Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Die Literatur und die Wissenschaften

Die Literatur und die Wissenschaften



Es fällt auf, dass sich die verschiedensten Fakultäten mit der Literatur beschäftigen, sie zu ihrem Gegenstand machen: Theologen, Juristen, Mediziner, Philosophen - alle zeichnen auf ihre Weise als zuständig, wenn es um Literatur, wenn es um Dichtung geht. Das liegt ganz offensichtlich daran, dass der Dichter, wie Schopenhauer es formuliert, der »Spiegel der Menschheit«ist und »ihr, was sie fühlt und treibt, zum Bewusstsein« bringt. Schopenhauer vermerkt:

Ist doch überhaupt der Dichter der allgemeine Mensch: Alles, was irgend eines Menschen Herz bewegt hat, und was die menschliche Natur, in irgend einer Lage, aus sich hervortreibt, was irgendwo in einer Menschenbrust wohnt und brütet, - ist sein Thema und sein Stoff; wie daneben auch die ganze übrige Natur.
      Soweit Arthur Schopenhauer in Die Welt als Wille und Vorstellung . Die Frage ist: Wie sieht der Zugang der verschiedenen Wissenschaften zur Dichtung aus? Und: Hat jede Wissenschaft das gleiche Recht gegenüber der Dichtung ? Noch schärfer gefragt: Hat nur die Literaturwissenschaft per definitionem das wahre Anrecht darauf, die Literatur zu ihrem Gegenstand zu machen?
Wie unterscheiden sich die verschiedenen Wissenschaften in ihrem Zugang zur Literatur? Diese Frage ist sofort zu präzisieren. Denn: Nicht nur die einzelnen Wissenschaften unterscheiden sich in ihrem Zugang zur »Literatur«, sondern auch die Schulen innerhalb einer Wissenschaft. So gehört etwa die Tiefenpsychologie zur Psychologie und hat doch in ihren beiden Hauptvertretern, Sigmund Freud und C. G. Jung, völlig verschiedene Zugänge zur Dichtung entwickelt. Es gibt also nicht die Psychologie, sondern immer nur verschiedene Möglichkeiten der Psychologie. Das Gleiche gilt für die Soziologie. Es gibt nicht die Soziologie, sondern immer nur Soziologien.
      Wenn die Einzelwissenschaften nur durch Systematisierung ihrer verschiedenen Fundierungen und Ausrichtungen erfasst werden können, wie lässt sich dann über das Verhältnis von Literatur und den Wissenschaften etwas Allgemeines sagen? Indem zunächst einmal festgestellt wird, wie denn die Literaturwissenschaft zu ihrem Gegenstand steht.
      Drei Regionen lassen sich unterscheiden, die durch die Stichworte Autor - Werk - Leser zu kennzeichnen sind. Was heute als Literaturwissenschaft angeboten wird, hat es meistens mit allen drei Regionen zu tun, ohne diese scharf zu trennen.
      Literaturwissenschaft im strengen Sinne hat es ausschließlich mit dem Werk zu tun. Sobald sie sich dem Autor zuwendet, wird sie zur Schaffenspsychologie, sobald sie sich dem Leser zuwendet, wird sie zur Rezeptionspsychologie. Die gleiche Ãoberlegung ist für die Soziologie durchzuführen. Die soziologische Erforschung der Lebensumstände eines Autors ist keine Literaturwissenschaft, desgleichen nicht die soziologische Erforschung des Lesers, selbst dann nicht, wenn sie sich auf Leser von Dichtung beschränkt. Wer sich

über Literatur wissenschaftlich äußert, ist damit noch kein Literatur-Wissenschaftler. Diese Feststellung ist deskriptiv gemeint, nicht wertend. Gewiss hat sich Max Weber nicht als Theologen gesehen, als er seine Aufsätze zur Religionssoziologie verfasste. Und gewiss hat sich Arnold Hauser nicht als Literaturwissenschaftler gesehen, als er seine Sozialgeschichte der Kunst und Literatur ausarbeitete.
      Mit einem Wort: der Begriff Literaturwissenschaft sollte für jene Region reserviert werden, in der das Werk, d. h. der literarische Text, losgelöst vom Autor und den Lesergruppen die Hauptsache ist. Nur aus dieser Region kann Literatur als Gegenstand einer Wissenschaft so hervorgehen, dass diese Wissenschaft Literaturwissenschaft heißen darf. Damit ist nicht gesagt, dass alle wissenschaftlichen Einstellungen, die diese Bedingungen erfüllen, bereits ihrem Gegenstand, der Literatur als Dichtung, gerecht werden. Literaturwissenschaft im strengen Sinne hat die poetologische Rekonstruktion des einzelnen literarischen Textes zu leisten.
      Wenn also für die Literatur nur eine Literaturwissenschaft im strengen Sinne als zuständig zeichnen kann, wie ist dann noch die nachweisliche Beschäftigung all der anderen Wissenschaften mit der Literatur zu rechtfertigen? Konkret gesprochen: Wer möchte etwa auf Dietrich von Engelhardts Ausführungen zur Medizin in der Literatur der Neuzeit verzichten? Anders formuliert: Wer würde es nicht begrüßen, auf diese Weise seine Kenntnis der Literatur zu erweitern? Im Grundsätzlichen bedeutet das: Es gibt keinen literarischen Stoff, zu dem nicht eine Wissenschaft existiert, die für ihn sachlich zuständig zeichnet. So darf der Theologe - protestantisch, katholisch oder russisch-orthodox - eine eigene Kompetenz für die Brüder Karamasow ) beanspruchen, der Historiker eine eigene Kompetenz für Krieg und Frieden , der Psychopathologe eine eigene Kompetenz für Othello und den Vater , der Jurist für Michael Kohlhaas , der Musikwissenschaftler für Doktor Faustus , der Chemiker für den Alchimisten , der Zoologe für Moby Dick etc. Wir hören solchen Spezialisten gern zu, wenn sie ihr Wissen einbringen - und doch behält die Dichtung gegenüber solcher Bestätigung ein eigenes Recht für sich zurück. Wissenschaftliche Richtigkeit und Wahrheit der Dichtung sind zwei ganz verschiedene Dinge.
      Es ist notwendig, den Begriff Wissenschaft zu definieren. Ich greife auf die Definition zurück, die Martin Heidegger gegeben hat. Er sagt: »Die Wissenschaft ist die Theorie des Wirklichen« . Theorie - das ist, so Heidegger, das hütende Schauen der Wahrheit als Betrachtung des Wirklichen. Und das Wirkliche - das ist das sich herausstellende Anwesende, das im vorwissenschaftlichen Umgang alsdas Tatsächliche erfahren wird. Heidegger nennt diesen vorwissenschaftlich erfahrenen Gegenstand einer Wissenschaft das »Positum« dieser Wissenschaft . Seine Einsicht lautet: Wissenschaft ist immer etwas Nachträgliches. Der Ruf nach ihr wird immer erst laut, wenn wir mit dem Wirklichen eine vorwissenschaftliche Erfahrung gemacht haben.
      Der Gegenstand einer Wissenschaft ist immer früher da als diese. Das heißt: die Natur ist früher da als die Physik, der kranke Mensch früher als die medizinische Wissenschaft, die Geschichte früher als die Historie, die Sprache früher als die Philologie. Natur, Mensch, Geschichte, Sprache sind früher da als die Wissenschaft von ihnen. Nicht erst die Wissenschaft lässt sehen, was es mit ihrem Gegenstand auf sich hat.
      Was Wissenschaft werden kann, liegt immer schon, so Heidegger, »in einer bestimmten vorwissenschaftlichen Zu- und Umgangsart« vor - und dies: schon »erleuchtet« und »geführt« von »einem, wenngleich noch unbegrifflichen Seinsverständnis«. Wissenschaft als positive Wissenschaft ist somit »die begründende Enthüllung eines vorliegenden und schon irgendwie enthüllten Seienden«. Diese vor aller theoretischen Erfassung und damit vorwissenschaftlich vorliegende Sache einer Wissenschaft ist also das Positum dieser Wissenschaft. Wissenschaft als die »Theorie des Wirklichen« ist mithin die begriffliche Erfassung dessen, was sich bereits vorwissenschaftlich gezeigt hat. Es lässt sich jetzt sagen: Das Positum der Literaturwissenschaft ist die Dichtung als >aufgestellte< Welt, als verstandene Welt, deren Nachvollzug Aufgabe des Lesers ist. Die Literaturwissenschaft hat den einzelnen literarischen Text in poetologischer Rekonstruktion zu erfassen.
      Das Positum der medizinischen Wissenschaft hingegen ist der kranke Mensch: Literatur kommt für sie nur insoweit in den Blick, als darin das Umfeld von Krankheit und Heilung bzw. Nicht-Heilung Thema ist. Musterbeispiel: Der Zauberberg. Der Stoff eines literarischen Werkes wird damit Thema einer Wissenschaft, die das literarische Werk nicht poetologisch, d. h. nicht in seiner Ganzheit als künstlerisches Gebilde zu ihrem Gegenstand macht, sondern im Rahmen ihrer Kompetenz gegenüber dem Stoff.
      Es gibt nun aber noch eine Art von Zugang zum literarischen Werk, der sich nicht auf das Stoffliche beschränkt, sondern das literarische Werk als Ganzes zum Thema etwa der medizinischen Wissenschaft werden lässt. Ich nenne nur die Pathographie und verwandte Methoden der Beschreibung von Kreativität in der Krankheit. Das literarische Kunstwerk wird in solchem Zugriff einer Symptomatologie unterworfen, die es als möglichen Ausdruck von Krankheit fixiert. Derart wurden etwa Hölderlins Werke befragt, aus dem Zusammenhang seines Lebens. Man denke an die viel zitierte, bahnbrechende Arbeit von

Karl Jaspers Strindberg und van Gogh von 1922 oder, in jüngster Zeit, an die meisterliche Darstellung des Zusammenhangs von Krankheit und Dichtung Hölderlins durch Wolfram Schmitt: Hölderlins Spätwerk in seiner Beziehung zur Krankheit .
      Das Positum für das wissenschaftliche Vorgehen ist in beiden Fällen, für Karl Jaspers wie für Wolfram Schmitt, der kranke Mensch in seiner Kreativität, nicht der literarische Text als ein solcher, losgelöst von der mens auctoris.
      Im Grundsätzlichen lässt sich dazu feststellen: Die medizinische Wissenschaft sieht sich auf zweierlei Weise gefordert, wenn es um Literatur geht. Einmal dann, wenn ein literarisches Kunstwerk den kranken Menschen und sein Umfeld zu seinem Thema macht, und zum anderen, wenn ein literarisches Kunstwerk als Ganzes nahe legt, als Ausdruck der Krankheit seines Autors angesehen zu werden.
      Diese Ãoberlegung ist per analogiam auch für die Soziologie durchzuführen. Ja, hier kann man sagen: Die Soziologie findet in jedem literarischen Kunstwerk ihren Gegenstand wieder: nämlich gesellschaftliches Handeln. Sie ist demnach für jedes literarische Kunstwerk zuständig. Allerdings wird sie nicht unterscheiden, ob es sich um einen fiktionalen oder einen empirischen Sachverhalt handelt, was auch für alle anderen Wissenschaften gilt, wenn sie ihren Gegenstand als Thema eines literarischen Textes wiederfinden.
      Was eine Soziologie über einen innerfiktionalen soziologischen Sachverhalt zu sagen hat, kann von der Literaturwissenschaft in ihre poetologische Rekonstruktion eines literarischen Textes integriert werden. Für den Spieler in Dostojewskijs gleichnamigem Kurzroman stellt beispielsweise Erving Goffmans Where the Action Is die adäquate Terminologie bereit . Was auch immer aber eine Soziologie als Symptomatologie eines literarischen Textes über diesen Text zu sagen hat, verlässt den Boden der Literaturwissenschaft, bleibt Soziologie. Man denke etwa an die von Georg Lukäcs durchgeführte marxistisch inspirierte Analyse des Michael Kohlhaas . Positum der Analyse ist hier Dichtung als gesellschaftliches Handeln ihres Autors, wahrgenommen im Fadenkreuz des marxistisch verstandenen Klassenkampfes.
      Autor, Werk und Leser ziehen jeweils ganz verschiedene soziologische Befragungen auf sich. Mischformen sind häufig, sobald die Lebensbedingungen bestimmter Bevölkerungsgruppen das Positum sind. So pendelt etwa die zeitgenössische Frauenforschung zwischen Soziologien der Entstehungsbedingungen, der innerfiktionalen Sachverhalte und der Rezeptionsgeschichte literarischer Texte .
      Zu Pierre Bourdieus soziologischer Abhandlung über Das literarische Feld ist festzustellen, dass ihr Positum der Lite-raturbetrieb ist. Der literarische Text kommt nur als das in den Blick, was er im literarischen Feld bedeutet, das wiederum im Feld der Macht ökonomisch und politisch seine Selbstständigkeit behaupten möchte. Produzieren und Konsumieren von Literatur werden von Bourdieu als gesellschaftliches Handeln zu einer Soziologie des literarischen Felds zusammengeführt. Von Literaturwissenschaft kann keine Rede sein. Der literarische Text wird als bekannter oder unbekannter, als gerühmter oder ignorierter zum Symptom für Interessenlagen im literarischen Feld. Die Symptomatologie ergibt sich aus der Lage des literarischen Feldes im politischen und ökonomischen Feld der Macht. Der »Versuch«, so heißt es wörtlich, »eine unmittelbare Beziehung zwischen dem Werk und der Gruppe festzustellen, die den Produzenten hervorgebracht hat oder seine Produkte konsumiert, ist vergeblich«. Der »Feldeffekt« bestehe darin, dass zwischen den Produzenten und den Konsumenten von Literatur eine »ganze soziale Welt« stehe, die »die Bedeutung von Zwängen und Anforderungen neu festlegt«, d. h. den Kurswert eines literarischen Textes bestimmt. Dem künstlerischen Rang kommt in solchem Zusammenhang keine entscheidende Bedeutung zu. Er verdampft sozusagen in den Relationssystemen der Vermittlungen. Bourdieu, so scheint es, »nahm den Zwischenraum heraus/und baute draus ein großes Haus« - wie Christian Morgensterns phantastischer Architekt.

 Tags:
Die  Literatur  Wissenschaften    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com