur causa finalis, der dann nach allen Regeln der Kunst die causa efficiens vorgeschaltet wurde: als innerfiktionale Wirklichkeit. Erst mit der letzten Strophe, so hebt Poe hervor, werde der Rabe für den Leser zur Metapher. Und erst in den letzten Zeilen der letzten Strophe zeige sich unzweideutig, dass im Raben das Symbol der »trauernden und nimmer endenden Erinnerung« zu sehen sei. Der Rabe, der im Zimmer des Gelehrten die Büste der Pallas Athene als

Thron bezogen hat, wirft einen Schatten auf den Fußboden. Das Fazit des erlebenden Ich liefern die zwei letzten Zeilen:
And my soul from out that shadow that lies floating on the floor
Shall be lifted - nevermore!
Poe durchläuft auf geradezu selbstverständliche Weise den vierfachen Schriftsinn. Die Trauer des Gedichts verriegelt sich gegen die Zukunft, gründet in der unabschaffbaren Melancholie der impliziten anthropologischen Prämisse, so dass der Leser sich in die fundamentalste Selbstbesinnung getrieben fühlt, um solcher Totalität nicht zu verfallen. Aus der Todesbesessenheit erlöst schließlich nur die Schönheit des Gedichts als Kunstwerk, was von Poe gleich zu Anfang seiner Philosophie der Komposition vermerkt wird.
      Innerhalb seiner Zunft hat Poe allerdings mit solcher Selbstdarstellung der künstlerischen Intelligenz kaum eine Nachfolge gefunden. Ãober die Gründe dafür hat er selber meditiert:
Ich habe oft darüber nachgedacht, welch interessanten Zeitschriftenartikel jeder Schriftsteller schreiben könnte, wenn er Schritt für Schritt darlegen wollte, das heißt könnte, wie irgendeine seiner Schöpfungen sich bis zum Schlußpunkt ihrer Vollständigkeit entwickelt hat. Warum ein derartiger Artikel der Welt nie übergeben wurde, weiß ich wirklich nicht, aber wahrscheinlich trägt die Eitelkeit des Schriftstellers mehr als jede andere Ursache Schuld an der Unterlassung. Die meisten Schriftsteller - vor allem Dichter - möchten den Glauben bestehen lassen, sie schaffen in einer Art von höherem Wahnsinn, im Zustand ekstatischer Eingebung, und lehnen es darum grundsätzlich ab, ihre Leser einen Blick hinter die Kulissen werfen zu lassen [...].
Was Poe hier sagt, darf zweifellos als die schlagendste Apologie einer Literaturwissenschaft im strengen Sinne angesehen werden: einer Literaturwissenschaft, die sich dem Denken der poetologischen Differenz verschreibt. Erst im Licht der causa finalis zeigt sich die Funktion der Kunstgriffe, zeigt sich die Beherrschung des Handwerklichen als Beherrschung der Mittel für einen Zweck . Poe vermerkt programmatisch mit Bezug auf The Raven:
Es ist meine Absicht, vor Augen zu führen, dass an der ganzen Komposition nichts auf Zufall oder Eingebung zurückzuführen ist, dassvielmehr das Werk Schritt für Schritt mit der Präzision und unbeirrbaren Konsequenz einer mathematischen Problemlösung seiner Vollendung entgegengegangen ist.
Es mag scheinen, als würde sich Poe mit solchem Argument, das eine dezi-dierte Abkehr von aller »ekstatischer Eingebung« vornimmt, von der Genieästhetik abgrenzen, wie sie mit dem Namen Kants verknüpft ist.
      Hier muss jedoch in aller Schärfe in Erinnerung gebracht werden, dass Kants so genannte Genieästhetik niemals das >Schulgerechte< als Grundlage aller Kunst geleugnet hat. Zwar betont Kant in der Kritik der Urteilskraft, dass »die schöne Kunst [...] nur als Produkt des Genies möglich« sei und das Genie nach Regeln verfahre, die es selber nicht angeben könne. Davon unberührt bleibe jedoch, dass es »doch keine schöne Kunst« gebe,in welcher nicht etwas Mechanisches, welches nach Regeln gefaßt und befolgt werden kann, und also etwas Schulgerechtes die wesentliche Bedingung der Kunst ausmache. Denn etwas muss dabei als Zweck gedacht werden, sonst kann man ihr Produkt gar keiner Kunst zuschreiben; es wäre ein bloßes Produkt des Zufalls. Um aber einen Zweck ins Werk zu richten, dazu werden bestimmte Regeln erfordert, von denen man sich nicht freisprechen darf.
Genau dies, was Kant hier abstrakt sagt, führt uns Poe an einem Beispiel vor: Er sagt, was an The Raven als Zweck zu denken ist, damit klar wird, dass kein Produkt des Zufalls vorliegt. Ins Grundsätzliche gewendet: Poe redet über das, worüber sich reden lässt, über das Schulgerechte als das Handwerkliche. Seine Genialität bleibt davon unberührt, sie steckt in seiner Fähigkeit, zur Veranschaulichung seines Gegenstandes eine solche Mannigfaltigkeit von Teilvorstellungen einzubringen, dass wir, die Leser, animiert werden, »zu einem Begriffe viel Unnennbares hinzuzudenken« . Das freie Spiel der Erkenntniskräfte in uns auszulösen, macht das gelungene Kunstwerk aus. Ãober dieses Spiel von Einbildungskraft und Verstand aber lässt sich nicht reden. Es kann nicht wissenschaftlich begründet werden und hat das reine Geschmacksurteil zum Resultat. Die Philosophie der Komposition aber beschränkt sich auf das, was sich lernen, lehren und demonstrieren lässt: das handwerkliche Können.
     

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