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Die Psychoanalyse Sigmund Freuds



Um 1900 begründete Sigmund Freud eine neue wissenschaftliche Disziplin, die Psychoanalyse. Im Unterschied zum Großteil der damaligen Psychiater ging er davon aus, daß seelische Störungen meist nicht auf organische Schäden zurückzuführen sind, sondern auf unbewußte psychische Konflikte. Gegenstand der neuen Wissenschaft war daher die Aufdeckung der unbewußten Bedeutung von Handlungen, Reden, psychischen und somatischen Symptomen. Den Zugang zu dieser den Patienten unbewußten Bedeutung verschaffte sich Freud mit einer neuen Methode, der sogenanntenfreien Assoziation. Er ließ die Patienten frei und ohne Selbstzensur alles sagen, was ihnen zu bestimmten Elementen ihrer Rede und ihres Traums einfiel. Diese spontanen Einfälle führten auf die unbewußten Gedanken, die jeder Rede und, wie sich zeigte, auch den neurotischen Symptomen zugrunde liegen; in der Regel drehen sie sich um einen unbewußten Wunsch, der oft sexueller Herkunft ist. Speziell die Analyse der Träume brachte Freud darauf, wie das Unbewußte < arbeitet >: Bestimmte Mechanismen der Traumarbeit - nämlich Verdichtung, Verschiebung, Ãoberdeterminierung, Symbolisierung und sekundäre Bearbeitung - sorgen dafür, daß aus den latenten Traumgedanken der sog. manifeste Trauminhalt wird . Schließlich konnten Träume, Fehlleistungen, Witze, psychische und bestimmte körperliche Symptome als Bildungen des Unbewußten aufgefaßt werden, in denen sich verdrängte Wünsche manifestieren - jedoch entstellt und für das wache Bewußtsein unkenntlich gemacht. Gleichzeitig mit seiner Behandlungsmethode für psychische Krankheiten und der Entdeckung der Gesetze des Unbewußten schuf Freud eine Theorie der Entwicklung der menschlichen Sexualität und der menschlichen Subjektwerdung: wie aus dem auf die Mutter angewiesenen, aber auch rücksichtslosen Neugeborenen der mehr oder weniger selbstbewußte und lebenstüchtige Erwachsene wird, der - als Mann oder als Frau - seine Rolle in der Gesellschaft übernimmt. Dieser Prozeß hat die Verdrängung unerfüllbarer Kindheitswünsche ins Unbewußte zur Folge , ferner die Sublimierung der Wünsche, d. h. ihre Ausrichtung auf andere, von der Gesellschaft höher bewertete Ziele. Freud nannte diesen langwierigen Prozeß den Ãobergang vom «Lustprinzip» zum «Realitätsprinzip», es sei kein endgültiger Ãobergang, immer wieder gebe es Regressionen, d. h. Rückfälle auf überwunden geglaubte Stadien der Entwicklung. Knotenpunkt dieser Entwicklung ist für Freud der sog. Ã-dipuskomplex, in den die Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren eintreten: Das Kind wendet sich dem gegengeschlechtlichen Elternteil als Liebesobjekt zu und empfindet den gleichgeschlechtlichen Elternteil in dieser Beziehung als Rivalen - nachdem zuvor für beide Geschlechter, den Jungen wie das Mädchen, die Mutter das erste libidinöse Objekt war. Der Haß gegen den Rivalen kann bis zum Todeswunsch gehen, die Liebe für die gegengeschlechtliche Person bis zum Wunsch nach genitaler


Vereinigung . Diese Konstellation zeigt aber auch Momente des Gegenteils: eine zärtliche Einstellung zum gleichgeschlechtlichen und eine eifersüchtig-feindselige zum gegengeschlechtlichen Elternteil .
      Die Ãoberwindung des Ã-dipuskomplexes erfolgt nach Freud beim Jungen durch die Kastrationsangst , beim Mädchen durch den Penisneid . Kastrationsangst und Penisneid bewirken die Aufgabe des inzestuösen Objekts und die Identifizierung mit der Rolle des gleichgeschlechtlichen Elternteils. Für Freud stellt der Ã-dipuskomplex ein notwendiges Durchgangsstadium der geschlechtlichen Reifung dar; durch die mit seiner Ãoberwindung in Zusammenhang stehende Bildung des Ãober-Ichs steht er zudem am Anfang von Moral, Gewissen und Gesetz. Das Inzestverbot durch den Vater steht symbolisch für alle späteren Autoritäten.
      Schon bald erkannten Freud und die Psychoanalytiker um ihn, welche Möglichkeiten sich aus den neuen Einsichten für die Analyse geisteswissenschaftlicher Phänomene ergaben, unabhängig vom medizinischen Bereich. Es war Freud selbst, der in «Die Traumdeutung» erstmals die Ã-dipus-Konzeption zur Erklärung eines literarischen Textes heranzog. Freud führte Hamlets Zögern, den Mörder seines Vaters zu töten, auf einen unbewußten Todeswunsch gegen den Vater aufgrund einer libidinösen Besetzung der Mutter zurück. Aus ähnlichen Interpretationen hat die psychoanalytische Literaturwissenschaft, die sich in der Folge etablierte4, weitreichende Konsequenzen gezogen, was den Status eines literarischen Textes angeht: Der literarische Text wird als Ort angesehen, an dem regressive Wünsche zur Sprache kommen, ihre Artikulation stehe im Dienste des Lustprinzips oder auch der Abwehr unbewußter Wünsche: das Werk als Kompromißbildung zwischen Phantasie und Abwehr . Die Traumdeutung gilt als Modell der Literaturdeutung, Ziel ist die Rekonstruktion eines latenten Textes. Die Traumarbeit wird als Ana-logon zur dichterischen Phantasie angesehen, die Mechanismen der Traumarbeit werden auch im literarischen Text wiedererkannt.
      Neben der Werkinterpretation gibt es zwei weitere Hauptanwendungsbereiche psychoanalytischer Methoden in der Literaturwissenschaft: zum einen die Rezeptionsforschung, wobei ähnliche psychische Prozesse wie die, die zur Ausarbeitung eines literarischen Werkesgeführt haben, auch beim Leser vermutet werden - diesem ebenso unbewußt wie dem Autor; zum anderen die Erforschung der Dichterpersönlichkeit, die sich neben den historischen vor allem den psychischen Determinanten der Biographie widmet. - Im folgenden soll an einem literarischen Beispiel kurz skizziert werden, wie eine Freudsche ödi-pale Interpretation aussehen könnte.
     

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