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Die Veranschaulichungen des Schmerzes und deren Geltungsbereiche



Wunde und Schmerz sind paradox als höchst lebendige Privation des Lebens. Sie zeigen uns gefährdetes Leben, das sich gegen seine Gefährdung wehrt.
      Als Zwischenbilanz ist an dieser Stelle festzuhalten: Schmerz als literarisches Thema kann als körperliche oder seelische Wunde veranschaulicht werden oder als körperliche oder seelische Schmerzensäußerung. Aus diesen vier grundsätzlichen Möglichkeiten der Veranschaulichung von Schmerz ergeben sich vielfältige Kombinationsmöglichkeiten.


      Das umfangreichste Gebiet ist zweifellos das Gebiet der seelischen Schmer -zensäußerungen. So kann ein ganzer Lebenslauf von einem bestimmten Zeitpunkt an Reaktion auf eine empfangene körperliche oder seelische Wunde sein. Die byronschen Helden etwa leiden an einer »verborgenen Wunde« , auf die sie mit ihrem Denken, Fühlen und Handeln obsessiv reagieren. Wir betreten mit dieser Ãoberlegung die literarhistorische Region des so genannten »Weltschmerzes« in den europäischen Literaturen , an deren Beginn Goethes Die Leiden des jungen Werthers steht, worin Leben und Sterben der Titelgestalt von einer seelischen
Wunde bestimmt sind und somit zu Ã"ußerungen des Schmerzes werden. Lilian R. Fürst hat in einem Artikel zum romantischen Helden zustimmend darauf hingewiesen, dass William Rose den Terminus Ichschmerz geprägt habe und ihn an Stelle von Weltschmerz verwendet.
      Oft ist es so, dass die seelische Wunde von demjenigen, der sie empfangen hat, verborgen, ja regelrecht tabuisiert wird. Aus diesem psychologischen Sachverhalt ergeben sich für den Autor die verschiedensten Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen, indem dem Leser das Motiv für das Verhalten einer Gestalt zunächst vorenthalten wird. So etwa ist Dostojewskij immer wieder vorgegangen . Man denke an die seelische Wunde Nastasja Filippownas im Roman Der Idiot. Sie wurde als Minderjährige von dem zynischen Lebemann Afanasij Totzkij verführt und ihr gesamtes Verhalten ist eine Reaktion auf diese Kränkung, deren Ausmaß ihr erst später, als sie ihr volles Bewusstsein erwirbt, klar wird. Es wird im Text der Begriff »Harakiri« auf sie angewandt. Sie verarbeitet ihren Schmerz durch wiederholte Selbstverletzungen.
      So animiert die Darstellung seelischer Schmerzensäußerungen zu erzähltechnischer bzw. darstellungstechnischer Virtuosität, denn die Sache selbst hat hier ihre Eigenart darin, dass sie das Motiv für den Schmerz, nämlich die im doppelten Sinne »peinliche« Verletzung, zu verbergen sucht. Im Enthüllungsdrama eines Ibsen geht es immer wieder um Aufdeckung von seelischen Verletzungen: Dasselbe gilt für Tennessee Williams' Endstation Sehnsucht oder Plötzlich letzten Sommer .
      Eine völlig andere Darstellung von Schmerz, nämlich eine Darstellung bei offener Blende tritt uns in der Leidensgeschichte Christi, berichtet von den Evangelisten, entgegen. Hier haben wir alle Geltungsbereiche beieinander, die für die Darstellung von Wunde und Schmerz konstitutiv sein können: das Physische , das Psychische , das Soziale und das Geistige .
     

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