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Dürrenmatts Verdacht: Bärlachs Gedankenspiel



Das soeben kenntlich gemachte Verfahren Puschkins, die objektive Realität der Fiktion so anzulegen, dass sie die Struktur eines Gedankenspiels der Hauptgestalt hat, findet sich auch in Dürrenmatts Der Verdacht, einem Text aus dem Jahre 1951.
      Der Verdacht ist ein Kriminalroman. Seine Hauptperson ist der >Kommis-sär< Bärlach; wir befinden uns in der Schweiz, in Bern, wo Bärlach im Krankenhaus liegt und soeben, es ist der 27. Dezember 1948, eine schwere Operation hinter sich hat: Sein Ruhestand steht zum 1. Januar bevor. Er liest im Bett in alten Journalen, sieht sich eine Nummer der amerikanischen Zeitschrift Life aus dem Jahre 1945 an. Ein Bild darin erregt seine besondere Aufmerksamkeit: es zeigt den Lagerarzt Nehle im Konzentrationslager Stutt-hof während einer Operation, die er an einem Häftling ohne Narkose durchführt. Dieses Foto ist das Leitmotiv des Romans, denn Hungertobel, der Arzt, der Bärlach behandelt, meint in dem fotografierten Kollegen den heute in Zürich praktizierenden Emmenberger, Leiter der Klinik »Sonnenstein« auf dem Zürichberg, wiederzuerkennen. Doch lässt Hungertobel seinen Verdacht fallen, weil Emmenberger von 1932 bis 1945 in Chile gewesen ist. Bärlach allerdings lässt den Verdacht nicht fallen. Er lässt sich in die Klinik Em-menbergers einliefern, um diesen zu entlarven.
      Ich behaupte nun: Alles, was Bärlach erlebt, um seinen Verdacht zu erhärten, ist als eine Phantasie im Krankenbett zu lesen. Nur die ersten vier Kapitel der insgesamt 13 Kapitel des Romans schildern die objektive Realität. Mit dem vierten Kapitel, das die Ãoberschrift Gulliver trägt, setzt Bärlachs Gedankenspiel ein, obwohl Dürrenmatt in der dritten Person weitererzählt. Wenn somit die Nahtstelle zwischen der objektiven Realität und der Realität des Gedankenspiels, äußerlich gesehen, unkenntlich bleibt, so hat doch all das, was nun bis einschließlich des letzten Satzes des Romans geschieht, ein regelrecht phantastisches Kolorit. Sobald wir dieses Kolorit wahrnehmen und als Symptom erfassen, eröffnet sich uns die poetologische Differenz und wir werden als Leser Zeugen eines Schauspiels eigener Art: Wir sehen einem Realität setzenden Bewusstsein bei der Arbeit zu: dem Bewusstsein des Kommissärs Bärlach nämlich, das der Autor Dürrenmatt für sich arbeiten lässt oder, anders ausgedrückt, in dessen Namen der Autor Dürrenmatt die objektive Realität seiner Dichtung gestaltet. So treten etwa nach Kapitel 4 ein Riese und ein Zwerg auf, weil Bärlach in seinem Bett an Gullivers Reisen denkt. Es heißt sogar im Text ausdrücklich, Gullivers Reisen sei das »Buch mit Zwergen und Riesen« . Die Initialzündung für die nächtliche Phantasie Bärlachs aber liefert das Foto Nehles in der Zeitschrift Life. An dieses Foto knüpft sich all das, was Bärlach sich in der Einsamkeit seines Krankenbetts ausmalt: als verifizierter Verdacht. Das Resultat sind Nachtgedanken zu einem Horrendum des allgemeinen Weltzustandes im Jahre 1948, Nachtgedanken, die sich zum Albtraum verdichten: der KZ-Arzt unter neuem Namen unerkannt als Klinikchef auf dem Zürichberg.
      Wenn hier Dürrenmatts Verdacht dem Schneesturm Puschkins an die Seite gestellt wurde, so sollte damit verdeutlicht werden, dass sich die Strukturierung der objektiven Realität der Dichtung in Analogie zum Tagtraum nicht auf die Romantik beschränkt, ja vielleicht sogar überhaupt nichts Epochenspezifisches ist, sondern in der Dichtung aller Zeiten und Völker auftritt.
     

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