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Die poetologische Differenz will sich verbergen



Dennoch müssen wir uns über ein paradoxes Faktum im Klaren sein. Gerade der literarische Text setzt immer wieder alles daran, uns an seine Wirklichkeit so glauben zu machen, als sei es eine empirische Wirklichkeit. Ja, das Können des Dichters zeigt sich gerade darin, uns derart dem suggestiven Sog der von ihm gestalteten Welt auszusetzen, dass sich diese Welt ganz an die Stelle unserer empirischen Wirklichkeit setzt, so dass wir in der Welt der Fiktion aufgehen, d. h. so bei der Sache sind, dass wir regelrecht vergessen, es mit einer erdichteten Welt zu tun zu haben. Celare artem heißt das poetologische Prinzip, nach dem die soeben betrachteten Texte angelegt sind.

      Das aber bedeutet: Der Vollzug des Verstehens, den ein literarischer Text in Gang setzt, sorgt gerade dann, wenn der Autor sein illusionsstiftendes Handwerk vollendet beherrscht, dafür, dass sich die poetologische Differenz verbirgt. Damit sie sich zeigt, müssen wir sie eigens denken - und dazu ist eine Blickeinstellung nötig, die trainiert werden muss, damit sie uns beim Verstehen literarischer Texte zur zweiten Natur wird, denn dass diese Blickeinstellung bereits im natürlichen Verstehen angelegt ist, steht außer Frage. Diese Anlage aber ist zu kultivieren, um unbeirrt zum Zuge zu kommen.
      Das Textbeispiel, mit dessen Erläuterung ich meine Ausführungen begonnen hatte, lieferte den besonderen Fall einer fiktionalen Welt, die von einem Bewusstsein gesetzt wurde, das selber in der Fiktion vorkommt. Der Autor Puschkin legte die Welt dieser Erzählung im Namen einer Gestalt an, die er durch die Welt in deren Kopf veranschaulichte. Die poetologische Differenz trug hier eine regelrechte Tarnkappe, weil Puschkin die Nahtstelle zwischen objektiver Wirklichkeit der Fiktion und subjektiver Wirklichkeit innerfiktional unkenntlich gemacht hat. Die gleiche Ãoberlegung gilt für Dürrenmatts Verdacht.
      Mit Shakespeares Hamlet ist der Normalfall gegeben: Der Autor ist hier direkt am Werk, ohne seine Kompetenz als Realität setzendes Bewusstsein an eine Gestalt seiner Fiktion zu delegieren. Aber auch für diesen Normalfall gilt, dass die poetologische Differenz sich verbirgt, weil die innerfiktionale psychologische Begründung für einen innerfiktionalen Sachverhalt als Erstes da ist und die poetologische Begründung immer erst in der Rückschau, aus der Kenntnis des Ganzen erkennbar wird.
     

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