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Die dritte Fassung des ,Agathon



Schon bald nach dem ersten Erscheinen des Agathon hat Wieland den Roman für unvollendet erklärt: Eine definitive Beurteilung des Werks sei erst nach dem Erscheinen eines dritten Teils möglich, der philosophische Unterhaltungen zwischen Archytas und Agathon enthalten solle .
      Im Jahre 1773 erschien eine zweite Fassung des Romans, die um die Lebensgeschichte der Danae erweitert war. Die dritte Fassung eröffnete 1794 die Reihe der Sämtlichen Werke. Angefügt war hier ein Auftritt des Hippias in Agathons Gefängnis, der die moralische Distanz der beiden Figuren verdeutlichen sollte , und eine ausführliche Darstellung der Philosophie des Archytas. Grundlage dieser Philosophie ist die Lehre, daß die Vernunft des Menschen die Sinnlichkeit beherrschen muß, damit 'der Verderbniß unserer Natur und den Übeln aller Arten, die sich aus ihr erzeugen, abgeholfen werden könne" . Zugang zur Wahrheit vermittelt der 'innere Sinn" . Es ist daher unsinnig, noch eine ausdrückliche Demonstration, einen förmlichen Beweis, eine äußere Bestätigung dieser Lehre zu erwarten. Denn: 'ein solcher Glaube beweist sich selbst" .
      Man hat zu Recht darauf hingewiesen, daß diese dritte Fassung des Agathon nicht mehr wie die erste auf eine Verbindung von apriorischen Überzeugungen und Erfahrung hinstrebt, sondern daß sie von einem schroffen Dualismus geprägt ist. Das Ideal tritt der Wirklichkeit unversöhnbar entgegen, was sich im permanenten 'Krieg" zwischen der geistigen und sinnlichen Natur in jedem Menschen zeigt , aber auch in der unüberbrückbaren Distanz, die sich zwischen dem Reich des Archytas und dem Rest der Welt auftut .
      Die meisten Interpreten von Wielands Roman hatten Einwände gegen diese Lösung. Denn die Tendenz zum Ausweichen in die Utopie hat sich gegenüber der ersten Version, die unüberhörbare ironische Vorbehalte gemacht hatte, noch beträchtlich verstärkt. Damit aber wird die Erfahrung zu einer rein negativen Größe: Sie macht nur mit der Korruptheit der Welt bekannt und hat keine fördernde, bildende Wirkung mehr. Es entsteht der Eindruck, daß Agathon nur deshalb seine schmerzhaften Erfahrungen durchlaufen mußte, weil er das Unglück hatte, den Lehren des Archytas erst relativ spät zu begegnen. Daß am Ende Agathons Lebensproblem durch eine sich selbst beweisende, dem 'inneren Sinn" unmittelbar evidente Philosophie aufgelöst wird, widerspricht offensichtlich dem ursprünglichen Konzept der Bildungsgeschichte, die durch den Zusammenstoß mit der Realität den schwärmerischen Tugendglauben auf seinen wahren Kern zurückführen sollte. Eine Spannung gerät auch dadurch in das Werk, daß der Rigorismus des Archytas nicht mit den liberaleren Anschauungen übereinstimmt, die der Erzähler in früheren Parteien des Romans hatte erkennen lassen .
      Die unter den Interpreten verbreiteten Vorbehalte gegen die dritte Fassung des Agathon hat man abzuschwächen versucht, indem man in Analogie zu anderen Spätwerken Wielands die im Roman sichtbar werdenden philosophischen Positionen als jeweils individuell begründete und grundsätzlich gleichberechtigte Weltdeutungen auffaßte. Demnach stünde Archytas nicht als Normfigur über allen anderen, sondern auch er repräsentierte nur eine nicht übertragbare 'individuelle Vollkommenheit" . Allerdings kann diese Überlegung nicht darüber hinwegtäuschen, daß Wieland für die Problematik seiner Bildungsgeschichte eine normativ abgesicherte Lösung suchte. Ausdrücklich sagt der Text des Romans, daß die Lehre des Archytas eine Antwort auf die Zweifel des Agathon geben soll, daß sie also sehr wohl als verbindlich und übertragbar aufzufassen ist:
'Die Uneinigkeit, die sich unvermerkt zwischen seinem Kopf und seinem Herzen entsponnen hatte, mußte schlechterdings aufs Reine gebracht werden; und wer hätte ihn in dieser für die Ruhe und Gesundheit seiner Seele so wichtigen Angelegenheit sicherer leiten, ihm gewisser zu einem glücklichen Ausgang aus dem Labyrinth seiner Zweifel verhelfen können als Archytas?"
Auch ein Brief an den Verleger der dritten Agathon-Fassung zeigt, daß Wieland hoffte, mit der Philosophie des Archytas die erzählte Bildungsgeschichte abzurunden. Er begleitet das Manuskript der neuen Schlußkapitel mit folgender Bemerkung:
'Wenn Ihnen die ganz neuen drei ersten Kapitel des löten Buches gefallen, und wenn Sie, wie ich, der Meinung sind, daß sie dem ganzen Werke die Krone aufsetzen, und daß der moralische Plan desselben ohne sie unvollständig gewesen wäre, so werde ich mich für die Zeit und Arbeit, so mir diese wenigen Bogen gekostet haben, reichlich belohnt halten" .
      Allerdings bleibt Wieland nicht lange von den erhabenen Gedanken des Ar-chytas überzeugt. Schon zwei Jahre später bekennt er in einem Brief, daß er an diese schöne Philosophie nicht recht glauben könne . Die Gründe für diese Unmöglichkeit deuten sich im Roman selbst bereits an, nämlich in der Spannung zwischen der im Lebensgang des Helden erzählerisch entfalteten Bildungsproblematik und der lehrhaft verordneten Lösung.
     

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