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Die deutsche Literatur in der Bukowina. Entwicklungstendenzen und Forschungslücken



Für Hugo von Hofmannsthal waren die Kriegsereignisse im Herbst 1914 und im Winter 1915 in den Waldkarpaten, war die wiederholte Einnahme von Czernowitz ein Erlebnis, das er als Wendepunkt im Leben seines Schwierigen, des Grafen Hans Karl Bühl, darstellt. In der ,Neuen Freien Presse' schrieb Hofmannsthal am 23. Mai 1915 über den 'Geist der Karpathen" und verglich die Kämpfe gegen die Russen mit der Abwehr der Türken vor Wien im Jahre 1683. 'Es ist, als hätte dies alles nicht anders geschehen können und an keiner anderen Stelle der Welt, und als hätte der Geist, der sich hier offenbaren mußte, genau alle die Umstände zu seiner Offenbarung nötig gehabt, die sich nur hier zusammenfanden, um die Kette der schwersten Prüfungen zu bilden, welche je über ein Kriegsheer verhängt wurde."


Der Hang zur Emphase, der sich im Jahre 1914 über die politischen Parteien hinweg bemerkbar gemacht und Unterschiede nivelliert hatte, klingt in solchen Sätzen noch an.
      Aber Hofmannsthal will noch ein anderes vermitteln. Er schreibt: 'Aber auch jenes andere läßt sich nicht wegdenken, das in so vielen Briefen und Tagebüchern immer wiederkehrt, die Erhabenheit der Natur mitten in und über all diesem Geschehen: die gestirnten Winternächte, die schweigenden verschneiten Buchenwälder, die stillen Bergkuppen im Frühlicht und jenes Aufgehen des Morgensterns in der eisigen klaren Luft, groß und zauberisch hier, so wie nie und nirgend sonst, wie ein Signal, ein Feuerzeichen, immer wieder jene schwere Stunde zwischen Nacht und Tag heranführend, die mehr Blut hat fließen sehen als irgendeine andere von den vierundzwanzig [...]. Nie wird von den Namen all der Karpathenflüsse der Schicksalsklang abfallen; wenn wir Dunajec hören werden oder Biala, Ondawa und Orawa [...] so wird in uns im Tiefsten etwas erbeben, das vor diesem Krieg nicht da war [...]. Das gegen Osten gekrümmte Waldgebirge, dieser östliche Bergwall der Monarchie, ist durch ein ungeheures Geschick zu einer heroischen Landschaft ohnegleichen geworden."
Man könnte hinzufügen: Diese Landstriche, die Bukowina oder das Buchenland gehörten mit dazu, waren immer schon durch Einfälle und Kriege auf eine erzwungene, duldende Größe vorbereitet; durch die Ereignisse der späten dreißiger Jahre, durch den Holocaust sind diese Leidenszwänge zu einer kaum vorstellbaren Intensität gesteigert worden. Das konnte Hofmannsthal 1915 nicht voraussehen, als er positives Heldentum in der Geschichte und Geschichte im Atem einer Landschaft beschwor. Dennoch sind seine Zeichen, historische Größe und dazu passende Naturkulisse, auch denjenigen vertraut, die sich als Autoren mit ihrem Geburtsland, der Bukowina, beschäftigten. Daß ein Topos, von einem Außenstehenden geschaffen, literarisch weitergedeiht, weil er zu dem geokulturellen Umfeld zu passen scheint, ist zumindest erwähnenswert. Emphase und Nostalgie, behauptete Einmaligkeit und vergänglich zerbrechliche Intimität, die sich nicht leicht dem Betrachter erschließen, das ist für Hofmannsthal der Geist der Karpaten gewesen; für Rose Ausländer, für Immanuel Weissglas und andere war es ähnlich, nur daß sie in erster Linie zum Schmerz gezwungen wurden. Wenn man an die Bukowina denkt, kann man heute feststellen, daß sie immer ein Durchzugsgebiet war, daß die Weltgeschichte sie immer nur streifte, daß durch die ständigen Ã"nderungen, die sich von außen aufdrängten, eine unstillbare Unruhe waltete und den einzelnen jeweils nur für kurze Augenblicke Besinnung gönnte.
      Zu dieser historischen Unrast steht das Landschaftsbild noch immer in einem wohltuenden Gegensatz: Die Buchenwälder sind seit dem Mittelalter zu ca. 70% erhalten geblieben; das ist in Europa einmalig. In den ruhig breiten Hügel- und Bergwellen eilen die Flußläufe weiterhin recht unbeschadet durch stilleTäler, und große Gebiete der Provinz sind schon seit der Zwischenkriegszeit als Reservate vor Zugriffen geschützt. Das ist dem Anwachsen einer Industrie und stellenweise einer Umweltbelastung nicht im Wege gestanden, das hat auch bis 1945 dem zunehmenden Wohlstand nicht Einhalt geboten. Für Eingriffe von außen boten die vielfältigen Reichtümer der Provinz einen willkommenen Anlaß. Früher waren es Petschenegen, Kumanen, die einfielen; auf ihren Spuren waren dannTürken undTataren anzutreffen, später, in der Neuzeit, Russen und Ã-sterreicher; in den vierziger Jahren schadete der Rassenwahn der Rumänen und Binnendeutschen beträchtlich. Von den Ãobergriffen der paroxysti-schen Kriegsphase sind die Buchenlanddeutschen freizusprechen: Nach 1940 wurden sie zwangsumgesiedelt, waren im Warthegau und später im besetzten Deutschland ebenso Opfer des NS-Regimes: Sie haben erst viel später vom Greuel der jüdischen Deportation nachTransnistrien erfahren, vom Leid ihrer ehemaligen Landsleute, mit denen sie heute gemeinsame Erinnerungen verbinden.
      Uns geht es um die deutsche Literatur, die in der Bukowina entstand; ein Teil dieses Schrifttums ist durch Paul Celan, Rose Ausländer, Alfred Gong, Gregor von Rezzori und Georg Drozdowski im deutschen Sprachraum bestens bekannt. Schrittweise versank die Bukowina, zunächst nach 1918, als die Vielsprachigkeit einer Einsprachigkeit weichen sollte, als man - allerdings oft sich selbst bezähmend - einen rumänischen Nationalgeist stärkte; danach, nach 1940 und wieder nach 1944, als die Bukowina als Teil der Ukraine wieder umgekrempelt wurde, wobei diesmal die Rumänen ihre Vorrechte an die Ruthenen abzutreten hatten. Repressive und zentralisti-sche Eingleisigkeit trat an die Stelle der alten föderalistischen Strukturen, die, trotz mancher Mängel,Toleranz und ein friedliches Nebeneinander nicht entscheidend behindert hatten. Für die Literatur, die sich an Musils Kakanien-Mythos anlehnte und es unternahm, die nostalgische Gesamtheit eines geistigen Ã-sterreich zu beschwören und zu gestalten, lange nachdem jede Chance einer Handlungsfähigkeit geschwunden war, ist die Bukowina ein gutes Beispiel dafür, wie bescheidene Anfänge einen späteren Höhepunkt nicht vermuten lassen und dennoch in irgendeiner Art dazu beitragen, daß diese Spitzenleistungen vorbereitet werden. Das Interesse an der deutschen Literatur der Bukowina ist durch die letzten und bedeutendsten Leistungen eines Paul Celan, einer Rose Ausländer geweckt worden, was dafür gesorgt hat, daß auch auf andere poetae minores und auf die Literaturentwicklung bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückgeblickt wurde; dabei bestand immer die Vermutung, daß man die Zusammenhänge zwischen Ansätzen und Realisierungen bestätigen und freilegen könne. Bisher ist dies noch nicht geschehen, selbst wenn z. B. der Sammelband über die Grazer Tagung des Jahres 1987 sehr viel an Einzeluntersuchungen gezeitigt hat.
      Periodisierungen und Einzelansätze
Eine wichtige Voraussetzung für die Erforschung der deutschen Literatur der Bukowina scheint heute wenigstens vorstellbar: der Zugang zu den Quellen. Daß die Bukowina zunächst mit Galizien verbunden war, das nach 1918 einem anderen Nationalstaat angehörte, daß die Bukowina 1940 geteilt, nach 1944 wieder in Nord- und Südbukowina aufgegliedert erschien - zwischendurch, während des ZweitenWeltkriegs, gab es eine einzige rumänische Bukowina -, sowie der Umstand der ständig wechselnden Grenzen, die kaum zu überwinden waren, haben mit der damit verbundenen staatlich verordneten Geheimhaltung von historischen und politischen Informationen, zu denen alles, was sich mit Minderheiten befaßte, gezählt wurde, in Polen, der Sowjetunion, in Rumänien - vor allem nach 1945 - verhindert, daß Archive und Bibliotheken der Forschung geöffnet, daß Themen enttabuisiert wurden, die mit dem Vielvölkerstaat zusammenhingen.
      Heute ist es möglich, daran zu denken, daß nicht nur ein Gregor von Rezzori in seine Heimatstadt, wo 'Bücher und Menschen lebten", reisen kann, um dort Interviews zu geben, sondern daß man die Entwicklung einer Literatur im ehemaligen Kronland Bukowina sowohl in Lemberg als auch in Czernowitz, Suceava oder Bukarest vor Ort erforschen und die lückenhaften Angaben, die als Quellen in Mittel- und Westeuropa schon herangezogen wurden, ergänzen kann. Vor allem literatursoziologische Erhebungen können die bisherigen Erkenntnisse revidieren helfen.
      Vor 1945 waren breitangelegte Einzeluntersuchungen über deutsche Autoren der Bukowina selten; Alfred Klugs Neubauer-Monographie bildet hierbei die einzige Ausnahme. Nach 1945 sind bis in die siebziger Jahre nur die Bemühungen des Czernowit-zer Kreises erkennbar, der in Bukarest tätig war: Alfred Margul-Sperber, Alfred Kittner und Lothar Wurzer-Rädäceanu sorgten dafür, daß für Einzelfragen der deutschen Literatur der Bukowina in Rumänien ein Interesse vorhanden blieb.
      Das Fehlen von ernstzunehmenden und ausreichenden Vorarbeiten hat allerdings das frühe und recht häufige Ausarbeiten von Ãoberblicksdarstellungen nicht verhindert. Schon im sogenannten 'Kronprinzenwerk" erschien erstmals 1899 eine summarische Darstellung der deutschen Literatur der Bukowina, und mit der großangelegten 'Geschichte der deutschen Literatur im Zeitalter Franz Joseph I." ist 1935 eine wahre Fundgrube für Fakten aus einzelnen Provinzen der Donaumonarchie, d.h. auch der Bukowina, bereitgestellt worden, deren teilweise Verwertbarkeit auch heute noch aussteht, was der Beitrag von Friedrun Rinner zu dieserTagung zu beweisen versucht. Ob und wann eine Selbstbestimmung des Schrifttums der Bukowina möglich war, ist in diesen und anderen Ãoberblicksdarstellungen nicht erwogen worden. Immerhin wäre dabei zu berücksichtigen, daß die 1774 von Ã-sterreich besetzte Bukowina bis 1786 unter einer Militärverwaltung stand, bis 1848 zu Galizien geschlagen wurde und erst 1862 den Status eines Kronlandes, des Herzogtums Bukowina, erhielt, der ihm bis 1918 erhalten blieb. In Rumänien und in der Sowjetunion war die Bukowina keine administrative Einheit; ihr Gebiet wurde, wie das in anderen Landesteilen der beiden Staaten üblich war, in kleinere Verwaltungsteile untergliedert: an eine Selbständigkeit, und damit verbunden, an eine im Bewußtsein verankerte Eigenständigkeit war dabei nicht oder nur in bescheidenem Maße zu denken. Als autonomes Gebilde wird demnach meist - im Rückblick - die von 1862-1918 homogene österreichische Bukowina betrachtet und nostalgisch umworben.
      In den Ãoberblicksdarstellungen geht es darum, eine Literaturentwicklung zu erfassen, deren Einzeldaten zu wenig bekannt sind. Dem geringen Bekanntheitsgrad des deutschen Schrifttums aus der Bukowina entspricht die Tatsache, daß seit den dreißiger Jahren fast immer das gleiche Repertoire von Autorennamen und Einzelwerken ins Gespräch gebracht wird, so daß eine vertiefte Analyse der Zusammenhänge deshalb kaum erfolgen konnte. Die unterschiedlichen Periodisierungen resultieren meist aus Hypothesen der einzelnen Literaturhistoriker, die, auf schmalemTatsachengerüst wandelnd, ihren individuellen Standpunkt dennoch einzubringen bestrebt sind. Als Tatsachen gelten dabei einerseits die biographischen Fakten, andererseits die summarischen Informationen zum jeweiligenWerkkorpus. Eine Klassifizierung des Bekannten ist deshalb immer noch schwierig, selbst wenn die Verdienste des Sammelbandes von Goltschnigg/Schwob eine Erweiterung der Kenntnisse über die deutsche Literatur der Bukowina durchaus ermöglicht haben.

     
   Bei den vorliegenden Periodisierungen wurden lokale Besonderheiten bisher nur in Ansätzen berücksichtigt. Das liegt auch an dem zugrunde gelegtenTatsachenmaterial.
      In der 'Deutsch-österreichischen Literaturgeschichte" von Nagl/Zeidler/ Castle ist die Periodisierung für alle österreichischen Provinzen gleich, so daß lokale Abweichungen vom allgemeinen Rahmen nicht berücksichtigt werden können: Von 1750-1848 wird eine sowohl undifferenzierte als auch viel zu lange Periode angenommen, 1848-1890, 1890-1918 sind die weiteren Etappen; für die Zeit nach 1918 ist - berücksichtigt man die Zielsetzung der Literaturgeschichte - keine eigenständige Entwicklung miteingebracht worden. Da die Darstellung chronologisch und monographisch erfolgt, können übergreifende Verbindungslinien nicht erkannt werden.
      An dieser zeitlichen Gliederung der deutschen Dichtung der Bukowina hat Franz Lang 1961 nicht gerüttelt. Für ihn bedeutet Entwicklung zunächst schlicht und einfach eine Zunahme der Intensität der dichterischen Produktion; dementsprechend wäre in der Zeit 1918-1940 ein Höhepunkt literarischer Produktion erreicht, der den der früheren Etappen - siehe oben - übertrifft. Für die Zeit bis 1961 findet Lang keine Klassifizierungskriterien, so daß er bloß eine Nennung von Autoren undWerken vornimmt.
      Neue Bewertungskriterien, die auf Besonderheiten der historisch-politischen Gegebenheiten der Bukowina Rücksicht nehmen, hat Kurt Rein 1983, in leicht revidierter Fassung 1990, für seinen Periodisierungsversuch in Erwägung gezogen. Als Perioden gelten Rein die Wegstrecken von 1775-1848, 1849-1875, 1875-1920, 1920-1940, 1940 bis heute. Als Orientierungsmarken werden politische Ereignisse ausgemacht: 1775 die Ãobernahme der Bukowina durch Ã-sterreich, 1848 die Revolution, 1920 die Zuweisung der Bukowina an Großrumänien, 1940 die Zwangsumsiedlung der Buchenlanddeutschen. Eine besondere Zäsur setzt Rein für 1875, das Gründungsjahr der östlichsten deutschen Universität in Czernowitz; da die Ausstrahlung dieser Universität noch längst nicht befriedigend erforscht, ihre Bedeutung für Stadt und Umland jedoch unbestreitbar ist, kann dadurch auf eine tatsächliche Besonderheit der kulturellen Entwicklung in der Bukowina hingewiesen werden. Wie sich allerdings die Abhängigkeit des literarischen Lebens von politischen/kulturgeschichtlichen Einzelereignissen erkennen und definieren läßt, wird - wie in anderen Fällen - nicht sehr leicht aufzuschlüsseln sein, gerade das Verhältnis Politik - Literatur ist vieldeutig und schwer bestimmbar.
      Als Bewegungsdiagramm der deutschen Literatur der Bukowina vermerkt Rein zwei 'Blüte"-Zeiten: 1875-1918 und 1918-1940. Nach 1940 wird die buchenländische Dichtung als 'Exilliteratur" bezeichnet; das ist ein Begriff, der in der binnendeutschen Literatur meist mit der Zeit von 1933-1945 gekoppelt wird und im Zusammenhang mit dem regionalen Literaturbetrieb mißverständlich sein kann.
      Die Autorität von Universitätslehrern gilt in der Darstellung von Rein viel, wo es um Beurteilung von literarischen Erzeugnissen geht. Ã"sthetische Kriterien sind von geringer Relevanz. Sie spielen nur in dem - bisher nicht veröffentlichten - literarhistorischen Ãoberblick der deutschen Literatur ' auf dem Gebiete des heutigen Rumäniens" eine Rolle, der von Dieter Kessler für die Zeit von 1848-1918 erstellt wurde. Für die Periode vor 1848 glaubt Kessler in der Bukowina noch keine literarische Entwicklung erkennen zu können. Von 1848-1918 gäbe es zweiTraditionsstränge:
A) den einer Provinzliteratur, die sich abkapselt und ethnisch-gruppenspezifischen Identifikationszwängen unterworfen ist,
B) den einer Literatur, die sich in den deutsch-österreichischen Entwicklungszusammenhang stellt, demnach auch den jeweiligen ästhetischen Normvorstellungen zu genügen bemüht war; Kessler verweist dabei auf Karl Emil Franzos14, Marco Brociner, Leon Rosenzweig u. a. fast durchwegs nicht deutsche, aber deutschschreibende Autoren . DasWertebewußtsein läßt es zu, daß Kessler selektiert, was zu einem Verzicht auf bis dahin immer wieder miteinbezogene Autoren und Werke führt. In diese Richtung einer ästhetischen Relevanz kann die Periodisierung und Darstellung weitergeführt werden, wie es auch die Einzelbeiträge in dem zitierten Buch von Goltschnigg/ Schwob nahelegen.
      Kriterien für eine Kontinuität
A. Der gesellschaftliche Stellenwert der Literatur:
Er ist bis 1918 schwer auszumachen, wenn man sich auf die bisher bekannten und berücksichtigten Tatsachen stützt. Bis 1848 gibt es in der Bukowina insgesamt erste Ansätze zu einem landesweiten Bildungssystem für alle dort wohnenden Völkergruppen. Einen gewissen Vorsprung im Völksschulwesen haben dabei die zahlreichen Rumänen und Ruthenen aufzuweisen gehabt, doch wurde dies bei den Deutschen durch die Ausrichtung auf österreichische Modelle wettgemacht, weil die deutsche Sprache nach und nach zum Katalysator für die gesamte Provinz wurde.
      Innerhalb des sich festigenden Bildungswesens besaß ein Schrifttum außerhalb didaktischer Zielrichtung nur eine geringe Chance, um gesamtgesellschaftlich eine nennenswerte Rolle zu spielen. Das gilt für alle Literaturformen und für alle vielsprachigen Kulturen der Bukowina. Lehrwerke entstehen, die Verlage sind durchwegs darauf eingestellt, die schöne Literatur bleibt ein Privatissimum, ein Produkt der 'Neben-Stunden", wie das 18. Jahrhundert es formuliert hatte. Das erklärt sowohl das sporadische Auftreten von literarischen Werken als auch den Umstand, daß diese sich nur handschriftlich erhalten haben. Von der Versdichtung von D. Hübel im Jahre 1792 zu dem Lesedrama von S. N. aus dem Jahre 182515 bis zu den Versversuchen von Karl Kugler undTheodor Lupul ist den Zeitgenossen kaum etwas bekannt geworden. Ã"hnliches war bei rumänischen Autoren der Fall, auch bei jüdischen.
      Von unterschiedlicher Wirksamkeit war die Präsenz eines deutschen Theaters in Czernowitz. Zwar gibt es erste - in den bisher ungenutzten Quellen eines 'Deut- i sehen Bühnen-Almanachs" - Hinweise auf eine recht zielstrebige Theatertätigkeit in Czernowitz in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, doch werden keine Lokalautoren genannt, die im Repertoire eine Rolle gespielt hätten; allerdings kann das deutsche Theater - über Theatertätigkeit in anderen Sprachen ist erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas bekannt -als Kulturvermittler, d. h. als Rezeptionsinitiator, betrachtet und bewertet werden.
      Von geringerer Bedeutung als in anderen Provinzen ist bis 1848 die Wirkung eines Fremden-Bildes von der Bukowina; zwar haben manche Reisebeschreibungen sich mit dem Buchenland beschäftigt, doch ist ein Bukowina-Image, im Gegensatz zu einem Banat- oder Siebenbürgen-Bild, nicht erkennbar. Nach 1848 vermehren sich die Indizien für eine langsame Strukturierung eines Literaturbetriebs, doch ist kontinuierliche Entwicklung kein Kennzeichen der Zeit.
      Die sprachenübergreifende Gemeinsamkeit wird zunächst von 1848-1850 noch einmal bestätigt, als die Zeitung ,Bucovina' von den Brüdern Hurmuzachi in deutscher und rumänischer Sprache redigiert wurde, als sich der rumänische Leseverein 1865 konstituierte und in der Gesellschaft der Ã"rzte und Naturforscher, einem Ableger der 1832 in Jassy gegründeten wissenschaftlichen Vereinigung, neben Deutschen, Juden und Rumänen auch Polen und Ruthenen in Erscheinung traten. So ist der Austausch von Kulturwerten dank Persönlichkeiten, die jeweils in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache tätig waren, eine bleibende Komponente buchenländischer Literaturproduktion. Schon aus diesem Grund ist eine Aufgliederung in eine Dichtung deutscher und nicht-deutscher Autoren wenig ratsam. Als Rezipienten standen im vielsprachigen Umfeld ebenfalls keine sozial oder ethnisch homogenen Gruppen zur Verfügung.
      Durch die ,Buchenblätter', die in drei Jahresfolgen erschienen , gab es den Versuch einer Sammlung deutscher Dichtwerke von Lokalautoren, die auf die einsehbare Leistungsvielfalt verweisen sollte. Die Herausgabe von Almanachen, Kalendern und periodischen Schriften ist jedoch-bis 1918 - eher ein Beleg dafür, daß die Gepflogenheiten einer funktionierenden Literatur für die gehobenen bürgerlichen Schichten als Prestige anliegen auch in der Bukowina übernommen werden sollten. Das Streben, in Wien oder im deutschen Sprachräum Anschluß an dieTagespresse und die kulturell weitflächigen Periodika zu finden, die Arbeitssuche jenseits der Provinz um Czernowitz, sind deutlich genug. Allerdings hat man bisher weder die Bedeutsamkeit und das Wirken der Journalisten aus der Bukowina untersucht -z.B. derjenigen, derenTätigkeit in der Zeitschrift von Karl Kraus ,Die Fackel' vernehmbar und durch Repliken des Satirikers ein Mehr an Ã-ffentlichkeit findet -, noch sich auf Autoren in Sparten wie wissenschaftliche Arbeiten und Belletristik eingestellt. Wer kennt etwa die Tätigkeit des am 4. Februar 1857 in Czernowitz geborenen Adolf Kapralik, der als 'Privatgelehrter" in Wien, als Gegner von Kunstsprachen, gewirkt hat? ,Volapük' ist durch seine vernichtenden Pamphlete unwirksam geworden. Aber auch Kapraliks Aufsätze und Beiträge in der ,Neuen Freien Presse', im ,Neuen Wiener Tageblatt' in den achtziger Jahren sind kaum beachtet worden. So fehlt für seine Verbindung zu einem Schrifttum in seiner Geburtsheimat vorläufig jeglicher Hinweis. Oder wer hat die literarische Tätigkeit eines Moritz Stekel, der immerhin die ,Bukowiner Post' betreute, untersucht und in einen Entwicklungszusammenhang gestellt?
Ãober die Grenzlinie 1918 hinaus hat das deutsche Theater in Czernowitz seine Verankerung in einem gesamtkulturellen Bewußtsein der Stadt von 1848 an bewiesen; daß 1922 die forcierte Ablösung durch ein rumänisches Nationaltheater betrieben wurde, läßt den Ersatz von Toleranz- und Koexistenzstrukturen durch Monotonie erkennen.
      Dem Bildungsbedürfnis, dem kulturellen Kommunikationsprozeß waren die Gründung der Universität Czernowitz sicherlich dienlich. Eine wissenschaftliche Literatur erhielt einerseits eine Berechtigung auch jenseits akademischer Eliten, andererseits entstand eine Professorenliteratur, aus deren Umkreis Kurt Rein vor allem die Versuche von Kaindl ins Treffen führt. Auf diese Weise entstehen Literaturschichten, differenzieren sich Produzenten und Rezipienten. Von einem tatsächlichen Eigenbewußtsein kann allerdings nicht die Rede sein.
      Im autonomen Kronland Bukowina konnte es nicht vermieden werden, daß die Bestrebungen, politische Sonderrechte zu erwerben, auch zu nationalen Abkapselungen und - hierzulande recht moderaten - nationalen Auseinandersetzungen führten. Die Darstellungen im Halb-Asien von Karl Emil Franzos sind mißverständlich, auch wenn sie auf der jeweiligen Gegenseite heftige Reaktionen hervorriefen.
      Nach 1918 gibt es in der Bukowina schlagartig - auch durch den Versuch der rumänischen Staatsbevölkerung und der Minderheiten, ihre jeweilige Eigenart zu belegen -eine enorme Steigerung der Produktion von Periodika. Allein in deutscher Sprache sind, zeitweise, bis zu vier Tageszeitungen gleichzeitig erschienen; die Zahl der Zeitschriften, deren Kurzlebigkeit nichts gegen ihre jeweilige Bedeutung aussagt, ist beträchtlich. Ebenso aber gab es rumänische, ukrainische, polnische, jiddische Zeitungen und Zeitschriften, die von Erich Prokopowitsch gewissenhaft registriert wurden, deren Untersuchung bis heute jedoch über Ansätze hinaus nicht gediehen ist.
      Von linksgerichteten Publikationen über konform bürgerliche Blätter bis zu rechtslastigen Presseorganen ist von 1918-1940 fast alles anzutreffen. Wenig Ãobereinstimmung zwischen periodischer Literatur und Buchproduktion ist allerdings auszumachen: Die Bücher erscheinen entweder als Privatdrucke oder außerhalb der Bukowina. Das dürfte doch darauf zurückzuführen sein, daß die sprunghafte Entwicklung die volle Ausbildung eines massenwirksamen und in sich reibungslos hierarchisierten Literaturbetriebs nicht zugelassen hatte. Als weiteres Manko ist die extreme Reduzierung des deutschenTheaterlebens anzusehen, auch wenn bis 1932 Gastspiele aus Wien oder Deutschland, von 1933-1940 die regelmäßigen Besuche des Deutschen Landestheaters mit Sitz in Hermannstadt für einen scheinbaren Ersatz gesorgt hatten.
      Auch die - öffentlich heute nicht mehr erkennbaren -Aktivitäten von Vereinen, Klubs, Vereinigungen sind wahrscheinlich literaturfördernd gewesen, haben aber z. T., wie im Theaterbetrieb, Frontstellungen von ethnischer Gruppe zu ethnischer Gruppe begünstigt, was eine Folge der nationalbesessenen Staatspolitik war, die ein Miteinander durch ein Nebeneinander oder - in Ansätzen - Gegeneinander ersetzt hatte.
      Ein buchenländischer Literaturbetrieb in deutscher Sprache besteht seit 1940 nicht mehr 'vor Ort"; in den Vertreibungsgebieten gibt es zwar Rezipienten einer Bukowina-Thematik, auch Autoren, deren Herkunft aus der Bukowina ihre Vorliebe für bu-chenländische Stoffe, auch für Nostalgien und Mythen, verständlich erscheinen läßt; es handelt sich aber kaum noch um eine deutsche Literatur der Bukowina, auch nicht um eine Exilliteratur, denn die Einbindung und die teilweise Zugehörigkeit zur gesamtdeutschen Dichtung war bei den Vertretern der literarischen Provinz auch vor 1940 unentwegt vorhanden gewesen. Es handelt sich vielmehr um einen Epilog, eine Reihe von Nachklängen, ein Ãoberwinden von Barrieren in der deutschen Literaturszene, solange sich die Bukowina, durch ihre früher landeseigenen Konstanten als themengünstig und oft als durchaus literarisch hoffähig erweist. Diese letzte Phase einer erst nach dem Entzug der Wirklichkeit zu sich selbst findenden Dichtung kann eine auf die Anfänge bezogene Image-Beständigkeit in den Blickpunkt rücken. Sie hat mit einer Begrenzung zu tun, die anzusprechen ist.
      B. Begrenzung eines Provinzinnenraumes:
In der Nachbarschaft der Bukowina, in Siebenbürgen, hatte sich in der Zwischenkriegszeit in Akademikerkreisen und unter Künstlern ein sogenannter Transsylvanis-mus herausgebildet, der in der kurzlebigen Klausenburger Zeitschrift,Cultura' ein Sprachrohr gefunden hatte; es ging darum, daß eine mentale und soziale Verbundenheit aller in Siebenbürgen Lebenden vorausgesetzt wurde. Der Selbstdarstellung und der Dialogfähigkeit war die erwähnte Klausenburger Zeitschrift gewidmet.
      In der Bukowina können Ansätze zu einem Bukowinismus ermittelt werden, über dessen Reichweite und Intensität noch keine Untersuchungen vorliegen. Nimmt man einen frühen Anlaß, das Gedicht des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu La Bucovina aus dem Jahre 1866 - das war kurz, nachdem Eminescu die Schule in Czernowitz verlassen hatte, wo er u. a. als Schüler von Ernst Rudolf Neubauer Konzepte eines multikulturellen Geschichtsbildes vermittelt erhalten hatte - so sind Grundanliegen schon hier vorhanden:

N-oi uita vreodatä, dulce Bucovina,
Geniu-p. romantic, munii in luminä,

Väile in flori,
Riuri resältinde printre stince nahe,

Apele lucinde-n dalbe diamante
Peste cimpii-n zori...
      Astfei, totdeauna cind gindesc la tine,
Sufletul mi-apasä nouri de suspine,

Bucovina mea!

   Ein südöstlicher Locus amoenus ist hier geschaffen worden, der - in der Nachfolge Neubauers, aber nicht nur Neubauers - dieWalhalla, die Sylphiden in seine perfektio-nistische und weiträumige Eloge einbezieht.
      Und dieser Wunderwelt-Topos wird bis in unsere Tage beibehalten, wo er u.a. bei Alfred Gong eine spezifische Ausprägung erhält:
Die Slawen benannten es so. Buchenland hieß es den schwäbischen Siedlern, hier belehnt unter Maria Theresiens Krone. Anders die Sterne des Grenzlands: wie Frucht, wie Wintersaat, wie der nie gehobene Türkenschatz -wenn sie flüsterten aus den Brunnen.
      Im Süden: rumänische Bauern, geweißte Häuser, Marienkäfer im Mais. Die Popen mit Köpfen wie Räuber und schönen Töchtern waren feurige Patrioten. Im Wandelmond ging übers Land ein Duft von Basilie. Unter Ikonen verebbten die Seufzer der Liebe.

     
   Bei Rose Ausländer, bei Paul Celan setzt sich diese greifbar-unbegreifliche Synthese - trotz der Belastung durch die Geschichte und durch die NS-Verbrechen - besonders intensiv im Bewußtsein des Dichtenden fest und beeinflußt den Lesenden. Wie sie -nur in Anbetracht des nahenden oder des vollzogenen Schlußstrichs - sich zu einer solchen Intensität steigern konnte, wie alle Landesbewohner teilhaben an der Utopie, das wäre noch zu untersuchen.
      Diese sich steigernde, poetisch immer kreativere Bild-Homogenität im Zeichen eines Bukowinismus ist die positive Alternative zu einer auf Regionalismus eingeschworenen Darstellung und Selbstfindung. Weniger eindrucksvoll sind die Versuche, in ethnischer Abkapselung eine Heimatkunst zu schaffen, die durchwegs ästhetischen Wertungen nicht standhält. Eine Analyse dieser Kontinuitätslinie ist bisher nicht erfolgt, bzw. wurden die Selbstverherrlichung und die Tendenz einer selbstzufriedenen Isolation, die fast in allen Regionalschrifttümern eine eigene Ausprägung erfahren, als Identitätsnachweis aufgefaßt, dessen Berechtigung unabweisbar erschien. Wie weit Anfänge vor 1900 auszumachen sein werden, ist wegen der fehlenden Analysen nicht zu sagen; daß in den dreißiger Jahren Einwirkungen von außen, z. B. aus dem Dritten Reich, die sonst anspruchslosen Idyllen zu ideologieträchtigen Auswüchsen deformiert haben oder sie wenigstens durch die Rezeption als solche beanspruchten, wird unschwer festzustellen sein.
      C. Entgrenzung:
Tendenzen, die Isolation - sprachlich, politisch, sozial - zu überwinden, gibt es früh. Durch die besondere regionale Situation sind solche provinzüberschreitenden Entwicklungen in verschiedener Form ununterbrochen vorhanden.
      Dazu gehört, daß die Bukowina mit den Nachbarprovinzen verflochten war. Es war kein Einzelfall, daß Franzos in Galizien, der zunächst übergeordneten Verwaltungseinheit, literarisch in Erscheinung trat, nachdem er in seinem Schulort Czernowitz nur - damals an der Seite von Eminescu -Verse für den Lehrer Aron Pumnul geschrieben hatte. Auch hat nicht nur der eine buchenländische Autor Simiginowicz-Staufe in einer Lem-berger Zeitschrift ,Galicia' publiziert und so am literarischen Leben der galizischen Nähe teilgenommen. Umgekehrt war es bis nach 1862 durchaus üblich, daß Autoren aus Galizien Stoffe aus der Bukowina wählten; inwieweit sie ein Image der Nachbarprovinz schufen, kann aufgrund fehlender Ermittlungen nicht gesagt werden.
      Ã"hnlich ist die Beziehung Czernowitz -Wien . Es gilt dabei, zwischen Autoren aus und Autoren in der Bukowina zu unterscheiden. Im ersten Fall muß zunächst gefragt werden, wie sie sich literarisch mit ihrer Geburtsheimat auseinandergesetzt haben und ob sie dort überhaupt rezipiert wurden, was eine Behauptung im Ursprungsgebiet bedeuten würde. Viktor Wittner, nach 1918 in Wien ansässig, war unaufhörlich in Kontakt mit Czernowitz; Klara Blum, in Czernowitz geboren, zwischen der Geburtsstadt und Wien hin- und hergerissen, war in Wien Mitarbeiterin von sozialdemokratischen und kommunistischen Publikationen, blieb bis 1934 mit Czernowitz - auch publizistisch - in Verbindung, lebte nachher als Emigrantin in der Sowjetunion und ab 1947 in China und konnte bis 1968, als in Rumänien Arbeiten über sie erschienen, so gut wie kein Echo auslösen.
      Anders erging es Autoren, die nach längeren Aufenthalten in Wien oder Berlin in den späten dreißiger Jahren Zuflucht in ihrer Geburtsheimat suchten und fanden. Ihre Rezeption hat nach 1944 in Rumänien nicht aufgefrischt werden können, weil sie meist wieder auf der Flucht waren und in Westeuropa oder in den USA Unterschlupf fanden; David Runes ist eines der namhaftesten Beispiele hierfür.

     
   In den Jahren nach dem ErstenWeltkrieg war eine Beziehung von Czernowitz in die USA aufgebaut worden, wohin Tausende buchenländischer Juden emigriert waren: Alfred Margul-Sperber, Helios Hecht, Rose Ausländer sind die bekanntesten unter den Literaten, für die die Großstadt nicht nur Thema blieb, sondern auch sonst Auswirkungen zeigte. Wie auf diese Art ein Kulturtransfer begründet, wie die Provinz ausgeweitet wurde durch das Erleben von Welt und Großräumigkeit, durch den Einbezug von Traditionen, die in der Bukowina so nicht denkbar erschienen , müßte ebenfalls erst erkundet werden.
      Durch die Vermittlertätigkeit - Ãobersetzungen, Paraphrasen von weltliterarischen oder fremdkulturellen Themen und Motiven - hat das deutsche Schrifttum in der Bukowina ebenfalls provinzübergreifend gewirkt. Allerdings ist es ein Kuriosum, das noch der Erklärung bedarf, weshalb vor 1918 die zweisprachigen Autoren häufiger anzutreffen sind und auch die Beschäftigung mit den Werken aus anderen Literaturen unproblematischer war.
      Ob sich die Beziehung Bukowina - Moldau als provinzübergreifend zu erkennen gibt, ist nicht so einfach zu entscheiden; immerhin war bis 1774 die Bukowina eigentlich nur ein Teil der Moldau. Wenn danach, trotz der unterschiedlichen Staatszugehörigkeit, die ehemals zusammengehörenden Territorien miteinander 'kommunizieren", so ist dies manchmal wohl nur eine Fortdauer von Zusammenhängen, die durch politische Teilung nicht gänzlich zu verhindern war. Offensichtlich anders ist die Lage nach 1848: Damals wanderten aus der Bukowina Deutsche und Juden in die Moldau ab, wohl weil sie die Unruhen im Kaiserstaat fürchteten und infolge ihrerTeilnahme an reformerischen Bemühungen in der Bukowina ihre Existenz nach dem Scheitern der Revolution bedroht sahen. Die Familie Karl Kugler, auch Josef Meissner, bieten Beispiele dafür, wie der Ortswechsel zwar bestehende Verbindungen in die Bukowina nicht unterbrochen hat, wie aber gleichzeitig die schrittweise Eingliederung - bis hin zur Assimilation - in den neuen Wohngebieten erfolgte. Eine Gegenrichtung wird angezeigt durch den Zustrom von Akademikern aus Wien nach Czernowitz und in die Bukowina; Ernst Rudolf Neubauer ist das prominenteste Beispiel. Diese Wiener oder Ã-sterreicher suchten in den Randgebieten der Monarchie Zuflucht, nachdem sie sich 1848 stark exponiert hatten. Solche grenzenüberschreitenden Migrationen in und aus der Bukowina, deren Anlaß politische Ereignisse waren, haben die literarische Entwicklung partiell, manchmal recht beträchtlich, beeinflußt. Ihren Auswirkungen nachzuforschen ist bisher unterlassen worden.
      D. Ansätze zur Meinungsbildung und -äußerung:
Von literarischen Gruppierungen innerhalb der Bukowina kann kaum gesprochen werden. Weder 1862, als Neubauer seine Literaturbeilage erscheinen ließ, noch 1919, als sich ,Der Nerv' dem Programm Kurt Hillers teilweise anschloß, gab es eine Gruppenbildung. Ob und wie ein Constantin-Brunner-Kreis, wie sich eine Anhängerschaft zur ,Fackel' von Karl Kraus konstituierten, müßte noch festgestellt werden. Alfred Margul-Sperber entdeckte und förderte manche Dichter, aber auch sein Feuilleton im ,Czernowitzer Morgenblatt' kommt dem Bukarester Kreis, dem nach 1945 auch Alfred Kittner und zeitweilig Paul Celan angehörten, außerdem Oscar Walter Cisek, in irgendeiner Form nahe; dort wurde dann Vergangenheitsbewältigung und Fortsetzung von Vorkriegsprogrammen betrieben.
      Da die Verlage und andere Gruppierungen, wenigstens nach unseren derzeitigen Kenntnissen, in der Bukowina keine entscheidende Rolle spielten, fällt der Beitrag von Zeitungen und Zeitschriften besonders ins Gewicht. Allerdings gibt es bislang kaum Einzeluntersuchungen.

     
   Häufig zitiert wird die Zeitschrift ,Der Nerv'. Erstaunlich bleibt, warum man auf eine weitere Publikation des gleichen Herausgebers Albert Maurüber gar nicht eingegangen ist; ob dies auch damit zusammenhängt, daß in dieser Zeitschrift 1928 eine Polemik zwischen Maurüber und Margul-Sperber ausgetragen wurde? Nach 1945 hatte Margul-Sper-ber Möglichkeiten, in gewissen Maßen die Rezeption zu steuern. Bei seiner oft bewiesenen Großzügigkeit gegenüber seinen Berufskollegen ist dies jedoch kaum anzunehmen.
      ,Die Gemeinschaft. Zeitschrift für soziale Kultur' erschien vom 1. Dezember 1928 bis zum 1. September 1930. 'Unsere Zeitschrift wird nicht die Sache einzelner, sondern die Sache aller Werktätigen vertreten, derTitel soll dir dies immer wieder sagen. In diesem Wort steckt die Gesellschaft ohne Klassen, das Zusammenleben ohne Unterdrückung, die Entfaltung schöpferischer Kräfte." Damit definiert Maurüber 1928 seine Absicht, die Sozialutopien weiterzuverfolgen. die er schon 1919 angesprochen hatte.
      Die Zeitschrift galt auch als Sprachrohr der ,Bildungsgemeinschaft für soziale Kultur' , deren Vortragsreihen und Seminare sie popularisierte. Ein Motto war im ersten Erscheinungsjahr: 'Der Stil, den unsere Zeit braucht, ist der Stil der Masse." Die Anknüpfung an sozialistische Gedankengänge war einfach; als sich sehr schnell finanzielle Schwierigkeiten einstellten - die angestrebte Abonnentenzahl von 1000 wurde nicht erreicht -, ist eine Verbindung zur sozialdemokratischen Partei möglich geworden. Eine Rettung für die Publikation war dies nicht, denn am 1. September 1930 liest man in der Bekanntmachung 'An unsere Leser": 'Mit dieser Nummer wird die ,Gemeinschaft' ihr Erscheinen voraussichtlich einstellen, da weder die Genossen, welche monatliche Subventionen übernommen haben, ihr Versprechen einlösten, noch die Mehrzahl der Abonnenten ihre rückständigen Beiträge bezahlen." Auch als Organ der Jungsozialisten war Maurübers Zeitschrift nicht weiterzuführen.
      Dennoch war sie, auch in der kurzen Zeit, ein beachtliches Periodikum: Aus der deutschen Literatur wurden laufend Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht, Karl Kraus, Erich Kästner und Ludwig Renn publiziert, aus der internationalen Dichtung waren Gorki, Strindberg, Jack London, Hasek oft vertreten. Damit war eine - in Rumänien seltene - Rezeptionsbreite und -Vielfalt gegeben, in deren Rahmen die einheimischen Produktionen einen besonderen Stellenwert besaßen. Die Zeitschrift war bestrebt, durch zwei Preisausschreiben das regionale Literaturschaffen anzuregen. Auch waren die Vortragsreihen, die Versuche, Theateraufführungen und Großveranstaltungen mit Darbietungen von Literatur zu inszenieren, durchaus auf eine nennenswerte Wirkung eingestellt. Die zeitpolitischen Aufsätze von Maurüber, die entschiedene antifaschistische Haltung der ,Gemeinschaft' gehören zu ihrem Markenzeichen und sind so bemerkenswert, daß die Abstinenz der Kritik, sich mit dieser Publikation auseinanderzusetzen, erstaunlich bleibt.
      Damit ist jedoch nur ein Beispiel angeführt, wie man aufgrund des Eingehens auf periodische Schriften in der Bukowina Hintergründe eines literarischen Kommunikationssystems ermitteln könnte, das durch seine Dichte vielleicht die Spitzenleistungen von Margul-Sperber und Moses Rosenkranz bis zu Celan, Weissglas und Ausländer mit zu erklären hilft.
      Erst wenn die erwähnten Forschungslücken geschlossen werden, kann die exakte Ãoberprüfung der verallgemeinernden Feststellungen der bisher vorliegenden Ãober-blicksdarstellungen erfolgen. Daß dabei die Informationen über das soziale Umfeld der Literatur und der Literaten aufzuhellen sind, daß sich die lokalen Besonderheiten erst durch Einzelanalysen abzeichnen können, ist bekannt, doch sind die Ansätze zu einer Neubenennung der Literaturentwicklung, des Literaturbetriebs in der Bukowina - sieht man von dem immer wieder genannten GrazerTagungsband ab - eher als zaghaft zu bezeichnen.
     

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Die  deutsche  Literatur  der  Bukowina.  Entwicklungstendenzen  Forschungslücken    





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