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Die siebenbürgisch-sächsische Literatur im sozial-politischen und kulturellen Gefüge der Jahre I849-I890



Nachdem die Revolution von 1848/49 niedergeschlagen worden war, wurde das absolutistische Regime instauriert, das bis Anfang des Jahres 1860 andauerte. Fortschrittliche Bestrebungen aller Art wurden unterdrückt, die Freiheit des Bürgers zur Meinungsäußerung und politischen Betätigung drastisch eingeschränkt. Allein in den Vereinen konnten sich Initiativen gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und künstlerischer Natur in gewissen Grenzen entfalten. Doch die Repressalien wurden von einem Teil der sächsischen Bevölkerung nicht kritiklos hingenommen. Auch Schriftsteller bekundeten ihre Unzufriedenheit. Manch einer, und war er sonst auch eher konservativ eingestellt wie Friedrich Schuler von Libloy, fühlte sich als "Wehrmann" im Kampf gegen den politischen Druck1, ohne freilich viel ausrichten zu können. Diese "Wehrhaftigkeit" wurde zumeist mit dem Preis der Öffentlichkeit erkauft, und nicht nur Franz Obert mag sich, aufbegehrende Verse verfassend, zu deren Autorschaft er sich nicht bekennen mochte2, als ein von der gesellschaftlichen Oberfläche "Verschollener" vorgekommen sein.

      Die absolutistische Herrschaft wurde 1860 durch ein "liberales" Regime abgelöst. Es brachte nicht die Erfüllung der freiheitlichen Ideen, die in der ersten Jahrhunderthälfte auch vom sieben-bürgischen Bürgertum verfochten worden waren, sondern erwies, daß gerade zu jener Zeit sich ein Wandel vollzog, der den bürgerlichen Liberalismus zusehends mehr reaktionäre Züge annehmen ließ: Der Liberalismus, der in den beiden ersten Dritteln des 19. Jh. "durch seine antifeudale und nationale Rolle im Kampf gegen die feudale Reaktion einen fortschrittlichen Charakter" hatte, büßte diesen während des letzten Drittels des 19. Jh. ein, da er die Wesenszüge des Bürgertums angenommen" hatte. Das "liberale" Regime blieb bis zum Jahr 1867 in Kraft. Die Hoffnungen auf eine demokratische Neugestaltung des Staates und darauf, daß die Nationalitäten im politischen Leben eine größere Rolle spielen sollen, wurden indes enttäuscht, die bestehenden Machtfaktoren ließen sich nur schlecht mit bürgerlichem Reformgeist in Einklang bringen. An den sozial-politischen Auseinandersetzungen jener Zeit beteiligten sich auch zahlreiche Schriftsteller, vor allem durch publizistische Beiträge. Ihre Ansichten erlangten dadurch eine gewisse Breitenwirkung. Denn in den Jahren des "liberalen" Regimes und danach waren nicht mehr die Vereine für das politische Leben der Sachsen ausschlaggebend - obwohl ihre Bedeutung nicht bestritten werden kann -, sondern vor allem die Presse, die nun erst auch unter den Siebenbürger Sachsen "das geistige Leben vollständig bestimmte und führte" 4. Am deutlichsten spiegelten sich die Bestrebungen, aber auch die Widersprüche und Kompromisse der Zeit in der Presse: in der Siebenbürgischen Quartalschrift, die ab 1859 von dem auch als Dichter hervorgetretenen Heinrich Schmidt redigiert wurde; diese Publikation, 1861 in Hermannstädter Zeitung umbenannt und 1863 mit dem Siebenbürger Boten vereinigt, vertrat eine eher konservative Einstellung. In einem gewissen Gegensatz hierzu befand sich die Kronstädter Zeitung, die in den Jahren 1863-67 von Eugen v. Trauschenfels herausgegeben wurden.
      Der Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahr 1867 brachte für Siebenbürgen einen Verlust an Freiheit und Autonomie und eine Verschärfung der nationalen Unterdrückung. Den Ma-gyarisierungsbestrebungen der Landesführung wurde indes ein entschiedener Widerstand entgegengesetzt, allerdings nicht von allen politischen Kreisen mit derselben Intensität. In dieser Zeit nahmen auch die Gegensätze innerhalb des sächsischen Bürgertums zu, das sich - hauptsächlich durch die Entscheidung in der Frage der Zusammenarbeit mit den führenden ungarischen Kreisen und einer Beteiligung am parlamentarischen Leben - in das konservativere alt- und das jungsächsische Lager schied. Den oppositionellen Siebenbürgischen Blättern stand damals das altsächsisch eingestellte Siebenbürgisch-Deutsche Wochenblatt gegenüber, in den Jahren 1868-73 von Franz Gebbel herausgegeben, der als Publizist ungleich bedeutender war denn als Dichter. 7 Später übernahm die Rolle des Wochenblatts das von Karl Wolff geleitete Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt. Auch das literarische Leben war von dem in der Presse polemisch zum Ausdruck gebrachten Gegensatz bestimmt, wobei der jungsächsische Standpunkt beispielsweise von. Friedrich Krasser propagiert wurde, während Friedrich Wilhelm Schuster und Michael Albert mehr zu altsächsischen Ansichten neigten.
      Die Parteikämpfe kamen auch in den folgenden Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Besonders intensiv wurden sie in den achtziger Jahren, als die "Schwarzen", die eher eine Abkapselung der sächsischen Bevölkerung befürworteten, den "Grünen" gegenüberstanden, die für ein von ihnen als zeitgemäß empfundenes Zusam-menwirken mit dem Staat eintraten. Diese Auseinandersetzungen haben hemmend, jedoch auch aktivierend auf die Entwicklung des sächsischen Geisteslebens und der Literatur gewirkt.
      Die Rumänen und Ungarn Siebenbürgens lebten in ähnlichen Verhältnissen wie die Sachsen, was Berührungen auf wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet zwischen den einzelnen Bevölkerungsteilen ermöglichte und die kulturellen Beziehungen sinnvoll gestaltete, die in verschiedenen Bereichen Interferenzen zeitigten, besonders auch in jenen der wissenschaftlichen und schöngeistigen Literatur.
      Die folgenden Anmerkungen über Wissenschaft und Kunst gelten hauptsächlich den Beziehungen der einzelnen Forschungs- und Gestaltungsbereiche zur Literatur. Eine verbreitete Meinung ist, daß sich die Literatur der Zeit wegen des Überhandnehmens wissenschaftlicher Studien nicht recht entfaltet habe. Dieser zu einem Gemeinplatz verfestigten Ansicht ist entgegenzuhalten, daß es in den fünfziger Jahren auch literarische Bestrebungen und Ergebnisse gab, daß die Literatur, größtenteils freilich in Zeitschriften, Kalendern und Broschüren verstreut, der Wissenschaft nicht nachstand. Eingedenk der absolutistischen Beschränkungen, die ein zwangloses Wirken in der Öffentlichkeit verhinderten 9, sind die fünfziger Jahre ganz allgemein, auch im Hinblick auf die Dichtung, als "Jahre der Sammlung" 10 zu bezeichnen. Bei näherer Betrachtung des schriftstellerischen Schaffens im wissenschaftlichen und belletristischen Bereich erweist sich auch die Mißlichkeit der Vergleiche zwischen Unvergleichbarem. Deshalb ist es wohl sinnvoller, nicht die reiche wissenschaftliche Tätigkeit der dürftigen literarischen Produktion in den fünfziger Jahren gegenüberzustellen, sondern innerhalb der einzelnen Schaffensgebiete Parallelen zu ziehen. Man kann so etwa die relativ fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit in den fünfziger Jahren von den bescheideneren Leistungen der sechziger Jahre abheben, wodurch allzu enthusiastische Retrospektiven vermieden werden: das Jahrzehnt 1860-70, eine "Zeit der äußeren politischen Kämpfe, des inneren Zwiespaltes, bezeichnet einen Stillstand in der wissenschaftlichen Arbeit" n. Zu deren allgemeiner Einschätzung gehört - was eine Vergleichung zwischen Forschung und Dichtung vollends unmöglich macht -, daß in dieser Zeit auch hierzulande "das moderne Spezialistentum" aufkommt , wodurch "ein Übergleiten der wissenschaftlichen Arbeit aus der Pflege weiterer Kreise in die Hände der eigentlichen Fachstudierten" erfolgt. Das Ergebnis davon war, daß "die beiden tiefgründige Leistungen vielfach ausschließenden Erscheinungen der siebenbürgischen Schriftstellerei": Polyhistorie und Dilettantismus13, entsprechend zurückgedrängt wurden.
      Augenscheinlich ist der Aufschwung historischer Forschung unter den Siebenbürger Sachsen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Hierfür waren die inneren Bedingungen in der Nötigung gegeben, die sächsischen Existenzformen der Gegenwart unter dem Gesichtspunkt ihrer historischen Entwicklung zu reflektieren. Es war dabei für den Wahrheitsgehalt der historischen Erkenntnis jener Zeit wesentlich, daß sie nicht - wie das früher gerne dargestellt wurde - eine einzige ideologische Ausrichtung kannte, sondern daß es zur konservativen altsächsischen Geschichtsauffassung, wie sie am nachhaltigsten von Georg Daniel Teutsch vertreten wurde, auch gegemläufige Tendenzen gab, beispielsweise im politischen und wissenschaftlichen Wirken des jungsächsisch orientierten Historikers Carl Fabritius14. Auch die äußeren Bedingungen eines Fortschritts im Bereich historischer Forschungen waren günstiger als vorher, was vor allem dem Verein für siebenbürgische Landeskunde zu verdanken war. Hinzuzufügen ist, daß die fachlichen Voraussetzungen für eine qualitative Hebung historischer Untersuchungen dem zeitgenössischen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis entsprachen, ging man doch nach den Grundsätzen des positivistisch aufgefaßten Historismus an die Analyse der Vergangenheit 16, was auf das gesamte geistige Leben der Siebenbürger Sachsen Einfluß hatte. Damals erschienen zahlreiche bedeutende Arbeiten, nicht nur zur politischen Geschichte, sondern auch zur Kulturgeschichte mit ihren verschiedenen Unterabteilungen.1T Sie interessieren hier freilich vor allem vom Standpunkt der Anregungen, die von ihnen auf die Literatur ausgingen, die gewissermaßen zur "poetischen Willensvollstreckerin" der Wissenschaft geworden war. Zwischen Geschichte und geschichtlicher Dichtung bestand ein enges Wechselverhältnis, das sich im Verwenden der Quellen, in der Stoffbehandlung und Zielrichtung des Geschriebenen, ja auch im Stil zu erkennen gab. Dies läßt sich an den historischen Erzählungen von Gustav Seivert, Traugott Teutsch und Michael Albert sowie an den Dramen Friedrich Wilhelm Schusters und der schon genannten Autoren T. Teutsch und M. Albert zeigen. Auch die literaturgeschichtliche Forschung wurde durch den allgemeinen Fortschritt der Geschichtswissenschaft angeregt, ja erst auf Grunddieses Fortschritts ist eine "größere Zusammenhänge berücksichtigende literarhistorische Darstellung möglich geworden" 20.
      Im hier betrachteten Zeitabschnitt erschienen die in allen Übersichten verzeichneten Hauptarbeiten folkloristischer Sammeltätigkeit , aber auch zahlreiche andere Arbeiten dieser Thematik. Sie haben die sächsischen Dichter zu - in Gehalt und Form - volkstümlichem Schaffen angeregt, und es mag nicht schwer sein, im einzelnen zu zeigen, wie Gedicht, Prosatext und Schauspiel aus den Erkenntnissen der gleichzeitigen Folkloristik erwachsen sind, wie in Alberts Gedichten, in Seiverts, Teutschs und Alberts Erzählungen und in der Mundartdichtung aller Gattungen die volkskundlichen Neigungen der Verfasser in Erscheinung treten. Bei solchen Nachweisen darf das Hauptgewicht nicht auf literarisch aufgelockerten folkloristischen Schilderungen liegen, etwa vom Typus der Sei-vertschen Beschreibungen Ausgestorbene Originale aus dem siebenbürgischen Sachsenlande, 1866-74, oder der Bilder aus dem sächsischen Bauernleben in Siebenbürgen, 1879, die von ihrem Verfasser Franz Friedrich Fronius als "ein Beitrag zur deutschen Cultur-geschichte" ausgegeben wurden, sondern auf den volkskundlich zuverlässigen, aber auch ästhetisch anspruchsvollen Werken jener Zeit. - Die Förderung der folkloristischen Studien wirkte sich auf die germanistische Forschung günstig aus. Diese war mit Volkskunde beziehungsreich verbunden, ja die beiden Forschungsbereiche wurden in so engem Zusammenhang gesehen, daß man sie vielfach vermengte. Daß Volkskunde zu Beginn der zweiten Jahrhunderthälfte noch ins Gebiet der Germanistik gehörte 22, war auch für die Wissenschaft unseres Jahrhunderts folgenreich. Richard Csaki trat dafür ein, die "Nebengebiete der Literatur" in den "Stoffkreis der sächsischen Literaturgeschichte" einzubeziehen, im Hinblick auf folkloristische Problematik als "Volksglaube und -sitte, Rätsel, Hausinschriften, Kinderspiele usw." 23, stieß jedoch dabei auf kritische Einwände 24.
      Fragen der Erkenntnistheorie und des sozialen Denkens fanden ihren Widerhall auch in der Literatur, so daß zur begrifflichen Auseinandersetzung in diesem Bereich auch jene kam, die sich literarischer Ausdrucksmittel bediente. Aufschlußreich sind die Gedichte des Sozialisten Friedrich Krasser oder die in der Anthologie Blüthenlese deutscher Lyrik aus Siebenbürgen er-schienenen Gedichte des Darwinisten Julius Römer. Ästhetisch gesehen, illustrieren sie zuweilen freilich mehr die bei Gelehrten übliche Verkennung der Funktionen dichterischer Aussage. Doch nicht bloß mit Hilfe der Schriften, in denen die Ziele der philosophischen Lehre und der Dichtung eng aneinandergerückt wurden, sondern vor allem durch Arbeiten, in denen die wissenschaftlichen Interessen ihrer Verfasser direkten Ausdruck fanden, wirkten philosophische Gedankengänge auf die Weltanschauung der Schriftsteller. Dabei wurden in Siebenbürgen nicht allein idealistische, sondern auch materialistische Ideen verbreitet, was mit dem auch im heimischen Bereich verzeichenbaren Aufschwung der Naturwissenschaften zusammenhing und damit - teilweise freilich unbeabsichtigt - auch ein Arbeitsergebnis des Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften war. Um das seinerzeitige Verhältnis zwischen Philosophie und Literatur zu durchdringen, ist es notwendig, die in verschiedene Kreise des sächsischen Geisteslebens hineinwirkende nahe Verbindung zwischen philosophischem Denken und pädagogischer Praxis zu beachten, da zahlreiche Dichter im sächsischen Unterrichtswesen tätig waren. Diese Beziehung trug dazu bei, daß Josef Capesius, der zur Philosophie Kants und Herbarts einen eigenen Standpunkt erarbeitet hatte27, einen bestimmenden Einfluß auf die weltanschauliche Ausrichtung des sächsischen kulturellen Lebens ausüben konnte, und dies auch über die Zeit der Jahrhundertwende hinaus. Im Bemühen, Wissenschaft und Unterricht aufeinander abzustimmen, ergaben sich auch Gegensätze, da beispielsweise darwinistische Ansichten vom damaligen Schulsystem nicht gebilligt wurden.
Noch augenfälliger freilich als die Beziehungen zwischen Philosophie und Dichtung sind jene zwischen Bildungswesen und Literatur, wurde doch diese oft als Mittel aufgefaßt, pädagogische Normen in verständlicher Form zu verbreiten. Ansätze hierfür gab es z. B. in der Vierteljahrschrift für die Seelen-Lehre, die von 1859 bis 1861 durch Heinrich Neugeboren und Ludwig Korodi in Kronstadt herausgegeben wurde. "Seelen-Lehre" wird hier teils in Abhandlungen dargelegt, teils durch schöngeistiges Schrifttum befördert. Wertvoller ist die in Siebenbürgen verfaßte Belletristik mit pädagogischem Einschlag. Neben ihr ist die Dichtung zu berücksichtigen, in der sozialpädagogische Bestrebungen - diese Dominante des sächsischen Schrifttums - zum Ausdruck kommen. Der lehrhafte Zug der sächsischen Dichtung - auf welchen Bereich der Bildung er sich nun immer bezieht - entspricht auf anderer Ebene den Bemühungen der sächsischen In-tellektuellen, das Unterrichtswesen nach Möglichkeit zu vereinheitlichen 32 und dabei auch den zeitgemäßen Orientierungen Raum zu erkämpfen 33.
      Hauptanliegen der sächsischen Sprachwissenschaft war - und ist auch heute - das Siebenbürgisch-sächsische Wörterbuch, ein Werk mit verzweigten Antezedenzien, die jedoch, durch die bloß sporadischen dialektologischen Bemühungen in der ersten Flälfte des 19. Jh., vor 1850 zu keinem entsprechenden Ergebnis geführt hatten. Dennoch glaubten sich die einzelnen Forscher bisweilen dem Ziel nahe. In dieser Hinsicht irrten sich aber jene, die "im Besitze eines höchst mangelhaften sprachlichen Materials schon die Feststellung der wichtigsten Ergebnisse für möglich hielten" 34. Deshalb war es nur richtig, in Ermangelung von "genialen Geistern", denen "es zuweilen gelingen" mag, "auf solche Weise gleichsam divina-torisch das Rechte zu treffen", zur fleißigen Kleinarbeit aufzufordern: "gewöhnliche Menschen sind auf den Weg des langen und umfassenden Sammeins, denkender Vergleichung und Prüfung hingewiesen, um endlich zur Wahrheit zu gelangen" 35. Friedrich Müller - von dem diese Worte stammen - gibt eine Übersicht über die älteren Ergebnisse auf diesem Gebiet, denen er neuere, nach der Revolution verwirklichte Leistungen anfügte , die im Zusammenhang mit der Tatsache gesehen werden müssen, daß der Verein für siebenbürgische Landeskunde in dieser Sache "aufmunternde Schritte" getan habe. 36 Später zeichnete Adolf Schullerus die mäandrische Entstehungsgeschichte des Wörterbuchs nach, wobei er auch die Leistungen der Jahre 1849-1890 besprach . Schullerus würdigte besonders Johann Wolffs Beitrag, die Verdienste dieses Gelehrten, "der mit der Leidenschaftlichkeit und der reifen Kraft seiner ganzen Persönlichkeit noch einmal den Forschungsmut der 50er Jahre aufleuchten ließ" 38. Zu den Genannten kommen in der hier betrachteten Periode auch die Sprachwissenschaftler, die sich mit den Mundarten des nördlichen Siebenbürgens beschäftigt haben: Georg und Andreas Bertleff, Friedrich Kramer u. a. Es wird dies ausführlicher wiedergegeben, weil die Untersuchung des sprachlichen Materials, das die sächsischen Schriftsteller in ihren Werken teils direkt - in der Mundartliteratur -, teils als Bezugspunkt und Vergleichsmaterial zu ihrem Hochdeutsch verwendeten, wesentlich ist, um die Eigenart siebenbürgisch-sächsischen Schrifttums zu bestimmen. Die naheliegende Verbindung zwischen Mundartforschung und Dialektdichtung ist deshalb beachtet worden, vor allem die sprachliche Kondition der Mundartdichtung, wobei dem Umstand Rechnung getragenwurde, daß die "starke Bevorzugung der Mundart" "bei den Siebenbürger Sachsen etwas geschichtlich Gewordenes" war und daß der Dialekt bis weit ins vorige Jahrhundert auch im öffentlichen und geistigen Leben eine dominierende Rolle gespielt hatte. Dabei wurde auch auf die Tatsache hingewiesen, daß die Verfasser der Kunstdichtung in sächsischem Dialekt "fast ohne Ausnahme Pfarrer oder Lehrer" waren - oft gleichzeitig auch die sächsischen Sprachforscher -, was "einem Teil der mundartlichen Literatur einen besonderen Stempel aufgedrückt hat". Zu den Kennzeichen der Mundartliteratur jener Zeit gehört "der ausgesprochen literarische Einschlag, ja oft ein Stich ins Akademische, der sich immer wieder geltend macht und der letzten Endes die Stoffwahl, mehr schon die äußere Form, vor allem aber den Stil in hohem Maße beherrscht". Trotzdem zeitigte die von philologischen und ethnographischen Bestrebungen angeregte Mundartliteratur beachtliche Ergebnisse.
      Die Werke bildender Kunst aus jener Zeit sind nicht überragend, dennoch eines Hinweises wert. Sie wären es im Zusammenhang dieser Anmerkungen noch mehr, wenn sich direkte Verbindungen zwischen Künstlern und Schriftstellern festhalten ließen, so wie sie beispielsweise zwischen Anton Kurz und Theodor Glatz vor der Revolution bestanden hatten. 43 Solche Beziehungen werden sich im einzelnen möglicherweise noch aufdecken lassen, wohl auch in ihrer höheren Form der wechselseitigen Annäherung dichterisch und malerisch bzw. graphisch gestalteter Wirklichkeit. Unabhängig davon ließen sich von der Jahrhundertmitte, als in Siebenbürgen "die Bildnis- und Landschaftsmalerei aufs neue eine nennenswerte Höhe" erreichte, und als "ein reichhaltiges Aufgebot biedermeierlicher, vorwiegend vom Wien der Waldmüllerzeit bestimmter Kunst höheren oder bescheideneren Wertes" in Erscheinung trat44, bis zur Zeit der Jahrhundertwende, als die moderne siebenbürgisch-sächsische Malerei einsetzte, zahlreiche bedeutendere Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst, etwa von Ludwig Schuller und Karl Dörschlag, aufzählen.
      Das musikalische Leben in den siebenbürgischen Städten soll hier bloß unter dem Gesichtspunkt der Vertonungen dichterischer Werke betrachtet werden. Aus dem ausgedehnten Bereich reger Musikpflege in der zweiten Jahrhunderthälfte, die weniger in der Komposition als vielmehr in der Interpretation ihr Bestes gab - aber die musikalische Leistung der siebenbürgischen Städte, wie etwa Kronstadts, war an sich "stark reproduktiver Natur" 47 -, werden dadurch jene Aspekte hervorgehoben, die die Verbindung zwischen Literatur und Musik am ehesten erweisen. Wichtig sindhierbei in erster Linie die Lieder, die auf Grund von Texten einheimischer^ Dichter entstanden sind. Zu nennen wären die Kompositionen, die Hermann Boenicke, der Hermannstädter Organist und Leiter künstlerisch hochstehender Aufführungen, zu Gedichten von Karl Guist verfaßte48, darunter das volkstümlich gewordene Lied Wolkenhöhen, Tannenrauschen. Von den Lyrikern, deren Gedichte vertont wurden, ist vor allem Michael Albert anzuführen. Zu seinen Lebzeiten und auch in den folgenden Jahren regten seine Gedichte Rudolf Lassei vielfach an.*! Michael Albert hat übrigens auch andere Komponisten zu musikalischen Werken inspiriert, so besonders den in Schäßburg lebenden Emil Silbernagel, dem er einige Librettos zu Operetten schrieb50. Hierüber ist freilich nicht nur positiv geurteilt worden: man müsse "daran festhalten, daß hier, wo der Text doch nur zur musikalischen Entfaltung Raum gibt, von einem selbständigen, eigentlich dichterischen Wert überhaupt nicht die Rede sein kann. Line gewisse Plattheit der Sprache, ein Verzichtleisten auf allen künstlerischen Schmuck der Rede, die Vergröberung der Motivierung ist immer damit verknüpft" 51.
      Neben den Tageszeitungen gab es auch einige literarische Blätter. Von den Kulturzeitschriften der Zeit gehören die nach 1849 erschienenen Nachzügler-Jahrgänge der Blätter für Geist, Gemüth und Vaterlandskunde und der Transsilvania ihrem Charakter nach eigentlich der ersten Jahrhunderthälfte an, als sie in höherem Maße das geistige Leben mitbestimmten.^Aufmerksamkeit verdienen die neuen, allerdings zaghaften Ansätze zur kulturellen Publizistik, die in den Zeitschriften Ährenlese, Deutsche Lesehalle und Der Siebenbürgische Volksfreund liegen. In der Zeitschrift Ährenlese^ gab es "noch wenig Abwechslung, was_ freilich dem strikt literarischen Teil zugute kam: es wurden hier zwei längere historische Erzählungen von Gustav Seivert veröffentlicht wie auch Michael Alberts Erzählung Die Dorfschule. Viele Anregungen sind von der Ährenlese wohl nicht ausgegangen, deshalb auch die resignierte Erklärung in der letzten Nummer - "der Ernst der Zeit" habe bewirkt, daß die Zeitschrift "an Lesern und Mitarbeitern" abgenommen habe, so daß ihr Erscheinen eingestellt werden müsse. Höhere Ansprüche versuchte die Deutsche LesehalleM zu befriedigen. Bemerkenswert ist, was in dieser Zeitschrift im Hinblick auf literaturkritische und literarhistorische Vorhaben gesagt wird. Es wird auf die "Notwendigkeit, eine vorurteilslose Kritik aufzustellen", hingewiesen: "denn wir haben vieles Ungesundes entstehen sehen; es ist Vieles produziert worden, ohne jene tiefe Moralität, welche alles
Oberflächliche verdammt. Man hat aber Alles gelobt; denn man freute sich dieser lebe»digen Tätigkeit. Und doch! so sehr diese Pietät für das Streben berechtigt sein mag, so sehr gefährlich kann sie werden für unsere Produktion". Auch in literarhistorischer Hinsicht will diese Zeitschrift tätig sein: es gelte "die Möglichkeit der Schaffung einer siebenbürgisch-deutschen Literaturgeschichte ins Auge zu fassen". Von längerer Lebensdauer war Der Siebenbürgische Volksfreund57, er "bot beste Volksnahrung, brachte einige treffliche heimische Erzählungen und begann volkstümliche Erzähler zu erziehen".
      Dies wären einige Angaben über die kulturellen Verhältnisse, unter denen sich die Dichtung der Zeit entfaltete. Abschließend ist noch kurz auf ein die Literatur im allgemeinen betreffendes Problem einzugehen. In die hier besprochene dichtungsgeschichtliche Periode fällt die "Blütezeit" der sächsischen Literatur, eine Kennzeichnung, die zumeist vorsichtshalber in Anführungszeichen gesetzt wird. 59 Gegen diesen Ausdruck melden sich Bedenken an, und es ist wohl Zeit, ihn fallenzulassen. Denn was ist eine Blütezeit in Anführungszeichen, eine sogenannte Blütezeit anders als beinahe das Gegenteil davon oder zumindest ein Eingeständnis der Tatsache, daß ihre Literatur bloß zum besseren Durchschnitt gehört. Allerdings hat sich dieser Begriff eingebürgert, und man hat sich darüber verständigt, was er meinen soll, nämlich eine relativ hohe künstlerische Rangstufe. Zutreffender ist es wohl, wenn man die beachtliche, jedoch kaum überragende Qualität der damals geschriebenen Literatur nicht in einem Schlagwort festhält, sondern einfach von der Literatur des Realismus spricht.
     

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