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Der Blick nach Mittel- und Südosteuropa in der Literaturgeschichte von Nagl/Zeidler



Die Deutsch-Ã-sterreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Ã-sterreich-Ungarn, herausgegeben zunächst von Johann Willibald Nagl und Jakob Zeidler, nach dem Tod von Zeidler fortgesetzt von Eduard Castle, dieses vierbändige Werk, ist zweifellos auch heute noch ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Bearbeitung der Geschichte der Literaturen in der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Das Werk war als ein Beitrag zum 50. Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Josef gedacht, und der erste Band erschien 1899, der letzte 1937.1 Das Erscheinen dieses umfangreichen Handbuches erstreckt sich also über einen ziemlich weiten Zeitabschnitt, in dessen Verlauf die Donaumonarchie nicht nur den Höhepunkt ihrer politischen und kulturellen Entwicklung zu erreichen vermochte, sondern auch auseinanderbrach, wonach dann noch die Bemühungen des Ständestaates zum Ausdruck kamen, zumindest ein Restösterreich zu erhalten.

      Methodologisch gesehen steht diese vierbändige Literaturgeschichte ganz im Zeichen von Scherers positivistischer Ausrichtung, und sie sieht im Rahmen der deutschen Kultur das literarische Leben in Ã-sterreich vor allem als ein Bemühen um die Bewahrung der konservierenden Kräfte, geprägt zugleich durch die Aufgabe, Vermittler der deutschen Kultur zu den anderen Völkern der Donaumonarchie zu sein, oder, genauer gesagt, deutsche Einflüsse in diesen Raum weiterzuleiten. Absicht meiner Ausführungen wäre in diesem Zusammenhang, jene Beiträge dieser Literaturgeschichte kurz zu erörtern, die aus einem solchen Brückenverständnis gewisse Erkenntnisse für Mittel- und Südosteuropa ableiten lassen.
      Vorauszuschicken wäre dabei, daß die einzelnen Völker in diesem Werk unter dem Namen ihrer Kronländer angeführt werden, so ist die Rede von der deutschen Literatur in Krain, Böhmen, Mähren und Schlesien, Galizien, Bukowina, Ungarn, dem Ba-nat, Siebenbürgen sowie Kroatien und Slawonien, die jeweils in diesen Raum hineinwirken, und nicht von einem entsprechenden ethnozentrischen und kulturell abgegrenzten Bereich der slowenischen, kroatischen, tschechischen, rumänischen oder ungarischen Literatur, mit dem sie in Berührung gerät. Aber auch bei einer solchen Gliederung fehlt zum Beispiel die Erwähnung von Dalmatien , von Istrien und des kulturell so fruchtbaren Ragusa. Die Erklärung dazu mag darin liegen, daß dort dem deutschen Kultureinfluß viel weniger Bedeutung zukam als zum Beispiel in derWojwodina, die zur Stätte der Wiedergeburt der serbischen Literatur und Kultur geworden war. Aber auch der dort sich vollziehende deutsche Kultureinfluß ist unter Ungarn bzw. dem Banat zu suchen.
      Ein solcher Zugang ist verständlich, wenn man bedenkt, daß bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts der deutschen Sprache in allen Gebieten der Monarchie zweifellos die Rolle der mehr oder weniger zentralen Kultursprache zufiel, sie war die offizielle Verwaltungssprache, die Sprache der Schulen und der Bildung, in diesem Sinne auch vom Standpunkt der Gesellschaft für die anderen Völker oft eine Art Prestigesprache, die dann in die Assimilation führte. Diese vordergründige Auffassung von der Rolle der deutschen Kultureinflüsse wird schon im ersten Band aus dem Kapitel Die deutsche Colonisation in Ã-sterreich-Ungarn ersichtlich, wo die Bedeutung der Ansiedlung der Deutschen in den verschiedenenTeilen Ungarns gerade in diesem Sinne hervorgehoben wird.
      So wird in den Ausführungen zur Literatur von der Reformation bis zu Maria Theresia im Abschnitt Reformation und Gegenreformation auf den großen Einfluß der reformierten Kirche auf die Kultur und Literatur der Karpatenländer hingewiesen, und zwar gerade dort, wo diese von Deutschen besiedelt waren . Obwohl sich zu dieser Zeit auch die Magyaren und Slawen geistig und kulturell zu regen begannen und ein großerTeil des Schrifttums insgesamt damals vorwiegend in lateinischer Sprache verfaßt wurde, blieb der Charakter der Kultur und Literatur - so die Verfasser der Literaturgeschichte -jedoch auch in diesem Gebiet durchwegs deutsch.
      In Siebenbürgen hingegen bot das Nebeneinander von Protestanten, Reformierten und Unitariern zwar reichlich Stoff zu religiösen Polemiken, die aber in lateinischer Sprache ausgetragen wurden, während das poetische Literaturleben hingegen wegen der schlechten Lebensbedingungen fast nicht existent war und daher auch der deutsche Kultureinfluß nicht entsprechend wirksam sein konnte. Wohl gab es neben der lateinischen auch eine deutsche gelehrte Literatur, die vor allem die Herkunft und die Geschichte der Siebenbürger Sachsen zum Thema hatte, daher also die anderen Völkerschaften nicht so unmittelbar berührte. In der Zips hingegen scheint das literarische Leben stärker entwickelt, doch vor allem kirchlich und religiös geprägt. Es spielt sich jedoch vorwiegend in lateinischer Sprache ab und umfaßt die Angehörigen der jeweiligen Glaubensgemeinschaften. Eine Emanzipation von der lateinischen kirchlichen Richtung zur Begründung einer selbständigen deutschen Literatur strebten einige Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Dichtung an, wie zum Beispiel der Satiriker Paulus Apelles Löwenstein und Georg Buchholtz der Jüngere. Ihre Namen werden erwähnt, doch ihr Einfluß, vor allem auf die Ungarn, bleibt unerwähnt.
      Die für uns jedoch interessantesten Teile dieser Literaturgeschichte enthält der zweite Band, beginnend mit der Zeit von Maria Theresia. Unter dem Kapitel Die Volksdichtung Alt-Ã-sterreichs befindet sich, der Anlage des gesamtenWerkes entsprechend, auch ein Kapitel über die deutsche Verbreitung der Aufklärung in den Kronländern der Monarchie , wobei es hier wiederum zu einer Unterteilung zwischen Siebenbürgen, der Zips, den schon erwähnten ungarischen Bergstädten und Süd- und Westungarn kommt. Es wird besonders auf die wachsende Bedeutung der deutschen Sprache u.a. an der Universität Prag hingewiesen, die unter Karl Heinrich Seibt zu einem bedeu tenden geistigen Zentrum heranwuchs, das so stark war, daß die böhmische Sprache ziemlich verdrängt zu werden drohte. Auch diese Besorgnis ist charakteristisch für die Grundhaltung der Literaturgeschichte. Im Unterschied zum Standpunkt in den Ausführungen der erstenTeile desWerkes glaubt man nun, daß die Multinationalität doch ein positiver Wert des Habsburgerreiches war.
      So wie das geistige Leben Böhmens die ganze Zeit hindurch durch das Nebeneinander zweier Volksstämme gekennzeichnet ist, so berührten sich nach Auffassung der Verfasser auch in Krain deutsches und slowenisches Volkswesen in positiver Weise. Ã"hnliches stellen sie auch für die Karpatenländer fest. In den magyarischen und slawischen Gebieten der Karpatenländer kam es jedoch mit der Wiederbelebung der nationalen Literaturen gleichzeitig zu einem verstärkten Kampf um die Existenz des Deutschen. In Galizien und in der Bukowina hingegen resultierte daraus eher ein Assimilationsprozeß, ohne daß es zu einer bewußten Germanisierungspolitik gekommen wäre. In der Folge entstand dann - in einer neuen Generation - sowohl in Galizien als auch in der Bukowina eine Literatur in deutscher Sprache. Die Vertreter dieser Literatur sind jedoch ohne literarische Bedeutung. Sie werden zwar möglichst vollständig vorgestellt, diese Vorstellung vermag jedoch inhaltlich nicht über die Aufzählung unbedeutender Beiträge hinauszugehen. Neben einem solchen literarischen Schaffen wird daraufhin unter der Rubrik Vormärzliche Literaturblüte und Ãobergang in die neuere Zeit auch auf die deutsche Dialektdichtung in Ã-sterreich-Ungarn hingewiesen, vor allem in Böhmen. Schlesien, Mähren und Ungarn. Die charakteristische Einstellung der Autoren wird durch das Kapitel Das Jahrhundert Grillparzers deutlich. Ein großer österreichischer Dichter soll diesen Ausführungen das Gepräge geben. Zugleich wird im Abschnitt Hammer Purgstall und die Weltliteratur über die Bedeutung der Wiener Hofbibliothek für die Forschungen des Romanisten Wolf, des Germanisten Karajan und des Slawisten Kopitar ein Zusammenhang auch von einem übernationalen Standpunkt aus hergestellt.
      Die meisten nationalen Literaturen aber in diesem Raum - so anerkennen die Verfasser immerhin rückblickend - hatten zur Zeit der staatsrechtlichen Vereinigung ihrer Träger mit Ã-sterreich schon eine mehr oder minder reiche literarische Entwicklung hinter sich. In diesem Zusammenhang werden dieTschechen und Polen sowie die Slowenen der Alpenlande und die 'Serbokroaten" Dalmatiens erwähnt, was hinsichtlich der Slowenen wohl etwas Verwunderung hervorruft, deren erste schriftliche Denkmäler, die Freisinger Aufzeichnungen, aus einer viel späteren Zeit stammen. Aber die Verfasser lassen dies außer acht und glauben, sich dabei auf die Denkmäler der Slawenenapostel und ihrer Schüler berufen zu können. Aus mythischen und sagenhaften Grundlagen ist ihrer Meinung nach ein nationales geistiges Leben emporgewachsen, dessen Wesen und Stimmung sich im 'Singen und Sagen" des Volkes erhalten haben.
      Hier nun sehen sich die Verfasser - einen weiten Bogen spannend - dem Phänomen der nationalen Wiedergeburt unmittelbar gegenübergestellt. Dabei weisen sie vor allem auf die Anregungen durch die deutsche Romantik hin, obwohl auch in diesem Falle über die deutsche Romantik natürlich auch die Anregungen von Ossian und der Bardendichtung, aber auch von Jean Jacques Rousseau wirkten. So werden das Entstehen und die Neubegründung von Literaturen im mitteleuropäischen Raum zwar vermerkt, aber ohne Hinweis auf die nicht unbedeutende Wirkung dieser Erscheinungen damals auch auf die deutsche Literatur in Ã-sterreich.
      Als Abschluß jedoch zum Prozeß nationaler Bewußtwerdung dieserVölker, die zum großenTeil ein Verdienst der Literatur ist, steht ein für die gesamte Grundhaltung dieser Literaturgeschichte typischer Satz, ein Zitat Rückens, das sich auf Böhmen bezieht, in diesem Sinne jedoch als charakteristisch für den ganzen Raum gelten kann: 'Böhmen besitzt schöne Kräfte, wenn auch zu beklagen ist, daß der unduldsam sich hervordrängende Slawismus das herrliche Land der Bildung und dem deutschen Geiste zu entfernen strebt. Und doch verdankt Böhmen seine dem übrigen Ã-sterreich voranstehende geistige Höhe vornehmlich deutschem Einflüsse. Schlimm aber ist es, daß selbst die Deutschen in Böhmen diesem neueren, ihnen feindlichen Element nachgeben" .
      Hier zeichnet sich deutlich eine Ambivalenz der österreichischen Politik jener Zeit ab: Einerseits förderte man die kulturellen Selbständigkeitsbestrebungen der verschiedenen Völker, andererseits aber verzichtete man nur ungern auf die Vormachtstellung der deutschen Sprache und Kultur. So wird im Kapitel über Krain wiederum sowohl auf die begeisterte Rezeption von Schiller als auch auf die Bedeutung von Anton Alexander Graf Auersperg hingewiesen, der zwar literarischer Vermittler zwischen den Slowenen und den Deutschen war, andererseits aber als Politiker auch ein sehr konkretes deutsch-nationales Programm im Krainer Landtag vertrat. StankoVraz und Preseren, aber auch Kopitar werden in diesem Abschnitt nur nebenbei erwähnt, ohne auf ihre immense Bedeutung für die Wiedergeburt der südslawischen Literatur einzugehen, was aber gerade eine günstige Möglichkeit gewesen wäre, um jenes faszinierende Spiel von Geben und Nehmen in der Sphäre des Geistigen aufzuweisen.
      Was Kroatien und Slawonien zu dieser Zeit im besonderen betrifft, so halten sich die Ausführungen an die Darstellung der Bedeutung des Deutschen. Die Amtssprache bis zum Jahre 1848 war dort das Lateinische, mit kurzer Unterbrechung nur in der Josephinischen Epoche, in der von 1786 bis Februar 1790 die dem Wiener Hofkriegsrat unterstehende 'Militärgrenze" deutsch verwaltet wurde. In Agram, Esseg, Waras-din und Karlstadt gab es von alters her ein deutsches Bürgertum, dieses hielt mit dem Adel, dem Militär und der Geistlichkeit die Beziehung zur deutschen Literatur ständig aufrecht. Die vorrangige Bedeutung des deutschen Theaterwesens in Agram und das wachsende Interesse des Adels für die deutsche Kultur kommen auch in der Gründung deutscher Freimaurerlogen zum Ausdruck. Der deutsche Kultureinfluß war damals so groß, daß sich sogar die Führer des Illyrismus weitgehend der deutschen Sprache bedienten, so z.B. Graf Johann Draäkovic, der Vorkämpfer für die Wiedergeburt der kroatischen Nation. Immer dort, wo es um eine möglichst breite Vermittlung von Inhalten ging, verwendeten sogar die größten kroatischen Patrioten die deutsche Sprache.
      Das seit 1826 in Zagreb erscheinende deutsche belletristische Organ ,Luna' brachte in einer der ersten Nummern ein Begrüßungsgedicht in kroatischer Sprache vonTho-mas Miklousid, dem geistigen Führer der ansonsten kajkavischen Dialektliteratur. Es ist ein interessantes Zeichen des Ãoberganges und der Verschmelzung. Das Organ jedoch, das sich vornehmlich der kroatischen Sprache bediente, war die ,Croatia'. Es war eine Zeitschrift für vaterländisches Interesse, Wissen, Kunst, Literatur und Mode und erschien seit 1839 in Agram. Zu den Mitarbeitern zählt auch der größte kroatische Dichter Preradovic, der seine ersten Gedichte in deutscher Sprache verfaßt hatte und deswegen für die Verfasser interessant ist, der aber in der vorliegenden Literaturgeschichte auf gleicher Ebene mit vielen unbedeutenden Autoren erwähnt wird. Tatsache bleibt, daß erst nach den Ereignissen des Jahres 1848 die kroatische Sprache im eigenen Land die Oberhand gewann.
      Die gleiche Gliederung nach Kronländern ist auch im dritten Band beibehalten, der sich zunächst dem Neuabsolutismus und den ersten Verfassungsversuchen 1848 bis 1866 widmet. Ich greife wieder exemplarisch den Beitrag über Krain heraus. Es geht darin zunächst um die zunehmende Ablehnung des Deutschtums, ja des Hasses gegen alles Deutsche. Als bedeutsam wird hier vor allem die Gründung des Vereins ,Slowe-nija' in Wien hervorgehoben, mit dem Programm, die politisch zerrissenen Slowenen Krains, der Steiermark, Kärntens und des Küstenlands in ein Königreich Slowenien mit eigenem Landtag zu vereinigen. In diesem Zusammenhang wird vor allem auf die Warnung durch Anton Alexander Graf Auersperg vor einer frühzeitigen Ablösung der Slaven vom Deutschtum hingewiesen, jedoch auch darauf, daß dieserVerein ebenfalls die Ansicht vertrat, die Slowenen müßten in ihrer Entwicklung erst weiter vorankommen, um ohne deutsche Unterstützung bestehen zu können. In einem Nachruf auf Preseren wird in der Forderung nach einer 'Veredelung der Volkssprache und einer Förderung der Kultur auf nationalen Grundlagen der politischen Erziehung des Volkes als Voraussetzung der politischen Emanzipation" diese Ausrichtung als das vorwiegend kulturpolitische Ziel deutlich.
      Für Alexander Graf Auersperg war diese Erziehungsarbeit eine Aufgabe des Germanentums auf slawischem Boden, und er bemaß sie nicht nach Jahren, sondern nach Jahrzehnten. Vor allem jedoch wegen seines Widerstandes gegen die sprachliche Gleichberechtigung der Slowenen zog er sich ihren Groll zu. In den Ausführungen wird jedoch in diesem Zusammenhang vor allem auf die Verbreitung der deutschen Literatur in Krain - vor allem über die Verlage, die Zeitschriften und das Theater - hingewiesen, offensichtlich als Teil der auch von den Verfassern akzeptierten deutschen Kulturaufgabe im Südosten.
      Die Blickrichtung wechselt ständig, wobei die Grundhaltung überall in gleicher Weise^um Ausdruck kommt. Im Abschnitt über das Böhmische Zeitungswesen - die ersten 'Feder"-Kämpfe zwischen Deutschen und Tschechen im Jahre 1848 wurden zum größtenTeil in der Presse ausgetragen - berichtet zum Beispiel Eduard Castle in der Weise, daß er die tschechischen Journalisten sogar über die deutschen 'Tagesschriftsteller" stellt. Castle gibt dabei auch einen Ãoberblick über die verschiedenen -mehr oder weniger erfolglosen -Versuche, in diesem Rahmen deutschsprachige Zeitschriften zu gründen.
      Dieses Hin und Her in der Wertung sowohl des übergeordneten Deutschen als Kultursprache als auch der jeweiligen Nationalsprache in ihrer Bedeutung ist auch im Abschnitt über das Prager Theaterwesen anschaulich illustriert. Dem Charakter des herrschenden Systems und der kulturtragenden Schicht entsprechend, war das Theater deutsch. Tschechische Vorstellungen des 'Vaterländischen Theatervereins" wurden nach langer Unterbrechung zum erstenmal wieder von 1817 bis 1820 veranstaltet, dann seit 1824, aber zunächst nur an Sonntagen, nachmittags, nicht am Abend. Man konnte - so erwähnten die Verfasser - bei diesen Veranstaltungen drei verschiedene Klassen von tschechischen Theaterbesuchern unterscheiden: 1. solche, welche die Liebe für die Sprache und Literatur ins Theater trieb, die aber nur spärlich vorhanden waren; 2. solche, die das Tschechische besser verstanden als das Deutsche, die aber normalerweise an Sonn- und Feiertagnachmittagen eher im Gasthause als im Theater anzutreffen waren; und endlich 3. solche, welche sich bloß aus Neugierde hie und da eine tschechische Vorstellung ansahen. Daß diese drei Klassen eine Erhöhung der Frequenz nicht bewirken konnten, war eine für die tschechischen nationalen Kräfte betrübliche Angelegenheit. Erst später kam es daher zur Gründung einer eigenen nationaltschechischen Bühne, die aber erst nach verschiedenen mißglückten Versuchen verwirklicht werden konnte und in den Anfängen ihres Bestandes noch immer an der Interesselosigkeit des Publikums zu leiden hatte.
      Galizien wiederum schien um 1840 fast wie eine deutsche Provinz zu sein: Die Universität in Krakau und später in Lemberg, die Beamten und ein Teil der Judenschaft warenTräger einer deutschen Kultur. Als Modeerscheinung verwendeten sogar junge polnische Dichter die deutsche Sprache. In der deutschsprachigen Literatur Galiziens finden die geschichtlichen Ereignisse einen mehr oder weniger objektiven Niederschlag, so in den Reiseberichten und Tagebuchaufzeichnungen österreichischer Beamter. Später wurde die Begegnung mit diesem Land auch zumThema von Romanen, vor allem bei Leopold von Sacher Masoch. Die deutsche Literatur in Galizien ist demnach in den Händen von Beamten und Offizieren, die dorthin versetzt waren. Die Bewegung des Jahres 1848 hat vor allem auch bei Polen und Juden starken Widerhall -ebenfalls in deutscher Sprache - hervorgerufen, so z.B. in Moritz Rappaports Gruß an die Freiheit oder bei Israel Pick, der die Wiedergeburt Polens feiert. Hier läßt sich sicherlich wiederum eine interessante Parallele zur Entwicklung in Krain feststellen.
      Joseph Matl, der Grazer Slavist, weist in seinem Beitrag über Kroatien und Slawonien vor allem auf die Verbreitung der deutschen Sprache im kulturellen Leben dieser Länder hin. 'Nachdem in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts" -so Matl - 'die nationale und kulturelle Wiedergeburt des kroatischen Volkes, genauer gesagt, der kroatischen Gesellschaft, eingesetzt hatte, mit ihr die Nationalisierung des kulturellen Lebens durch die Pflege der Muttersprache in Haus, Gesellschaft, Amt und Schule, durch die Schaffung nationaler Kultureinrichtungen in vollen Schwung gekommen war und 1848 auch politisch einen Höhepunkt erreicht hatte, konnte die Weiterentwicklung des kroatischen Nationalismus nur auf der ganzen Linie den ständigen Rückgang der deutschen Sprache in den Sphären des öffentlichen und vor allem des kulturellen Lebens bedeuten."
Der vierte und letzte Band dieser Literaturgeschichte, wie schon erwähnt, erst 1937 veröffentlicht, konzentriert sich dann auf die Gesellschafts- und Staatskrise 1890 bis 1918. Nur als Provinz- und Parteiliteratur werden darin Krain, Böhmen, Mähren, Galizien, die Bukowina, die Länder der ungarischen Krone, das Banat, Siebenbürgen sowie Kroatien und Slawonien behandelt. Wählen wir aus diesen Beiträgen wieder jenen über Krain zum näheren Gegenstand unserer Betrachtungen. Darin wird zunächst auf die antideutsche Stimmung als Ergebnis des Nationalitätenkampfes hingewiesen, aber auch auf die Versuche, das Deutschtum in Krain doch noch zu erhalten. Für das Verständnis der Deutschen und Slowenen in literarischer Beziehung gilt - so der Verfasser -, was der Grazer Linguist Hugo Schuchardt in seinem Buch 'Herrn Franz von Miklositsch zum 20. November 1883" geschrieben hat: 'Nichts ist ungerechter als die mehrfach erhobene Anschuldigung, die Deutschen hätten die slowenische Literatur nicht aufkommen lassen. Als die Slawen zu literarischem Leben erwachten oder wieder erwachten, da sind ihnen von Seiten der Deutschen genug Sympathiebezeigungen zuteil geworden ...". Auch der slowenische Dichter Johann Pre-gelj wird aufgeführt, wenn er sagt: 'Der slowenische Schriftsteller steht ja noch immer in engerer Beziehung zur deutschen Literatur und Sprache als zu irgendeiner anderen; er lernt noch immer Kunsttechnik und Weltliteratur aufgrund deutscher Ãobersetzungen und Hochschulvorträge kennen ..." In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, daß viele slowenische Schriftsteller auch deutsch dichteten, so zum Beispiel Preseren oder Luise Pessiak.
      Dies waren nur einige Beispiele, die ich aus dieser ungemein umfangreichen, mehr als eine Sammlung von Fakten zusammengestellten Literaturgeschichte herausgegriffen habe. Das Werk vermag uns weder einen Eindruck über den ästhetischen Wert der einzelnen Werke zu vermitteln, noch das gegenseitige Nehmen und Geben literarischer und überhaupt kultureller Werte vollauf anschaulich zu machen. Es sollte nach den Worten der Herausgeber auch nur ein erster Versuch zu einer geschlossenen Zusammenstellung sein, und in diesem Sinne bietet es zweifellos eine beeindruckende Materialsammlung an kulturgeschichtlichen Informationen, so daß man es rückblik-kend als eine Fundgrube von Details für das Verständnis vieler Entwicklungen bezeichnen muß, sowohl in derVergangenheit als auch von der Vergangenheit bis in unsere Zeit hinein. Was ich aber besonders hervorheben möchte, ist die Tatsache, daß wir viele dieser Informationen heute in einem ganz anderen Licht betrachten müssen und daß wir ihnen auf diese Weise auch völlig andere Erkenntnisse undWerte werden entnehmen können.
      Mit dem Blick sowohl auf die Mitteleuropa-Forschung als auch auf die Südosteuropa-Forschung muß man in diesem Zusammenhang aber unbedingt auch daraufhinweisen, daß es zweifellos sehr interessant wäre, die Darstellung in dieser Literaturgeschichte mit den einzelnen Literaturgeschichten aus den jeweiligen Ländern zu vergleichen. Es wäre der Mühe wert, auf solchem Weg vorerst eine Gegendarstellung zu erarbeiten, um dann erst zu den so komplexen literarischen und kulturellen Beziehungen und gegenseitigen Befruchtungen vorzudringen, vor allem, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu erstellen, die sowohl über die deutsche Literatur als auch über jede einzelne dieser Literaturen hinausgehen. Dies scheint mir ein ganz wichtiger Ausgangspunkt und wünschenswerter Ausblick für die komparatistische Erforschung dieses Raumes.
     

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