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Die Bedeutung der poetologischen Differenz für die Deutung literarischer Texte



Es kommt in unserem Zusammenhang darauf an, zu erkennen, dass die Trennung von Bild und Text, wie sie das barocke Emblem als Trennung von Pictura und Subscriptio programmatisch vornimmt, in jedem literarischen Text vorliegt, jedoch so, dass die Kluft zwischen Bild und Text nicht mehr zu sehen ist, weil sie in die Konstruktion des innerfiktionalen Sachverhalts eingegangen ist. Sie wird nur als Herauslegung der poetologischen Differenz wieder sichtbar, indem nämlich der Leser einen außerfiktionalen Standpunkt bezieht, von dem aus der literarische Text als Pictura wahrgenommen wird,zu der die Subscriptio zu suchen ist. Ontologisch allerdings geht das >Licht< der poetologischen Differenz immer dem innerfiktionalen Sachverhalt voraus, obwohl dieser das Erste ist, was dem Leser begegnet.

      Betrachte ich die Designata einer Dichtung ohne die Erhellung durch den Blitz der poetologischen Differenz, dann geben sie zwar vieles zu denken, bleiben aber letztlich stumm bezüglich dessen, was sie bedeuten sollen. Deshalb ist das Emblem mit seiner offen gelegten Kluft zwischen dem Bild und seinem Sinn die beste Veranschaulichung der poetologischen Differenz.
      Wer die poetologische Differenz denkt, tut nichts anderes, als zu einer gegebenen Pictura die ebenfalls gegebene, aber sich verbergende Subscriptio zu entziffern. Mit der Subscriptio kommt zur Pictura etwas Ãoberraschendes hinzu, auch wenn solche Ãoberraschung schließlich zur Konvention werden kann. Die Einsicht, dass Hamlet, indem er den Polonius tötet, weil er ihn für Claudius hält, so wird wie Claudius, indem er, Hamlet, nun auch einen Vater getötet hat, dessen Sohn sich an ihm rächen will, hat zweifellos etwas Ãoberraschendes - desgleichen die Einsicht, dass in Puschkins Erzählung der Schneesturm, der die geplante Trauung verhindert, gerade das Gewünschte ist und die Seele in Freiheit setzt, wenn auch diese >Freiheit< von Puschkin gerade als Rückkehr Marjas in die Botmäßigkeit gegenüber den Eltern gestaltet wird. Dichtung ist auf plötzliche Einsicht angelegt - nicht auf dumpfes Brüten und eine unendliche Gelehrsamkeit.
      Jonathan Swift schildert im dritten Buch von Gullivers Reisen, wie der Titelheld auf der Insel Glubdubdrib, der »Insel der Zauberer«, die Gelegenheit erhält, Tote heraufzubeschwören und unter anderem auch mit Cäsar spricht, der ihm freimütig gesteht, dass der Ruhm seiner großen Taten weit hinter jenem zurückbleibe, den sich sein Freund Brutus durch seine Ermordung verdient habe. Dann aber lässt Gulliver Homer und Aristoteles an der Spitze ihrer Kommentatoren erscheinen und vermerkt:
Es fiel mir sofort auf, dass beiden ihr Gefolge völlig fremd war. Einer der Geister, den ich nicht nennen will, flüsterte mir ins Ohr, dass sich diese Kommentatoren in der Unterwelt stets möglichst weit entfernt von ihren Meistern aufhielten, auf Grund von Scham- und Schuldgefühlen, weil sie diese Autoren der Nachwelt so fürchterlich entstellt überliefert hatten.
      Zwei der Kommentatoren stellt Gulliver dem Homer persönlich vor und bringt ihn dazu, ihnen etwas höflicher zu begegnen, als sie es vielleicht ver-dienten, »denn«, so heißt es dann wörtlich, »er stellte bald fest, dass ihnen ein Genius fehlte, der ihnen den Zugang zum Geist eines Dichters verschafft hätte« .
      Swift hätte, wie ich meine, bei Kenntnis der vorliegenden Abhandlung hinzugefügt, dass auch diese beiden Kommentatoren versäumt hatten, die poetologische Differenz zu denken. Dann wären sie Homer nahe gewesen. Denn der Geist eines Dichters ist nichts Abstraktes, ist keine unzugängliche Genialität, sondern künstlerische Intelligenz, die sich ins Werk gesetzt hat und als dieses in concreto präsent ist: für immer! Ein Realienkommentar aber, der die poetologische Differenz nicht mitdenkt, wird die Selbstverwirklichung der künstlerischen Intelligenz niemals erfassen können.
     

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