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Die Entdeckung der Individualität
Im ersten Absatz von Rousseaus Autobiographie meldet sich ein Bewußtsein von der Einzigartigkeit der eigenen Person, das in der hier spürbaren Schärfe vorher unbekannt war und das in dem beispiellosen Vorsatz, sich selbst ohne jede Scham und Schonung darzustellen, seinen literarischen Ausdruck sucht.
'Je forme une entrepnse qui n'eut jamais d'exemple, et dont l'execution n'aura point d'imitateur. Je veux montrer ä mes semblables un homme dans toute la verite de la nature; et cet homme sera moi.
Moi seul [...]. Je ne suis fait comme aucun de eeux que j'ai vus; j'ose croire n'etre fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre" .
Die Besonderheit seiner Person, die Rousseau sichtbar machen will, manifestiert sich nicht in den äußeren Ereignissen der Biographie, sondern in der inneren Entwicklung, in den moralischen Empfindungen, in der Stimme des 'Herzens", in den Antworten der Seele auf die feindliche Welt. Rousseau betrachtet es daher als eigentlichen Gegenstand seiner Bekenntnisse, 'de faire connaitre exactement mon interieur dans toutes les situations de ma vie" .
Dilthey hat das zentrale Motiv von Rousseaus Autobiographie in dem Willen gefunden, 'das Recht seiner individuellen Existenz zur Anerkennung [zu] bringen" . Rousseau läßt in der Tat keinen Zweifel an seiner Hochschätzung der eigenen Person in ihrer unwie-derholbaren Besonderheit. Das autobiographische Fragment Mon Portrait gibt das Bedürfnis, sich selbst als auserwähltes und hervorgehobenes Wesen zu empfinden, ganz unverstellt zu erkennen: 'J'aimerais mieux etre oublie de tout le genre humain que regarde comme un homme ordinaire" . Die kalkulierte Schamlosigkeit der Confessions hat sicherlich auch die Funktion, den Autor als Ausnahmenatur erscheinen zu lassen.
Wer in so extremer Weise auf Unvergleichlichkeit Anspruch erhebt, bringt sich in eine isolierte Position und begründet damit einen Zustand dauernder innerer Unsicherheit: Da dem Subjekt jede Bestätigung fehlt, die ihm durch eine stabile Einordnung in gesellschaftliche Bezüge zuwachsen könnte, muß es sich durch eigene Anstrengungen immer neu rechtfertigen und seiner selbst vergewissern. Rousseau findet keinen Halt mehr in einem bürgerlichen Beruf, in der kirchlichen Religion und in der Lebensordnung der Familie. Bei der Ablösung von den traditionellen Bindungen, aber auch beim Verfehlen einer neuen, gefestigten Existenzform spielen nun allerdings die pathologischen Momente in Rousseaus Persönlichkeit eine wichtige Rolle. Gleichwohl bleibt er eine für die Epoche symptomatische Erscheinung, was sich an den sensiblen Reaktionen der Zeitgenossen auf seine Person und sein Werk ablesen läßt. Seine Autobiographie verdient nicht zuletzt deshalb Aufmerksamkeit, weil sich in ihr bereits jenes ,Bildungs'-Problem exponiert, das sich dem von überlieferten Ordnungen freigesetzten Einzelnen stellt, wenn er durch seine Lebenserfahrung hindurch zu einem dauerhaften und selbstverantworteten Weltbezug finden will.
Zur Ausbildung eines individuellen Lebensgefühls haben die gefühlsbetonten religiösen Strömungen des 18. Jahrhunderts, der Pietismus etwa, der Quietismus oder die Herrnhuther Brüdergemeinde, beigetragen. Das Drama der nach Erlösung ringenden Seele wird hier in einer sehr persönlichen Weise erlebt, es wird allerdings noch ganz in festliegenden Mustern interpretiert. Das Gebot permanenter Selbstbeobachtung und kritischer Selbstprüfung wendet die Aufmerksamkeit nach innen, so daß bei Abschwächung der religiösen Überzeugungen eine auf Introspektion fußende 'Erfahrungsseelenkunde" entstehen konnte. Diese Entwicklung läßt sich bei Karl Philipp Moritz deutlich verfolgen.
Wie sehr sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts das Interesse den individuellen Zügen der menschlichen Natur zuwandte, bezeugt schon vor der Veröffentlichung von Rousseaus Confessions eine programmatische Äußerung Herders zur Autobiographie:
'Lebensbeschreibungen, am Meisten von sich selbst, wenn sie treu und scharfsinnig sind, welche tiefe Besonderheiten würden sie liefern! Sind keine zwei Dinge auf der Welt gleich, hat kein Zergliederer noch je zwei gleiche Adern, Drüsen, Muskeln und Canäle gefunden: man verfolge diese Verschiedenheit durch ein ganzes Menschengebäude bis zu jedem kleinen Rade, jedem Reiz und Dufte des geistigen Lebensstromes - welche Unendlichkeit, welcher Abgrund! [...] Hätte ein einzelner Mensch nun die Aufrichtigkeit und Treue, sich selbst zu zeichnen, ganz wie er sich kennt und fühlt [...]: welche lehrende Exempel wären Beschreibungen von der Art! Das werden philosophische Zeiten sein, wenn man solche schreibt; nicht da man sich und alle Menschengeschichte in allgemeine Formeln und Wortnebel einhüllt" .
Mit solchen Sätzen hat Popes Diktum 'the proper study of mankind is man" einen neuen Inhalt bekommen: Nicht abstrakte Erkenntnisse über die allgemeine Menschennatur oder die Deutung des einzelnen Lebensgangs als Exempel für eine generelle Wahrheit sind angestrebt, sondern das Verständnis des Einzelnen in seiner Einmaligkeit, in 'jedem Reiz und Dufte des geistigen Lebensstroms".
Die begeistert bejahte Vorstellung der ganz aus sich selbst heraus lebenden und deshalb in allen Äußerungen ihre eigene, unwiederholbare Natur bezeugenden Individualität treibt im Sturm und Drang zu extremen Thesen. Herder etwa will als wahres Wissen nur das gelten lassen, was der Einzelne aus sich selbst gewonnen hat, alles Gelernte und Übernommene bleibt ihm suspekt: 'Wann werde ich so weit sein, um Alles, was ich gelernt, in mir zu zerstören, und nur selbst zu erfinden, was ich denke und lerne und glaube!" . Im Praktischen fordert man entsprechend, das Subjekt solle nicht vorgegebene Normen befolgen, sondern es müsse ganz aus sich selbst heraus wirken. In der Individualität, so glaubt Herder, liegt das Gesetz wahrer Sittlichkeit: 'Jeder handle nur ganz aus Sich, nach seinem innersten Karakter; sei sich selbst Treu" .
Dem ganz auf sich selbst verwiesenen Einzelnen wird die Entfaltung und Steigerung seiner Natur zur höchsten Aufgabe. Kompromisse mit den Ordnungen der äußeren Welt erscheinen ihm als Verrat an seiner Identität, weshalb er leicht die Fähigkeit verliert, Beschränkungen zu akzeptieren und Verzichte hinzunehmen. Ein solch entschiedener Subjektivismus zeitigt ein äußerst prekäres Weltverhältnis und kann den Einzelnen — wie das Beispiel des Goetheschen Werther zeigt - schnell an den Rand der Katastrophe führen.
Der Gegensatz zwischen Subjekt und Welt läßt sich gedanklich mit der Behauptung auflösen, der Einzelne erfülle, wenn er nur seiner individuellen Natur folge, auch das Gesetz einer übergreifenden Ordnung. In diese Richtung argumentierte etwa Wilhelm von Humboldts Bildungs-Philosophie: 'Nur dadurch, daß er dasjenige vollkommen geltend macht, was er ist, erreicht der Mensch überhaupt und der Einzelne insbesondere seine letzte allgemeine und individuelle Bestimmung" . Auf ähnliche Weise suchte Herder Individualität und objektives Gesetz in Einklang zu bringen. Beim Blick auf wirkliche Menschen und ihre problematischen Lebensläufe zeigt sich jedoch, daß solche Formeln eine Versöhnung nicht sichern, sondern allenfalls postulieren können. Besteht das Subjekt auf der Verwirklichung seiner selbst, versucht es ernstlich, aus seiner individuellen Natur die Regeln seines Handelns abzuleiten, dann bringt es sich in die augenscheinliche Gefahr, solipsistisch an der Welt vorbeizuleben und jede Möglichkeit zu fruchtbarer, auf andere Menschen bezogener Tätigkeit zu verfehlen.
Der spätere Goethe hat seinen Werther als Darstellung eben dieses Problems verstanden, das jeder Mensch in sich antreffe, 'der mit angeborenem freien Natursinn sich in die beschränkenden Formen einer veralteten Welt finden und schicken lernen soll. Gehindertes Glück, gehemmte Tätigkeit, unbefriedigte Wünsche sind nicht Gebrechen einer besonderen Zeit, sondern jedes einzelnen Menschen, und es müßte schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der ,Werther' käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben" .
Dieser Konflikt zwischen der sensiblen, ihrer Umwelt entfremdeten Seele und den unentrinnbaren äußeren Bedingungen des Daseins ist nur in einem lebensgeschichtlichen Prozeß zu lösen, in dem das Subjekt die Beschränkung als Voraussetzung produktiven Wirkens anzuerkennen lernt. Diese Vorstellung faßt den Menschen als einen Werdenden auf, der durch Entwicklungskrisen zur Reife und damit zu einem stabilen Weltbezug findet.
Den Ablauf organischer Entwicklungsprozesse stellte man sich im 18. Jahrhundert nach zwei verschiedenen Modellen vor: Auf der einen Seite stand die von Leibniz und Charles Bonnet verfochtene Präformationslehre, derzufolge alle Anlagen eines Lebewesens schon in seinem ersten Keim vorgeformt sind und sich später nur entfalten. Auf der anderen Seite behaupteten die Vertreter der Milieutheorie wie etwa Helvetius, daß die Eigenschaften sich auf Grund äußerer Einflüsse entwickeln. Die Autoren der späteren Aufklärung wie Diderot, Wieland oder Herder suchten den Gegensatz dieser beiden Erklärungsansätze aufzuheben, indem sie ein Zusammenwirken der Faktoren von Anlage und Umwelt annahmen. In Goethes Vorarbeiten zu einer Physiologie der Pflanzen von 1795 findet sich die klassische Formulierung dieser vermittelnden Lehre: Das Gesetz der Metamorphose wird dort aus zwei Prinzipien abgeleitet, nämlich aus dem 'Gesetz der inneren Natur, wodurch die Pflanzen constituirt werden" und ferner aus dem 'Gesetz der äußern Umstände, wodurch die Pflanzen modificirt werden" .
Diese biologische Vorstellung reicht jedoch für die Beschreibung menschlicher Entwicklungsprozesse nicht aus, da diese sich keineswegs als bewußtseinsloses Ineinanderwirken von Anlage und Umwelt vollziehen, sondern durch sittliche Entscheidungen mitbestimmt werden. Daß der Einzelne nur dann zu wahrer Bildung gelangt, wenn er die Gestaltung seines Lebensgangs als moralische Aufgabe begreift, steht für Wieland, Goethe, Herder, Schiller und Humboldt gleichermaßen außer Zweifel.
Um zu resümieren: Im 18. Jahrhundert entwickelt sich eine neue Vorstellung vom Menschen, die seiner unwiederholbaren Besonderheit ein Daseinsrecht zuerkennt. Dieses Bild der menschlichen Natur entsteht in offensichtlichem Zusammenhang mit der fortschreitenden Freisetzung aus überkommenen religiösen und sozialen Bindungen. Wie alle Emanzipationen bringt auch diese zugleich mit einem Zuwachs an Freiheit Orientierungsprobleme und Verunsicherungen mit sich. Ein Versuch, diese Problematik des neuen Individualismus aufzufangen, ist die Vorstellung eines Bildungsprozesses, durch den der Einzelne zu einem Ausgleich mit der zunächst als feindlich erlebten Welt findet. Voraussetzung dafür ist die optimistische Annahme, der Kompromiß mit der Wirklichkeit zwinge den Einzelnen nicht zu bedingungsloser Anpassung und Selbstaufgabe, sondern ermögliche überhaupt erst ein produktives Lebenskonzept.
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