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Eduard Schullerus - ASTERN



Liebst du die amethystenen Sterne, Mädchen, Die von verdorrten, sommermüden Hängen Durch all das herbstzeitstille große Welken Als späte Boten frohen Lebens leuchten?

Du kennst sie nicht? — Wohlan, so wandern wir
Nach unseren Bergen, wo der Sonnenschein,

Der herbstlich blasse, seine Kinder wärmt.
      Aus jeder lacht dir eine kleine Sonne


Als Widerglanz des großen Lichts,
Zu dem in frommer Dankbarkeit sie blicken,

Weil es so Spätgeborene noch liebt.
      Neig mir dein Haupt. Ich will die Blumenzier, Die schönste von den ausgeblühten Gründen, Dir um die frühlingheitere Stirne winden. Hier ist zu sterben leichter, als bei Nacht Vom rauhen Reif im Schlaf erstickt zu werden.
      Eduard Schullerus wurde 1877 in Kronstadt geboren. Hier besuchte er die Honterus-schule. 1896—1900 studierte er die Rechte zunächst in Klausenburg und dann an mehreren Universitäten Deutschlands. 1902 wurde er Magistratsbeamter in seiner Vaterstadt, später Polizeikommissär und Stadtarchivar.
      Seit 1907 war Eduard Schullerus Mitarbeiter der Karpathen, wo mehrere seiner Gedichte erschienen. Der Zeitschrift blieb er bis zu seinem Tode, 1914, treu. Das Gedicht Astern, es ist die erste Fassung, 1902 entstanden, ist dem Band Astern. Gesammelte Dichtungen von Eduard Schullerus, herausgegeben von Adolf Meschen-dörfer, Verlag W. Krafft, Hermannstadt, 1926, entnommen.

     
Astern von Eduard Schullerus scheint schon vom Titel her als Naturgedicht konzipiert zu sein, einer Gattung, die in der Lyrik der Jahrhundertwende allgemein sehr gepflegt wurde.
      Vom Kleinen, Partiellen ausgehend, sollen Eindrücke stimmungsgemäß nachgestaltet werden. Der Leser aber muß das bewußt noch ungesagt Gebliebene, das Ausgesparte selbst assozieren.
      Das Gedicht beginnt mit einer Frage an ein bekanntes Du: Liebst du die amethystenen Sterne, Mädchen.. . Der Satz könnte auch hier enden, die Spannung will sich am Ende lösen, doch wird der Attributsatz beigefügt: die von verdorrten, sommermüden Hängen ... Das Prädikat dieses Nebensatzes steht am Ende, erst dort wird dann die Spannung des Fragesatzes gelöst. Die Struktur des Attributsatzes wird ihrerseits durch einen Einschub gestaut und die Sprache an ihrem regelmäßigen Fluß gehindert.
      Die Fragestellung der ersten Strophe setzt den Gegenstand, von dem gesprochen werden soll, als bekannt voraus. Es wird nur nach der Verhaltensweise des Du in bezug darauf gefragt. Und trotzdem wird das Bekannte, die Astern, innerhalb der Frage beschrieben. Zuerst werden sie metaphorisiert als amethystene Sterne . Damit wird auf etwas Standhaftes, Bleibendes hingewiesen. Es ist ein helles und blasses Bild, das auf Vergänglichkeit hindeutet. Auch die Häufung der Vokale in dieser ersten Zeile erzeugt den Eindruck des Hellen. In der zweiten Zeile hingegen läßt sich eine Häufung von Konsonanten und Doppelkonsonanten feststellen; hier wird der hellen Welt ein Gegenbild aufgestellt. Dieses Bild wird kennzeichnet durch Öde und Müdigkeit. Somit wird die lyrische Situation abgerundet, da der Standort der Astern bestimmt wird. Die beiden Attribute verdorrt und sommermüde bereiten die Ausweitung vor, die die nächste Zeile unternimmt, in der alles generellen Werterhält.
      Es ist ein großes, aber dennoch herbstzeitstilles Welken. Die Gegenüberstellung erreicht ihren Höhepunkt in den beiden Gegenpolen späte Boten und frohen Lebens. Der Hauptakzent des Satzes fällt dabei auf das Prädikat . Noch herrscht das Licht, noch hat das Leben seine Berechtigung, aber es leuchten nunmehr späte Boten, die letzten also, in einem unabdingbaren Prozeß des Vergehens. Und so werden hier Leben und Tod nur scheinbar als Antagonismus hingestellt, denn das Gesetz der Vergänglichkeit umfaßt beide Bereiche. Es ist das typische Lebensgefühl einer Endzeit, zu der sich Schullerus bekennt.
      Am Anfang des Gedichtes stand das lyrische Du im Mittelpunkt; nach seinem Verhalten wurde gefragt. Nun scheinbar tritt es zurück zu-gunsten der Gegenstandsbeschreibung. Die nächste Strophe setzt wieder mit einer Frage ein: Du kennst sie nicht? Sie drückt Verwunderung aus und ist zugleich Antwort auf ein unausgesprochenes Nein. Aus dieser latenten Kommunikation von Ich und Du ist die Aufforderung Wohlan, so wandern wir... verständlich. Durch die stabreimende, rhythmisch gestraffte Halbzeile ist der Umschlag von der Beschreibung zu einem lyrischen Vorgang gewährleistet. Während in der ersten Strophe die natürliche Umwelt nur ganz allgemein beschrieben wurde, erhält sie diesmal Attribute der Vertrautheit. Es wird ein familiäres Verhältnis zu der Natur angedeutet , ein darin Beheimatet- und Eingebettetsein. Und wieder wird die Satzstruktur durch das Einschieben von Attributen unterbrochen. Und auch diesmal entsteht die scheinbare Gegenüberstellung einer zwar herbstlich blassen, aber dennoch wärmespendenden Welt und der Dunkelheit, dem Tode, die irgendwo im Hintergrund lauern. Das Licht gelangt in den nächsten Zeilen noch einmal zur vollen Entfaltung in Wörtern wie: Sonne, Widerglanz, lachen, fromme Dankbarkeit, lieben. Kreatur und Schöpfer stehen in einem stillen und frohen Einvernehmen. Alles Geschaffene ist ein Widerglanz des frohen Lichts, ein farbiger Abglanz, könnte man mit Goethe sagen. Das große Licht liebt auch noch so Spätgeborene; auch eine Endzeit, wie die Jahrhundertwende, besitzt also Anspruch auf Geborgenheit.
      In der letzten Strophe wird wieder das Du angesprochen, diesmal jedoch nicht fragend, sondern bittend, fast fordernd. Hier am Ende des Gedichtes wird die Beziehung zwischen lyrischem Ich und lyrischem Du erhellt. Worte wie Ich will die Blumenzier, / die schönste von den ausgeblühten Gründen, I dir um die frühlingheitere Stirne winden weisen auf ein eindeutiges Liebesverhältnis. Die Verbindung von ausgeblühten Gründen der Astern und der frühlingheiteren Stirn der Geliebten deutet auf das enge Verknüpftsein des Fröhlich-Heiteren mit dem Düsteren, dem Tode Geweihten. Somit wird auch der lyrische Gegenstand hier am Ende des Gedichtes mit der Empfindungswelt von Ich und Du verknüpft.
      Die letzten beiden Verszeilen könnten, als lyrisches Urteil, auch allein stehen. Das Wörtchen hier stellt die Verbindung zu dem Gedichtganzen her- Wenn vorher nur von Verdorren und Welken die Rede war, so fällt hier erst das Wort Sterben. Dem Tode kann der Dichter nichts entgegenhalten, er kann nur in Schönheit vereint mit der Geliebten sich das Sterben leichter machen. Denn es gibt auch ein Sterben bei Nacht und vom rauhen Reif im Schlaf erstickt. Die starre Kälte und beängstigende Dunkelheit kann also dennoch überwunden werden: Liebe und schöner Tod sind zwei Möglichkeiten, dies zu erreichen. Sie sind Zufluchtsort, letzter Sinn im Sinnlosen der Vergänglichkeit.

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