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Der vierfache Schriftsinn heute



In der so genannten modernen Hermeneutik hat die Lehre vom vierfachen Schriftsinn keine Wirkung entfaltet. Auch in der Theologie ist sie heute nur noch von historischer Bedeutung: als strategisch gehandhabtes Auslegungsinstrument der Kirchenväter im Kampf um das rechte Verständnis der Heiligen Schrift . Im Grundbuch der philosophischen Hermeneutik, Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode , kommt sie nirgends vor. Auch die so konstruktionsfreudige her-meneutische Methodendiskussion der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Lehre vom vierfachen Schriftsinn am Wege liegen lassen. Mit einem Wort: Sie fand höchstens als antiquarisches Faktum Beachtung.


     
1958 allerdings hatte der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr in seinen weit verbreiteten Ãoberlegungen Zur Theorie und Methode der Kunstgeschichte, die unter dem Titel Kunst und Wahrheit in Rowohlts deutscher Enzyklopädie erschienen sind, Jan Vermeers Der Ruhm der Malkunst nach dem vierfachen Schriftsinn interpretiert, ausgehend von Dantes programmatischem Brief an Cangrande della Scala , worin zum vollen Verständnis der Commedia die Auslegung nach dem vierfachen Schriftsinn gefordert wird . Die hier von Sedlmayr praktizierte Methode der Interpretation ist aber nicht landläufig geworden. Der Hauptgrund dafür scheint mir darin zu liegen, dass sie ohne Plädoyer für ihre grundsätzliche Leistungsfähigkeit geblieben ist. Auch meine eigenen Versuche , Texte der russischen Literatur nach dem vierfachen Schriftsinn auszulegen: Dostojewskijs Roman Die Dämonen , Tschechows Erzählung Der Mensch im Futteral sowie Dostojewskijs Aufzeichnungen aus einem Totenhaus , haben ihre Praxis nicht im Grundsätzlichen erläutert.
      Erst im jetzt vorliegenden Zusammenhang stand die Ausarbeitung des Universalitätsanspruchs der Lehre vom vierfachen Schriftsinn an. Es musste der Nachweis ihrer Zuständigkeit für alle literarischen Texte geführt werden. Aus der poetologischen Differenz, die für den Interpreten eines literarischen Textes dessen causa finalis leitend werden lässt, erwächst dem vierfachen Schriftsinn eine regelrecht ungeahnte Aktualität. Es kommt darauf an, das Wort Gottes als einen Text anzusehen, dessen causa finalis gleich viermal hintereinander durch die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sichtbar wird: das Leben Jesu als Heilsgeschehen. Die Heilige Schrift hat als Redaktionsleistung höchsten Ranges die Historie zum Gottesbeweis erhoben. Geschichte wurde der Poetologie unterworfen.
      Das hier und jetzt geltend gemachte Postulat der poetologischen Rekonstruktion als der angemessenen Praxis des Auslegens literarischer Texte hat zur Prämisse, dass schon der Literalsinn die in allen Details verwirklichte causa finalis seines Urhebers sichtbar werden lässt: in der Selbstimmunisierung gegen unangemessene Auslegungen. Es gilt allerdings, aufrechte Weise hinzusehen. Der Theologe und der Poetologe haben die Voraussetzung eines Schöpfers gemeinsam, dessen Gedanken in seinem Werk und nur in seinem Werk als Wirklichkeit hinterlegt sind. Beide Male ist die Schrift der Buchstabe des Geistes. Die gemeinsame Wurzel so verstandener theologischer und poetologischer
Hermeneutik lässt die Loslösung des vierfachen Schriftsinns aus seiner mittelalterlichen Umklammerung zu. Solche Ã-ffnung der Lehre in eine universale literarische Hermeneutik hat in Dante einen frühen Anwalt gefunden. Der nächste Schritt einer radikalen Säkularisierung der impliziten Axiome der Lehre vom vierfachen Schriftsinn ist jedoch bislang nicht vollzogen worden.
     

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