Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Der Lyriker Alfred Margul-Sperber. Ein Forschungsbericht. Nebst einer kurzen Nachrede

Der Lyriker Alfred Margul-Sperber. Ein Forschungsbericht. Nebst einer kurzen Nachrede



I
Zu den unumstößlichen Gewißheiten rumäniendeutscher Literaturgeschichtsschreibung gehörte die Ãoberzeugung von der Ranghöhe des Lyrikers Alfred Margul-Sper-ber. Werturteile, wie etwajenes von Hans Liebhardt-'Alfred Margul-Sperber war der bedeutendste Dichter, der in Rumänien in deutscher Sprache schrieb" -, drücken eine Opinio communis aus, die ein einziges Mal ins Wanken geriet: bei der spätenWiederentdeckung des Poeten Oscar Walter Cisek. Anekdoten über Sperber wurden mehr oder weniger geschickt vermarktet3, und aus den Erinnerungen, Briefzeugnissen und Porträtsstudien seiner Freunde und Weggefährten tritt uns seine Gestalt geradezu mythisch umwittert und doch auch in lebendiger Unverwechselbarkeit entgegen. 'Was ihn immer wieder dazu trieb, seine Feder zu Nutz und Frommen seiner Mitmenschen zu gebrauchen, als Tagesschriftsteller wie als Dichter, war seine Herzensgüte, die keine Grenzen kannte"5, schrieb Alfred Kittner 1967 in einem Nachruf, und zehn Jahre später verkündete der Rumäne Geo Bogza: 'Alle, die Sperber kannten, haben ihn verehrt und geliebt. Kein Neid und Haß konnte ihn treffen"6. Erfahrene Ãobersetzer, die meisten Lyriker im Hauptmetier, haben Sperbers Verse in die Landessprache übertragen, Dichter von nah und fern, gleichaltrige und jüngere, widmeten ihm Texte, die sich zu einem reizvollen interliterarischen Dialog formierten.

      Die rumäniendeutsche Literaturkritik hat Sperbers Buchpublikationen mit konstantem Interesse zur Kenntnis genommen und sich dabei vorrangig der Mittel und Möglichkeiten gelegenheitsbedingter Kommentarformen bedient. Schwärmerische Verehrung spricht aus den Stellungnahmen seiner Bukowiner Dichterfreunde, die ihn nicht nur als aufmerksamen Förderer, sondern auch als Wortkünstler von hohen Graden mit nicht geringer Ausstrahlungskraft auf ihre eigene Produktion rühmten. Karl Kurt Klein widmete ihm in seiner Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland sieben Zeilen, worin die 'mit vollendeter Kunst gestaltete Schwermut" von Sperbers Gedichten hervorgehoben wird, eine Einschätzung, die dem siebenbürgi-schen Literaturwissenschaftler den Dank des 'Verkannten und Verfemten" einbrachte.
      Einen ganz anderenTon schlagen die zahlreichen Rezensionen der Zeitspanne 1951-1964 an, in der Sperber acht Gedichtbände veröffentlichte. Sie sind - mit wenigen Ausnahmen - nur unter rezeptions- und editionsgeschichtlichem Aspekt von einigem Belang. Als Dokumente literaturkritischer Praxis zeugen sie von Argumentationsweisen und Deutungsmustern, die sich von der Programmatik des Sozialistischen Realismus herschreiben und einem ästhetisch-normativen und weltanschaulich-restriktiven Lyrikbegriff das Wort reden. Offensichtlich ist die Tendenz, auf bestimmten Ebenen der Lyrik Sperbers sozialkritische Denkrichtungen herauszuheben und diese gewaltsam zu funktionalisieren und wahrheitswidrig zu verabsolutieren, sie als Wegweiser in die kommunistische Gesellschaft aufzupflanzen. Als 'ausschlaggebend für das dichterische Schaffen Sperbers" wird allen Ernstes die Große Sozialistische Oktoberrevolution proklamiert!
Der Zwang zur 'ideologischen Wachsamkeit" führt dabei auch zur Desavouierung seiner 'von formalistischen Elementen der deutschen Dekadenzlyrik durchsetzten Naturgedichte" sowie der 'klassenfremden Einflüsse"15.
      Sperber selbst hat sich dem enggeschnürten Literaturkonzept der frühen fünfziger Jahre unterworfen und es durch Herrscherlobgesänge und affirmative Gesellschaftshymnik konsolidiert. Der zum deutschsprachigen Vorzeige-Poeten bestellte Autor hat auf geradezu erschreckende Weise die Selbstauslöschung seiner Identität als Künstler praktiziert und auch durch Ergänzung und Umdichtung ältererTexte diesen einen optimistisch-zeitkonformen Gehalt aufoktroyiert, der seiner 'fortschrittlichen" Gesinnung eine langjährige Kontinuität bescheinigte. Doch hat er andererseits, sich vorsichtig vortastend, die kanonisierten Diskursregeln von den Rändern her entfrostet und weiterhin - wie Zeitzeugen übereinstimmend berichten - als Berater verunsicherter Novizen und als - dank seiner teuer erkauften Autorität -Verteidiger bedrängter und gefährdeter älterer Schriftsteller gewirkt.

     
   Als nach Sperbers Tod ein Band ausgewählter Gedichte im Bukarester Literaturverlag erscheinen konnte17, der die militanten Leitartikelverse ausklammerte18, schrieb Hans Liebhardt in einer Ein anderes Sperber-Bild überschriebenen Rezension:
Mit dem Werk Alfred Margul-Sperbers geht etwas Merkwürdiges vor sich. In den fünfziger lahren war ein Bild entstanden, das dem wahren Wert seiner Lyrik nicht entsprach. Der Dichter hatte in jener Zeit verhältnismäßig viele Verse veröffentlicht, die durch gereimte Phrasen und wenig lyrische Substanz gekennzeichnet waren. Das soll nun nicht heißen, daß Sperber in jener Periode nur Vordergründiges schrieb oder daß jemand von vornherein gute gesellschaftliche Lyrik nicht zu schätzen wüßte. Bei Sperber überwogen jedoch damals in Verse gestanzte Slogans, sie fanden auch die meiste Verbreitung, und so wäre es eigentlich überflüssig, Worte darüber zu verlieren, inwieweit jenes Bild des Dichters auf ihn selbst oder auf gewisse Umstände zurückzuführen ist. Das Bild erweist sich indes als zählebig, und es sind gewisse Anstrengungen nötig, um es zu korrigieren. Mit dem Zweck, der literarischen Ã-ffentlichkeit und auch breitesten Publikumskreisen wieder zur Kenntnis zu bringen, daß Alfred Margul-Sperber ein großer Dichter war. Für das breite Publikum dürfte es sich übrigens um eine erste Kontaktnahme mit Sperbers wirklich guten Gedichten handeln."

   Die Korrektur des Sperber-Bildes wurde zur dringenden Notwendigkeit, als Alfred Kittner 1969 Sperbers poetischen Nachlaß unter dem Titel Das verzauberte Wort herausgab und dadurch Einblicke in einen kurvenreichen, streckenweise im Abseits, öffentlichkeitsfern verlaufenen Werdegang ermöglichte. Die Jugendgedichte erschienen zu Sperbers Lebzeiten nur vereinzelt, in Zeitschriften und Zeitungen, die beiden Gedichtbände der Zwischen kriegszeit kamen in winzigen Auflagen in Czernowitz heraus, die geplante Kooperation mit deutschen Verlagen zerschlug sich nach Hitlers Machtergreifung. Völlig berechtigt konnte daher Alfred Kittner schreiben:
'Aber das war eben das Verhängnis des Dichters [...] und hat seine Dichtung so oft um ihre verdiente Wirkung gebracht, daß sie stets fern von den Orten entstand, wo über den Erfolg entschieden wurde."

   Alfred Kittner war es, der nach Sperbers Tod mit Gedenkartikeln, Erinnerungsberichten und Aufsätzen als Herausgeber und Nachwortautor Wesentliches zur Sperber-Forschung geleistet hat. Es handelt sich dabei um kenntnisreiche Beiträge eines Freundes, dessen Intentionen weder darauf abzielten, eine lückenlose, durch genaues Quellenstudium abgesicherte Biographie nachzuzeichnen, noch den Ehrgeiz hegten, eine kritische Ausgabe zu veranstalten. Jedenfalls bieten sie eine Fülle von Informationen, die als Grundlage für beinahe alle, lebensgeschichtliche Aspekte mit einbegreifenden Untersuchungen dienten. Kittner betont einerseits die durch meisterhafte Ãobertragungen beglaubigte, intensive Kontaktbeziehung Sperbers zur rumänischen Volksdichtung sowie die starke emotionale Bindung ans Heimatlandschaftliche: 'Sokonnte er, wie keiner neben ihm, zum deutschen Dichter der rumänischen Landschaft werden. " Andererseits beschreibt Kittner Sperbers Entwicklung im Konnex deutscher Literaturgeschichte und charakterisiert ihre Stationen durch häufige komparatistische Verweise:
Ãober eine aus neuromantischen Quellen gespeiste, verinnerlichte Lyrik, die etwa unweit der Dichtung Dehmels und der Frühproduktion eines Rilke und Hesse ihren Standort hat, führt diese Entwicklung über das expressionistische O-Mensch-Pathos Werfel'scher Observanz und die Anlehnung an die aktivistische Strömung des deutschen Expressionismus, die in den 'Großen Psalmen" [...] unverkennbaren Ausdruck findet, zu immer persönlicherer Aussage, zu immer größerer Tiefe und zu einer Formvollendung, die am Beispiele Stefan Georges und Karl Kraus' geschult, dem Dichter verdientermaßen einen Platz an der Seite eincsWeinheber und des späten Johannes R. Becher sichert, mit welch letzterem er auch gemein hat, daß der Expressionismus für ihn eine entscheidende, jedoch früh überwundene Entwicklungsphase war.

     
   Kittner sekundierten, bestätigten, korrigierten und ergänzten jüngere Literaturkritiker. Elisabeth Axmann hinterfragte die Bildlichkeit von Sperbers Naturlyrik, erhellte die Polysemie der wiederkehrenden Haupt-Wörter und enthüllte die Doppelbödigkeit der evozierten Landschafts-Welt. Gerhardt Csejka erörterte als erster das schreibpsychologische und implizit moralische Dilemma eines Dichters, der zeitweilig mit dem gleichen Griffel hauchzarte Lieder und dröhnende Hymnen geschrieben hatte, und rief empörte Verteidiger auf den Plan, die seinen Problemanriß als Diffamierung mißverstanden. Der Verfasser dieses Forschungsberichts veröffentlichte 1977 eine entwicklungsgeschichtlich angelegte Darstellung von Sperbers Lyrik.

     
   In seiner leider ungedruckten, beachtenswerten Dissertation durchleuchtet der Bukarester Germanist George Gufu die Prägekraft der einzelnen Komponenten des Raumes, dem der in Czernowitz geborene und aufgewachsene Paul Celan entstammt, und bedient sich dabei vorwiegend literaturvergleichender und kutlturmorphologi-scher Analyse verfahren. Ins Blickfeld gerät dabei die Bukowina als geistige Lebensform. Innerhalb dieses Phänomenfeldes wird Sperber eine Schlüsselstellung zuerkannt. Gufu erfaßt - im Gegensatz zu den meisten bundesdeutschen Celan-Forschern - nicht so sehr die Differenzqualitäten, sondern vorrangig Interferenzbereiche und Affinitäten zwischen des Mentors Poetik einerseits und den sich ins sprachlich Unerprobte emanzipierenden Artikulationen seines jüngeren Landsmannes andererseits. Jenseits der aufgezeigten Parallelen auf der Ebene der Bildverschränkung und Bildselektion wird auf die beiden Lyrikern gemeinsame 'multikulturelle" Aufgeschlossenheit, auf die in ihrenTexten realisierte Verschmelzung von 'Gelebtem und Gelesenem" hingewiesen: 'Die Vermittlung zwischen verschiedenen geistigen Landschaften, hervorragende Dominante der Celanschen Lyrik, ist nicht zuletzt dem Einfluß Sperbers geschuldet."

   Ausschließlich auf Sperbers , die für den Individualstil Sperbers relevant sind, und ihrerWirkung in der poetischen Aussage " Die Arbeit, deren theoretische Prämissen auf erprobten und bewährten Betrachtungs- und Beschreibungsweisen fußen, verbindet diachronische und synchronische Perspektiven und analysiert 371 Gedichte mit einer Gesamtzahl von 52 143Worten, wobei die Methode der Statistik angewandt wird, 'um Frequenz, Distribution und Rangordnung der stilprägenden Elemente zu erfassen."31"Die Ex-pressivität von Sperbers Lyrik wird zwar durch den Vergleich mit einem nullexpressiven Stiltyp aus dem Bereich derVerwaltungs- und Behördensprache konturiert, doch verzichtet die Verfasserin darauf, Sperbers parole auf dem Hintergrund gattungsgeschichtlicher Prozeßhaftigkeit zu determinieren und deren Spezifik innerhalb lyrikinterner Vergleichszusammenhänge und sozialhistorischer 'Sub"-Texte zu erkunden. Doch könnte die Sperber-Exegese Ergebnisse dieser Fleißarbeit nutzbringend verwerten.

      II
Die Bibliographie zur 'Deutsche Sprache und Literatur in der Bukowina" von Erich Beck dokumentiert am Beispiel Alfred Margul-Sperbers die in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten ausgebliebene Rezeption rumäniendeutscher Literatur in den Printmedien des Literaturbetriebs Bundesrepublik/Ã-sterreich/Schweiz und die versäumte Auseinandersetzung der germanistischen Literaturwissenschaft mit diesem - infolge massiver Berührungsängste tabuisierten - Gegenstandbereich.

     
   In der ehemaligen DDR fand Sperber hingegen frühzeitig einige Beachtung - vorerst als lebendiger Beweis für die gerechte Nationalitätenpolitik des 'Bruderlandes" und für die Entfaltungsmöglichkeiten eines deutschsprachigen Schrifttums in Rumänien. In Lexika und Handbüchern werden ihm gesondere Beiträge gewidmet, deren Relevanz für die Sperber-Forschung allerdings kaum ins Gewicht fällt. Ein im Verlag der Nation erschienener Band ausgewählter Gedichte brachte es auf zwei Auflagen. Im Nachwort plädiert Joachim Schreck für eine Wertzuweisung innerhalb einer eigenständigen Evolutionsreihe und für die Berücksichtigung historischer Besonderheiten: 'Angesichts einer - aus unserer Sicht - scheinbar peripheren Entwicklung, wie sie Alfred Margul-Sperber im Rahmen einer kleinen und relativ abgeschlossenen Literatur darstellt, könnte leicht Ãoberheblichkeit aufkommen, wenn man an die Leistung des Dichters Maßstäbe anlegen würde, die allein aus der Geschichte der deutschen Literatur gewonnen wurden. Es ist sinnvoll, sie aufgrund ihrer Sonderentwicklung und ihres Kontextes - Ãoberwindung provinzieller Enge und spezifische Traditionswahl -sorgfältig und differenziert zu werten."

   In den beiden letzten Jahrzehnten hat der Name Sperber einen Bekanntheitsgrad erreicht, der den seines poetischen Werkes um ein Vielfaches übertrifft. Als enthusiastischer und präziser Begutachter einesTyposkripts, das ihm ein junger unbekannter Dichter namens Paul Antschel anvertraut hatte, als hartnäckiger und behutsamer Berater der ihr Buchdebüt in schwierigen Zeiten vorbereitenden Rose Ausländer, als nimmermüder Ansprechpartner und als neidlos anerkannte Integrationsfigur einer Bukowiner Autorengrupe der Zwischenkriegszeit findet Sperber nicht nur in fachwissenschaftlichen Abhandlungen, sondern auch in den Feuilletons großer Zeitungen häufig Erwähnung. Dazu hat das wachsende Interesse an der Poesie Paul Celans und Rose Ausländers entscheidend beigetragen. Der hohe Rang und unverwechselbare Klang dieser Lyrik sowie die nostalgisch eingefärbten Erinnerungs-Bilder der beiden Dichter forderten zu einer Besinnung auf deren Herkunftswelt geradezu heraus. Die 'versunkene Literaturlandschaft'" rückte ins Blickfeld der Germanistik. Man unternahm die ersten globalenVermessungen und Einschätzungen. Schon 1969 hatte Ernst Schönwiese die Auseinandersetzung mit Alfred Mar-gul-Sperber zum Desiderat erhoben. Doch wurde die Bukowiner Zwischenkriegsdichtung meist nur als Vergleichsmoment mitreflektiert, als Kontext angeleuchtet, als Wurzelgrund bestimmter Metaphern durchstreift. In Gruppenbildern mit Celan wies man den Autoren mehr oder weniger große Nebenrollen zu.

     
   Es ist verständlich, daß die 'binnendeutsche" Germanistik Sperbers Schaffen weniger enthusiastisch und viel 'strenger" beurteilt als die rumäniendeutsche, da ihre Perspektive weiträumigere Vergleichszusammenhänge miteinbegreift oder durch Celans 'Sprachgitter" die Ausdrucksformen Sperbers fixiert. So erörtert Heinrich Stiehler 'gewisse inhaltliche Berührungspunkte zwischen beider Dichtungen", rückt aber Sperbers Lyrik in den Bannkreis 'sentimentaler Klischees des Neuromantisch-Visionären." Auch Barbara Wiedemann-Wolf geht auf Distanz vor dem von 'Neuklassizismus und Neuromantik" umrahmten, 'mehrfach redundanten Bildgefüge."

   Im letzten Jahrzehnt haben sich Verlage für Werke von Robert Flinker, Selma Meer-baum-Eisinger, Moses Rosenkranz und Alfred Kittner gefunden47, der Rimbaud-Verlag in Aachen wartet demnächst mit einem längst fälligen Band ausgewählter Gedichte von Immanuel Weissglas auf48, doch eine Sperber-Edition kam bisher nicht zustande, obwohl dessen Lyrik als 'exemplarisch für die Bukowina" empfunden wurde. 'Es muß in irgendeiner Form eine Gemeinschaft ins Leben gerufen werden, die sich um die vollkommen vernachlässigten, ja totgeschwiegenen schöpferischen Tendenzen unseres Landes bekümmert", forderte Sperber schon 1928 in seinem im 'Czernowitzer Morgenblatt" erschienenen Aufsatz 'Der unsichtbare Chor. Entwurf eines Grundrisses des deutschen Schrifttums in der Bukowina", lange bevor der Wahnblitz der Geschichte diese einzigartige Literaturlandschaft vernichtete.
      Wie schwierig es ist, den kulturellen Besonderheiten einer 'versunkenen Welt'" nachzuspüren, dokumentieren zwei jüngst erschienene Publikationen zur Literatur der Bukowina53, die gleichzeitig unter Beweis stellen, wie anregend und ertragreich solch ein Unterfangen sein kann, und auch deutlich machen, was an Grundlagenforschung noch geleistet werden müßte.

     
   öer Leipziger Germanist Klaus Werner hat schließlich eine vorzüglich edierte Anthologie Bukowiner Lyrik des 20. Jahrhunderts herausgegeben56, dieTexte von 22 Autoren enthält und durchwegs auf Erstausgaben, von denen einige bisher irrtümlicherweise als verschollen galten, zurückgreift. Alfred Margul-Sperber ist darin mit 15 Gedichten vertreten und rangiert - rein quantitativ gesehen - auf Platz drei - nach Rose Ausländer und Paul Celan, von denen jeweils 16 Gedichte aufgenommen wurden. Das überlieferte Bild des Menschen, Literaturvermittlers und Dichters Alfred Margul-Sperber gewinnt durch mehrere dieser neuesten Beiträge zweifellos an Konturschärfe - dank der Klärung von Einzelfragen57, komparatistisch angelegter Kommentare, der Erörterung von rezeptions- und wirkungsgeschichtlichen Problemaspekten, der Erschließung des sozialpolitischen, nationalen, sprachlichen, kulturellen und literarischen Umfeldes, innerhalb dessen Sperbers Werk entstand.

     
   Die bisher gründlichste Untersuchung zur Bukowiner Lyrik des 20. Jahrhunderts, die auf die 'innere Korrespondenz und den Ensemblecharakter" Gewicht legt, hat Klaus Werner verfaßt. Abgesehen von einer etwas eigenartig-innovatorischen Terminologie, steht Werner im Konsensus mit voraufgegangenen Exegesen, wenn er von dem 'merkwürdigen poetischen Moderantismus" dieser Lyrik handelt, der 'angesichts einer Situation politisch-existentieller Verunsicherungen [...] konsistent scheinende Ersatzwirklichkeiten aufrichten half". Nicht nur der 'initiatorische, im beharrlichen Ermuntern und in sensibler Betreuung bestehende Anteil Margul-Sper-bers an dieser beeindruckenden Lyrikproduktion" wird von Werner gewürdigt, sondern auch seine Gedichte werden als 'großartig [...], soll heißen als Gedichte von großer Art, deren Wirkung schwerlich geleugnet werden kann"64, gerühmt.III
Doch noch immer stößt jede eingehende Befragung von Sperbers Vita und Gesamtwerk auf die gleichen 'Dunkelzonen", die der Klausenburger Germanist Michael Markel 1977 abgesteckt hat:
Dennoch ist es, trotz zahlreicher verfügbarer Kommentare zu seinemWerk [...], schwierig und gewagt, einen eindeutigen Ãoberblick über die Leistung und Entwicklung dieses Dichters zu geben. Margul-Sperbers Biographie ist der Ã-ffentlichkeit so gut wie unbekannt; Gedichte undVarianten sind in Publikationen nur teilweise und unsicher datiert; ein reicher Nachlaß harrt noch großteils der Sichtung. Noch schwieriger wird die eindeutige Festlegung dieses Werkes, wenn man Margul-Sperbers spielerische Freude an Verwandlungen und Verschleierungen kennt und zu berücksichtigen sucht, daß er nicht nur unterschiedliche Epochen und Stilrichtungen durchschritten, sondern oft auch in der gleichen Zeit gegensätzliche dichterische Standpunkte eingenommen hat."
Die von Alfred Kittner vorgelegte Porträtstudie aus dem Jahre 1975 ist in ihren biographischen Aspekten nur geringfügig angereichert und ergänzt worden. Die Lebensgeschichte Sperbers ist bisher vorrangig als Bildugsgeschichte eines genuinen Dichters und leidenschaftlichen Homme de lettres skizziert worden. Genaue Recherchen sind vonnöten, um die vielfältigen Erfahrungsweisen von Wirklichkeit des Menschen Sperber aufzuhellen. Wer weiß schon - um nur ein Beispiel, und keines von überragender Bedeutung, anzuführen -, daß Sperber ein Adept der Hypnose war und sie mit einem 'eigenen" Medium praktizierte, um u.a. einen Mordfall in Czernowitz aufzuklären? Ohne Erfolg.
      Das Ausmaß des Informationsdefizits wurde 1975 erkennbar, als Alfred Kittner in einer rumäniendeutschen Wochenschrift über Sperbers Nachlaß Bericht erstattete. Gemeinsam mit der über 12000 Bände zählenden Bibliothek des Dichters ist der Nachlaß in den Besitz des rumänischen Literaturmuseums in Bukarest übergegangen. Teile daraus wurden - vor allem von George Gufu und Horst Schuller Anger - ausgewertet und bekannt gemacht.

     
   So wie eine fundierte Geschichte der neueren bukowinadeutschen Literatur die 'Presselandschaft" der Vielvölker-Region miteinbeziehen muß, so gehört auch zu den notwendigen Vorarbeiten einer Sperber-Monographie die Durchforstung der verstreuten und weitgefächerten Publizistik des beweglichen und streitbaren Journalisten, der an einer Vielzahl von Periodika - von Czernowitz bis New York, von Kronstadt bis Prag, von Bukarest bis Wien - mitgeschrieben hat. Zu klären wären vordringlich die Positionen, die Sperber zu den weit-, sozial- und nationalpolitischen Ereignissen der Zwischenkriegszeit einnahm und die in der deutschsprachigen Presse der Bukowina kontrovers, polemisch und mehrstimmig durchdiskutiert worden sind. Erschwert wird dieses Anliegen infolge der redaktionellen Gepflogenheiten des 'Czernowitzer Morgenblattes", zu dessen Mitarbeitern Sperber zwischen 1926 und 1940 zählte, einen Großteil der Beiträge ungezeichnet zu bringen, und durch Sperbers Vorliebe, seinen Namen hinter Kürzeln und Pseudonymen zu verbergen, vor allem, wenn es um außerliterarische Fragen ging. In der kurzlebigen, von Sperber herausgegebenen Wochenschrift 'Bukowinaer Provinzbote" meldete sich der Dichter regelmäßig als Leitartikler namentlich zu Wort. Ein illusions- bis ratloser Beobachter der Zeitläufte tritt uns entgegen, dessen Kommentare sich keinem parteipolitischen Programm noch einer nationalen, gemeinschaftsspezifischen Belangen verpflichteten Parteilichkeit verschreiben. Es ist hier nicht der Ort, die erörtertenThe-men im einzelnen aufzulisten. Der Tenor der Artikel zeugt jedenfalls von einem schreckgeweiteten Blick in die Weltwirtschaftskrise hinein und von kaum verhehltem Abscheu gegenüber der von skrupellosen Interessenskämpfen korrumpierten Sphäre des 'Politischen" in seinen verschiedensten Spielarten und Erscheinungsformen. Die von Karl Kraus ausgehenden Impulse sind in Sperbers weniger rasanten Diktion deutlich erkennbar. Diese sich bis zu düsteren Zukunftsvisionen steigernden Zeitanalysen werfen Schlaglichter auf Sperbers Entscheidung für das in den Gleichnissen der Landschaft entwickelte Gedichtmodell, auf seine Poetik, die darauf abzielt, der lyrischen Rede einen vermeintlich unantastbaren Freiraum zu schaffen: 'ewige Landschaft" vs. 'Wahn und Haß, Kampfund Krampf der Zeit"'.
      Sicherlich ließe sich bei eingehender Befragung von Sperbers Briefen, seiner literaturkritischen und allgemeinen publizistischen Tätigkeit sein Verhältnis zum Judentum, zu jüdischer Geistigkeit und jüdischem Schicksal genauer fassen, ein facettenreicher Problemaspekt, der zwar nur in einigen Gedichten als Stoff quelle verarbeitet oder als Zugehörigkeitsgefühl thematisiert wird, der aber in der Herausbildung des Weltbildes des im Pluralismus der Sprachen, Kulturen und Religionen aufgewachsenen und wirkenden Schriftstellers als formativer Faktor nicht außer acht gelassen werden darf. Die nach 1919 vielfach gefährdete Existenz der Bukowiner Juden war von immer wieder aufbrandenden, heftigen inneren Konflikten durchfurcht, ein Tatbestand, der Israel Chalfen von 'einer ideologischen Zerissenheit der jüdischen Nachkriegsgeneration im Osten" sprechen ließ. Die Erfahrung von mehrfacher Ausgrenzung und zunehmender Isolation auch innerhalb der eigenen Volksgruppe, deren Wortführer von ihren Dichtern 'zionistische Gesänge" erwarteten, dürfte mit dazu beigetragen haben, daß die Lyriker um Alfred Margul-Sperber bis in die späten dreißiger Jahre in der 'reinen", von Alltagssprache und Alltagsnöten abgehobenen Poesie die einzig gemäße Form der Sinnfindung, Selbstverständigung und Identitätsbewahrung sahen.
      Eine eigene Untersuchung verdiente der Ãobersetzer Alfred Margul-Sperber, dessen meisterhafte Nachdichtungen aus dem Rumänischen77, Englischen, Französischen, Jiddischen und Russischen nur zumTeil in - heute längst vergriffenen, schwer zugänglichen - Buchpublikationen gesammelt wurden. Möglicherweise ließen sich aus dem Nachlaß ungedruckte oder verschollene Ãobersetzungen hervorholen. Andererseits ist Alfred Kittner Glauben zu schenken, der wiederholt gesprächsweise versicherte, daß der Nachlaß in Sachen Sperber-Gedichte kaum noch Ãoberraschungen bereithalte. Nichts destotrotz stünden potentielle Herausgeber einer Werkausgabe vor einem Riesenberg von textvergleichenden und editionstechnischen Aufgaben. Datierungen, soweit vorhanden, sind nicht immer verläßlich gesetzt. Wortlaut und Schreibweise der verschiedenen Drucke weichen mitunter erheblich voneinander ab.
      IV
Schon eine flüchtige Lektüre der vierzehn Gedichtbände Sperbers vermittelt das Bild einer großen Ausdrucksvielfalt, changierender Positionen, von Entwürfen und Gegenentwürfen. Unterschiedliche Stimmen folgen aufeinander, fallen einander ins Wort, reden oft gleichzeitig mit- und gegeneinander. Traumversponnenes steht neben Handfestem, das Mysterium neben der lautstark verkündeten Gewißheit, die Rückzugsphantasie neben der eingreifenden Diatribe, das Stimmungslied neben der handlungsstarken Ballade, die verzaubernde Vision neben der platten Deskription, das subtile Klangspiel neben dem Routine-Reim.
      Ein In- und Nebeneinander von widersprüchlichen Erfahrungen, ein Geflecht von schwer entwirrbaren Lebenssträngen und Bewußtseinsschichten wirkten an der Genisis, der Ausformung, der Porosität und gegen die Verfestigung des lyrischen Ich mit:
Herkunftsraum und Volkszugehörigkeit, deutsche Muttersprache und mehrsprachige Umwelt, erlittene und erlebte Zeitgeschichte, fünfzigjährige Schriftstellerexistenz in mehreren Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung, wechselnde Wohnsitze , Brotberufe und dichterische Berufung, Marginalisierung und Dekorierung, Realitätszwänge und Wunschziele. Es sei hier nur kurz an den Geburtsort Sperbers erinnert, der gleichsam modellhaft, in nuce, vielfältig ineinander verklammerte Wirklichkeitsebenen miteinschließt. Als der Dichter am 23. September 1898 als Sohn einer deutsch assimilierten jüdischen Familie in Storozynetz am Sereth zur Welt kam, lebten etwa 6000 Menschen in dieser Nordbu-kowiner Ortschaft: Rumänen, Polen, Ruthenen, Deutsche und Juden, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. Die Marktgemeinde wurde anläßlich des 50jäh-rigen Regierungsjubiläums von Franz Joseph - im Geburtsjahr Sperbers - zur Stadt erhoben und war Sitz einer k. u. k. Bezirkshauptsmannschaft, eines Bezirksgerichts, eines Steueramtes und anderer staatlicher Behörden. Eine griechisch-orthodoxe, eine römisch-katholische Kirche, die große Synagoge in der Stadtmitte, das mehrstök-kige Hotel Central und das Schloß des rumänischen Volksttumspolitikers Iancu Flon-dor, dessen Gutsdomäne Sperbers Vater als Verwalter vorstand, prägen das Bild des Städtchens, in dem 1909 ein jüdisches Ober-Realgymnasiums für Knaben und Mädchen von der israelischen Kultusgemeinde gegründet wurde. Im österreichischen Kronland schien die Welt noch auf Sicherheit und Ordnung gegründet, doch barg sie ein Potential von sozialen und nationalen Konflikten, die sich nach dem Untergang der Habsburgermonarchie verschärften und zuspitzten und in den folgenden Dezennien des öfteren ausbrachen.
      Für die verkürzte Beschreibung von Sperbers Subjektivität bieten sich die Formeln verunsicherte Identität und vervielfachte Persönlichkeit an. Die zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankende Suche nach dem eigenen Selbst und nach der 'Wahrheit" in und hinter der Welt der Erscheinungen kommt am deutlichsten in drei Spiegel-Gedichten Margul-Sperbers zum Ausdruck81. Als Medium der Ich-Vergewisserung und der Wahrheitsfindung fungiert für Sperber das Gedicht. Im Gedicht konnte der Anspruch auf Zugehörigkeit zur ,,großen" deutschen Literatur am ehesten künstlerisch legitimiert werden. Davon zeugt die große Anzahl von metapoetischen Texten Sperbers, sein aus unterschiedlichen Richtungen startendes Nachdenken über Rolle- und Funktion des Poetischen: 'Die einzige Lust, die das Leben vergibt: Wenn es die Sprache zwingt."
Das Gedicht war für Alfred Margul-Sperber leichthändig produzierte Improvisation und bitterste Selbstaussprache, Fluchtstätte und Waffe, Feier des Bestehenden und verweigerte Gefolgschaft, Lebensinhalt und Lebensersatz. Auf der Ebene des Gedichtes bewegte er sich rufend und raunend, traumtänzerisch oder in vorschriftsmäßigem Schritt, im Gedicht konnte er widerrufen, was er einmal eindringlich beschworen hatte.
      Weltschmerzlerische Raffinesse einer frühreifen und anempfundenen Gefühlskultur. Expressionistische Enthemmung und panerotische Lebensintensität. Reduktion von Naturlandschaft zur formvollendeten Gedichtlandschaft - als Gleichnis, als Heimstatt, als Eigenwelt. Verwalter anbefohlener Sozialtheorien, ihr Dolmetscher ins Gereimte. Todesnähe als Seinserfahrung und Weltverknüpfung, das Gedicht als Einübung ins Unvermeidliche, als gefaßte Rede über Die lange Wanderschaft.9, So etwa ließe sich - unter dem Zwang literaturhistorischer Pedanterie - der Schreibweg des Dichters in Streckenabschnitte gliedern. Doch sind andererseits alle Diskursqualitäten, die später zur Entfaltung, zur Vervollkommnung oder zur Verflachung finden sollten, schon im Werk des Dreißigjährigen erkennbar, der noch keinen einzigen Gedichtband veröffentlicht hatte. Gedichtmuster, Bildbezirke, Motivverbindungen durchziehen in Variationen das Gesamtwerk. Man glättet die Sagweisen von Sperbers Lyrik, wenn man diese in sukzessive, deutlich voneinander abgehobene 'Phasen" zerlegt, beschneidet die Seitentriebe, übersieht das Nebeneinander der divergierenden Ansätze, sich mit Gedichten in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Deren Faszination gründet nicht allein in herausragenden Höhepunkten, sondern auch in der Alternanz von Brüchen und Kontinuitätssignalen, von unmittelbarer Reaktion auf Zeitgeschehnisse und der Er-schaffung von imaginären Gegenwelten, in dem Zusammenwirken von Existenz- undWertvorstellungen mehrerer Kulturkreise.
     

 Tags:
Der  Lyriker  Alfred  Margul-Sperber.  Ein  Forschungsbericht.  Nebst  einer  kurzen  Nachrede    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com