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Die Grundfrage



Der schwärmerisch für die Sache der Tugend begeisterte Agathon stößt nach seinen ersten enttäuschenden Erfahrungen auf das Problem, wie der Mensch in einer korrupten Welt dem moralischen Gesetz treu bleiben könne. Zunächst glaubt er, eine Antwort auf diese bedrängende Frage durch Ortsveränderung linden zu können: Er sucht ein Land, 'wo die Tugend, von auswärtigen Beleidigungen sicher, ihrer eigentümlichen Glükseligkeit geniessen könnte, ohne sich aus der Gesellschaft der Menschen zu verbannen" .

      Grundsätzlicher und prägnanter ist die Frage nach dem Anspruch der 'Tugend" in der Auseinandersetzung mit dem Sophisten Hippias gefaßt. Dieser Mann hält Agathon illusionslos und kühl entgegen, daß die moralischen Prinzipien sich unter dem Einfluß von Ort und Zeit verändern, daß sie erfahrungsgemäß das Handeln der Menschen meist nicht bestimmen und daß nur ein berechnender Eigennutz zu Erfolg und Lebensgenuß verhilft. Ganz offen bekennt sich Hippias zu hedonistischen Maximen:
'Die Frage ist also: Giebt es nicht ein allgemeines Gesez, welches bestimmt, was an sich selbst Recht ist? Ich antworte ja, und dieses allgemeine Gesez kann kein andres seyn, als die Stimme der Natur, die zu einem jeden spricht: Suche dein Bestes; oder mit andern Worten: Befriedige deine natürlichen Begierden, und geniesse so viel Vergnügen als du kanst" .
      In den Thesen des Hippias wetterleuchten die Ideen der radikalsten Vertreter der französischen Aufklärung, vor allem La Mettries und Helvetius' . Wieland kannte deren beunruhigende Gedanken genau und äußerte sich in manchen seiner Briefe äußerst skeptisch gegenüber den konventionellen Anschauungen in Religion und Moral. An Julie von Bondeli schreibt er:
'L'experience m'a desabuse d'une illusion apres l'autre, enfin je me suis trouve au niveau. Je pense sur le Chnstianisme comme Montesquieu sur son lit de mort; sur la fausse sagesse des esprits sectaires et les fausses vertus des fripons comme Lucien: sur la morale speculative comme Helvetius, sur la metaphysique - rien du tout; eile n'est pour moi qu'un objet de plaisanterie" .
      Indem Wieland eine immoralistische Position in seinem Roman einführte und dessen Helden vor die Aufgabe stellte, sein spontanes moralisches Gefühl gegenüber einer so radikalen Anzweiflung zu behaupten, nahm er das Grundproblem der Moralphilosophie seines Jahrhunderts auf. Ernst Cassirer hat es als den Widerstreit von apriorischer ethischer Forderung und desillusionierender, weil dem sittlichen Gesetz eklatant widersprechender Erfahrung bezeichnet .
      Agathon hat dem Raisonnement des Hippias keine Argumente entgegenzustellen. Er lehnt dessen verführerische Philosophie allein deshalb ab, weil ihn sein Gefühl in eine andere Richtung drängt . Dem Prinzip des Lebensgenusses hält er die erhabene Idee eines auf Selbstlosigkeit beruhenden Menschheitsglücks entgegen:
'Du erklärst die Ideen von Tugend und sittlicher Vollkommenheit für Phantasien [...]. Laß die Tugend immer eine Schwärmerey seyn, diese Schwärmerey macht mich glüklich, und würde alle Menschen glüklich machen, wenn deine Grundsäze, und diejenige, welche sie ausüben, nicht, so weit ihr anstekendes Gift dringt, Elend und Verderbniß ausbreiteten" .
      In der Emphase dieses Bekenntnisses und in der unerschütterlichen Sicherheit, mit der Agathon sich allen Anfechtungen gegenüber gefeit glaubt, steckt - wie der Fortgang der Erzählung zeigt - eine Selbsttäuschung, eine Verfehlung der Wirklichkeit. Am Ende seiner Abenteuer in Smyrna wird offenbar, daß sein Ãoberschwang ihn unfähig machte, sich gegenüber einer zweideutigen Realität zu behaupten. Es war die 'unvermerkte Unterschiebung des Idealen an die Stelle des Würklichen" , die ihn mit seinen Prinzipien in Widerspruch geraten ließ.
      Thema des Romans ist die Abkühlung und Ernüchterung des Schwärmers durch eine Reihe ebenso schmerzhafter wie belehrender Kollisionen mit der äußeren Welt. Allerdings soll bei diesen Schüben der Desillusionierung nicht der Kern von Agathons idealer Begeisterung zerstört werden. Am Ende soll nicht Hippias recht bekommen, sondern die Geschichte soll - entsprechend ihrem Horazischen Motto - zeigen, 'quid virtus et quid sapientia possit". Wieland unterscheidet wie Shaftesburys Letter concerning Enthusiasm zwischen wahrer und falscher Begeisterung: 'Schwärmerei ist Krankheit der Seele, eigentliches Seelenfieber; Enthusiasmus ist ihr wahres Leben!" Bei Agathon geht es darum, die pathologischen Züge seiner Begeisterung für das moralische Ideal fortschreitend abzubauen. Daß diese Heilung des Schwärmers für Wieland durchaus auch einen medizinischen Aspekt hat, ist von Hans-Jürgen Schings überzeugend nachgewiesen worden .
     

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