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Die Erzählungen Oscar Walter Ciseks. Versuch einer Integration in den europäischen Kontext



Der Lyriker, Epiker, Kunst- und Literaturkritiker Oscar Walter Cisek gehört nicht nur zu den hervorragendsten Vertretern der rumäniendeutschen Literatur der Zwischenkriegszeit, deren vielseitige Tätigkeit ihre Fortsetzung auch nach 1945 findet, sondern zu den repräsentativsten Autoren unseres deutschsprachigen Schrifttums überhaupt. Was er vor allem für die rumäniendeutsche Prosa geleistet hat, erreicht noch das lyrische Werk von Alfred Margul-Sperber. Wie dieser war Cisek ein reger Ãobersetzer und hat in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle als Vermittler zwischen der deutschen und rumänischen Kultur gespielt. O. W. Ciseks weitumfassendes und vielschichtiges Werk hat 'möglicherweise als einziges aus der deutschsprachigen Literatur des Auslands den Anspruch darauf, in den Kanon großer deutscher Erzählkunst des 20. Jahrhunderts aufgenommen zu werden"

Cisek, dessen Meisterwerke schon zu Lebzeiten auf binnendeutschem Gebiet unter anderem im berühmten Fischer-Verlag veröffentlicht wurden, ist auch der einzige deutschsprachige Erzähler Rumäniens, von dem mehrere Einzelwerke nach 1945 in beiden deutschen Staaten, u.a. auch in Taschenbuchreihen, neu aufgelegt wurden. Als einziger rumäniendeutscher Autor findet Cisek mit seinem Roman Reisigfeuer Eingang in repräsentative rumänische Literaturdarstellungen. O. W Cisek ist übrigens der meist übersetzte rumäniendeutsche Prosaschriftsteller.
      Die Vorfahren des Schriftstellers stammen väterlicherseits aus Böhmen, mütterlicherseits aus Deutschland. Als Sohn eines kaufmännischen Angestellten 1897 in Bukarest geboren, besucht er eine deutsche Grund- und Mittelschule in seiner HeimatStadt und besteht 1917 die Reifeprüfung. Im Jahre 1921 führt ihn eine längere Reise nach Griechenland, in die Türkei und nach Italien. Da eröffnet sich ihm der Weg zur Weltoffenheit wie einst Johann Wolfgang Goethe und Rainer Maria Rilke. Im gleichen Jahr bezieht Cisek die Universität in München, wo er Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Noch vor Abschluß seiner Studien kehrt er 1923 nach Bukarest zurück und wirkt hier als Kunstkritiker an verschiedenen rumänischen und deutschsprachigen Zeitschriften und Zeitungen des In- und Auslandes. Reisen durch fast alle Länder Europas unternimmt Cisek 1930. Längere Zeit ist er im diplomatischen Dienst als Presse- und Kulturrat der rumänischen Gesandtschaften in Wien, Prag, Berlin und als Generalkonsul in Bern tätig. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er als freischaffender Schriftsteller in der rumänischen Hauptstadt.
      Ciseks literarische Kurzprosa setzt mit der Erzählung Die letzten Verwandlungen ein. Im Vordergrund stehen die Metamorphosen des künstlerischen Erlebens im Schaffensprozeß eines vom Tode gekennzeichneten herzkranken Dichters. Ã"hnlichkeiten weist dieser Text mit Thomas Manns Novelle Schwere Stunde auf. Eingebaut in das Werk sind ein Gedicht und ein Parabelmärchen , deren Inhalt das Schicksal des Haupthelden metaphorisch umschreiben.
      Im Jahre 1929 erscheint im Gebrüder Enoch-Verlag der Novellenband Die Tatarin. Außer der Titelrolle enthält diese Sammlung noch die Erzählungen Die Entlastung, Spiel in der Sonne, Der erlöste Sommer und Der neue Spiegel. Für die spätere Entwicklung des Schriftstellers, der sich mit dem Novellenband als Meister vorstellt, sind vorwiegend die Erzählungen Die Tatarin und Spiel in der Sonne bezeichnend. Schlagartig wurde Cisek mit diesen beiden ersten Erzählungen weit über die Grenzen seines Heimatlandes Rumänien hinaus bekannt, und heute noch verbindet sich mit dem Namen Oscar Walter Cisek vor allem die Novelle Die Tatarin.
      Die von großem Erfolg gekrönte Aufnahme dieser und späterer erzählerischer Kurztexte hatte gewiß mehrere Gründe: Zunächst hat die Sprache, in der die Erzählungen geschrieben sind, die Aufnahme durch einen großen Leserkreis ermöglicht. Unwiderruflich spielen auch die persönlichen Beziehungen des Verfassers zu herausragenden deutschen Persönlichkeiten eine entscheidende Rolle. Jene haben das erzählerische Werk des rumäniendeutschen Autors geschätzt und ihren Beitrag zu dessen Publikumserfolg geleistet. Mit Thomas Mann fühlt sich Cisek geistig verwandt. Thomas Mann entdeckt in ihm ein wahres schriftstellerischesTalent.
      Ausschlaggebend für die Popularität der Erzählung Die Tatarin war allein dieTatsache, daß O.W. Cisek mit seinem Text neben vielen anderen Zeitgenossen die ..Suche nach einem Ausweg aus der entfremdeten Welt" aufgenommen hatte. Seine persönliche Auseinandersetzung mit dieser Welt ist auf ein Lesebedürfnis gestoßen, das in einer Zeit, in der das Grauen des Ersten Weltkrieges noch lebhaft vor Augen stand, besonders gekennzeichnet war durch ein Sehnen nach Menschlichkeit. Cisek wählt dabei einen originellen, ungewöhnlichen Weg: Er stellt eine Frau als Trägerin seiner Anschauungen in den Mittelpunkt seiner Erzählung und läßt sie innerhalb eines balkanisch-orientalischen Raumes agieren. Besonders das Balkanisch-Orientalische war es, das Beifall über die Grenzen Rumäniens hinweg hervorgerufen hat. Der Leser ließ sich hier aus seiner Gegenwart in die für ihn neuartige bunte Welt des Werkes entführen, aus der er ein gewichtiges humanistisches Anliegen des Autors herauslesen konnte. In anerkennenden Rezensionen wurde darin eine Erschließung neuer Wirklichkeitsbereiche für die Literatur gesehen.
      In der Novelle Die Tatarin betont der Verfasser das exotische Element in der Beschreibung des Hafens Balcic. Das arme Tataren viertel mit seiner Eigenart und bunten Fülle dient als Hintergrund. Im Mittelpunkt des Geschehens steht dieTatarin Mu-hibe, die leidvoll um die Unabhängigkeit von ihrem Gatten kämpft, einem Müßiggänger, der sie in der Not verlassen hat. Unter den menschenunwürdigsten Bedingungen gelingt es ihr, sich und ihr Kind, Nairne, zu ernähren. Es geht ihr grundsätzlich um einen Ãoberlebenskampf, der des öfteren dramatische Dimensionen annimmt. Ihr Stolz lehnt es ab, weiterhin Sklavin eines Tagediebes zu bleiben, der sie als Mensch und Frau ausnutzen möchte. Schließlich wird sie die Magd eines bulgarischen Bauern. Was die Hartnäckigkeit ihres Charakters betrifft, ähnelt Muhibe Mihail Sadoveanus Heldin, Vitoria Lipan. Genauso wie diese ist Muhibe in der Landschaft und in ihrer unmittelbaren Umgebung verankert.
      Ciseks Gestalt steht in ihrer beispiellosen Vitalität trotz härtester Arbeit der Zukunft lebensbejahend gegenüber. Symbolisch ist in diesem Sinn der Schluß zu deuten: 'Ihr [Muhibes, d. Verf.] Rücken bückte sich, ein mächtig gewölbtes Dach, über dem Werkzeug, das manchmal in der Sonne blendete, ihre Finger wühlten, rupften Unkraut aus. Sie hatte Geduld mit dem Land, sie ersparte sich nichts, und Nairne war neben ihr, hüpfte zwischen Blättern und Stengeln mit weichem Mark, gedieh wie der Mais." Muhibe wird zum Symbol für einen absoluten ethischen Anspruch auf Glück und vor allem auf Freiheit, um die in leidenschaftlichem Aufbegehren gerungen wird.
      Die orientalisch-balkanische geographische Landschaft stellt den einzigen Lebensraum dar, in dem ihr indvidueller Glücksanspruch am ehesten Erfüllung findet. Aus dieser Balkanerfahrung mit ihren noch funktionierenden Traditionen zwischenmenschlichen Umgangs, bestimmt von Spontaneität und historisch-gesellschaftlich bedingter Eigenartigkeit sowie einem daraus resultierenden Fatalismus, ergibt sich eine letztendliche Erklärung für die Realisierung der Hauptgestalt. Die Umgebung des Hafens Balcic wird als Bewegungs- und Demonstrationsrahmen der individuellen Freiheit beschrieben. Muhibes Weg stellt die Suche nach einem noch bewohnbaren Lebensraum dar. Innerhalb der Lebenshaltung Muhibes kommt der Natur, der Landschaft und dem Klima - als Existenzgrundlage dieser Figur - eine besondere Rolle zu. Die Natur 'läutert und läßt den durch Gemeinheit gedemütigten Menschen sich wieder auf sich selbst besinnen". Hinter dem versunkenen Betrachten und leidenschaftlichen Beschreiben der balkanischen Landschaft verbirgt sich ein Widerstand gegen die erstickende Zivilisation des 20. Jahrhunderts. Der Balkan wird zum Zufluchtsort für den, der sich nicht den Gesetzen der neuen Zeit unterwerfen will.
      Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Balkanische im Werk O.W. Ciseks als ein tauglicher gesellschaftlicher Raum für eine Integration des Individuums erscheint. Die Präsenz des Orientalisch-Balkanischen in der Tatarin ist mit einem Erneuerungsanspruch in der rumäniendeutschen Prosa verbunden; bei Cisek tritt das im späteren Werk erneut auf.

     
   Thomas Mann nennt Die Tatarin 'eine schöne gediegene Arbeit, die ohne Faxen und Gezappel, mit ruhig beherrschenden und würdigen Mitteln alles erreicht, was sie anstrebt und künstlerisch den besten deutschen Ãoberlieferungsgeist verwaltet"11, und äußert seine Freude 'an der sicheren Vertrautheit, mit der das exotische Milieu, sein Menschentum gesehen und gestaltet ist, und an der gebändigten Kraft, mit der das Empfinden des Lesers an diesem fernen, fremden, fruchtbaren Leben beteiligt wird" .n Es sind Züge, die Ciseks Erzählung in die Nähe von Panait Istratis Kyra Kyra-lina rücken.
      Hermann Hesse schätzt 'dieses ausgezeichnete Stück Prosa", sowie 'die präzise und dezente Sprache", 'die Klarheit und Aufrichtigkeit, mit der Cisek zu Werk gegangen ist"13.
      Das parasitäre Dasein eines in seiner Lethargie dem animalisch Triebhaften verfallenen Menschentums wird in der Erzählung Spiel in der Sonne dargestellt. Der Autor zeigt surrealistische Bilder eines Bukarester Mietshauses während der heißen Sommermonate in den zwanziger Jahren. Unwiderleglich steht die ganze Atmosphäre bei Cisek im Einklang mit den Worten, mit denen der rumänische Schriftsteller Mateiu I. Caragiale sein Meisterwerk Craii de Curtea-Veche beginnt: 'Nous sommes ici aux portes de l'Orient" . In unserenTagen findet man diese typische Balkanatmosphäre im Roman Groapa des rumänischen Verfassers Eugen Barbu.
      Einzigartig ist aber ihre Beschreibung bei einem rumäniendeutschen Autor und im deutschsprachigen Raum überhaupt. Der aus Bukarest stammende Schriftsteller beschreibt die Peripherie seiner Heimatstadt als etwas Selbstverständliches, Familiäres. Im Vordergrund steht der Hauptmann Dimitriu, durch welchen der Verfasser einen wesentlichen Aspekt des damaligen Bukarest, nämlich das parasitäre Dasein, festhält.
      Frühzeitig entlassen, schlägt der Hauptmann seine Zeit tot und verbraucht das Vermögen seiner Frau: 'Der Hauptmann reckte sich wieder [...] ,Ich liebe diese Faulheit', sagte er darauf mit seltsam entrückter Stimme, ,man ruht in ihr wie eine Spinne im weiten bequemen Netz'. Die Lider schloß er und hatte mit einmal etwas ehrlich Wehmütiges in der Entspannung seiner Züge, als er nach einer kleinen Weile hinzusetzte: ,Ihr Bräutigam, Fräulein Sofica, muß ein unheimlicher Mensch sein. Der arbeitet wohl jeden Tag? Unglaublich!' - ,Ja, er arbeitet viel' entgegnete Sofica mit aufrichtig beteuernder Miene. ,Dem ist die Arbeit beinahe so was wie ein Vergnügen, wie eine Leidenschaft.' - ,Ein unbegreifliches Wesen!'"

   Das genießerische Nichtstun -praktisch schläft der Hauptmann den ganzenTag, bezeichnend ist dafür sein öfteres Auftreten im 'Pyjama" - wird plötzlich durch die Abfahrt der Frau Dimitriu unterbrochen. Der Hauptmann nützt die Abwesenheit seiner Gemahlin aus und geht eine enge Beziehung zu seiner Nachbarin Sofica ein.
      Die Sittenverderbnis, die Seelenrohheit und psychische Entartung, die Cisek hier mit groteskem Humor darstellt, lassen auch den unvermuteten Schluß, die Ermordung der Hauptmannsgattin vor den Augen ihres Mannes durch die von krankhafter Eifersucht getriebene Sofica, keineswegs erschütternd erscheinen, sondern vielmehr als möglichen Ausweg aus einer schweren Situation. Die drückende Hitze der Sommermonate begleitet leitmotivisch die Ereignisse, die vorgeführt werden. Sie wirkt, wie übrigens in Ciseks meisten Werken, heilbringend, indem sie das Triebhafte im Menschen nicht nur auslöst, sondern auch vertieft.
      Die unter dem Druck der starken Sonnenglut stehende Peripherie Bukarests ist auch der Hintergrund der Erzählung Am neuen Ufer . Ein heruntergekommener, invalider Bettler verliebt sich in eine viel jüngere Frau. Aus dem Wunsch heraus, vor ihr in neuen Kleidern zu erscheinen, verübt er einen Raubüberfall auf einen hilflosen alten Buchhalter. Das aufmunternde Zureden eines Arbeiters und die durch die Liebesenttäuschung bewirkte seelische Erschütterung lassen mit der Zeit einen Wandel in ihm vorgehen. Trotz seiner körperlichen Behinderung will er arbeiten, um dem Ãoberfallenen Buchhalter das abgenommene Geld zurückzuerstatten.
      Denselben seelischen Wandel kennt auch der Held der Erzählung Die Entlastung . Der Held, dessen Name nicht angeführt wird, ein primitiver, gewalttätiger, junger Schmied, befindet sich auf dem Weg durch eine endlose Steppe, die ihn in eine andere Stadt führen soll, 'in der er sich von einem Handwerker anwerben lassen wollte". Da begegnet er einem verdurstenden Landstreicher. Dieser möchte einen Schluck Wasser, den ihm der Schmied kaltherzig verweigert. Im dadurch ausgelösten Kampf wird der Landstreicher vom Schmied niedergeschlagen. Dabei verletzt sich der Unbekannte selbst durch einen Schuß aus dem eigenen Revolver. Das Leiden des sich vor ihm krümmenden Opfers löst allmählich im Schmied menschliche Gefühle aus. Solche Gefühle sind für ihn etwas Neues. Ãobrigens wird in einer kurzen Vorgeschichte auf die Grobheit seines Benehmens und auf seine Primitivität eingegangen: Kaltblütig, ohne sich Gedanken zu machen über das weitere Schicksal seiner schwangeren Geliebten, verläßt er diese brutal und gewissenlos. Zur Vorgeschichte gehört auch die Szene, in der der junge Schmied ein Huhn stiehlt, um seine Nahrung für die geplante Reise zu sichern.
      Das eigentliche Geschehen wird durch den Tod des verwundeten Landstreichers fortgesetzt, der seinem Leben selbst ein Ende gemacht hat, um den unerträglichen Schmerzen zu entgehen. Der Hauptheld schleppt nun verzweifelt den Toten weiter, irrt vom Wege ab und stirbt neben seiner Last inmitten der unberührten Natur.
      Im Vordergrund stehen die schicksalhafte Verflechtung der Ereignisse und die Verhaltensweise des Menschen in einer Grenzsituation. Schuld und Sühne prägen die interessante Gestalt des Haupthelden und stellen ihn in eine Reihe mit F. M. Dostojewskis Gestalten. Ciseks Erzählung ist die Geschichte einer leidenden Humanität. Ohne einen Typus zu gestalten, deutet der Verfasser mit feiner Sensibilität Bewußtseinsänderungen. Gezeigt wird am Beispiel des primitiven Schmieds, wie ein Mensch in einer für ihn ungewöhnlichen und z.T. lebensbedrohlichen Situation reagiert. Es handelt sich um die Bewährung des Individuums in einer Grenzsituation. Wie bei Maxim Gorki werden die moralischen Werte bei Cisek des öfteren nicht nur in den schönen Aspekten der menschlichen Existenz, sondern auch im 'Moloch des Lebens" gesucht. Situationen, Thematik und Struktur markieren das novellistische Gepräge des Textes. Ein Krisenmoment, eine Grenzsituation des Lebens, bestimmt Gehalt und Struktur des Geschehens bis in die Sprachgebärde.
      Die Begebenheit, von der die Geschichte erzählt, ist, um J.W. Goethes klassische Definition der Novelle heranzuziehen, eine 'außergewöhnliche", greift tief in das Leben der Hauptperson ein, bringt sie zu einem Verhalten, das der Held vorher vielleicht nicht für möglich gehalten hätte, erweist sich schließlich als Bewährungsprobe, die er besteht. Auch erscheint von diesem Standpunkt aus das Geschehen als 'Ereignis", d. h. 'nicht als geradlinige Durchführung einer Absicht, sondern als plötzliche, unerwartete Fügung, die die Absichten durchkreuzt". Die novellistische Struktur von Ciseks Erzählung ist eindeutig: Unvermittelter Beginn, dramatischer Aufbau, Steigerung der Spannung bis zum Höhepunkt, der gleichzeitig überraschender Wendepunkt ist.
      Viele Stellen unterstreichen die verhängnisvolle Rolle der Natur, vor allem die heilbringende Vorherrschaft der Hitze, im Rahmen des Geschehens. Aufschlußreich ist auch die symbolische Bedeutung desTitels. Es handelt sich hier um eine doppelte 'Entlastung", um eine psychische und eine moralische. Man könnte zusätzlich noch auf die tiefenpsychologische Motivgestaltung eingehen, wobei diesbezüglich auch andere wichtige epische Texte des rumäniendeutschen Schriftstellers aussagekräftig wären.
      Die Erzählung Der erlöste Sommer ist die in einer Kleinstadt Nordsiebenbürgens spielende Geschichte eines jüdischen Mädchens, Rachel Mendel, deren durch ihre Leidenschaft und den heißen Sommer entfachte Unrast im Muttertum Erlösung findet. Eine Sonderstellung im epischen, mit selbstbiographischen Zügen ausgestatteten Schaffen Ciseks nimmt die Erzählung Der neue Spiegel insofern ein, als sie nicht in der Heimat des Schriftstellers, sondern in Italien, in der Umgebung von Neapel, spielt. Dieser Aufenthalt in Italien spiegelt sich übrigens auch in zwei Gedichten wider.I Die Erzählung ist in der Ich-Form geschrieben und berichtet von den Erlebnissen eines jungen Deutschen, der sich in der fremden italienischen Umwelt von seinem inneren Druck zu befreien versucht und die Erlösung schließlich in dem Anblick eines unschuldigen Kindes findet.

   Wann immer man den Ich-Erzähler am Modell der Autobiographie mißt, wird die Frage nach der besonderen 'Wahrhaftigkeit" des Erzählers, nach dem besonderen Verhältnis von Ich-Erzähler und erzählter Wirklichkeit akut. Für Käte Hamburger ist die Ich-Erzählung eine imitierte Wirklichkeitsaussage. Imitiert wird im Grunde die Wahrheit der Autobiographie, in unserem Fall Ciseks Aufenthalt in Italien. Und diese 'fingierte Wirklichkeitsaussage" unterscheidet Käte Hamburger als eigene literarische Form von der Er-Erzählung: 'Die Setzung der Fiktion ist eine völlig andere Bewußtseinshaltung als das Fingiertsein"22. 'Alles, was in der Ich-Form erzählt wird, ist irgendwie von existentieller Relevanz für den Ich-Erzähler. Für diese existentielle Relevanz des Erzählten für den Ich-Erzähler gibt es in der Er-Erzählung [...] keine entsprechende, ähnlich wirkende Sinndimension. Die Erzählmotivation eines auktoria-len Erzählers ist literarisch-ästhetischer, nie aber existentieller Art"23, bemerkt Franz K. Stanzel. Der 'personale" Erzähler der Ich-Erzählung bedeutet die Festlegung auf eine 'Innenperspektive"24, d.h. die weitgehende Steuerung des Erzählers nach psychologischen Kriterien. Die psychologische Wahrheit wird zum Organisationsprinzip des Erzählten.
      Die 1931 erstmalig erschienene Erzählung Borum Humarians Liebestod wurde später vom Schriftsteller teilweise überarbeitet. Ihr Held, der Bukarester armenische Kleinhändler Borum Humarian, kann sich in der wirtschaftlichen Krisenzeit nur schwer über Wasser halten. Bei einem seiner verzweifelten Gänge, um sich Geldmittel zu beschaffen, trifft er auf das etwa vierzehnjährige Dienstmädchen Anica, die seine Leidenschaft entfacht und ihn immer wieder wie ein Magnet anzieht. Da Anica sich ihm jedoch entzieht, trotz der kleinen Geschenke, die er ihr macht, verfällt er in Trübsinn. Umsonst versucht Svetanka, seine Frau, ihn zu trösten. An dieser Nahtstelle wird die Fragwürdigkeit einer Existenz wie die Borum Humarians offenbar, wird die Brüchigkeit seines kleinen Händlerdaseins sichtbar. Ohne jeglichen Bezug zum gesellschaftlichen Leben, der über pünktliche Erfüllung seiner untergeordneten Aufgabe hinausgeht, ohne bewußtes Leben überhaupt, muß der Held zur Befriedigung seiner seelischen Bedürfnisse, seiner Sehnsucht nach Liebe, in den Bereich eines Wunschtraumes ausweichen, um seine Misere und darüber hinaus sein stupides Leben zu kompensieren. Die Katastrophe ist in dem Moment unabwendbar, in dem das mühsam aufrechterhaltene, immer bedrohte Gleichgewicht zwischen dem realen Leben und der vorgestellten Wirklichkeit gestört wird. Die alles vernichtende Leidenschaft der Hauptgestalt wurzelt in der Sehnsucht nach einem anderen, besseren, idealen Leben, das keinerlei Entsprechung in der privaten und gesellschaftlichen Umwelt von Borum Humarian gefunden hat.
      An einem glühend heißen Sommertag, während Borum Humarian wie schon so oft vergeblich seine Geliebte sucht, erleidet er ein grausames Schicksal: 'Es kam wie ein Nebel über ihn. Wer konnte sich da noch auskennen? Aber nun geschah das Merkwürdige, daß ein breiterTeil der Straße unwirklich vor ihm hinschmolz, nun hatte sich ihm die Zunge zwischen den Kiefern eingeklemmt, und er wußte nicht, weshalb seine klebrigen Hände nach dem Rockkragen griffen, ihn hochschlugen, er wollte seine Augen offen halten, doch es gelang ihm nicht, der letzten Spanne Zeit, die ihm der Hitzschlag ließ, noch Herr zu werden, bevor sein toter Körper niederkippte, lautlos und weich wie ein Schlauch, den jäh gerinnenden Verkehr um sich"25. Hier wird im Detail der Zusammenbruch eines Menschen gezeigt, dessen oberstes Gesetz die blinde Leidenschaft ist. Cisek sucht den Menschen dort auf, wo das Schicksal ihn zum Leidenden macht, wo Verhängnisse ihn zur Kreatur degradieren. Das zerbrochene Individuum stellt das Vorbild seiner Gestalt dar.
      Den Abschluß schärfer zu pointieren, hat Cisek nicht mehr verwirklichen können. Mündlichen Mitteilungen nach sollte Borum Humarian im Verein mit einem jugendlichen Verehrer Anicas einen nächtlichen Einbruch in seinem eigenen Laden inszenieren, mit der verzweifelten Hoffnung, sich durch diesen Streich und die Beute vielleicht doch noch die Gunst des geliebten Mädchens zu erobern.
      In einer realistischen bis grotesken Art gibt derVerfasser das menschlicheTrieb- und Seelenleben wieder. In Borum Humarians Liebestod entfaltet sich bei einem Minimum von äußerer Handlung die Kunst von Ciseks behutsamer Seelenschilderung. Der Autor entdeckt eine Erzählperspektive, die es ihm ermöglicht, die halb artikulierten, traumartigen Bewegungen und Antriebe der Seele, die einsamen, nur halb bewußten Regungen, die pausenlos flutenden Assoziationen der verdeckten Innerlichkeit einzufangen und derart mit äußerster Vergegenwärtigung eine innere Geschichte des Menschen zu geben. Seine Erzählung wird wie viele andere Werke von O.W. Cisek ein wesentliches Ausdrucksmittel, um die geradezu mikroskopische Psychologie des Unterbewußten widerzuspiegeln. Der rumäniendeutsche Schriftsteller gehört diesbezüglich zu jener Kategorie von Autoren, die sich der Analyse des inneren Bereichs der menschlichen Existenz nähern, wie etwa Georg Büchner {Lenz, 1839), Otto Ludwig und vor allem Arthur Schnitzler .
      Der Held der 1948 entstandenen Erzählung Das Ellenmaß ist der bescheidene 46jährige Steuerbeamte Haralamb. Einzigartig ist diese Gestalt in der Galerie von Ciseks Porträts. Haralamb kann demselben Menschentyp wie Balzacs unvergeßlichem Grandet zugeordnet werden, der ein Opfer seines übertriebenen Geizes wird. Wie dieser ist Haralamb äußerst sparsam; sogar seine Bewegungen sind wie bei Grandet 'kurz" und werden nur dann durchgeführt, wenn sie 'unbedingt" notwendig sind. Seine Sparsamkeit gelangt zum Paroxysmus: 'Selbst wenn er hustete, geschah es sparsam und knapp." Er stopft seine abgetragenen Anzüge selber und schläft auf einem alten, kurzen Sofa, zugedeckt mit einer verschossenen blauen Bettdecke, die ihm bis unter die Brust reicht: 'Nach manchen Jahren der Versuche hatte er es mit viel gutem Willen zuwege gebracht, seinen Leib während des Liegens so zu biegen, so erfinderisch zu knicken und zu wenden, daß die Decke langte"31.
      Eines Morgens erwacht nun Haralamb und nimmt sich fest vor, seinem Leben eine neue Wendung zu geben: 'Er beschloß, sich eine neue Decke, eine große Decke anzuschaffen. Die sollte sich nach ihm, nach seinem Gutdünken undWohlgefallen richten, wie er sich jahrelang nach der Knappheit der Kinderdecke gerichtet hatte"32. Die ganze Existenz Haralambs steht im Zeichen dieses Wunschtraumes. Aber die neue große Decke, die der Held so im Geschäft wählt, als ob er sich eine Geliebte aussuchen würde, bereitet ihm Unruhe, denn sie will sich ihm nicht anpassen: 'Er zog sie [die Decke] zu sich herauf, er wollte ihr nicht zürnen, aber sie, die so scheinheilig tat, wenn er sie bei Licht anschaute, rührte sich wohl ununterbrochen, während er schlief. Hinterhältig war sie, die sich immer wieder nach allen Seiten verzog, verschob, über ihn hinweg, um vom Sofa hinunter zu gelangen .. ."33.
      Das Neue bedeutet den Umsturz des bis dahin so monotonen Daseins des Steuerbeamten. Dieser kann nicht anders leben als er bis zum Kauf der neuen Decke gelebt hat; er kann sein beschränktes Universum nicht verlassen. Er ankert tief und für immer darin. Deshalb findet Haralamb, 'daß das Leben in Gemeinschaft mit dieser Bettdecke hinfort eigentlich nicht gut erträglich wäre" und schenkt sie seiner Nichte Aurelia zu ihrer Hochzeit. Bald darauf träumt er, Gott messe ihm mit einem vierkantigen, gelben Ellenstecken eine passende Decke an, und 'er schlafe unter der eben vom lieben Gott erhaltenen Decke, die staunenswert richtig bemessen sei und sich unsäglich wohlig anfüge [...], indes er, nach vorn geknickt, unter der kurzen Kinderdecke lag. Sehr glücklich war er, bis er erwachte. Aus seinem gütigenTraum nahm er ein unbeschwertes Lächeln in denTag hinüber"35.
      Cisek faßt die Eigentümlichkeiten der Struktur des einfachen Menschen zusammen. Haralamb symbolisiert - wie Nikolai Gogols Gestalt im Mantel -den naiven, genügsamen, von seinem Beruf ausgefüllten Beamten, dem das Neue, das in seinen gewohnten Lebenslauf einbricht, Unruhe und Unbehagen verursacht. Haralamb baut sich ein eigenes, absurdes System auf, das ihn von der Realität abtrennt.
      Ende der vierziger Jahre veröffentlicht der Schriftsteller die Erzählung Auf dem Steg der Einfalt . Im Stil des früheren novellistischen Werkes ist auch hier das Geschehen exotisch geprägt. Es geht um das 'Land der Eichen"36, um das in Nordsiebenbürgen liegende Karpatenland, Jara Oasului. Cisek ist von dieser geheimnisvollen, wilden Welt, die weitab von der Zivilisation liegt, fasziniert: 'Der Mythos schoß dort überall gleich üppigem Unkraut aus heidnischem Vorstellungsvermögen, und der Götzendienst blühte geradezu."

   So unheimlich wie die Gegend, die er durchquert, ist die weibliche Gestalt, der der sehr junge Hirt Petru auf dem Weg von Moiseni zu seiner Herde begegnet. Der Held fühlt sich plötzlich vom unbekannten Mädchen stark angezogen: 'Denn er [Petru] hatte sich bereits, so unwahr es auch klingen mag, bei der ein wenig näheren Betrachtung dieses Geschöpfs, das ihm derart unerwartet über den Pfad geraten war, unter dem Ansporn einer seltsamen Verlockung, durch die alle in ihm noch vorhandene Scheu mit einmal wich, in ganz anderes hineingefunden. Oh, er ließ sich sogar einigermaßen gehen, er machte kein Hehl aus dem unverfrorenen Anstaunen ihrer Glieder."

   Der unerfahrene Petrus fällt der schönen, von Leidenschaft bewegten Unbekannten zum Opfer. Er erfährt sein erstes Liebesabenteuer inmitten der Natur, zu der er übrigens eine enge Beziehung hat. Petrus ganze Existenz als Hirt steht in Verbindung mit der ihn umgebenden Landschaft. Es besteht deshalb eine vollkommene Identität zwischen dem, was sich in Petrus Seele während des allmählichen Erwachens der Leidenschaft abspielt, und der umliegenden Natur. Dieselbe 'Helligkeit", die ihm die Liebe bringt, dominiert denWald, 'der einem Raum glich, durch dessen offenes Fenster viel Helligkeit Einlaß fand. Stünke säumten die Grasfläche. Ein junger Ahorn, der allein über Brombeeren stand, regte sich ins freiere Licht" Petru ist so tief in seiner unmittelbaren Umwelt verankert, daß er sogar 'die verschwenderische Zärtlichkeit, die er bisher niemals noch gekannt hatte" als 'ein wildes, gutes Gewitter" empfindet.
      Eigentlich identifiziert sich bei Cisek der 'gesellschaftliche" mit dem 'geistigen" Raum. Die räumliche Konfiguration hängt bei ihm direkt mit dem Stoff und vor allem mit der Eigenart der Gestalten zusammen, oder umgekehrt, der Cisek'sche Held wurzelt mit Leib und Seele in seiner umgebenden Landschaft.
      Abschließend mögen folgende Bemerkungen im Zusammenhang mit Ciseks kurzer epischer Prosa und mit ihrer Integration in den europäischen Kontext gemacht werden:
Der Wert der Erzählungen des rumäniendeutschen Schriftstellers liegt besonders darin, daß er dem deutschen Lesepublikum den rumänischen Raum - die Bukarester Peripherie, einen Teil der Schwarzmeerküste und Nordsiebenbürgen - bekanntmacht. In seinem an Cisek gerichteten Brief vom 21. November 1961 schreibt Erwin Wittstock, 'daß Sie [Cisek] es verdienen würden, neben den großen rumänischen Malern immer wieder mitgenannt zu werden. Es ist erstaunlich, wie scharf Ihr Blick und wie reich Ihre sprachliche Meisterschaft ist, den Sommer der rumänischen Landschaft oder der Hauptstadt Bukarest in immer neuen Farben zu schildern [.. .]"
Für sämtliche Erzählungen, wie für die wichtigsten Romane, ist die Verwurzelung der Menschen und ihrer Geschicke in der Landschaft charakteristisch. Die Fähigkeit, sich jederzeit der 'Macht des Zuständigen und Elementaren, des Ursprungs und des Immerwährenden" zu überantworten, die Sinnlichkeit, mit der Cisek die Urwüchsigkeit der Menschen, ihre Freude am naturhaften Dasein, vor allem in der Tatarin und in Auf dem Steg der Einfalt, schildert, rücken ihn in die Nähe des großen rumänischen Schriftstellers Mihail Sadoveanu. Wie bei diesem löst sich der Mensch bei Cisek im Raum auf. Die Mensch-Raum-Beziehung sichert desgleichen die erzählerische Einheit in Ciseks Kurzprosa.
      Die meisten Erzählungen von O.W. Cisek sind Erzählungen der Seelenkrise wie etwa bei Arthur Schnitzler. Bei zersplitterter äußerer Geschichte in Borum Huma-rians Liebestod oder im Spiel in der Sonne ordnet sich der erzählerische Ablauf der innerseelischen Vorgänge frei nach den Strömungen und Assoziationen des Unterbewußtseins der vorgeführten Personen. Die Schilderung der Außenwelt und also auch die Rolle der äußeren Handlung hängt wesentlich davon ab, wie dieser Bewußtseinsstrom die Verhaltensweise der Gestalten bestimmt. Das Geschehen weist weniger Knotenpunkte als vielmehr Entwicklungsströme auf. Das Erzählen faßt solche Ent-wicklungsströme zusammen und geht auf Einzelereignisse nur ein, um den Entwicklungsstrom widerzuspiegeln, wie in der Erzählung Die Entlassung.
      Trotz der Auseinandersetzung mit psychologischen Sonderfällen ist die dominierende Erzählperspektive jene des auktorialen Erzählers. Das könnte als der Widerspruch der Erzählkunst von Ciseks kurzen epischen Texten gelten. Es handelt sich aber um einen scheinbaren Widerspruch, denn in Wirklichkeit versucht der Schriftsteller die Grenze zwischen der Außen- und Innenwelt zu überwinden, um eine einzige Realität, jene der dichterischen Fiktion, darzustellen.
      Die meisten Helden Ciseks sind Außenseiter, einsame vomTriebhaften beherrschte Individuen, psychologische Sonderfälle. Das Einfühlungsvermögen in das tiefste Innere der einfachen Menschen hat der rumäniendeutsche Schriftsteller mit Panait Istrati und Maxim Gorki gemeinsam.

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