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Dilthey



Es war Wilhelm Dilthey, der den Begriff des Bildungsromans mit breiter Wirkung in Umlauf gebracht hat. Schon 1870 in seinem Leben Schleiermachers verwendet er für die Romane, 'welche die Schule des Wilhelm Meister ausmachen", den Terminus ,Bildungsroman'. Grund für die Wahl dieser Bezeichnung war ihm, daß er in Goethes Buch 'menschliche Ausbildung in verschiedenen Stufen, Gestalten, Lebensepochen" dargestellt fand . Wichtig schien ihm ferner, daß der Wilhelm Meister die Welt in einer gewissen Idealisierung vorführte, indem er den 'den spröden Stoff des Lebens" aussparte und einen bewußten künstlerischen Formwillen erkennbar werden ließ: 'Und über die dargestellten Gestalten erhebt das Auge sich zu dem Darstellenden, denn viel tiefer noch, als irgend ein einzelner Gegenstand, wirkt diese künstlerische Form des Lebens und der Welt" .
      Im Hölderlin-Kapitel seines 1906 erschienenen Buches Das Erlebnis und die Dichtung beschreibt Dilthey das Thema des Bildungsromans als die Geschichte eines jungen Mannes, 'wie er in glücklicher Dämmerung in das Leben eintritt, nach verwandten Seelen sucht, der Freundschaft begegnet und der Liebe, wie er nun aber mit den harten Realitäten der Welt in Kampf gerät und so unter mannigfachen Lebenserfahrungen heranreift, sich selbst findet und seiner Aufgabe in der Welt gewiß wird" .
      Dilthey bemüht sich in seinen knappen Bemerkungen zu diesem Romantypus, dessen sozial- und geistesgeschichtliche Entstehungsvoraussetzungen anzudeuten. Den Hintergrund der Bildungsromane erkennt er in dem 'Individualismus einer Kultur , die auf die Interessensphäre des Privatlebens eingeschränkt ist" . Die Schriftsteller standen in jener Epoche der Welt des Staates und der Politik fremd gegenüber und erlaubten sich - wie vor allem an den Büchern Jean Pauls abzulesen - 'eine unendliche Verschwendung des Gefühls an eine eingeschränkte Existenz" . Als geistesgeschichtliche Einflüsse auf die Bildungsromane der Goethezeit nennt Dilthey die auf Leibniz fußende Psychologie der Entwicklung, das von Rousseau inspirierte Programm einer naturgemäßen Erziehung und schließlich das von Lessing und Herder propagierte Humanitätsideal . Als entscheidendes Charakteristikum dieser Romane hebt Dilthey den 'Optimismus der persönlichen Entwicklung" hervor, der alle Krisen und Dissonanzen nur als Vorbereitung einer harmonischen Lösung begreifen kann .
      Man mag zweifeln, ob Dilthey nicht über manche Vorbehalte und Brüche, aber auch über manche politisch-sozialen Implikationen der von ihm besprochenen Bildungsromane hinweggeht, wenn er den optimistischen Glauben an das Erreichen des Bildungsziels und den privaten, 'eingeschränkten" Charakter der erzählten Lebensläufe betont. Aber man wird kaum bestreiten wollen, daß er eine Reihe fruchtbarer Hinweise zu den Entstehungsbedingungen der Gattung und zu ihren bestimmenden Charakteristika gegeben hat. Bemerkenswert ist, daß er den Bildungsroman ganz entschieden als ein historisches Phänomen, als eine nur aus der Konstellation der Goethezeit verständliche literarische Gattung hinstellt: 'Wer heute die Flegeljahre oder den Titan Jean Pauls liest, in denen die ganze Summe des damaligen deutschen Bildungsromans zusammengefaßt ist, dem kommt aus diesen alten Blättern der Hauch einer vergangenen Welt entgegen" . Ob nicht das zentrale Problem der Bildungsgeschichten auch in späteren Epochen noch aktuell war und wie es dort möglicherweise gestaltet werden konnte, diese Frage erörtert Dilthey nicht.
      Diltheys Formulierungen fanden große Resonanz, weil sich mit ihnen ein offenbar noch nicht griffig bezeichneter Zusammenhang in der deutschen Literaturgeschichte plausibel erfassen ließ. Vor allem in der Goethe-Literatur wurde der Begriff ,Bildungsroman' bald selbstverständlich und unentbehrlich. Max Wundt benutzte ihn in seinem Buch über Goethes Wilhelm Meister und die Entwicklung des modernen Lebensideals ebenso wie Friedrich Gundolf in seiner monumentalen Goethe-Monographie . Auch für die Schriftsteller selbst wurde der Gattungsbegriff bald zu einer unproblematischen und gern verwendeten Kategorie. Bei Hermann Hesse findet er sich schon 1911 , und Thomas Mann bemerkt 1916 in einem Kommentar zu seinem Felix Krull: 'Es gibt unterdessen eine Spielart des Romans, die allerdings deutsch, typisch-deutsch, legitim-national ist, und dies ist eben der autobiographisch erfüllte Bildungs- und Entwicklungsroman" .
     

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