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Die deutschsprachige Literatur Galiziens in der Forschung



'Soviel ich weiß, hat von den deutschen Literaturhistorikern bis jetzt keiner den Versuch unternommen zu zeigen, in welchem Grade Galizien und Galizier am deutschen Geistesleben sich beteiligten oder zumindest interessierten. Während man nicht gerade selten in literarischen Zeitschriften über deutsche Dichter in Amerika, Argentinien oder Brasilien usw. schrieb und schreibt, so ist das Kapitel .Galizien' bis auf den heutigenTag ungeschrieben geblieben. Es war ja bis auf das Jahr 1914 Mode, über Galizien die Schultern zu zucken und zu glauben, man wisse alles, wenn man es als Bärenland zu bezeichnen pflegte .. .Wer interessierte sich ,draußen'für Galizien oder beschäftigte sich je damit in dem Maße, um es wirklich kennenzulernen? Man nannte es ,Bärenland' oder ,Halba-sien', und damit war das Wissen um dieses Stück Land erschöpft... Es mag ja heute noch in Galizien Bären geben - aber die Menschen sind auch noch nicht ausgestorben. Und unter denen, die hier lebten und leben, sind manche Werte zu verzeichnen."

So schrieb 1927 der deutschjüdische Dichter und Ãobersetzer lateinischer Literatur, der aus Drohobycz stammende, in Sambor als Gymnasialprofessor für Deutsch tätige Hermann Sternbach. Obwohl das von ihm geschilderte historische Phänomen Galizien mit seinem pulsierenden literarischen Leben längst der Vergangenheit angehört, so haben doch in einer Hinsicht seine Worte nichts an Aktualität eingebüßt: Der Forschungsstand zur deutschsprachigen Literatur Galiziens hat sich in den letzten sechzig Jahren wenig verändert.
      Es sei gleich vorausgeschickt, daß die Bezeichnung 'Galizien" historisch korrekt nur für den Zeitraum 1772-1918 benutzt werden kann. Damit soll der sprachliche 'usus" solcher Autoren beanstandet werden, die die Geschichte und das Schrifttum der deutschen Siedler im mittelalterlichen Polen und Rotreussen als eine frühere Phase der Galizienli-teratur betrachten, obwohl jegliche geschichtliche Kontinuität zwischen diesen Erscheinungen fehlt. Den märchenhaft anmutenden Namen 'Königreich Galizien und Lodo-merien" verlieh dem südöstlichen Teil der ehemaligen polnischen Adelsrepublik nämlich die Habsburgermonarchie, als sie bei der ersten und dann auch der dritten Teilung Polens diese Gebiete annektierte. Die Bezeichnung ging auf die zwei rot-reussischen Städtchen Halicz undWlodimir zurück, die im 13. Jahrhundert zum Machtbereich des ungarischen Königs Koloman gehörten. Durch diese Namensgebung sollte der Anschein erweckt werden, daß die Habsburger lediglich Territorien revindizierten, auf die sie Anspruch gehabt hätten - allerdings dachte man nie daran, die neue Provinz der transleithanischen Hälfte des Reiches einzuverleiben; im übrigen hätte man diesen Vorwand nur auf einen Teil der annektierten Gebiete anwenden können.
      Dieses Galizien als ein Kronland der Habsburgermonarchie existierte freilich nur so lange wie jener Staat. 1918 sind die 1772 und später besetzten Gebiete an den wiedererstandenen polnischen Staat zurückgekommen und erhielten aufs neue die traditionelle polnische geographische Bezeichnung 'Kleinpolen" . 1939 ist dann infolge des Hitler-Stalin-Paktes Polen zum vierten Mal geteilt worden. Der östliche Teil Galiziens, etwas östlich von der Linie des Flusses San anfangend, mit der ehemaligen Hauptstadt Galiziens, Lemberg, ist an die Sowjetunion gekommen, bildete bis 1991 einen Teil der ukrainischen Sowjetrepublik und gehört heute zur Ukraine. Das kleinere Westgalizien mit der alten polnischen Hauptstadt Krakau ist 1945 infolge der Niederlage Nazideutschlands wieder zu einem Bestandteil des polnischen Staates geworden. Wenn man also über die deutschsprachige Literatur jener Gebiete in der Zeit von 1918-1939 spricht, ist es sprachlich korrekt, sie als deutsche Literatur im ehemaligen Galizien bzw. in Kleinpolen zu bezeichnen. Nach 1945 gibt es nur noch die deutsche Literatur aus bzw. über, nicht aber in Galizien.
      Ferner ist es für unser Anliegen wichtig zu erklären, wie es auf diesem fast rein slawischen Gebiet zur Entstehung deutschsprachiger Literatur gekommen ist und welche Bevölkerungsgruppen ihre Träger geworden sind. Die einheimische Bevölkerung bestand hauptsächlich aus drei ethnisch-konfessionellen Gruppen: aus den Polen, die die absolute Mehrheit im Westen des Landes bildeten und im Osten verstreut auf dem flachen Lande und in dichteren Gruppen in den Städten, vor allem in der Landeshauptstadt Lemberg, lebten und vorwiegend römisch-katholisch waren, aus den Ukrainern, in der Habsburgermonarchie Ruthenen genannt, die den größtenTeil der Einwohner in Ostgalizien ausmachten und fast zur Gänze der griechisch-unierten Kirche angehörten, schließlich aus den Juden, die etwa 10-12% der Landesbevölkerung bildeten und meistens in Städtchen, 'Sztetelech", insbesondere im östlichenTeil der Provinz lebten.
      Die Juden waren in Polen seit dem Mittelalter, und zwar seit den Judenverfolgungen in Westeuropa in der Zeit der Kreuzzüge, ansässig, wobei die größte Ansiedlungs-welle in die Regierungsperiode des Königs Kasimir des Großen fiel. Unter diesen einheimischen Gruppen war es lediglich die jüdische, die im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Träger und Vermittler der deutschen Literatur und Kultur werden sollte. Dazu haben verschiedene Faktoren beigetragen. Die Umgangssprache der jüdischen Volksmassen war ja das Jiddische, das heute als eine Nahsprache des Deutschen bezeichnet wird und das damals für einen korrumpierten deutschen Dialekt gehalten wurde. Die Kenntnis dieser Sprache erleichterte die Verständigung mit dem neuen Machtapparat und das Erlernen des Deutschen. Die Politik des Staates, die bis 1848 auf Vereinheitlichung und somit Germanisierung der neuerworbenen Gebiete ausgerichtet war, war bestrebt, diesen Faktor auszunutzen, was durch solche Maßnahmen wie die Verleihung deutscher Namen an die Juden oder die Gründung von Volksschulen mit Deutsch als Unterrichtssprache geschehen sollte. Eine gewaltige Rolle spielte schließlich bei der Entstehung der deutsch-jüdischen Kultursymbiose die Tatsache, daß die 'Haskalah", die jüdische Aufklärung, die im Zuge der napoleonischen Kriege nach Galizien gelangte, von Berlin ausgegangen war und das Zusammenwirken der dortigen deutschen und jüdischen Kreise beinhaltete. Seitdem sollte die deutsche Kultur, wenigstens bis zum Schluß der liberalen Ã"ra, vielfach aber bis zum Ersten Weltkrieg und darüber hinaus bis zur Naziherrschaft, für die Juden zum Synonym der Judenemanzipation, der weltlichen Bildung und der Assimilation an die europäische Kultur werden. In der deutschen Sprache sah die wissenshungrige jüdische Jugend ein Medium, das sie zu vollwertigen Mitgliedern der europäischen Kulturgemeinschaft machen sollte.
      Die zweite Bevölkerungsgruppe, die 'eo ipso" zur Entstehung und Entwicklung deutschsprachiger Literatur beitragen sollte, waren die deutschen Ansiedler. Bereits seit der erstenTeilung Polens und dann bis zur Revolution des Jahres 1848 strömten in die neuerworbene Provinz Scharen von deutschen Beamten, Lehrern und Offizieren, derer der neue Staatsapparat bedurfte. Die deutsche Sprache wurde in das Schulwesen als Unterrichtssprache eingeführt, die Landesverwaltung und mit der Zeit auch das Gerichtswesen wurden germanisiert. Besonders zahlreich war die bäuerliche Kolonisation, die vor allem Kaiser Joseph

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begünstigt hatte. Die Kolonisten kamen ab 1781 in größeren Gruppen, die vornehmlich in dem weniger dicht besiedelten Osten des Landes ansässig gemacht wurden. Sie stammten vor allem aus den armen, von langwierigen Kriegen heimgesuchten deutschen Landen, wo die josephinische Werbung besonders intensiv betrieben wurde, vor allem aus Hessen, Schwaben und der Pfalz. Daher sollte man von der deutschen und nicht etwa österreichischen Dorf-ansiedlung in Galizien sprechen. Das Bildungsniveau und die Interessen der Landkolonisten sollten sie freilich noch lange nicht zu den Trägern der deutschen Literatur machen, aber sie bewahrten das Erbe der deutschen Sprache und der einheimischen Sitten und Gebräuche. Deutschsprachige Schriftsteller rekrutierten sich hingegen außer aus den gebildeten Kreisen der Juden vor allem aus den Reihen der städtischen deutschen Ansiedler, Beamten, Lehrern undVertretern akademischer Berufe.
      Bereits 1848 sollte es sich allerdings erweisen, wie dünn diese Schicht der deutschen Kultur in Galizien war. Als 1867 in der österreichisch-ungarischen Monarchie allen Kronländern die Autononie verliehen wurde, erfolgte die bereits in der Vormärzzeit von polnischen Adligen in 'galizischen Konspirationen" erstrebte Repolonisierung Gali-ziens, z.T. auf Kosten der Ruthenen, die zu diesem Zeitpunkt ihre nationale Identität entdeckten. Die ehemaligen städtischen Ansiedler aus Deutschland und Ã-sterreich hatten sich dagegen im Laufe einiger Generationen polonisiert, ihre Kinder wurden manchmal zu glühenden polnischen Patrioten und bereicherten die polnische Wissenschaft und Kunst. Diejenigen, die sich mit der polnischen Verwaltung Galiziens nicht abfinden konnten, verließen das Land. Nur auf dem Lande, wo die Dorfansiedler isoliert von der slawischen Umgebung lebten, hat sich bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Sprache, Dorfkultur undVolksdichtung erhalten. Diese Gruppe sollte sich dann in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts schriftstellerisch in deutscher Sprache zu Wort melden.
      Man muß sich dieses doppelten Ursprungs der Träger deutscher Literatur in Galizien bewußt sein, um zu verstehen, warum sich die meisten Forscher und Herausgeber nur an Teilgebiete dieser Problematik heranzumachen pflegten. So sind wir immer noch gezwungen, wenn wir synthetischesWissen über die galiziendeutsche Literatur suchen oder einen konkreten Verfasser herausgreifen wollen, nach der Deutsch-Ã-sterreichischen Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Ã-sterreich-Ungarn. 4 Bände. Hrsg. von Eduard Castle, Johann Willibald Nagl und Jakob Zeidler. Wien und Leipzig 1897-1937 zu langen. Die Galizienbeiträge stammen in den Bänden 1 und 2 von Eduard Castle, in den Bänden 3 und 4, die das Zeitalter Franz Josephs I. erfassen, von dem aus der Bauernkolonie Schönthal stammenden Lemberger Germanisten Jakob

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Rollauer. Dieses Standardwerk bietet die umfangreichste Ãobersicht über das Schaffen der aus Galizien hervorgegangenen deutschschreibenden Verfasser bis zum ErstenWeltkrieg. Die positivistisch angelegte Arbeit zeichnet sich durch Stoffülle, Objektivität der Darstellung und Sachlichkeit aus. Da aber bei der Mannigfaltigkeit des berücksichtigten Materials zwangsläufig Sachfehler nicht zu vermeiden waren, empfiehlt sich die jeweilige Ãoberprüfung biographischer und bibliographischer Angaben. Die Arbeit ist als Nachschlagewerk immer noch gut brauchbar, nichtsdestoweniger kann sie weder ihrer Anlage nach noch im Hinblick auf die seit der Entstehung vergangene Zeit eine monographische Arbeit über die deutschsprachige Literatur Galiziens ersetzen.
      Viel bescheidener als jenes grundlegende Werk ist naturgemäß der kleine Aufsatz von Hermann Sternbach angelegt, aus dem bereits zitiert wurde. DerText Sternbachs hat offensichtlich einen polemisch-apologetischen Charakter, der Autor gibt sich darin als einer der Vertreter jener Literatur zu erkennen und sucht mit den gängigen Vorurteilen gegenüber Galizien aufzuräumen. So nennt er eine Reihe von bedeutenden Galiziern im deutschen Geistesleben und macht darauf aufmerksam, daß dem westeuropäischen Publikum die galizische Herkunft vieler Dichter, Schriftsteller und Gelehrter unbekannt bleibt. Es sei dazu anzumerken, daß dies eine Art Zirkelschluß war, denn manche berühmten Zeitgenossen schämten sich ihrer galizischen Herkunft oder suchten sie gar zu verheimlichen, da sie Unannehmlichkeiten eben wegen bestehender Vorurteile befürchteten . Seinen Aufsatz wollte Sternbach als eine erste Anregung für die Literaturforschung verstanden wissen. Diese ist jedoch ohne Widerhall geblieben.
      Mit dem wachsenden Antisemitismus und Nationalismus gewann in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung und Publizistik die Tendenz die Oberhand, das jüdische und eventuell slawische Element der deutschen Literatur auszugrenzen. Dies war jedoch ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, denn ohne die jüdische und - in einem kleineren Ausmaß - die slawische Komponente hätte die galiziendeutsche Literatur nichts als eine provinzielle Heimatdichtung sein können. Wollte man heute aufs neue eine Geschichte der deutschen Literatur in Galizien oder in Ost-Mitteleuropa überhaupt schreiben, so wäre es ein dringendes Postulat, wieder auf die Tradition Castles und seiner Mitarbeiter zurückzugreifen und sie weiterzuführen sowie das künstlich Getrennte wieder zu integrieren suchen, denn die Vielfalt und gegenseitige Durchdringung der Kulturen gehörten zu den wichtigsten Spezifika der Literatur dieses Territoriums.
      In Deutschland und Ã-sterreich nahm indessen bereits in der Zwischenkriegszeit die Tendenz zu, lediglich den Beitrag 'deutschstämmiger" Autoren als galiziendeutsche Literatur zu betrachten. Als ein typisches Beispiel dafür sei stellvertretend der Aufsatz Heimatpoesie von Johanna Vellhorn aus dem Jahre 1924 genannt. Die Autorin war eine aus Baden bei Wien stammende Wanderlehrerin, die es nach Galizien verschlagen hatte und die zur 'poetessa" Deutschgaliziens werden sollte. Der populäre Beitrag bietet einen ersten Ãoberblick über das damalige Schrifttum der Galiziendeut-schen. Vellhorn fängt mit HansWeber-Lutkow an, einem ästhetisch wertlosen Autor, dessen Name jedoch in solchen Ãoberblicken gemeinhin an der Spitze erscheint, da er den einzigen Berührungspunkt zwischen der 'städtischen" Literatur der gebildeten Deutschen und den literarischen Produkten der Bauernkolonisten darstellte. Der eigenen ethnischen Gruppe wendet sich ebenfalls Jakob Rollauer zu - mit dem Aufsatz Die Literatur der Josefinischen Ansiedler in Kleinpolen, der im Gedenkbuch zum 150jährigen Jubiläum der Einwanderung der Deutschen in Galizien abgedruckt wurde. Bei einem solchen Anlaß war es verständlich, daß Rollauer besonders die Nachkommen jener josephinischen Ansiedler interessieren mußten, allerdings berücksichtigte er auch Neuankömmlinge, die erst in den letzten Dezennien aus Deutschland oder Ã-sterreich nach Galizien bzw. Kleinpolen eingewandert waren.
      Seit dem Ende der zwanziger Jahre begannen Besprechungen galiziendeutschen Schrifttums, allerdings mehr publizistischer als wissenschaftlicher Natur, in denVeröf-fentlichungen über das 'Auslandsdeutschtum" zu erscheinen. Als Beispiel sei der Aufsatz von Franz Lüdtke genannt, Deutsche Dichter im heutigen Polen 4. In der Zeit des Dritten Reiches wurden tendenziöse, aggressive, nationalsozialistische Töne in solchen Veröffentlichungen immer lauter. Dies gilt z. B. für die von Heinz Kindermann herausgegebene Anthologie Rufe über Grenzen. Antlitz und Lebensraum der Grenz- und Auslanddeutschen in ihrer Dichtung , die u. a. galiziendeutsche Autoren anführt, um den Kampf der Grenzlanddeutschen für ihre nationale Existenz und ihre Sehnsucht nach der Vereinigung mit Hitlerdeutschland zum Ausdruck zu bringen.
      Ein bezeichnendes Beispiel dafür, daß man bei der Darstellung galiziendeutscher Literatur deutschschreibende Autoren 'anderer" Herkunft nicht ausklammern kann, ist das Standardwerk aus der Zeit des Dritten Reiches, die Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland von Karl Kurt Klein , das als ein stofflich überaus reichhaltiger Ãoberblick 1979 mit einer Bibliographie von Alexander Ritter für die Jahre 1945-1978 neu aufgelegt wurde. Obwohl der Autor die Ausklammerung 'volksfremder" deutschsprachiger Schriftsteller deklariert, muß er die zwei wichtigsten 'Galizianer" vor 1918 doch berücksichtigen, wenn auch ablehnend: So wird Karl Emil Franzos als Jude und Leopold von Sacher-Masoch als Slawe 'von slawischer Geistigkeit und slawischer Seelenverfassung" eingestuft.
      Diese Beschränkung auf die eigene ethnische Gruppe und die Betrachtung der galiziendeutschen Literatur als Literatur der deutschen Minderheit in Galizien/Kleinpo-len sind ebenfalls bezeichnend für die wissenschaftlichen bzw. vielmehr und häufiger populärwissenschaftlichen und editorischen Vorhaben aus dem Umkreis der ehemaligen Galiziendeutschen in der Bundesrepublik, die sich um das Hilfskomitee der Galiziendeutschen in Bad Canstatt gruppieren. Ihre Arbeiten beziehen sich zwar größtenteils nicht auf die schöngeistige Literatur, dürfen aber als Quellensammlungen, als bibliographische Nachschlagewerke bzw. als Hilfsliteratur zur Erkundung ihres sozialen, politischen und nationalen Umfelds nicht außer acht gelassen werden. Einen wichtigen Dienst leisten auf diesem Gebiet vor allem zwei Arbeiten von Sepp Müller, die Bibliographie Schrifttum über Galizien und sein Deutschtum , ein komplexes, wenn auch nicht vollständiges Verzeichnis der Publikationen bis zur Zeit der Veröffentlichung des Werkes, das sowohl literarische als auch literaturgeschichtliche Texte berücksichtigt, sowie seine Monographie Von der Ansiedlung bis zur Umsiedlung. Das Deutschtum Galiziens, insbesondere Lembergs. 1772-1940 , eine detaillierte Darstellung der deutschen Kolonisation und ihres Anteils am Geistesleben Galiziens. Trotz nationaler Einseitigkeit und parteiischer Stellungnahme gegen Polen ist diese Abhandlung mit ihrer Materialfülle und ihrer gründlichen, z. T. sogar statistisch belegten Dokumentierung zum Leben der deutschen Bevölkerungsgruppe, insbesondere in der Landeshauptstadt, eine wichtige Prämisse zur Forschungsarbeit über die deutsche Literatur in Galizien.
      Das Hilfskomitee der Galiziendeutschen hat mehrere 'Heimatbücher" herausgebracht, die die 1939/40 von Hitler 'heim ins Reich" geholten Galiziendeutschen an die verlassene Heimat erinnern sollen. Bisher sind drei solcher Bände erschienen. Der erste trägt denTitel Heimat Galizien. Ein Gedenkbuch und wurde von Julius Krämer zusammengestellt und 1965 herausgegeben. Der an galiziendeutscher Literaturgeschichte interessierte Leser wird dort einen Ãoberblick über die literarische Produktion der Galiziendeutschen im Aufsatz von Julius und Elfriede Krämer Heimatdichtung der Galiziendeutschen finden, der das Schrifttum dieser Gruppe etwa vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart umfaßt. Das Buch ist auch ein wichtiges Quellenreservoir, da es viele Gedichte, Erzählungen, Schwanke und persönliche Erinnerungen enthält. Literarhistorisch unergiebig ist dagegen das von den gleichen Redakteuren herausgegebene Heimatbuch IL Aufbruch und Neubeginn, das die Umsiedlung 1939/ 40, dann die Zwangsaussiedlung 1945 sowie die Bemühungen der Galiziendeutschen, nachträglich in der Bundesrepublik Fuß zu fassen, thematisiert. Es wird an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber genannt. 1982 ist das anspruchslose Büchlein Vor 200 Jahren aus der Pfalz nach Galizien und in die Bukowina herausgekommen, das Ernst Hobler und Rudolf Mohr als Festschrift zum runden Jubiläum der ersten josephinischen Einwanderungswelle konzipiert haben. Schließlich ist 1983 unter der Leitung von Josef Lanz und Rudolf Unterschütz das dritte Heimatbuch, Heimat Galizien im Bild, erschienen, eine wertvolle Bilddokumentation zum Leben und zur Geschichte deutscher Siedlungen in Galizien/ Kleinpolen bis 1939. Die Vertextung der Bilder ist zwar z. T. tendenziös-nationalistisch, aber als Anschauungsmaterial ist es eine wichtige Arbeit. Als sachlich und frei von Ressentiments ist das Vorwort von Wilhelm Metzler einzuschätzen.
      Einen separaten Zweig der Forschungen zur deutschsprachigen Literatur Galiziens bilden Arbeiten, die sich mit jüdischen Autoren bzw. jüdischen Stoffen befassen. Dabei wird die galizische Ghettogeschichte meistens innerhalb eines größeren Zusammenhangs entweder der deutschen Ghettogeschichte oder der ostjüdischen Literatur plaziert. Die ältesten Publikationen aus diesem Umkreis tragen bereits selbst den Charakter historischer Dokumente ihrer Entstehungszeit. Den Anfang macht das umfangreiche Kapitel Ghetto-Poeten in den Literarischen Physiognomien von Wilhelm Goldbaum. Der aus dem Großherzogtum Posen stammende Goldbaum, der verdiente Redakteur der 'Neuen Freien Presse", Ãobersetzer und Kulturvermittler, gibt sich in diesenTexten als ein assimilierter Westjude zu erkennen, der auf seine Glaubensgenossen im Osten zwar mit Mitleid, aber doch von oben herab schaut. Auch Ludwig Geiger, Literatur- und Kunsthistoriker aus Breslau, schreibt seine Monographie Die deutsche Literatur und die Juden aus der Sicht eines vollkommen Assimilierten. Der Gegenstand seiner Arbeit sind sowohl deutschjüdische Autoren als auch Judengestalten in der deutschen Literatur. Ergiebiger, ja besonders ergiebig in bezug auf die Galizienliteratur, ist die ungedruckte Wiener Dissertation von Minna Schiffmann aus dem Jahre 1931 Die deutsche Ghettogeschichte. Die selbst ausTrembowla in Ostgalizien stammende Verfasserin widmet viel Aufmerksamkeit der ostjüdischen Literatur und weiß sich mit viel Einfühlungsvermögen in die in der Kindheit verlassene Welt der Ostjuden hineinzuversetzen. Ihre Arbeit zeichnen Materialreichtum und gründliche, übersichtliche Systematisierung aus. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß man kurz nach der Niederschrift dieser Untersuchung angefangen hat, nach Judaica im deutschen Sprach räum zu fahnden und diese zu vernichten, so ist es als ihr nicht zu überschätzender Beitrag zu werten, diese Literatur wenigstens durch wissenschaftliche Erfassung vor der Schoah gerettet zu haben. Breiter angelegt, sogar als Standardwerk konzipiert, aber weniger gewissenhaft, ist die Monographie von Wilhelm Stoffers Juden und Ghetto in der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Weltkrieges . Der Autor behauptet zwar in seinem Vorwort, größte Objektivität angestrebt zu haben, aber durch ihre Entstehungs- und Erscheinungszeit ist die Arbeit ideologisch vorbelastet. Sie bleibt ein nützliches Nachschlagewerk bei der Beschäftigung mit jüdischen Autoren und literarischen Gestalten in der deutschen Literatur, in der Galizien eine umfassende Repräsentation erfahren hat, allerdings sollte man im Hinblick auf die Wiedergabe der Fakten und noch mehr auf ihre Deutung behutsam und kritisch vorgehen.
      Das erste grundlegende und wohl bis heute wichtigste Werk, das die ostjüdische Literatur zum Gegenstand hat und insbesondere auf Galizien undWolhynien als dieTer-ritorien, in denen sich diese herauskristallisiert und entfaltet hat, eingeht, ist die berühmt gewordene, 1971 in italienischer Sprache und 1974 in deutscher Ãobersetzung erschienene Monographie von Claudio Magris Weit von wo. Verlorene Welt des Ostjudentums . Im Mittelpunkt der Monographie steht das Schaffen des größten deutsch-jüdischen Romanciers Galiziens, Joseph Roth, das Werk bietet aber gleichzeitig eine Synthese und einen Ãoberblick über die Literatur der Ostjuden. Außer einer Gesamtdeutung des Roth'sehen Schaffens wird dem Leser eine Rekonstruktion der von den Nazis vernichteten Welt des jüdischen 'Sztetl'" sowie des Ausbruchs daraus vermittelt, der im Untergang münden sollte. Magris bewegt sich dabei mit großer Gewandtheit im Spektrum jüdischer Literatur in Deutsch. Jiddisch und auch in den übrigen von den Verfassern dieser Gebiete verwendeten Sprachen, und somit ist er meines Wissens der erste, der den Mut hatte, wenn auch nur in bezug auf eine Teilproblematik, die vielsprachige Literaturlandschaft Osteuropas nicht auf die Literatur in einer Sprache zu reduzieren.
      Seit den siebziger und insbesondere in den achtziger Jahren läßt sich in der Literaturwissenschaft ein immer stärkeres Interesse an der deutsch-jüdischen Literatur und an der Problematik des Ostjudentums bemerken. Ohne direkten Zusammenhang mit Galizien stehen hervorragende Arbeiten, die das gleiche Phänomen der deutsch-jüdisehen Kultursymbiose behandeln, wie die Monographie von Clara Pomeranz-Car-mely Das Identitätsproblem jüdischer Autoren im deutschen Sprachraum , der Sammelband Im Zeichen Mobs. Jüdische Schriftsteller und deutsche Literatur im 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Gunter E. Grimm und Hans-Peter Bayerdörfer, 2. Aufl. 1986, oder der von Harry Zohn herausgegebene Sammelband '... Ich bin ein Sohn der deutschen Sprache nur ..." Jüdisches Erbe in österreichischer Literatur . Eine wichtige Funktion erfüllen und bei der Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Literatur als Hilfswerke berücksichtigt werden müssen zwei 'paperbacks", die Ergebnisse von zwei internationalen Symposien präsentieren: Juden und Judentum in der Literatur. Hrsg. von Herbert A. Strauss und Christhard Hoffmann , darin u. a. Das Bild des Ostjuden in der deutschen Literatur von Hans-Peter Bayerdörfer, und Juden in der deutschen Literatur, hrsg. v. Stephane Moses und Albrecht Schöne . Für jeden, den das Phänomen deutsch-jüdischer Literatur bewegt, ist die englischsprachige Monographie von Steven E. Aschheim Brothers and Strangers. The East European Jews in German and German Jewish Consciousness 1800-1923 von Wert, die einen großräumigen Abschnitt europäischer Geistesgeschichte zum Ausdruck bringt. Thematisiert wird darin die doppelte Konstellation der Beziehungen zwischen den Juden und Deutschen einerseits, und den Ostjuden und assimilierten Westjuden andererseits. Zum Verständnis der jüdisch-galizischen Literatur in deutscher Sprache sind ferner die Bände der Reihe Studien zur Literatur der Juden in Osteuropa von Bedeutung, die in Eisenstadt von Jacob Allerhand und Claudio Magris herausgegeben werden. Viel zur Beleuchtung der einschlägigen Problematik tragen die von David Bronson redigierten Sammelbände Joseph Roth und die Tradition und Jews and Germans from 1860 to 1933 bei.
      Es existiert ferner eine Reihe von Dissertationen, die sich mit galizischenThemen in den Werken jüdischer Verfasser befassen. Es seien davon zwei Beispiele genannt, die mehr als einem Autor gewidmet sind. Ãober das Kriterium der deutschen Sprache hinaus kommt in ihrer Dissertation Miriam Mindia Wyszynski, die dasThema des jüdischen Städtchens im Schaffen von drei galizisch-jüdischen Autoren untersucht, des auf Deutsch schreibenden Karl Emil Franzos, des jiddischen Epikers SholomAleichem und des hebräischen Nobelpreisträgers Samuel Joseph Agnon 7. Durch eine breite thematische Anlage, einen interessanten methodologischen Ansatz und eine erschöpfende Zusammenstellung der Primär- und Sekundärliteratur zeichnet sich auch die Dissertation von Andrea Wodenegg Das Bild der Juden Osteuropas. Ein Beitrag zur komparatistischen Imagologie. AnTextbeispielen von Karl Emil Franzos und Leopold von Sacher-Masoch, Innsbruck 1984 aus.
      An dieser Stelle sei noch auf zwei Anthologien hingewiesen, die für die Aufschließung des deutsch-galizisch-jüdischen Schaffens von besonderer Bedeutung sind. 1981 ist die mit eindrucksvollen Radierungen des galizischen Graphikers der Jahrhundertwende E. M. Lilien versehene Anthologie von Ulf Diederichs Dein aschenes Haar Sulamith. Ostjüdische Geschichten erschienen, die anschaulich und ergreifend die untergegangene Welt des Ostjudentums in ihren eigenen, z. T. original deutschen, z.T. ins Deutsche übersetzten Texten vor den Augen des Lesers erstehen läßt. Als ein neuer Beitrag zur vergessenen Gattung der Ghettogeschichte läßt sich die An thologie von Jost Hermand Geschichten aus dem Ghetto betrachten, in der gali-zische Autoren weitgehend berücksichtigt werden.
      Ich habe damit nur eine kleine Anzahl der meines Erachtens wichtigsten Arbeiten aus dem einschlägigen Gebiet genannt. Wenn man bedenkt, daß ebenfalls die meisten monographischen Untersuchungen, die einzelnen galizischen deutschschreibenden Autoren gewidmet sind, jüdische bzw. jüdische Stoffe behandelnde Verfasser zum Thema haben, wovon im folgenden noch die Rede sein wird, muß man feststellen, daß die jüdisch-deutsche Literatur am vollständigsten innerhalb der 'galizischen"' Forschungen berücksichtigt worden ist. Nichtsdestoweniger fehlt es sowohl an einer Synthese über die deutsch-jüdische Literatur Galiziens. als auch an einer neueren Literaturgeschichte, die den 'jüdischen" und 'nichtjüdischen" Schaffenskreis integrieren würde.
      Es gibt unter den galizisch-deutschen Autoren nur vier, die so bekannt geworden sind, daß man sich ihnen in monographischen Arbeiten zugewandt hat. Dies sind Leopold von Sacher-Masoch , Karl Emil Franzos ,Thaddäus Rittner und Joseph Roth . Auch gibt es vereinzelte Broschüren zu einigen führenden Gestalten des galizischen Deutschtums im 20. Jahrhundert, wie z. B. die über Pastor Theodor Zöckler, jedoch im Vordergrund stehen ihre Protagonisten nicht als Schriftsteller, schon gar nicht als Autoren schönliterarischer Texte, sondern als Geistliche, Politiker, Aktivisten des nationalen Lebens, eventuell als Publizisten.
      Der älteste der wissenschaftlich erfaßten deutschprachigen Dichter Galiziens ist der lange vergessene, heute von einigen Forschern - mit dem Münchner Michael Fa-rin an der Spitze -wiederentdeckte Leopold von Sacher-Masoch. Das erste dieser umstrittenen Gestalt gewidmete Buch ist die Monographie seines Jüngers C. F. Schlichtegroll Sacher-Masoch und der Masochismus. Literarhistorische und kulturhistorische Studien . Die erste ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeit zum Leben und Schaffen Sacher-Masochs ist die 1932 in Greifswald erschienene Dissertation von Eduard Hasper Leopold von Sacher-Masoch. Diese gründliche, materialreiche, sachliche Abhandlung läßt sich heute noch gut gebrauchen. Generell muß man feststellen, daß das 'Nachleben" Sacher-Masochs in der Literaturgeschichte durch die unglückselige Verbindung seines Namens mit der Bezeichnung einer sexuellen Obsession als 'Masochismus" durch den Psychiater Krafft-Ebing wesentlich beeinträchtigt wurde, in der Nazizeit auch durch seinen Philosemitismus. Beide Faktoren ließen seine Gegner und Antisemiten darauf schließen, daß er ein Jude sei. Als Beispiel dafür, daß die sexuelle Abartigkeit in den Mittelpunkt der Interessen der Forscher gerückt wurde, seien einige Arbeiten angeführt wie das Vorwort von E. J. Görlich zur Auswahl Sacher-Masoch'scher Werke aus dem Jahre 1957 unter dem Titel Dunkel ist dein Herz, Europa oder der essayistische Werkkommentar des Dichters und Literaturkritikers Reinhard Federmann Sacher-Masoch oder die Selbstvernichtung . In neuester Zeit steht diese Problematik im Mittelpunkt der überaus wertvollen, biographisch angelegten Arbeit von Albrecht Koschorke Leopold von Sacher-Masoch. Die Inszenierung einer Perversion . Koschorke ist allerdings der erste, der den Beweis erbringen möchte, daß sich Sacher-Masoch selbst absichtlich als 'Masochist" der literarischen Ã-ffentlichkeit präsentiert hat. Im Zuge der feministischen Forschungen wurde besondere Aufmerksamkeit dem Bild der grausamen Frau, der 'femme fatale", das für Sacher-Masochs CEuvre konstituierend wirkt, gewidmet, vgl. z.B. Clea Elfi Köre: Decadence and the femine: the case of Leopold von Sacher-Masoch oder Monika Treut: Die grausame Frau. Zum Frauenbild bei de Sade und Sacher-Masoch .
      Das von der öffentlichen Meinung verunstaltete Image des z.T. zu Unrecht als ,.Pomoschriftsteller" verpönten Sacher-Masoch würde meines Erachtens besser ins rechte Licht gerückt werden, wenn man ihn oft und in sachkundig zusammengestellten Anthologien publizieren würde und ihn dadurch selbst zu Wort kommen ließe. In dieser Hinsicht läßt sich seit der Mitte der achtziger Jahre eine erfreuliche Wende bemerken. Vor allem sei hier auf die Recherchen von Michael Farin hingewiesen, der u. a. durch seine großangelegte Zusammenstellung von detektivistisch aufgespürten Materialien zum Verständnis des Vielverleumdeten beigetragen hat. Dieser Arbeit sind einige kleinere editorische Vorhaben vorausgegangen. Ferner sei auf drei wichtige Anthologien hingewiesen, die zur Genüge beweisen, daß Sacher-Masoch nicht nur der Dichter der Venus im Pelz und der Messalinen Wiens gewesen ist. Erstens handelt es sich dabei um einen Faksimiledruck der Auswahl Jüdisches Leben in Wort und Bild aus dem Jahre 1892, mit den schönen Illustrationen von Gerardin u.a., der 1985 in Dortmund bei Harenberg und ein Jahr darauf in Wiesbaden bei Fourier erschienen ist. In dem gleichen Jahre 1985 erschien im Bonner Bouvier-Verlag mit dem sachkundigen Nachwort von Michael Farin die Auswahl Don Juan von Kolomea. Galizische Geschichten, die den deutschsprachigen Leser an Sacher-Masoch als einen altösterreichischen Sänger Galiziens und einen kraftvollen Epiker des Ostens erinnert. Als die vorläufig letzte dieser wertvollen Initiativen sei die beachtliche von Adolf Opel im Böhlau-Verlag herausgegebene Anthologie Der Judenraphael. Geschichten aus Galizien, Wien 1989 zu nennen, die die besten Geschichten des Autors über die galizischen Juden wieder dem breiten Publikum zugänglich macht.
      Auch der jüngere Landsmann Sacher-Masochs, der durch den selbstgeprägten Begriff 'Halb-Asien" und durch seine Geschichten aus Galizien und anderen osteuropäischen Ländern berühmt gewordene Karl Emil Franzos, blieb lange in Vergessenheit, was auf den Antisemitismus in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückzuführen ist. In den dreißiger Jahren wurde ihm eine Wiener Dissertation gewidmet . Nach dem Zweiten Weltkrieg meldete sich zuerst Peter Schkilniak mit seiner Dissertation Galizien bei Karl Emil Franzos, Innsbruck 1946, zu Wort. Auf dem einschlägigen Gebiet wird diese stofflich reichhaltige Studie ihren Platz noch lange behaupten, wenngleich der junge Forscher über eine Systematisierung der Materialien nicht hinausging. Zahlreiche Neuauflagen, z.T. mit durchaus kompetenten Einführungen und Nachworten versehen, erfuhr Franzos als ein sozialkritischer Verfasser immer wieder in der DDR. Diese Rezeption erreichte aber kaum das westeuropäische Publikum. So hatte noch 1970 Wolfgang Martens Grund genug, in seinem kleinen Aufsatz Ãober Karl Emil Franzos den Umstand zu beklagen, daß dieser Autor so gut wie vergessen worden ist. Etwas früher hat in derselben Zeitschrift der polnische Germanist aus Lodz, Arno Will, auf die Gestalten der Polen in Franzos' Schaffen hingewiesen, wovon noch die Rede sein wird.
      Inzwischen sind meines Wissens mindestens acht Dissertationen erschienen, die sich mit verschiedenen Aspekten des Franzos'schen Werkes auseinandersetzen, darüber hinaus die kleine populärwissenschaftliche Monographie von Dieter Kessler Ich bin vielleicht kein genügend moderner Mensch... , München 1984, sowie Aufsätze von den israelischen Forschern Mark Gelber und Margarita Pazi, die an einer Buchmonographie über K. E. Franzos arbeitet. Letztere wäre durchaus zu begrüßen, da, abgesehen von der im Manuskript vorliegenden, positivistisch angelegten Dissertation des Koreaners Jong-Dae Lim Das Leben und Werk des Schriftstellers K. E. Franzos, Wien 1981, eine umfassende wissenschaftliche Monographie über diesen wichtigen Autor der deutschsprachigen Literatur fehlt. Von den übrigen Franzos-Dissertationen sind folgende thematisch mit Galizien verbunden: Alexander Malycky, Das Ukrainertum in den Dichtungen von Karl Emil Franzos, Cincinnati 1961; Mary Lynne Martin, Karl Emil Franzos: His views on Jewry, as reflected in his writings on the Ghetto, Wisconsin 1968; Fred Sommer, 'Halb-Asien"'. German nationalism and the Eastern European works of Karl Emil Franzos. Stuttgart 1984; Sybille Hubach, Galizische Träume. Die jüdischen Erzählungen von Karl Emil Franzos, Stuttgart 1986; schließlich der gewagte dekonstruktivistische Versuch des begabten jungen Grazers Günther A. Höfler, Psychoanalyse und Entwicklungsroman. Karl Emil Franzos 'Der Pojaz". München 1987. Von den editorischen Vorhaben der letzten Jahre sei besonders auf die von Joseph P. Strelka herausgegebene und eingeleitete Auswahl in der Deutschen Bibliothek des Ostens bei Nicolai, Berlin 1988, Erzählungen aus Galizien und der Bukowina, hingewiesen. Dem Rowohlt-Verlag verdanken wir die neuerdings erschienene Faksimileausgabe von Die Juden von Barnow , die der Cotta'schen Ausgabe von 1929 folgt.
      Eine interessante Gestalt der galizischen Literatur war der leider vergessene Dramatiker, Feuilletonist, Kritiker und Schriftsteller der Jahrhundertwende, der in Lem-berg geborene, in Wien aufgewachsene und wirkendeThaddäus Rittner, meines Wissens der einzige zweisprachige, deutsch und polnisch schreibende Dichter aus Galizien, ein typischer Alt-Ã-sterreicher, der sich in beiden Kulturen gleich heimisch fühlte und polnische, jüdische sowie deutschösterreichische Vorfahren besaß. In Polen wird er als polnischer Dramatiker geschätzt und gewürdigt, aber fast nicht mehr gelesen und nur noch gelegentlich gespielt. In Ã-sterreich ist er vergessen worden. So existieren nur wenige deutsche Aufsätze über sein Schaffen wie der von Alois Vogel Der Mensch in der Erwartung , von dem polnischen Germanisten Mieczyslaw Urbanowicz Tadeusz Rittner auf den deutschen und polnischen Bühnen , oder der von Oskar JanTau-schinski Kakanischer Balanceakt . Ferner wurde Rittner eine kleine Anzahl in Ã-sterreich verfaßter Dissertationen gewidmet, von denen die Monographie von Erich Johannes Steiner, Thaddäus Rittner, sein Leben und sein Werk, Wien 1932, die umfassendste und ergiebigste ist. Darüber hinaus seien hier angeführt die Dissertation von Maigorzata Barbara Ziemiariska Tadeusz Rittners Autoversionen, Wien 1979, über die zweisprachigen Parallelfassungen seiner Werke und die von Ewa Wöhrer-Ryszawy Thaddäus Rittners Dramen, Wien 1989. Auch wenn Rittner heute in der Literaturgeschichte der beiden Länder den Platz nicht einnimmt, den er einst zu verdienen schien, so sollte er als ein Sinnbild der polnisch-österreichisch-jüdischen Symbiose nicht vergessen und insbesondere in kulturgeschichtlich orientierten Büchern über Galizien bzw. über Alt-Ã-sterreich berücksichtigt werden.
      An letzter Stelle sei schließlich der mit Sicherheit wichtigste deutschsprachige Verfasser aus Galizien, Joseph Roth, genannt. Angesichts der Fülle der diesem hervorragenden Erzähler und Publizisten gewidmeten Sekundärliteratur sei hier nur auf einige Titel hingewiesen, die im besonderen Ausmaß die galizische Komponente in seinem Leben und Schaffen berücksichtigen. Die Monographie von Magris ist bereits genannt worden. Nicht genug gewürdigt werden kann die Arbeit des amerikanischen Forschers David Bronsen Joseph Roth. Eine Biographie, Köln 1974, eine Frucht jahrelanger Recherchen in vielen Ländern und der intensiven Beschäftigung des Verfassers mit dem Leben Roths. Für Studien zum Galizienthema bei Roth ist dieses Buch eine unerschöpfliche Fundgrube wichtiger Fakten, da die Motive seiner Werke hier vom Leben her beleuchtet werden. Ein wertvolles Kompendium für den Roth-Forscher ist ebenfalls die von Bronsen angeregte Materialsammlung Joseph Roth und die Tradition, Darmstadt 1975 .
      Biographisch Aufschlußreiches zu den galizischen Bezügen Roths enthält auch das frühe Gedächtnisbuch Joseph Roth. Leben undWerk. Hrsg. v. Hermann Linden, Köln 1949. Eine Fülle an biographischem Text- und Bildmaterial umfaßt der von Brita Ek-kert zusammengestellte Katalog Joseph Roth. 1894-1939, der im Zusammenhang mit der Roth-Ausstellung der Deutschen Bibliothek in Frankfurt herausgebracht wurde, 2. Aufl. 1979. Indessen bringt fast jede größere Monographie oder Aufsatzsammlung wichtige Hinweise zum Galizienbild bei Roth, so etwa der Sonderband von 'Text und Kritik": Joseph Roth, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Durch das Erscheinen der Monographie von Claudio Magris ist die Dissertation von Hansotto Ausserhofer Joseph Roth und das Judentum. Ein Beitrag zum Verständnis der deutsch-jüdischen Symbiose im 20. Jahrhundert, Bonn 1970, überschattet worden, man sollte jedoch ihren Wert und ihren primär chronologischen Ansatz beachten. Im Oktober 1989 hat zum 50.Todestag Josephs Roths ein von Fritz Hackert und Dietrich Kessler organisiertes Symposium in Stuttgart-Hohenheim stattgefunden, dessen Beiträge demnächst im Stauffen-berg Verlag erscheinen sollen. Darunter befindet sich auch mein Versuch, die Rolle der galizischen Heimat im Werk Roths zu bestimmen. Für besonders wertvoll auf diesem Gebiet halte ich die Arbeiten des Posener Germanisten Stefan H. Kaszynski, seine Beiträge zu den beiden Galizien-Symposien in Poznan und Innsbruck sowie den Aufsatz in 'Literatur und Kritik" , Die Mythisierung der Wirklichkeit im Erzählwerk von Joseph Roth.
      Als besonders verdient für die gegenwärtige und wohl auch künftige Rezeption Roths muß man zum Schluß denTübinger Forscher Fritz Hackert und seinen Berliner Kollegen Klaus Westermann, der sich insbesondere mit Roths Journalistik beschäftigt, nennen, auf deren großzügig angelegtes editorisches Vorhaben, im Kiepenheuer-Verlag Roths vollständige kritische Werkausgabe in sechs Bänden herauszubringen, würdigend hingewiesen werden soll. Die geplante Ausgabe wird die inzwischen vergriffene und unvollständige, vierbändige von Hermann Kesten aus den Jahren 1975-76 ablösen, wobei die Publizistik Roths zum erstenmal so ausführlich - in drei Bänden - präsentiert wird. Erschienen sind bisher zwei sorgfältig edierte Bände: Joseph Roth: Werke. Erster Band. Das journalistische Werk 1915-1923. Hrsg. von Klaus Westermann; und Joseph Roth: Werke. Vierter Band. Romane und Erzählungen 1916-1929. Hrsg. v. Fritz Hackert, Köln 1989.
      Obwohl es an einer Synthesedarstellung der galiziendeutschen Literatur fehlt, existieren doch in der Literaturgeschichtsschreibung nach 1945 Ansätze, die Vielfalt dieses Schrifttums zum Ausdruck zu bringen. In der ersten Monographie von Claudio Magris Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur wurde im KapiteM« östlichen Reichsgrenzen der Versuch unternommen aufzuzeigen, daß gerade an den Peripherien des Habsburgerstaates sein Mythos als eine übernationale, ethisch-kulturell einheitsstiftende Idee einen besonders fruchtbaren Boden gefunden hatte. Die Beweisstücke, die der junge Magris zur Bestätigung der kühn aufgeworfenen These anführte, wurden allerdings z.T. willkürlich gehandhabt. Eine Weiterführung des Ansatzes von Magris auf dem Gebiet der nichtwissenschaftlichen Literatur finden wir in der spannenden Collage von Martin Pollack Nach Galizien. Von Chassi-den, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina , die einen guten Einblick in die Kulturvielfalt dieser Territorien ermöglicht. Eine Entsprechung dieses z.T. publizistischen, z.T. in der Art einer Anthologie entworfenen Buches auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft wäre eine willkommene Bereicherung unseres Wissens um die Galizienliteratur. Es existiert dabei allerdings ein beträchtliches Hindernis: Wenn wir uns mit der deutschsprachigen Literatur dieses Gebietes befassen, so können wir dadurch nur auf die deutsch-jüdischen kulturellen Beziehungen eingehen, denn die polnische und zum größtenTeil auch die junge ukrainische Literatur wurden ja in der jeweiligen Nationalsprache der Autoren und nicht auf Deutsch verfaßt. Die vollständige Rekonstruktion der Kulturlandschaft Galizien würde dagegen die Berücksichtigung von fünf verschiedensprachigen Literaturen verlangen: der polnischen, deutschen, ukrainischen, jiddischen und hebräischen. Solch eine komparatistische Literaturgeschichte Galiziens wäre zwar theoretisch möglich, sie würde aber die Zusammenarbeit eines Kollektivs von für einzelne Sprachen und Literaturen zuständigen Autoren verlangen.
      Einen weiteren wertvollen Ansatz, obwohl er doch primär für die deutsche Literatur gilt, bilden die beiden internationalen Galizien-Symposien, deren Materialien in Buchform vorliegen: das vom Germanistischen Institut der Universität Poznan veranstaltete Symposium Galizien - eine literarische Heimat, als Buch hrsg. v. Stefan H. Kaszynski , und als dessen Fortsetzung, die Materialien des Innsbrucker Symposiums Galizien als gemeinsame Literaturlandschaft, hrsg. v. Fri-drun Rinner und Klaus Zerinschek . In beiden Fällen wurden Beiträge zur polnischen Literatur sowie komparatistische Texte mitberücksichtigt.
      In den zahlreichen monographischen Arbeiten polnischer Germanisten, die sich mit dem Polenthema in der deutschsprachigen Literatur befassen, nimmt Galizien eine relativ bescheidene Stellung ein. Umfassende und aufschlußreiche Informationen zu diesem Thema liegen in den Werken des Mitte der achtziger Jahre verstorbenen Germanisten Arno Will aus I/odz vor. Mit Ausnahme eines Franzos-Aufsatzes unter dem Titel Karl Emil Franzos. Ein Beitrag zu den Gestalten der Polen in österreichischer Literatur handelt es sich dabei um wissenschaftliche Monographien in polnischer Sprache.
     
   Ich selbst versuchte in meiner Habilitationsarbeit Problemfeld Galizien. Zur Thematisierung eines nationalen und politisch-sozialen Phänomens in deutschsprachiger Prosa zwischen 1846 und 1914 " aufgrund jahrelanger Recherchen die Gesamtheit der deutschsprachigen Literatur Galiziens zu erfassen, insofern Galizien das Thema der in Betracht gezogenenTexte war. Es war somit nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine thematische Einschränkung gegeben, denn auf diese Weise konnten Verfasser und Werke nicht berücksichtigt werden, die zwar aus Galizien stammten bzw. im Falle derTexte dort verfaßt wurden, aber andere Stoffe behandelten.
      Die Bearbeitung einer nach Castle-Nagl-Zeidler neuen Literaturgeschichte Galiziens und anderer Provinzen der ehemaligen Habsburgermonarchie betrachte ich als ein wichtiges Forschungsvorhaben, das die Zusammenarbeit einer ganzen Forschergruppe verlangen würde. Es könnte angesichts der jetzigen allgemeinen Zuwendung zur Problematik 'Mitteleuropa" einen wichtigen kulturpolitischen Beitrag leisten, und zwar als eine objektivierte, dokumentarisch fixierte Erinnerung an das Alte, das nicht in allem als überkommen zu betrachten ist, sondern auch reichhaltigen Stoff zur schöpferischen, kritisch-anregenden Reflexion liefern würde.
     

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Die  deutschsprachige  Literatur  Galiziens  der  Forschung    





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