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Die siebenbürgisch-sächsische Kalendererzählung



In der zweiten Hälfte des 19. Jh. stellten die einheimischen Dichter ihre Fähigkeiten immer mehr in den Dienst der Kalender, einerseits weil sie hier eine gute Möglichkeit fanden, ihre Novellen und Erzählungen zu verbreiten, anderseits weil sie das erzieherische Anliegen dieser Publikationen unterstützen wollten. Vornehmlich Traugott Teutsch hat zeit seines Lebens nach diesem Grundsatz gehandelt, hat selbst Kalender herausgegeben oder ist Mitarbeiter anderer gewesen. Er formulierte den Zweck des Kalenders, indem er forderte, dieser solle Aufklärung, geistige und sittliche Erkenntnis im Volke verbreiten.

      Im Vordergrund steht in allen siebenbürgischen Kalendern vor allem die Darstellung des sächsischen Lebenskreises, immer unter dem Aspekt, belehrend zu sein. Gerade die einheimische Thematik der meisten Kalendergeschichten war es, die wesentlich zur Popularität der Kalender beitrug, da sich der Leser oft persönlich angesprochen fühlte. Traugott Teutsch ist nicht nur für dieses Prinzip eingetreten, er hat es auch selbst praktiziert: Keine einzige Erzählung handelt auf fremden Boden. Bei Michael Albert verhält es sich ähnlich. Adolf Schullerus stellt fest, daß die mit freierer Phantasie gestalteten Albert-Novellen weniger Anklang fanden als die im Volksleben verwurzelten.
Zu Traugott Teutsch und Michael Albert, die sich als erste in den sechziger Jahren um niveauvolle siebenbürgisch-sächsische Kalender bemühten, tritt eine ganze Reihe anderer einheimischer Autoren, vor allem Gustav Seivert, Gustav Schuller, Franz Oben, Carl Viotte, Johann Leonhardt, Johann Michaelis u. a. Sie veröffentlichten ihre Erzählungen vornehmlich in Kronstädter und Hermannstädter Kalendern.
Der literarische Wert der Kalendererzählungen ist teilweise zweifelhaft, da das erzieherische Anliegen oft allzu offensichtlich verfochten wird. In dem Bestreben, das Volk in Stadt und Land auf persönliche Schwächen oder Fehlverhalten in den mitmenschlichen Beziehungen hinzuweisen, ist die pädagogische Absicht oft so deutlich, daß der Leser sofort auf die Moral hingestoßen wird. Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch mangelhaften Aufbau und schleppende Erzählweise. Man muß allerdings berücksichtigen,daß wahrscheinlich die meisten Kalendergeschichten in ziemlicher Eile geschrieben wurden, daß durch den zahlenmäßig kleinen Kreis an schriftstellerisch tätigen Kräften eine Spezialisierung und dadurch auch eine tiefere Durchdringung der Problematik verhindert wurde. Hinzu kommt, daß sich eine ganze Reihe von Autoren hauptsächlich der Wissenschaft verschrieben hatte. Das mußte sich notwendigerweise im Stil ihrer Erzählungen widerspiegeln.
      Untersucht man die Kalendergeschichten genauer, so gelangt man zu der Schlußfolgerung, daß bei nochmaliger Bearbeitung manche von ihnen an Straffheit und damit an epischem Wert gewonnen hätten. So wirken viele Personen zu steif , die Konflikte sind ott gesucht und deren Lösungen vielfach zu unwahrscheinlich, als daß man von lebensnaher Dichtung sprechen könnte. In T. Teutschs Wirtstube und Gardinenpredigt werden lange 'Moralpredigten" gehalten, sein Letztes Gallusfest empfinden wir als trocken und schwerfällig , manche Lösungen des Konfliktes erscheinen zu sehr moralischen Grundsätzen unterworfen .
      Es muß aber auch festgestellt werden, daß manche Kalendergeschichten eines gewissen dramatischen Aufbaus nicht entbehren: T. Teutschs Röschen , Der Wortmann , Das Volk hat gerichtet , Der Hanklichrand sowie einige Erzählungen Carl Viottes, deren Geschehen oft abenteuerliche Züge trägt, wie z. B. Der Fluch , Die Gruft zu Almakerek oder: Rettung durch Liebe .
      Thematisch gesehen, gibt es historische Erzählungen aus der heimischen Geschichte, Erzählungen aus dem Dorfleben und solche aus dem Stadtleben. Bei den historischen Kalendergeschichten stehen sich zwei Auffassungen gegenüber. Eine kleinere Gruppe umfaßt Erzählungen mit authentischen geschichtlichen Ereignissen; sie stellen praktisch eine angenehme Bereicherung der Geschichtskenntnisse dar. Der weitaus größte Teil der historischen Erzählungen faßt den Begriff des Historischen jedoch in einem weiteren Sinne auf. Auf der Basis geschichtlicher Ereigisse gestaltet der Autor in freier Phantasie die Handlungen und Personen. Oft findet man in diesen Kalendergeschichten keine hervorragende historische Gestalt, die


Aufmerksamkeit des Autors gilt den Zeitumständen. Durch diese Gestaltungsweise ergibt sich eine größere epische Breite auf Kosten des dramatischen Geschehens. Der Autor will mitunter keine historischen Ereignisse vermitteln, sondern — entsprechend der didaktischen Funktion der Kalendererzählung — durch eine erfundene Handlung Vergangenheit und Tradition der Siebenbürger Sachsen lebendig und allgemein verständlich machen.
      Geschichtliche Tatsachen bilden den Ausgangspunkt von Gustav Seiverts Kulturhistorischen Novellen, von Michael Alberts Herr Lukas Seiler und von Traugott Teutschs Das Volk hat gerichtet und In der Andreasnacht . In der Erzählung Das Volk hat gerichtet werden die persönlichen Schicksale vor dem geschichtlichen Hintergrund des sogenannten Gotzmeisteraufstandes dargeboten. In anschaulicher Weise schildert hier Teutsch den Kampf der Hermannstädter Zunftbürger gegen die Patrizier der Stadt, die die Rechte der Bürger schmälern wollen. Vertreter der beiden Parteien sind der junge Ratsherr Kol-man Gotzmeister und der Königsrichter und Sachsengraf Michael Agnethler. Mit diesen historischen Ereignissen wird das persönliche Schicksal Gotzmeisters verwoben. In dessen dämonischer Ehefrau Katharina ist es Teutsch gelungen, eine blutvolle Figur zu gestalten. Ãœber der Weiterführung des persönlichen Konfliktes unterläßt es aber der Autor, die sozialen Widersprüche, die schließlich zum Aufstand führten, weiter zu verfolgen. Dadurch verpaßt Teutsch auch die Gelegenheit, Gotzmeister als würdigen Vertreter der progressiven Kräfte seines Volkes zu profilieren und seinen Lesern nahezubringen.
      Geschichtliche Stoffe in freier Bearbeitung behandeln Michael Albert und Traugott Teutsch in der Mehrzahl seiner Erzählungen. Die historischen Begebenheiten werden hier nur als Hintergrund benutzt. Sie bilden gewissermaßen den äußeren Rahmen, in dem sich die persönlichen Schicksale abspielen, deren Gestaltung sichtbar das Kernstück des Geschehens darstellt. Einige Male wählt Teutsch den Kuruzenauf-stand als Handlungszeit, mitunter fast nur als 'Vorwand", um den handelnden Personen Gelegenheit zu bieten, ihre Liebe zu bewähren: in Katharina und Des Herrn Ambrosius Schwiegersohn .
      Eine erwähnenswerte historische Erzählung ist Carl Viottes Die Aller-Seelen-Nacht . Auf heitere Art zieht der Autor gegen den Aberglauben zu Felde, indem er die Tochter des Kerzer Klostervogtserkennen läßt, daß der Gespenster spuck einer Nacht von dem Sohn des Abteiförsters inszeniert wurde. Für diese Erzählung ist symptomatisch, was für die meisten zutrifft: Zufälle und UnWahrscheinlichkeiten reihen sich aneinander, erzeugen aber dennoch eine gewisse dramatische Spannung.
      Ein zweiter Themenkreis umfaßt Kalendergeschichten mit Szenen aus dem siebenbürgischen Dorf leben. In erster Linie ist hier wiederum Traugott Teutsch mit seinen zahlreichen Dorfgeschichten zu nennen, etwa mit Der Wortmann, Der neue Schulmeister , Der kleine Djordje und Die Kuh . Während im Wortmann und Kleinen Djordje das für das siebenbürgische Dorf jener Zeit kennzeichnende Streben nach Bereicherung behandelt wird, legt Teutsch der Erzählung Die Kuh tatsächliche Begebenheiten eines dörflichen Eheprozesses zugrunde. Ebenso geht das Geschehen in der Erzählung Der Hanklichrand auf vorgefallene Begebenheiten zurück. 6 Teutsch hatte lange genug unter der Landbevölkerung gelebt und folglich deren charakteristische Vorzüge und Schwächen ausgiebig kennengelernt. Seine Kritik konnte aber nur dann auf fruchtbaren Boden fallen, wenn sie seine Landsleute erreichte. Dazu war der Kalender das geeignetste Mittel, da er auch auf dem Dorf gelesen wurde.
      Auch M. Alberts Die Dorfschule und Die Kandidaten sowie Franz Oberts Die Waldwiese behandeln ähnliche Themenkreise. Zu erwähnen ist außerdem noch eine Anzahl Erzählungen von Carl Viotte, die, zum Teil in anekdotischer Form, dörfliches Leben widerspiegeln: Treue Liebe siegt , Glöckners Trändchen oder: Der gefoppte Teufel , Des Dengel Hans bester Sarg oder: Der erste Auferstandene und Em arges Vergessen . Hervorzuheben ist seine Erzählung Das schöne Ännchen von Reußmarkt oder: Wohltun trägt Zinsen . In dieser Kalendergeschichte werden recht realistisch die mitmenschlichen Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern dargestellt. Dem verletzten Juden Isaak Levi hilft nicht der begüterte Wundarzt von Reußmarkt, sondern der mittellose Webergeselle Engelhardt, dessen Heirat mit Ännchen dadurch aufs Spiel gesetzt wird. Ein Plädoyer für den Juden, der zu dieser Zeit in der Literatur oft den negativen Gegenpol darstellt, hält Viotte, indem er ihn Engelhardts Hilfe entlohnen läßt und den Verlobten dadurch die Heirat ermöglicht.
      Obwohl diese Dorfgeschichten wesentliche Momente jener Epoche festhalten, wird die Problematik meist nur oberflächlichbehandelt. Die Autoren unterziehen sich nicht der Mühe, nach dem Warum bestimmter Handlungsweisen zu fragen, sie untersuchen nicht die Gesetzmäßigkeiten und bleiben so zu sehr dem Anekdotischen verhaftet. Auf der anderen Seite spürt der Leser sofort das moralische Anliegen, da es nicht genügend in den Handlungsablauf eingebetter wurde.
      Diese Feststellungen werden von den Stadtgeschichten noch unterstrichen. T. Teutschs Erzählungen aus diesem Milieu stehen deutlich unter dem Niveau seiner Dorfgeschichten. Moralische An-schaungen werden noch breiter, deshalb aber nicht tiefgründiger erörtert . Hinzu kommt nun noch das Thema der Kindererziehung. In Das Fortepiano , mit dem vorangestellten Motto 'Zu hoch hinaus / Bringt selten Glück ins Bürgerhaus", wird die Geltungssucht eines Riemermeisters angeprangert, der er vor allem dadurch frönt, daß er seine Tochter maßlos verwöhnt. Durch den Kauf eines Fortepianos setzt er allem die Krone auf. Solche unüberlegten Geldanlagen führen schließlich dazu, daß er die Zukunft seiner Tochter gefährdet. — Wohin Bildung führen kann, wenn sie nicht Hand in Hand mit moralischen Grundsätzen geht, zeigt Teutschs Erzählung Verkehrte Anschauungen . Zum selben Thema äußert sich Franz Obert in Er hat seinen Kindern eine glänzende Erziehung gegeben . In einem Gespräch über Erziehung klagt er den Erwerb von Kenntnissen an, die nicht der Veredlung des Charakters dienen.
      Die hier genannten Autoren haben sich bemüht, durch ihre Kalendergeschichten zur Volksbildung beizutragen. Jeder war sich seiner Verantwortung bewußt, da der Kalender zu den wichtigsten 'geistigen Erzeugnissen" Siebenbürgens gehörte. 7 Als Resultat läßt sich festestellen, daß, neben einzelnen bemerkenswerten Leistungen, die meisten Erzählungen dilettantisch wirken. So kann man sich häufig des Eindrucks nicht erwehren, daß viele von ihnen nur Mittel zum Zweck waren. Vergessen darf man aber nicht, daß die Kalendererzählungen trotz ihrer Mängel einen Beitrag zum kulturellen Fortschritt ihrer Zeit leisteten und, so gesehen, auch für uns heute noch von Bedeutung sind.
     

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Die  siebenbürgisch-sächsische  Kalendererzählung    





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