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Dichter über ihre Dichtungen



Edgar Allan Poe hat uns, wie mir scheint, einen Weg gewiesen, als er für sein Gedicht The Raven die Entstehungsgeschichte als poetologisches Geschehen nachlieferte. Sein Traktat über die Verfahrensweise des poetischen Geistes trägt den Titel The Philosophy ofComposition. Man mag in seinen Darlegungen die Tiefenironie einer nachträglichen Rationalisierung des schöpferischen Prozesses entdecken wollen. Dennoch: Worüber sich reden lässt, wenn es um die Verfertigung eines Gedichts geht, darüber sollte so geredet werden, wie Edgar Allan Poe das tut. Thomas Mann beispielsweise hat uns im Stich gelassen. Sein »Roman eines Romans«, Die Entstehung des Doktor Faustus, sagt poetologisch so gut wie nichts über die Entstehung des Doktor Faustus . Werkstattgeheimnisse werden nicht ausgeplaudert. Auch Henry James hat sich weitgehend bedeckt gehalten bezüglich der zentralen poetologischen Sachverhalte, als er die Vorworte {PrefaceS) zur New Yorker Ausgabe seiner Gesammelten Werke schrieb. Man sehe sich nur an, was er über The Aspern Papers oder The
Turn ofthe Screw sagt . Und Hölderlin? Seine Abhandlung Ãober die Verfahrungsweise des poetischen Geistes verlief nach verschiedenen Anläufen im Sande. Und doch hat er mit dem Titel seines Projekts allem wesentlichen Tun der Literaturwissenschaft die gültige Formulierung geliefert, denn nur darum geht es: die Verfahrensweise des poetischen Geistes aufzuspüren, und das nicht im Allgemeinen, nicht als abstrahierendes Postulat, sondern sie konkret an einem einzelnen literarischen Text, hier und jetzt zu demonstrieren. Edgar Allan Poes Philosophie der Komposition argumentiert poetologisch, ohne formalistisch zu werden.
     

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