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Die Entwicklung der deutschen Novelle in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg



Die bisherige Darstellung der Geschichte der deutschen Novelle im 20. Jahrhundert reicht bis in die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Ein Ausblick auf die Zeit nach dem Krieg soll den Abschluß des Buches bilden. Er wird nicht ergiebig sein. Bedeutende Novellendichtungen sind in dem Zeitraum zwischen den vierziger Jahren und der unmittelbaren Gegenwart nur in geringem Umfang geschaffen worden. Anstelle der Novelle ist weithin die Kurzgeschichte getreten.

      Wenn man trotz ihrer Vorherrschaft nach Novellendichtungen von Rang fragt, ist an erster Stelle Max Frisch zu nennen. In dem Roman ,Stiller' finden sich zahlreiche Erzählteile, die novellistischen, manchmal allerdings auch märchenhaften Charakter haben: Die ,Isidor'-Novelle, das mehr märchenhafte Stück ,Rip van Winkle', die Novelle vom Höhlenerlebnis und die Geschichte vom .Fleischfarbenen Kleiderstoff'. Sie alle besitzen eine gewisse Abgeschlossenheit. Es war darum verständlich, daß der Dichter manche von ihnen auch losgelöst vom Roman veröffentlicht hat. Allerdings hat diese Abgeschlossenheit, von dem Ganzen des Werkes her gesehen, mehr relativen Charakter; denn ohne Ausnahme sind sie zugleich mit der Konzeption des Romans entstanden und in diesen so integriert, daß sie jeweils die Entwicklung und die Situation Stillers und anderer Gestalten von dieser oder jener Seite her belichten. Anders verhält es sich mit dem ,Homo Faber'. Zwar wird man rein formal auch dieses Werk der Gattungsform des Romans zuordnen. Vor allem die Episodentechnik, die für den Roman von Bedeutung ist, schafft einen Ãoberschuß, der das zentrale Handlungsgefüge nach dem Roman hin ausweitet. Die Kernhandlung aber ist ausgesprochen novellistischer Art. Von da aus ist es zu verstehen, daß man manche Partien episodenhafter Art - etwa die Ivy-Episode - aus dem Werk herauslösen kann, ohne die innere Konsequenz der Handlung zu verletzen. Das Motiv, aus dem sich die zentrale Handlung entfaltet, weist eine deutliche Analogie zu Goethes Novelle ,Der Mann von fünfzig Jahren' aus den , Wander jähren' auf; allerdings so zugespitzt, daß es, anders als im Werk Goethes, nicht um die

Liebe des Vaters zur Verlobten des Sohnes, sondern um die Liebe des Vaters zum eigenen Kind geht. Dabei spielt - wieder anders als in der Dichtung Goethes - das im Hofmannsthal-Kapitel schon erörterte Klima der Tragik und der tragischen Schuld eine entscheidende Rolle. Voraussetzung des Geschehens ist die durch die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Technik ausgelöste Versuchung, die Grenzen zu überschreiten, die dem Menschen durch die Situation der Endlichkeit gesetzt sind; vor allem die Versuchung, über das Leben zu verfügen; sei es über das eigene, sei es über das fremde. Dazu kommt jene Verblendung, die ebenso wesenhaft zur ursprünglichen Auffassung der Tragik gehört wie die hybride Ãoberschreitung der kreatürlichen Schranke. Walter Faber ist blind in der Liebesbegegnung mit dem eigenen Kind; er ist aber auch blind in Hinsicht auf die eigene körperliche Verfassung, die ihn zur gleichen Zeit an das Ende seines Lebens geführt hat. Im spezifischen Sinn tragisch ist auch die durch das ganze Werk reichende Spannung zwischen dieser Blindheit und der Chance der Selbsterkenntnis; auch wenn sich bis zum Ende die Blindheit stärker erweist als das 'Erkenne dich selbst". So gesehen, ist es alles nur kein Zufall, daß sich an mehr als einer Stelle Anspielungen auf den ,ödipus rex' des Sophokles finden. Formal arbeitet auch Max Frisch mit jener Redeform des Monologue interieur, der in den Prosadichtungen des 20. Jahrhunderts eine so große Bedeutung gewonnen hat.
      Wenn man in der Literatur der Nachkriegszeit des weiteren novellistische Werke von Rang und Bedeutung benennen soll, wird man die Novelle nicht übergehen, die Günter Grass unter dem Titel ,Katz und Maus' veröffentlicht hat. Das Geschehen ereignet sich in dem gleichen Raum, der auch den Schauplatz für die großen Romane des Autors bildet. Es ist die Landschaft um die Stadt Danzig herum. Und nicht nur der Schauplatz ist der gleiche. Auch die Zeit des Geschehens ist übernommen: es sind die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Selbst Gestalten und Gestaltengruppen der Romane kehren wieder. Aber trotz dieser Verschränkung mit den großen Romanen wird man das Werk in seinem Kern gattungsmäßig als Novelle charakterisieren. Der Hintergrund der Handlung, Zeit und Raum, ist in echt novellistischer Weise weniger entfaltet denn in skizzenhafter Knappheit angedeutet. Wenn Paul Ernst von der Novelle als 'abziehender und zusammenfassender Kunstform" spricht, gilt diese Kennzeichnung auch für das Werk von Günter Grass. Dem in der ,Blechtrommel' in episodenhafter Breite entwickelten Geschehen um die Störtebecker-Bande begegnet man beispielsweise in ,Katz und Maus' nur in Andeutungen. Der zusammenschließende Charakter der Novelle wird - um an dieser Stelle von an-deren Aufbauelementen abzusehen - auch in der Leitmotivtechnik des Werkes - dem Leitmotiv der Katze und der Maus - realisiert, jenem Gestaltungsmittel, das deshalb auch als Titel der Novelle gewählt wurde.
      Die Novellenhandlung ist streng um die Hauptgestalt des Werkes, Joachim Mahlke, zentriert. Von ärmlich-unscheinbarer Herkunft, in der äußeren Erscheinung, vor allem durch den hypertrophen Adamsapfel, der 'Maus", häßlich, ja grotesk wirkend - er hätte schon als Kind eine komische Figur abgegeben, berichtet der Erzähler -, setzt er von Anfang an alles auf den Gewinn von Achtung und Ansehen, um auf diese Weise von diesem abstoßenden Ã"ußeren abzulenken. Diese Achtung scheint ihm unversehens durch den Besitz eines Ritterkreuzes verbürgt. Er wird des Ordens zum erstenmal ansichtig, als ein früherer Schüler des Gymnasiums, jetzt Leutnant der Luftwaffe, zu einem Vortrag vor Lehrern und Schülern des Gymnasiums eingeladen wird. Dabei richtet sich während des Vortrags Mahlkes ausschließliche Aufmerksamkeit auf die mit einem Ordensband verbundene Auszeichnung. Mit ihrem Besitz würde es möglich sein, seine äußere Entstellung zu verbergen, aber auch das Ansehen zu erringen, um das er bemüht ist.
      Diese Partie der Novelle ist indessen nur Vorausdeutung auf einen zweiten Besuch in der Schule; dieses Mal den eines Kapitänleutnants, auch er ehemaliger Schüler und wie sein Vorgänger im Besitz des Ritterkreuzes. Nun bleibt es nicht bei der bloßen Bewunderung; es bietet sich Mahlke auch eine günstige Gelegenheit, den Orden zu entwenden. Damit zeichnet sich der Beginn des Scheiterns und der Katastrophe ab. Als er sich entschließt, dem Leiter der Schule seinen Diebstahl einzugestehen, wird er von der Schule verwiesen. Zunächst scheint sich noch einmal eine Möglichkeit des Erfolges anzubieten. Zum Heer einberufen, findet er im russischen Feldzug Gelegenheit, sich dank seiner Hartnäckigkeit selbst das Ritterkreuz zu verdienen. Um sein verlorenes Ansehen wiederzugewinnen, kommt er in seine alte Schule mit dem Wunsch, selbst einen Vortrag zu halten gleich jenem Offizier, dem er zuvor den Orden entwendet hatte. Der engstirnige Direktor aber weist seinen Wunsch zurück, und zwar aus disziplinarischen Gründen: Man kann ihm sein früheres Vergehen nicht verzeihen. Das Ende der Novelle: Mahlke sucht, verzweifelt über sein gescheitertes Leben, den Tod, indem er in ein polnisches Wrack im Hafen von Danzig hinabsteigt, in der offenbaren Absicht, nicht mehr den Weg ins Freie und zum Leben zurückzufinden.

     
Vergleicht man das Werk mit der nach dem Krieg die Novellendichtung ablösenden Kurzgeschichte, dann fällt sofort eines ins Auge. Im Gegensatz zu der im allgemeinen mit dem 'Schicksalsschlag" einsetzenden Kurzgeschichte gelingt es Günter Grass noch einmal, die für die Novelle charakteristische, streng final bezogene Handlungsführung zu realisieren. Von Anfang an ist alles auf die Katastrophe am Ende der Handlung hin bezogen. Vorausdeutungen bereiten diese vor; vor allem der mißlungene erste Versuch, sich den Orden zu beschaffen. Gelungen ist auch die für die Novellenform wesentliche Konzentration. Wie schon angedeutet, sind Hintergrundgeschehen, Zeit und Raum der Novellenhandlung dem Geschehen um Mahlke streng subordiniert. Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges sind für Mahlke höchstens eine willkommene Gelegenheit, sich persönliche Geltung zu verschaffen, ohne daß darüber die Hochstapelei des Nazismus und der dilettantisch begonnene Krieg ernst genommen werden. Zu der gleichen novellistischen Konzentration gehört auch die Vorliebe für das Dingsymbol: Durch die Handlung hindurch wird die Aufmerksamkeit immer stärker auf den Besitz des Ritterkreuzes gelenkt. Auch daß in diesem Zusammenhang die Leitmotivtechnik von Bedeutung wird, wurde schon erwähnt: die Maus als Zeichen für das, was Mahlke in seiner Existenz als fragwürdig und peinlich empfindet; die Katze als Symbol für die Gefährdung aller Bemühungen, das Entstellende in der äußeren Erscheinung durch ungewöhnliche Taten aufzuwiegen. Noch anderes könnte erwähnt werden: die Konzentration des Raumes auf das Wrack des polnischen Kriegsschiffes, in dem Mahlke am Ende den Tod findet. Nicht unwichtig ist es auch, wenn man die Aufmerksamkeit auf den Erzähler richtet. Der, der von Mahlkes Leben berichtet, ist ein Jugendfreund, der immer stärker angezogen wird von der Leidenschaft, mit der Mahlke bemüht ist, seinem scheinbar sinnlosen Leben einen Sinn zu geben. In welchem Maße er vom Schicksal seines Kameraden betroffen ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Weise, wie die objektive Darstellung von Satz zu Satz in eine Art von Dialog mit Mahlke übergeht. Oft genug geschieht es, daß mitten in einem Satz das 'Er" in das 'Du" der Anrede übergeht.

      Die Kurzgeschichte
Daß es schwierig sei, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Novellendichtungen von einigem Rang zu entdecken, wurde angedeutet. Auch darauf wurde schon verwiesen: Dieser Rückgang der Novellenproduk-tion ist im wesentlichen in der Tatsache begründet, daß die Gattungsform der Novelle in diesem Zeitraum weithin durch jene Prosaform abgelöst wurde, die man als Kurzgeschichte bezeichnet hat. An dieser Stelle ist es nicht nötig, ihre Herkunft aus der Weltliteratur zu verfolgen. Hier genügt der Hinweis auf ihre Entwicklung in der Nachkriegszeit. Die Autoren, die sich ihr zugewandt haben, sind so zahlreich, daß nur die bedeutendsten genannt werden können. Man begegnet ihr zunächst in dem Schaffen Wolfgang Borcherts. Ihm folgen Heinrich Böll, Elisabeth Lang-gässer, Hans Bender und andere Dichter. Auch in den Werken von Siegfried Lenz finden sich Erzählungen, die man als Kurzgeschichte zu charakterisieren berechtigt ist. Entscheidend in allen Versuchen zur Charakterisierung dieser Erzählform ist der Hinweis auf die radikale Isolierung des zentralen Ereignisses.
      Man hat des öfteren auch in bezug auf die Novelle die Isolierung und Punktualität als Charakteristikum erwähnt. So in den schon zitierten Ãoberlegungen von Paul Ernst. Und noch radikaler in den Sätzen, die Lukäcs in der .Theorie des Romans' der Novelle gewidmet hat. Trotzdem besteht in dieser Hinsicht ein entscheidender Unterschied zwischen beiden Erzählformen. So sehr auch in der Novelle das Geschehen des Vordergrunds, die eigentliche Novellenhandlung, isoliert erscheint, so bleibt doch eine Beziehung zu dem gewohnten Ablauf des Lebens, mag dieser Bezug auch noch so knapp und andeutungsweise dargestellt sein: Es ist der der Spannung und des Gegensatzes. Man denke an die ,Bassompierre'-Novelle in der Goetheschen Fassung der .Unterhaltungen' oder auch an die in diesem Band interpretierte Fassung Hofmannsthals12. Was um Bassompierre geschieht, entfaltet sich durchgängig als Gegensatz zwischen der Betroffenheit der Frau - bei Hofmannsthal auch des Mannes - und der schicksalentfremdeten Welt des Hofes und der adeligen Gesellschaft. Das gleiche gilt für das im Eingang des Kapitels gedeutete Werk Max Frischs: dort ist es die Spannung zwischen der Welt der technischen Zivilisation, in der Tod und Schicksal aus dem Bewußtsein verdrängt sind, und der Tragik, in die Walter Faber verstrickt ist. So gesehen ist es durchaus folgerichtig, wenn zahlreiche Definitionen der Novelle von einem solchen Konflikt als der Substanz der Novellendichtung sprechen. Ein solcher verlangt dann aber auch die Auseinandersetzung zwischen den gegensätzlichen Polen; eine Auseinandersetzung, aus der sich jenes Handlungsgefüge entfaltet, das im Austrag der Spannungen auf ein Ende ausgeht, das, wie in der Bassompierre-Novelle, die Unvereinbarkeit der gegensätzlichen Daseinsregionen deutlich macht oder aber eine mögliche

Synthese andeutet; beispielhaft in der Mozart-Novelle Mörikes, aber auch in anderen Novellen gestaltet.
     
   All das ist in der Kurzgeschichte nicht mehr möglich. Statt daß die Gegensätze zwischen dem berechenbaren Ablauf des Lebens und der plötzlichen und unerwarteten Fügung ausgetragen werden, herrscht zwischen beiden Bereichen der Zustand radikaler Fremdheit, einer Fremdheit, die so tiefgreifend ist, daß es zu einer Verstörung, aber nicht mehr zu einem echten Konflikt kommen kann. Die Kurzgeschichte, so schreibt Klaus Doderer, 'hat zum Gegenstand den Moment eines Bruches, den Augenblick, in dem die Folgerichtigkeit eines Geschehens durch ein übermächtiges Ereignis aufgehoben wird". Darum steht auch der 'Schicksalsschlag", in der Novelle durch Vorausdeutungen vorbereitet, nicht am Ende, sondern am Anfang des Geschehens. Ein solcher zerstört jäh, unvorbereitet und unvermittelt den Trug der Sicherheit, der das vergangene Leben hat verläßlich erscheinen lassen. Und auch die Zukunft wird jene Fremdheit zwischen dem Vertrauten und Unvertrauten nicht überwinden können, wie sie zuvor erlebt wurde.
      Die kurze Analyse einer Kurzgeschichte Heinrich Bölls möge das zeigen. Unter der Sammlung seiner Erzählungen findet sich eine, die den Titel ,Die Postkarte' trägt. Bezeichnenderweise ist es ein Ereignis aus dem zeitlichen Umkreis des Zweiten Weltkrieges; also aus einer Zeit, in der die Hilflosigkeit und Preisgegebenheit des Menschen extremen Charakter angenommen hat. Was dem, der berichtet, widerfährt, trägt sich in den Augusttagen des Jahres 1939 zu. Das Drohende, das am Horizont heraufzieht, nimmt er zunächst kaum wahr. Im Gegenteil: das Leben bietet sich ihm in einer Sicht dar, die für ihn so günstig, wie nur denkbar, scheint. Die Berufschancen sind verheißungsvoll: Er hat, nachdem er zuvor seine Prüfung bestanden, eine gute Stellung in einem Unternehmen gefunden. Der Aufstieg in der Gesellschaft scheint in jeder Hinsicht berechenbar und vor unangenehmen Ãoberraschungen geschützt. Der erste Urlaubstag zwischen der Prüfung und der kommenden Berufstätigkeit ist angebrochen. Er möchte ihn so angenehm gestalten wie nur möglich: im Strandbad, mit Lektüre; des Nachmittags ist ein Zusammensein mit einer befreundeten Kollegin vorgesehen. Auch die Mutter ist bemüht, ihm einen festlichen Tag zu bereiten. Sicherheit im gesellschaftlichen Aufstieg, Geborgenheit in der Sorge der Mutter, das ist der Ausgangspunkt und die auf wenige Sätze beschränkte Exposition der Erzählung. Da bricht etwas Unvorhergesehenes und Schicksalhaftes ein. Während der Sohn noch im


Bette liegt, hört er draußen die Stimme des Briefträgers. Die Mutter fertigt ihn ab. Er selbst kleidet sich an, um sich an den reich gedeckten Frühstückstisch zu setzen. Sein Blick fällt aber gleichzeitig auf die Mutter, die die Tränen kaum zu unterdrücken vermag. In gleicher Minute bieten sich ihm die Schlagzeilen der Morgenzeitung dar: 'Fortgesetzte Schikanen gegen Deutsche im Korridor". Noch versucht die Mutter ihre Unruhe zu verbergen. Aber die Unbeschwertheit des Anfangs weicht immer mehr einer Stimmung der Bedrücktheit, der Beklemmung und der Angst. Schließlich läßt sich nicht verleugnen, was der Postbote gebracht hat. Es ist ein Einberufungsbefehl zum Heer. Die Wehrübung ist auf acht Wochen vorgesehen. Daß diese Befristung eine Illusion ist, darüber sind sich Mutter und Sohn im klaren, ohne daß sie sich dieses Wissen eingestehen. Für den Erzähler ist es die Stunde des Abschieds. Man begegnet ihm wieder auf dem Bahnhof, wo er, begleitet von seiner Kollegin, auf den Zug wartet, der ihn zu dem militärischen Bestimmungsort bringen wird. Das Geschehen ist im Rückblick berichtet. Viele Jahre später hat der Erzähler wieder jenen Einberufungsbefehl in Händen. Aus dem Krieg ist er offenbar ohne Schaden zurückgekehrt. Inzwischen hat er seinen Aufstieg im Beruf gemacht, und jene, die ihn an dem verhängnisvollen Tag des Abschieds zu dem Zug begleitet hat, ist nun seine Frau. Offenbar hat das Leben ihm seine Gunst wieder zugewandt. Alles scheint in den gesetzmäßig berechenbaren Ablauf eingetreten. Aber noch ist die Erinnerung an die jähe Wendung, die sich Jahre zuvor ereignet hat, nicht vergessen.
      Die Erzählung ist konsequent auf 'einen einzelnen Fall", den Empfang des Schreibens, das den jähen Umschlag herbeigeführt hat, akzentuiert. Darüber hinaus wird expressis verbis nichts gesagt. Aber in diesem Fall verdichtet sich jener Einbruch des Schicksals, der jede Berechenbarkeit und Geschütztheit fragwürdig macht; hier die Katastrophe eines frivol begonnenen Krieges, den die zivilisierte Menschheit mit unvorstellbaren Opfern bezahlen mußte. Die Eigenart der Erzählung besteht darin, daß in ihr, wie so oft in der Kurzgeschichte, die Unvertrautheit und die Vertrautheit des durchschnittlichen Lebenslaufes in ein beziehungsloses Nebeneinander auseinandergerissen werden. Das Grausen des Krieges wird so furchtbar sein, daß offenbar jedes Wort hier versagt. Was geschehen ist, bleibt 'im Raum des Schweigens"; man kann nur ahnen, was der Betroffene erlebt hat. Es zum persönlich-privaten Dasein in Beziehung zu setzen, ist unmöglich. Nur eines wird am Ende der Geschichte gesagt: daß der Erzähler seit jener Stunde, da er den Einberufungsbefehl empfangen hat, nicht mehr zu vergessen vermag, wie sich jede Erwartung und Be-rechnung am Rande des Abgrundes entfaltet. 'Seitdem kann ich keine Strandbäder mehr sehen" - so gesteht er -, 'ohne Schmerz zu verspüren: Die Sonne, das Wasser und die Lustigkeit der Leute kommen mir falsch vor, und ich ziehe es vor, bei Regenwetter allein durch die Stadt zu schlendern." Die Geschichte schließt mit Sätzen, deren Skepsis und Ironie unüberbietbar sind: 'Mit großer Nachdenklichkeit habe ich sehr oft dieses Einschreibe-Etikett betrachtet, das meinem Leben eine sehr plötzliche Wendung gegeben hat. Und wenn im Sommer die Gehilfenprüfungen stattfinden, und unsere Lehrlinge nachher strahlenden Gesichtes zu mir kommen, um sich gratulieren zu lassen, bin ich verpflichtet, ihnen eine kleine Rede zu halten, in der das Wort .Aufstiegsmöglichkeiten' eine traditionelle Rolle spielt."

   Heinrich Böll hat einmal gesagt, daß Wolfgang Borcherts Werk für ihn Größe besitze, weil es 'unvergeßlich macht, was die Geschichte so gern vergißt: Die Reibung, die der einzelne zu ertragen hat, indem er Geschichte macht und sie erlebt"21. Das gleiche kann man von Bölls eigenem Schaffen sagen. Natürlich ist es kein Zufall - das wurde zuvor angedeutet -, daß die Kurzgeschichte erst nach dem Krieg ihre Blütezeit erlebt hat. In den meisten spielt die Zeit um den Nazismus und den Krieg eine entscheidende Rolle, diese Zeit der schlechthinnigen Hilflosigkeit des Menschen gegenüber anonymen Mächten totalitärer Art. Und man begreift von da aus auch, warum die Kurzgeschichte die Novelle abgelöst hat. Noch einmal: die Novelle bedarf zu ihrer Entfaltung eines Minimums von echter Spannung und Verschränkung jener Gegensätze, die das Ganze des Daseins ausmachen. Erst indem die Spannung ausgetragen wird, entfaltet sich jener Handlungszusammenhang, der für die Novelle charakteristisch ist. In der Kurzgeschichte ist eine solche Entfaltung nicht mehr möglich.

     

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Die  Entwicklung  der  deutschen  Novelle  der  Zeit  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg    





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