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Die Prosa und die literarischen Strömungen der Zeit



In Siebenbürgen stieß die naturalistische Stilrichtung wie auch sonst auf Widerstand. Das war nicht anders zu erwarten, da auf radikale Art versucht wurde, ihr in der Kunst Daseinsberechtigung zu verschaffen. Doch dauerte es hierzulande länger, bis diese Widerstände zumindest soweit beseitigt werden konnten, daß der Naturalismus eine teilweise Billigung fand — eine Anerkennung, die eher theoretisch blieb und sich darauf beschränkte, die wahren Leistungen der Strömung gutzuheißen. Zu einer Anwendung ihrer Grundsätze in der heimischen Prosa ist es eigentlich kaum gekommen.


      Bezeichnend für die Ablehnung des Naturalismus ist nicht, daß etwa Michael Albert über dessen Vertreter sententiöse Verse verfaßte, sondern daß Adolf Schullerus, der Albert eine eingehende Darstellung widmete, im Jahr 1898 meinte, zu Alberts Gedichten dieser Art brauche eigentlich 'kein Wort hinzugefügt zu werden" i. So begnügte sich Schullerus auch, Alberts Standpunkt in einigen Zeilen zu kommentieren. Dabei wäre es wohl notwendig gewesen, über den 'modernen Realismus" und die 'Ãœbertreibung des Naturalismus" nicht bloß einige allgemeine Worte zu sagen, sondern auf diese Äußerungen Alberts, sei es zustimmend oder ablehnend, mit jener Ausführlichkeit einzugehen, die die Darstellungsweise dieses Literarhistorikers sonst kennzeichnete. Schullerus hätte sich dabei in eine Diskussion eingeschaltet, die damals auch in Siebenbürgen im Gang war. Dies erweist etwa der ungezeichnete, den Naturalismus verurteilende Aufsatz Fin de siede, in dem ausgesetzt wird, daß das Kennzeichnende der naturalistischen Literatur 'in einer geradezu krankhaften Vorliebe für das Problematische" liege, 'in der Sucht, die verschiedensten Erscheinungen im Leben der Gegenwart zum Problem zuzuspitzen"2. Alles an der naturalistischen Kunst sei 'mit Rücksicht auf ein soziales oder religiöses oder wissenschaftliches Problem künstlich konstruiert, verwickelt, dunkel, pathologisch", und sie entarte so oft 'zur Tendenzdichtung bedenklichster Sorte".
      Jahre später sollte in der Beurteilung des Naturalismus auch hierzulande ein Wandel eintreten. Dies erweist vor allem ein Aufsatz von Hermann Kloß über Gerhart Hauptmann. Längst wird der Verfasser der Weber nicht mehr bloß verurteilt, sondern ein-gehend besprochen und gewürdigt. Daß der Verfasser vor allem auch darauf hinweist, Hauptmann habe die Not der Welt gestaltet, ist symptomatisch und wirkte wohl auf den Geist der siebenbür-gisch-sächsischen Prosaliteratur weiter. Trotz aller Zustimmung, die die naturalistische Gestaltung findet, wird ein eng aufgefaßter Naturalismus abgelehnt. Dieser gilt dem Verfasser als 'beschränkte Kunstart, die mehr das Leben in seinen Einzelerscheinungen wiedergibt, anstatt es zusammenzufassen", und die 'den Menschen in der Gebundenheit an seine Instinkte" darstelle. Nicht bedingungslose Anerkennung des Naturalismus und seiner Auswüchse wird gefordert, sondern ein Bejahen seines eigentlichen Anliegens.
      Der angeführte Aufsatz von Hermann Kloß ist in den Kar-pathen erschienen, und zweifellos hat die Zeitschrift zum Verständnis dieser literarischen Strömung beigetragen. Doch war es nicht der Naturalismus, der von den Karpathen propagiert wurde. 6 Dieser Publikation ging es schließlich nicht um die Förderung und Durchsetzung einer literarischen Zeitströmung, sondern um die Verwirklichung 'einer ästhetischen Erziehung im Sinne einer alle Lebensgebiete umfassenden Ausdruckskultur" 7. Was man übrigens hierzulande unter Naturalismus verstand, war in vielem etwas anderes als an den westeuropäischen Schnittpunkten naturalistischen Formwillens. Er bedeutete so zuweilen Naturnähe, Natürlichkeit in der Kunst, und war dadurch oft das Gegenteil von dem, was naturalistische Gestaltungsweise bezweckte und an Ausdrucks- und Steige-rungsmöglichkeiten einzusetzen pflegte. Der f linweis auf die bildende Kunst ist hierbei sprechend: was hier als Naturalismus galt, war eigentlich Wirklichkeitsdarstellung, Nachahmung der Natur. 8 Ein Naturalismus dieser Art ist auch für die siebenbürgisch-sächsische Literatur bezeichnender als das, was die Vertreter der konsequent aufgefaßten naturalistischen Schule im Westen Europas im Auge hatten.
      Neben den bloß sporadisch auftauchenden, den heimischen Schriftstellern wenig gemäßen naturalistischen Bestrebungen in der Literatur haben um die Jahrhundertwende auch impressionistische Empfindung und Formsprache in Siebenbürgen Eingang gefunden. Bildenden Künstlern lag dies begreiflicherweise näher, und doch läßt sich auch für die Dichtung etwas Programmatisches, Richtungsweisendes aus ihren Äußerungen entnehmen. Wenn Hans Eder von seiner vor dem Ersten Weltkrieg eingerichteten Malschule schreibt, daß ihm unter anderem die 'neue Palette" der Impressionisten den Weg gewiesen habe, und das 'in einer Zeit der radikalen Strömungen"'9, so ist das teilweise wohl auch für die Gefühlslage der sächsischen Erzähler bezeichnend. Als Auswirkungen.impressionistischer Gestaltungsweise lassen sich in der Literatur die Auflösung der Handlungen in Einzelbilder und dieser in eine Summe von Momentaufnahmen erkennen. Brief- und Tagebucherzählungen, die diesem Gestaltungsprinzip schon strukturell gemäßer sind, werden um die Jahrhundertwende häufiger. Als Beispiele lassen sich Arbeiten verschiedenster Qualität und Zielrichtung anführen, darunter auch Wilhelm Hermanns Erzählung Robert Walther , trotz ihres geringen Umfangs ein Roman in Briefen und Tagebuchblattern genannt. Es ist ein wenig erquickliches Buch, in dem die nicht sehr originelle Erkenntnis des Ich-Erzählers bzw. Verfassers: 'es ist sonderbar, daß ich mich oft mit Gestalten der Dichtung vergleiche" auf Schritt und Tritt beim Wort genommen wird, wodurch die Erzählung zum Abklatsch bekannter literarischer Vorbilder gerätn. Demselben Genre zugehörig und für die Handhabung impressionistischer Mittel in höherem oder geringerem Maß charakteristisch sind auch die tendenziell verschiedenen Erzählungen in Brief- und Tagebuchform Der sechste Tag. Auf den Briefen einer siebenbürgisch-sächsischen Lehrerin von Oskar Wittstock und Wenn Ähren reifen, Dorfbilder aus Siebenbürgen von Regine Ziegler.
      Auch Adolf Meschendörfers Leonore. Roman eines nach Siebenbürgen Verschlagenen läßt sich in gewissem Sinn in diese — an sich etwas problematische — Reihe fügen. Wenn dieses Werk schon, außer dem verschwommen als 'Moderne" bezeichneten neuen Zeitgeist, einer Kunstrichtung zugeordnet werden soll, dann ist es wohl der Impressionismus, dem es — etwa durch die verwendete Technik — verpflichtet ist. Und dies, obwohl im Roman einige wohlformulierte Sätze über den malerischen Impressionismus stehen12, die sich — ins Dichterische transponiert — kaum auf den Text anwenden lassen. Jedoch selbst wenn Meschendörfer unter Impressionismus etwas anderes verstanden haben sollte, kann man die charakteristische 'Eindruckskunst" des Romans als standortbestimmend gelten lassen. Ihn — was auch versucht wurde — als Werk romantischen Kunstverständnisses zu deuten, ist nicht ratsam, zumal wo es sich um literarische Kennzeichnungen handelt, die von der Voraussetzung ausgehen müssen, daß die Romantik weniger ein zeitloses Lebensgefühl, sondern eine etwa hundert Jahre vor Erscheinen des Romans aktuelle Stilrichtung war. So können auch die folgenden Erwägungen für uns nicht bindend sein: Im Blick auf Leonore erschien es Karl Kurt Klein geboten, daran zu erinnern, daß es 'in der modernen Literaturgeschichtsschreibung üblich geworden ist, je nach dem Vorherrschen des rationalen oder irratio-nalen Prinzips zu der einfachen Zweiteilung nach den alten Begriffen Realismus und Romantik" zurückzukehren. Dies bewog K. K. Klein, die Erzählung einer auf diese Art verstandenen Romantik zuzuweisen. Tatsächlich hat das Buch in manchem einen romantischen Anstrich. So geschieht es, daß die in ihm enthaltenen Feststellungen über Kunst alle auf die Romantik bezogen werden, 'die sich dem Inhalte nach dem Idealismus, der Form nach dem Naturalismus nähert" u. So kommt es weiterhin, daß die positiven und negativen Erscheinungen der Zeit dem Erzähler als Ausdrucksformen einer Welt anmuten, die romantisch ist oder sich mit der Romantik auseinandersetzt. Begreiflich wird dadurch auch, warum Meschendörfer kein Verfechter des naturalistischen Schaffensprinzips sein konnte. Diese Erzählung ist vielmehr bezeichnend für seine 'Ablehnung des Naturalismus " 16.
      Abgesehen von einer mehr oder weniger bewußt auf die Einbürgerung der neueren künstlerischen Erfahrungen ausgerichteten Prosaliteratur ist auch um die Jahrhundertwende immer wieder im Sinne eines herkömmlichen Realismus geschrieben worden. Ließ man sich von den erprobten Grundsätzen realistischer Erzählkunst leiten, konnte man sich gewissermaßen nicht verfehlen. Dabei wurde jedoch nicht viel ausgerichtet. Der Kunstverstand der Autoren war oft nicht sensibel genug, um die Unzulänglichkeit ihrer Geschichten auszumachen. So blieb vieles, was sich als Heimatkunst verstand, auch in dieser Zeit künstlerischer Revolutionen 'streng altständig" und löste sich nicht von einer oft störenden 'Tendenzgebundenheit", bloß wurden 'an die Stelle überlebter, neue Zeitfragen" gesetzt.

     
   Ganz unbehelligt konnten die traditionalistischen Erzähler ihr Geschäft jedoch nicht abwickeln. Denn wiewohl vom Standpunkt literarischer Strömungen das Konzept epischer Schilderungen in Siebenbürgen um die Zeit zwischen Jahrhundertwende und Weltkrieg nicht so klar war, man also zwischen naturalistischen und impressionistischen Vorgangsweisen schwankte, erschien manchem, der an der Literatur Interesse hatte und deshalb ihre Erneuerung wünschen mußte, eindeutig, daß mit dem hergebrachten realistischen Erzählschema, vielfach ausgeartet in einen lebensfernen Gegenrealismus, wenig zu leisten sei. Dem abgelebten 'Realismus'' wurde durch Die Karpathen offen der Kampf angesagt. So wird die heftige Auseinandersetzung zwischen Traugott Teutsch und Adolf Meschendörfer literarhistorisch bedeutsam. Meschendörfer wirft der Prosa der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und ihren späteren Imitationen Dilettantismus vor wie auch 'die ver-altete künstlerische Technik, die oft ein halbes Jahrhundert hinter der gleichzeitigen europäischen Technik" nachhinke. Zur 'Besserung der unhaltbaren Zustände in unserer sächsischen Literatur" hielt er es für angebracht, unter anderem eine 'kleine kritische Auswahl nur vom Gesichtspunkt des künstlerischen Wertes" aus der Prosaliteratur der vergangenen Jahrzehnte zu treffen. Teutschs Äußerungen in dieser Polemik erweisen den Anachronismus seiner künstlerischen Anschauungen.
Die realistische Erzählkunst jener Zeit war immerhin so weit gefächert, daß neben den weniger gelungenen Versuchen bemerkenswerte Leistungen stehen. Wie auch im vorhergehenden Zeitabschnitt überwogen Schilderungen heimischer Verhältnisse, gesehen unter historischem oder zeitgeschichtlichem Aspekt. Die Erzählungen aus der Vergangenheit sind den mehr oder weniger bewährten heimischen Vorbildern verpflichtet und wirken deshalb bisweilen flach und abgegriffen. Neben den Verfassern von Novellen wie Ludwig Michaelis , und Erwin Sachs sind jene Autoren zu nennen, die umfangreichere geschichtliche Darstellungen geschrieben haben, wie beispielsweise Michael Gottfried Daichendt und Friedrich Wilhelm Seraphin.
      Zu den Verfassern von Dorfbildern gehören Johann Plattner, Julie Jikeli {Katharina. Erzählung aus dem siebenbürgisch-s'ächsi-schen Bauernleben, 1894) und Jakob Friedrich Graef, der unter anderem die breiter angelegte Erzählung Mein Herzjunge schrieb, gedacht als Neuzeitliches Erziehungsbild aus Siebenbürgen. Einander gegenübergestellt werden zwei Wege: Erziehung zum Ungarischen hin, mit den Mitteln der sprachlich-ideologischen Magyarisierung, und Bildung im Geist nationalbewußter sächsischer Art. Im Endergebnis haben wir es mit 'grober Tendenzdichtung" 21 zu tun. Auf romanhafte Breite gehen nur wenige aus, etwa Heinrich Schuster und Gustav Arz Sowohl in ihren Vorzügen als auch Mängeln hat die Erzählung Das neunte Gebot paradigmatische Bedeutung, und deshalb soll etwas näher auf sie eingegangen werden. Wie schon der Titel andeutet, geht es um das schuldhafte Streben nach fremdem Hausbesitz und Erbe. In Erscheinung tritt, sprachlich betrachtet, eine — zumal in den adverbialen und ad-substantivalen Bestimmungen — klischeehafte, wort-unbesehene Welt. Auch im Blick auf die Sozialanatomie des
Dargestellten und die Charaktermorphologie der Gestalten ist die Leistung des Verfassers nicht überragend. Zudem ist die Schilderung für heutige Begriffe zu wortreich. An einer Stelle heißt es, daß 'der Strom der Rede in breitem Bette eifrig" hin- und herwogte 23, eine Bemerkung, die wohl für die ganze Erzählung gilt. Bemerkenswert ist allerdings die Art, in der Brauchtum, Zeremonie, ein — bisweilen etwas abgestandener — sächsischer Traditionalismus festgehalten werden. Andererseits ist dann auch wieder Lebensstoff in streckenweise rauher, unverhüllter Konflikthaftigkeit vorhanden. Härte, Verbitterung, Menschenverachtung provozieren Gegensätze zwischen der Gemeinschaft und dem widerspenstigen Einzelnen, der die Ordnung rücksichtslos mißachtet. Dieser Konfliktsubstanz sind dann auch Szenen mit bewegter Handlung zu verdanken, Episoden mit Versteigerung, Einbruch, Verfolgung, Gerichtsverhandlungen und ähnlichem. All dies bewirkt, daß die Erzählung, trotz ihrer — im Geschmack, im Stil, in der Einstellung zu den Dingen — allzu zeitgebundenen Schilderung, literarhistorisch bedeutungsvoll bleibt, als Zeugnis einer Literatur, die sich bewußt auf die Belange des siebenbürgischen Landlebens orientierte.
      Die Verhältnisse in den siebenbürgischen Städten haben um die Jahrhundertwende Schilderungen traditionalistisch-realistischer Art ergeben, etwa von Johann Leonhardt. Dieser Themenbereich ist am ehesten auch formalen Erneuerungen zugänglich gewesen, und so ist es weiter nicht verwunderlich, daß Adolf Meschendörfers oder Fred Faklers Darstellungen städtischer Verhältnisse vom hierzulande Gewohnten abweichen.
      Schließlich sei noch auf die Mundartepik jener Zeit hingewiesen. Die Dichotomie des einheimischen Schrifttums in hochsprachliche und mundartliche Literatur vertiefte sich, und zwar durch die um die Jahrhundertwende in ihren letzten Etappen vollzogene Verselbständigung und qualitative Hebung der schriftdeutschen Dichtung, ein Vorgang, der durch einige Prosawerke illustriert wird, etwa durch Der sechste Tag von Oskar Wittstock. Doch ist gerade die Jahrhundertwende auch die Zeit, in der die Mundartdichtung sich auf breiterer Ebene entwickelte als früher. Die damaligen Verfasser von Verserzählungen und Reimschwänken waren vor allem Ernst Thullner, Adolf Höhr, Michael Schuller und Albert Schuller, mit seinen Anfängen auch Otto Piringer. Von den Autoren mundartlicher Prosaarbeiten kleineren und größeren Umfangs ragen Franz Herfurth und Anna Schuller-Schullerus hervor.
     

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