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Die Wahrheit der Dichtung und die Richtigkeit der Darstellung



Zum Schluss sei noch ein aufschlussreiches Diktum Maupassants eingebracht. Er stellt im Vorwort zu seinem Roman Pierre et Jean fest:
Die Wahrheit darzustellen heißt also nichts anderes, als die vollständige Illusion der Wahrheit zu liefern [...]. Ich schließe daraus, dass sich die talentierten Realisten viel eher Illusionisten nennen sollten .

Das heißt mit anderen Worten, dass die Wahrheit der Dichtung mit einem Realismus der Darstellung gar nichts zu tun hat. Es kommt vielmehr auf das bereitwillige Ausschalten des Misstrauens aufseiten des Lesers an, auf eine »willing Suspension of disbelief«, wie es der englische Romantiker Samuel Taylor Coleridge formuliert hat .
      Als paradoxer Sonderfall solcher »Suspension of disbelief« ist die Science Fiction anzusehen, denn, separat genommen, ist Science per definitionem nicht Fiction und Fiction nicht Science. Von Anfang an sah diese literarische Gattung, die in Edgar Allan Poe, Jules Verne und H. G. Wells ihre ersten Klassiker hat, aber noch älter ist, ihren Ehrgeiz darin, wissenschaftlich exakt zu beginnen und dann plötzlich detailbesessen ins Imaginäre abzuheben. Science Fiction ist simulierte Wissenschaft und erweist sich bei näherem Hinsehen gerade nicht als extremer Sonderfall des Realismus, sondern als dessen Musterbeispiel, was die Ontologie der Kunst betrifft. Denn: Es gehört zum Wesen der Kunst, mit der Wirklichkeit so umzuspringen, wie es ihr passt -nach Maßgabe der ihr eigenen, dem Genie von der Natur gegebenen »Regeln«, mit Kant gesprochen . Realismus ist immer Herablassung zum Zwecke der »Transfigura-tion« der Realität. In hermeneutischer Hinsicht bedeutet dies, dass sich jedes Kunstwerk gegen Fragen immunisiert, die nicht an es gestellt werden dürfen.
      Anders gesagt: Mit dem Realismus kommt die Kunst gerade nicht zu sich selbst, sondern lässt an einer Sonderform deutlich werden, was sie niemals sein kann: pure Wiederholung der Wirklichkeit. Die Welt einer Dichtung gewinnt nicht in dem Maße an Ãoberzeugungskraft, wie sie der empirischen Realität nahe kommt. Vielmehr sorgt große Dichtung dafür, dass der Leser in die Prämissen ihrer innerfiktionalen Wahrscheinlichkeit, so möchte ich sagen, >eingespurt< wird. Solche Einspurung geschieht automatisch. Konfrontiert mit einer Dichtung registriert unser Wirklichkeitssinn deren Welt als eine fiktional realisierte Möglichkeit, Erfahrung zu organisieren. Die Ãoberzeugungskraft solcher Möglichkeit hängt nicht von ihrer Nähe zur alltäglichen Empirie ab. Jede dichterische Welt legt für sich fest, was gilt, und ist damit Resultat eines wirklichkeitsbestimmenden Konsensus zwischen Autor und Leser. Mit solchem Konsensus wird die Immunisierung des Kunstwerks gegen Fragen vollzogen, die nicht an es gestellt werden dürfen. Der Vollzug dieses Konsensus aufseiten des Lesers ist die >Einspurung

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Die  Wahrheit  der  Dichtung  Richtigkeit  der  Darstellung    





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