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Der Aufstieg des Romans
Im Klassizismus der Frühaufklärung gehörte der Roman nicht zu den anerkannten Literaturgattungen. Gottsched hat erst 1751 in die vierte Auflage seiner Critischen Dichtkunst ein Kapitel 'Von milesischen Fabeln, Ritterbüchern und Romanen" aufgenommen, in dem er die Gattung mit Vorbehalt und ohne sonderliche Hochschätzung behandelte. Lob fand er allenfalls für Fenelons antikisierenden Prinzenerziehungs-Roman Telemaque von 1699, während er die um 1750 sichtbar gewordenen neueren Tendenzen in den Werken Richardsons, Gellerts und Fieldings keines Kommentars für würdig befand.
Der Roman stieß nicht nur bei den Anwälten eines klassizistischen Geschmacks auf Vorbehalte, sondern auch bei den religiösen Autoritäten. Der Schweizer Pastor Gotthard Heidegger bekämpfte in seiner Mythoscopia roman-tica die Gattung mit dem Argument, die Bibel verbiete die Lektüre erfundener und somit lügenhafter Geschichten. Es versteht sich, daß er auch an der Vorliebe des Romans für erotische Themen Anstoß nahm. Die hier spürbaren religiösen und moralischen Einwände gegen den Roman spiegeln sich noch in den Kommentaren der Moralischen Wochenschriften zur Frage der Romanlektüre. Erst nachdem gegen Ende der vierziger Jahre Romane bekannt wurden, die sich ausdrücklich die Propagierung bürgerlicher Tugenden zur Aufgabe machten, gaben die weitverbreiteten erbaulichen Journale ihre Einwände auf .
Daß die deutschen Romane gegenüber den französischen und englischen Mustern zweitrangig blieben, war schon den meisten Zeitgenossen bewußt. Erst mit Wielands Agathon erreichte die Gattung in Deutschland ein Niveau, das ihr die vorbehaltlose Anerkennung der Kritik sichern konnte. Es bleibt jedoch bemerkenswert, daß noch Lessings enthusiastisches Lob für Wielands Buch, es sei 'der erste und einzige Roman für den denkenden Kopf von klassischem Geschmack", von der Bemerkung begleitet wurde, der Agathon überschreite eigentlich die Grenzen der bislang wenig reputierten Gattung: 'Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht daß er einige Leser mehr dadurch bekommt" . Daß mit Wieland die Gattung eine repräsentative Stellung gewonnen hatte, bezeugt August Gottlieb Meißner, wenn er im Jahre 1780 'mit Zuversicht" annimmt, 'daß jeder teut-sche Mann von Kopf, und jede teutsche Frau, die einen hat, oder zu haben glaubt, den Agathon gelesen habe" . In Blanckenburgs Versuch über den Roman von 1774 zeigt sich, daß Wielands Agathon auch für die Ausbildung einer anspruchsvolleren Gattungstheorie den entscheidenden Anstoß gegeben hat.
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