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Dekonstruktion



Dies ist kein Artikel über die Dekonstruktion. Sein Titel scheint das Gegenteil zu versprechen: Besonders in dem Kontext eines « Grundkurses Literaturwissenschaft» wird erwartet, daß ein Text mit dieser Ãoberschrift erklärt, was es mit der Dekonstruktion auf sich hat. Indessen ist keineswegs sicher, daß ein solches Schreiben über die Dekonstruktion überhaupt möglich ist. Was heißt: über die Dekonstruktion schreiben? Die Präposition suggeriert einen räumlichen Abstand. Ãober etwas schreiben heißt, daß das eigene Schreiben vom dem behandelten Gegenstand getrennt ist, daß es sich mit ihm nicht mischt und nicht vermengt. Ãober einen Gegenstand schreiben heißt auch, daß der Erkenntnisprozeß beim Schreiben in eine Richtung läuft: Das


Schreiben weiß um seinen Gegenstand, der Gegenstand aber nicht um das Schreiben. Nun haben Jacques Derrida wie auch Paul de Man -die, wenn man so will, Erfinder der Dekonstruktion - zu zeigen versucht, daß das Schreiben über einen Gegenstand in diesem Sinn nicht möglich ist. Erweist sich ihre These als hinreichend begründet, dann sollte man gar nicht erst versuchen, über Dekonstruktion zu schreiben.
      Das < Reden üben wird in der Literaturwissenschaft wie auch in der Linguistik durch die Unterscheidung von Objektsprache und Metasprache ermöglicht. In diesen Disziplinen ist der Gegenstand, über den man redet, selbst eine Art Reden: Man redet über das Reden. Das Reden des Gegenstands nennt man Objektsprache, das eigene Reden über das Reden des Gegenstands nennt man Metasprache. Diese Unterscheidung ist notwendig, um das Reden über das Reden in den Rang einer Wissenschaft zu erheben. Wer wissenschaftlich über einen Roman sprechen will, schreibt nicht selbst im Stil eines Romans.
      Häufig aber bereitet das Abgrenzen der Metasprache von der Sprache ihres Gegenstands mehr Schwierigkeiten, als man erwartet. Wie könnte man zum Beispiel metasprachlich den folgenden Text kommentieren, ohne daß die Sprache des Kommentars sich mit der des Textes vermengt:

FABEL
Mit dem Wort mit beginnt also dieser Text,

Dessen erste Zeile die Wahrheit sagt,
Aber dieser Spiegelbelag unter der einen und der anderen,

Kann er ertragen werden ?
Lieber Leser, schon urteilst du

Da über unsere Schwierigkeiten...
     
Schon beim ersten Lesen dieses Textes von Francis Ponge* fällt auf, daß er von Anfang an über sich selbst spricht. Die erste Zeile beschreibt sich selbst; sie ist bereits ein Reden über das Reden, ist schon Metasprache. Die zweite Zeile beschreibt die Selbstbeschreibung der ersten, indem sie sie als bezeichnet; sie spricht metasprachlich über etwas, was selbst schon Metasprache ist, sie ist also eine Metametasprache - oder eine Metasprache hoch zwei . Der Text « Fabel» ist also schon nach zwei Zeilen in einem hohen Grade selbstreflexiv. Die Selbst-reflexivität der ersten beiden Zeilen wird dann in der dritten und vier-ten Zeile thematisiert: Der « Spiegelbelag » unter « der einen » und « der anderen » scheint sich auf die Selbstreflexivität der ersten und der zweiten Zeile zu beziehen, auf deren schon an sich doppelten Reflexion, die jetzt durch die Frage - kann dieser Spiegelbelag ertragen werden? -abermals reflektiert wird. Die Frage der vierten Zeile bespricht also etwas, was schon Metasprache ist, sie ist Metasprache.
      Mit jedem Schritt wird die vorhergehende Metasprache zu einem Gegenstand, zu einer Objektsprache konstituiert, über die man mittels einer Metasprache sprechen kann. Man kann also problemlos über alles eine Metasprache bilden, aber ab einem gewissen Punkt -und hier liegt das Entscheidende bei der Lektüre von «Fabel» - kann sich die Metasprache nicht qualitativ, sondern nur noch mathematisch von ihrer Objektsprache absetzen. Die Metasprache in Zeilen 3 und 4 verdient eigentlich den Namen einer Metasprache gar nicht, denn sie führt nur das gleiche Prinzip fort, das ihrer Objektsprache zugrunde liegt: Sie steigert die Potenzierung der Metasprache um ein . Sie wiederholt so genau das, was ihre Objektsprache schon vor ihr getan hat. Anstatt über eine Objektsprache zu sprechen, imitiert sie deren Verfahren. Der Text scheint zwar von Anfang an ausschließlich über sich zu sprechen; aber gerade deshalb, wie Derrida hervorhebt, hat er keine Objektsprache, über welche er metasprachlich sprechen könnte:
«Die erste Zeile spricht nur von sich selbst, sie ist sofort metasprachlich, aber sie ist eine Metasprache ohne Untergrund, eine unvermeidliche und unmögliche Metasprache, denn es gibt keine Objektsprache vor ihr; sie hat kein Objekt vor, außer oder unter ihr. Derart, daß alles und nichts in dieser ersten Zeile, die die Wahrheit von Fabel sagt, sowohl Objekt- und Metasprache ist.»
Wenn alles und nichts in der ersten Zeile Meta- und Objektsprache ist, wie könnte man überhaupt ihre Sprache bezeichnen? Es wäre falsch zu sagen, daß sie ihre eigene Metasprache enthält, denn sie ist nichts als diese Metasprache. Vielmehr müßte man sagen, so ungewohnt es klingen mag: Die erste Zeile ist ihre eigene Metasprache. Sie spricht nur über sich und trotzdem überhaupt nicht über sich; denn sie hat kein Selbst, über welches sie sprechen könnte.
      Nun könnte man einwenden, die letzten zwei Zeilen scheinen aus dem Schema einer problematischen Selbstreflexion herauszufallen: Der große Abstand zu den oberen Zeilen, die Einklammerung, der typographische Wechsel von Kursivschrift auf Antiqua, der erzählerische Gebrauch des Präteritums und der Verweis auf eine unbekannte

« sie » verdeutlichen einen Bruch mit dem Vorhergehenden. In diesen Zeilen, möchte man sagen, wird der Spiegel einer lediglich auf sich selbst bezogenen Sprache zerbrochen. Nun aber erzählen diese Zeilen gerade von einem solchen Zerbrechen des Spiegels. Vielleicht erzählen sie von dem Spiegel, den sie selbst durch ihren stilistischen Bruch mit dem Vorhergehenden zerbrechen; sie zerbrechen den Spiegel, dessen «Spiegelbelag» den ersten Zeilen innewohnt. «Sie» bezöge sich demnach auf keine Unbekannte, sondern auf «Fabel». Wenn man dann die « sieben Jahre des Unglücks » auf die ersten sieben Zeilen des Textes bezieht, dann wird ersichtlich, daß die letzten zwei Zeilen die Fabel von dem Text «Fabel» erzählen: Nach sieben Zeilen des mißglückten Versuchs, aus ihrer Kette von Widerspiegelungen auszubrechen, zerbrach sie - d. h. «Fabel» - ihren Spiegel. So gelesen, sprechen auch die letzten Zeilen lediglich über den Text «Fabel». Sie setzen sich räumlich, typographisch und stilistisch von den anderen Zeilen ab, um etwas sie sagen zu können. Aber dadurch wiederholen sie nur die Bewegung des vorhergehenden Textes: Wie die anderen Zeilen versuchen auch sie, eine qualitativ verschiedene Metaebene zu erreichen, von der aus sie «Fabel» als Objektsprache besprechen könnten. Gerade durch ihren Bruch mit den ersten Zeilen erweisen sie sich als deren nahtlose Fortführung. «Fabel» kann < ihren > Spiegel eigentlich nie zerbrechen, denn in ihr gehört auch das Zerbrechen des Spiegels zum Prozeß des Spiegeins.
      Wie könnte man nun < metasprachlich > oder < wissenschaftlich > über den Text «Fabel» sprechen? Man müßte dazu eine Metasprache verwenden, die sich qualitativ von der Sprache des Textes unterscheidet. Dadurch würde man aber genau den gleichen Gestus wiederholen, der im Text schon enthalten ist. Man hat die gleichen Schwierigkeiten, über «Fabel» zu sprechen, wie «sie»: Man kann sich nicht von absetzen, denn das Absetzen von ist «sie» selbst. «Unsere Schwierigkeiten» sind in dem Sinne sowohl die der Zeilen von «Fabel» als auch die des Lesers. Es gibt kein Sprechen, kein Wissen den Text «Fabel»; denn alles, was man über ihn sagen könnte, nimmt er schon vorweg. «Fabel» zeigt auf exemplarische Weise, warum man unter gewissen Bedingungen nicht metasprachlich eine Objektsprache sprechen kann: Die Abgrenzung einer Metasprache ist dann unmöglich, wenn die < Objektsprache > selbst ihre eigene Metasprache ist.
      Gibt es nun ganze Bereiche sprachlicher Phänomene, von denen man sagen könnte, daß sie generell die gleiche Selbstreflexivität aufweisen,die wir in «Fabel» beobachten können? Folgt man Roman Jakobsons berühmter Definition der poetischen Funktion der Sprache, der zufolge das Eigentümliche der Poesie darin liegt, daß sie weder den Sprecher noch den Zuhörer noch den Kontakt zwischen beiden noch den außersprachlichen Referenten noch den zur Kommunikation gebrauchten Code, sondern die Mitteilung selbst ins Zentrum des Mitgeteilten rückt3, dann könnte man der oder der als Ganzem einen hohen Grad an Selbstreflexivität zuschreiben. Die Vermutung liegt also nahe, daß die Literatur generell kein bloßes Medium für die Kommunikation über etwas anderes ist, sondern daß in ihr das Medium selbst zum Thema wird. Die Literatur, dieser Vermutung nach, spricht nicht in erster Linie etwas, sie stellt sich selbst in den Vordergrund, sie redet sich. Wenn diese Vermutung über die Selbstreflexivität der Literatur stimmen sollte, dann wäre es möglich, daß die Literatur wie «Fabel» ihre eigene Metasprache ist und daß es daher keine weitere Metasprache sie geben kann.
      Wenn aber die Literatur ihre eigene Metasprache ist, gibt es keine Literaturwissenschaft, sondern allenfalls einen akademischen Diskurs, der sich mit Literatur beschäftigt. Er stünde angesichts der Unmöglichkeit eines wissenschaftlich streng objektiven Zugangs zur Literatur vor folgenden Alternativen. Er könnte seine fehlende Objektivität zu übersehen oder zu verhehlen suchen; er könnte sie beklagen; er könnte sie durch Anleihen, die er bei anderen Wissenschaften macht - Geschichte, Soziologie, Linguistik -, zu kompensieren versuchen. Oder er könnte in der Unmöglichkeit einer Metasprache die Literatur deren Besonderheit situieren und sie explizit thematisieren. Die Dekonstruktion wählt den zweiten Weg: Sie zeigt, wie der eigene Diskurs über die Literatur immer hinter das zurückfällt, was die Literatur selbst immer schon über sich sagt. Sie spricht, wenn nicht über ihr eigenes Sprechen, dann sozusagen über ihr eigenes Unvermögen, über die Literatur zu sprechen. Was für «Fabel» gilt, gilt daher auch für sie: Man kann keine Metasprache über die Dekonstruktion bilden. Da sie sich von sich selbst distanziert, ist es unmöglich, eine Distanz zu ihr zu gewinnen, die nicht schon in ihr enthalten wäre.
      Anstatt über eine Theorie zu reden, die das «Reden üben für unmöglich erklärt, könnte man vielleicht die eigene Unfähigkeit, über die Dekonstruktion zu reden, selbst vorführen: Nicht, um die Dekonstruktion zu beschreiben, sondern um sie auszuführen.
      Gerade die Möglichkeit einer Ausführung der Dekonstruktion wirdaber von Jacques Derrida und Paul de Man in Frage gestellt. In einem Text über die Beziehung zwischen dem literarischen und dem philosophischen Diskurs in Nietzsches Kritik der Metaphysik kommt de Man zu dem Schluß, daß die Dekonstruktion der Philosophie «genau in dem Maße eine Unmöglichkeit ist, wie sie ist»5. In «Psyche. Invention de Pautre», einem 1984 gehaltenen, Paul de Man gewidmeten Vortrag Derridas, kommentiert Derrida diesen Satz de Mans, indem er die darin geschilderte Unmöglichkeit der Dekonstruktion zustimmend und verallgemeinernd hervorhebt: «Die strengste Dekonstruktion hat sich nie als etwas Mögliebes dargestellt. Ich würde sagen, daß die Dekonstruktion nichts verliert, wenn sie sich für unmöglich erklärt . Die Gefahr für eine Aufgabe der Dekonstruktion wäre eher die Möglichkeit; es wäre die Gefahr, als eine Gesamtheit von geregelten Vorgängen, methodologischen Praktiken und zugänglichen Wegen verfügbar zu werden» . Warum sollte sich die Dekonstruktion « für unmöglich » erklären ? Kann man sie weder beschreiben noch ausführen ?
Diese letzte Frage berührt nun eine Hauptproblematik der Dekonstruktion, denn die Differenz zwischen einer Sprache, die beschreibt, und einer, die selbst etwas ausführt, steht im Zentrum der Ãoberlegungen von Derrida wie von de Man. Man kennt diese Differenz aus der Sprechakttheorie J. L. Austins, der sie durch die Begriffe « konstative » und «performative Aussage» in den philosophischen Diskurs eingeführt hat. Konstative Aussagen beschreiben eine Tatsache: Sie sind solche, die als wahr oder falsch bezeichnet werden können. Performative Aussagen dagegen beschreiben nicht, sondern sie führen etwas aus, sie vollziehen eine Handlung. Als eine Antwort auf die Frage bei einer Eheschließung, « Nehmen Sie hier die anwesende X Y zur Frau ?» ist die Aussage: «Ja» keine Beschreibung einer Tatsache , sondern sie ist selbst eine Handlung. Sie ist nicht bloß eine Ã"ußerung, sondern sie ist ein Ereignis.
      Wie ist das Verhältnis zwischen der konstativen und der performa-tiven Funktion der Sprache in «Fabel»? Man erwäge nur die erste Zeile:

Mit dem Wort mit beginnt also dieser Text
Das performative Ereignis, um das es sich hier handelt, ist: den Text zu eröffnen, ihn zu beginnen. Es wird - dies scheint zunächst eindeutig - von dem ersten « mit» vollzogen, da der Text mit ihm anfängt. Demzufolge ist das zweite «mit» nicht performativ, sondern konstativ: Esvollzieht nichts, sondern es beschreibt das Vollziehen des Beginnens, indem es das erste « mit» zitiert. Das erste « mit» führt etwas aus, das zweite beschreibt nur das, was das erste ausführt.
      Doch das Verhältnis zwischen dem ersten und dem zweiten « mit» ist nicht so eindeutig, wie es einem zunächst vorkommen mag. Der Text scheint mit dem Wort « mit» zu beginnen. Aber wenn man einen Satz mit « mit» anfängt, hat man schon vorher festgelegt, wie er syntaktisch zu ergänzen sei. Hieße der Satz etwa: «Dieser Text beginnt mit dem Wort dieser», dann könnte man sich vorstellen - in einer etwas naiven und daher falschen Phänomenologie des Schreibens -, daß man zuerst «Dieser Text» geschrieben und sich erst dann überlegt hätte, wie der Satz weiter lauten soll: «... beginnt mit dem Wort dieser». Aber in Ponges Text ist diese Linearität nicht gegeben; denn sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen ist das erste «mit» nur in Antizipation des zweiten «mit» möglich. Das erste «mit», das perfor-mativ und nicht konstativ zu sein schien, gehört ebensosehr zur kon-stativen Beschreibung des Beginnens wie das zweite. «Ihre konstative Beschreibung», sagt Derrida über «Fabel», «ist nichts anderes als ihre performative Aussage selbst» . In «Fabel» geht es also um die Verwischung der Differenz zwischen konstativer und performativer Sprache, zwischen dem Beschreiben und dem Ausführen. Aber ist diese Verwischung der Unterschiede zwischen dem Beschreiben und dem Ausführen, um die es in «Fabel» geht, das, was «Fabel» beschreibt, oder das, was «Fabel» ausführt?
Um diese Frage zu beantworten, muß man eine Reihe von Begrifflichkeiten einführen, die in den Arbeiten Derridas und de Mans eine wichtige Rolle spielen. In dem Ponge-Text scheint das erste « mit» ein Ereignis zu sein , das zweite lediglich ein Zitat oder eine Wiederholung des ersten. Aber da die Wahl des Wortes «mit» am Anfang der Zeile nur im Hinblick auf den weiteren Verlauf des Satzes, mithin auf das zweite « mit» möglich ist, ist das « Ereignis » des «ersten» «mit» selbst schon von seiner Wiederholung abhängig. Eine solche Kontaminierung der Einmaligkeit des ersten Mals durch die Möglichkeit seiner Wiederholung nennt Derrida die Iterabilität. Er beschreibt sie wie folgt: « Die Zeit und der Ort des anderen Mals bearbeiten und verändern schon, auf einmal, das erste Mal und das auf einmal selbst.» Die Unterminierung der Einmaligkeit in «Mit dem Wort mit » problematisiert daher den Gedanken eines einheitlichen Ursprungs: Das erste, ursprüngliche « mit» trägt immer schon, von Anfang an, die Spur des zweiten in sich. Der Ursprung ist eine

Spur, oder wie Derrida es nennt, eine « Urspur»: «Und trotzdem wissen wir, daß dieser Begriff seinen Namen zerstört und daß es, wenn alles mit der Spur anfängt, vor allem keine ursprüngliche Spur gibt.» Derridas Wort « Spur » heißt also, daß es in einem gewissen Sinn gar keinen Ursprung geben kann. Wenn «Fabel» nur mit einer Spur anfangen kann, dann ist ein Anfang von «Fabel» schlicht unmöglich. Das erste «mit» setzt das zweite voraus, das zweite das erste; man weiß nicht, womit man anfangen soll. « Fabel» fängt gewissermaßen weder « mit» dem einen noch « mit» dem anderen « mit» an, sondern nur « mit» der Differenz zwischen beiden.
      Aber wenn «Fabel» mit der Differenz zwischen «mit» und «Mit» anfängt, wäre diese folglich eine Differenz, die den zwei von ihr unterschiedenen Elementen, « Mit» und « mit», vorausgeht. Wie ist eine solche Differenz überhaupt zu denken möglich ? Es wäre eine Differenz, die sich nicht auf die Anwesenheit der in ihr differenzierten Elemente zurückführen ließe. Derrida nennt sie differance. Sie bezeichnet eine Differenz, die den Zugang zu dem, was man als ein vor jeder Differenzierung für sich Anwesendes denken könnte, wie etwa ein für sich bestehendes Sein oder ein für sich bestehender Sinn, unaufhaltsam verschiebt {«differance», mit a geschrieben, leitet sich vom Partizip Präsens differant - zu Deutsch: sich unterscheidend, aber auch verschiebend, auf später schiebend - heR). Solche Begriffe wie Iterabilität, Spur oder differance gehorchen selbst dem Gesetz der Dekonstruktion, das sie benennen. Sie sind selbst der Iterabilität ausgesetzt, denn sie sind nicht einmalig und haben keinen eigenen oder privilegierten Kontext oder Gebrauch. Ihre Liste kann und wird immer fortgeführt .
      Die < Begriffe> Iterabilität, Spur und differance stellen das und das des Anfangens und des Fortführens, des und des , kurz: alle Kategorien der linearen Zeitlichkeit in Frage. Eine ähnliche Subversion der linearen Zeitlichkeit bewirkt Paul de Mans Gebrauch des Begriffs Ironie.â"¢ In der Ironie kommen zwei oder mehr widersprüchliche, sich gegenseitig ausschließende Bedeutungen gleichzeitig zum Ausdruck, die man aber nicht zusammen, sondern nur nacheinander verstehen kann. « Mit dem Wort mit beginnt also dieser Text» ist ein in diesem Sinne ironischer Satz, wenn man nicht auf die räumliche und zeitliche Sequenzialität der Wortfolge , sondern auf die gleichzeitige Interferenz der konstativen und der performativen Funktion in ihmachtet. Man kann den Satz entweder als die performative Eröffnung von Fabel oder als die konstative Beschreibung dieser Performanz , aber nicht als beides zugleich lesen. Die Ironie der Zeile liegt aber gerade darin, daß die Struktur des Satzes genau diese unmögliche Gleichzeitigkeit verlangt. Lesbar ist der Satz nur, wenn man ihn als eine Abfolge von performa-tiver Ausführung und konstativer Beschreibung versteht, aber im Satz selbst findet diese Sukzession nicht statt. Strenggenommen ist er daher unlesbar. Auf diese Weise exemplifiziert er die de Manschen Begriffe der Unlesbarkeit und der Unentscheidbarkeit: Der Satz ist unlesbar, weil die Differenz zwischen performativer und konstativer Aussage, zwischen Ausführen und Beschreiben, ohne welche das Lesen nicht auskommt, in ihm unentscheidbar ist. Die Ironie zwingt dazu, Entscheidungen zu treffen, die sie selbst unentscheidbar macht.
      Die Frage, ob «Fabel» die Verwischung der Differenz zwischen Beschreiben und Ausführen selbst ausführt oder nur beschreibt, kann anhand der Begriffsapparate - die keine sind - von Derrida und de Man folgendermaßen gehandhabt werden. Die Differenz zwischen konstativer und performativer Sprache ist in «Fabel» eine differance, die jedem konstativen Beschreiben und jedem performativen Ausführen vorausgeht. Sie kann daher weder beschrieben noch ausgeführt werden. Der Text «Fabel» beschreibt nichts, noch führt er etwas aus; er ist unmöglich, so unmöglich wie die Dekonstruktion. Man könnte ihn ironisch und unlesbar nennen. Diese Bezeichnungen hätten den Vorteil, daß sie «Fabel» nicht als etwas Mögliches darstellen. Insofern als sie die Unmöglichkeit von Texten nicht aus dem Blick lassen, sind Begriffe wie Ironie und Unlesbarkeit immer anderen, literaturwissenschaftlichen oder metasprachlichen Begriffen vorzuziehen. Ein angemessener Kommentar zu den Schwierigkeiten des Textes «Fabel» wären sie aber nicht; denn es bliebe immer noch unklar, ob man mit ihnen «Fabel» beschrieben oder das, was «Fabel» selbst schon ausführt, nur wiederholt hätte. Diese Lage ist mißlich, und man ist geneigt, «Fabel» gänzlich zu vergessen. Das können «wir» aber nicht, denn die gleiche Unentscheidbarkeit zwischen Ausführen und Beschreiben plagt < unseren > Text auch. Beschreibt er die Dekonstruktion, oder führt er sie aus ? Ist er Metasprache oder Objektsprache ?
Man könnte unentwegt fortfahren, diese Frage zu stellen, ich höre aber hier damit auf.

      «Wo? Da.»

   Supplement
Paßt uns «Fabel» nicht zu gut ins Konzept? Haben wir es uns mit Ponge nicht zu leicht gemacht ? Was ist mit Goethe ? Als Beispiel für einen Text, für den die Gültigkeit der oben entwickelten Argumente erst noch gezeigt werden müsse, wurde von den Herausgebern eines der wohl berühmtesten Goethe-Gedichte genannt:

Ein gleiches.
      Ueber allen Gipfeln

Ist Ruh',
In allen Wipfeln

Spürest Du
Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.
      Warte nur! Bälde

Ruhest Du auch.
     
   Dieser deutsche Inbegriff des kanonischen Textes, in den Worten Emil Staigers « eines der reinsten Beispiele lyrischen Stils » , exemplifiziert das Literarische mit einer Autorität, wie sie Ponges « Fabel» gar nicht erst beanspruchen kann. Wenn sich auch an diesem Text zeigen läßt, daß eine inhärente Selbstreflexivität der Literatur die Abgrenzung eines metasprachlichen literaturwissenschaftlichen Diskurses verhindert, dann würde man vielleicht besser verstehen können, warum generell die Möglichkeit dieser Abgrenzung in Frage gestellt werden kann.
      In der umfangreichen Literatur zu dem Gedicht lassen sich zwei verschiedene Interpretationsansätze beobachten. Auf der einen Seite wird das Gedicht als eine Beschreibung gelesen. So bemerkt man, daß es die Ruhe der Natur, die kontrastierende Unruhe des Menschen oder -Ruhe und Unruhe zugleich - «die Spannung von Naturruhe und menschlicher Unruhe darstellt»15. Das Gedicht wird so als ein Text über die Ruhe bzw. die Unruhe gelesen. In die Terminologie Austins übersetzt, hieße dies, die Sprache des Textes sei konstativ: Sie macht eine Aussage über einen außer ihr existierenden Gegenstand. Andere Analysen betonen ausdrücklich, daß die Funktion der Sprache des Gedichtes gerade nicht in der Beschreibung liegt. Mit Hinweis auf die langen, dunklen Vokale der ersten Zeilen und auf das leise, das letzte Aushauchen des Windes in den Bäumen imitierende Zischen der Kehllaute in «Hauch» und «auch» wird bemerkt, daßder Text keine Beschreibung der Ruhe, sondern die Ruhe selbst sei: « hier beschreibt der Vers nicht die Stille des Abends, er ist diese Stille selbst geworden». So gelesen, ist die Sprache des Textes nicht kon-stativ, sondern performativ. Sie bewirkt Ruhe - etwa indem sie den Leser selbst beruhigt. Häufiger noch als diese zwei Bemerkungen zu dem Gedicht findet man Versuche, beide Beobachtungen zu vereinen. Die Ruhe werde, dieser Lesart zufolge, von dem Gedicht sowohl beschrieben als auch bewirkt; der Vers vollziehe gerade das, was er bezeichne. Bewundernswert an dem Gedicht sei gerade diese « enge Verbindung zwischen Klang und Sinn »1?. Nach dieser Lesart also exemplifiziert das Gedicht die Ãobereinstimmung der konstativen und der performa-tiven Funktion der Sprache. Es führt aus, was es sagt.
      Eine solche Bewunderung der Einheit von Sinn und Klang übersieht aber eine einfache Tatsache: Der buchstäbliche dieses Gedichts - die Stille und das Schweigen - ist das genaue Gegenteil von . So ruhig und still die Laute des Gedichts sein mögen, es bleibt eine Distanz zwischen dem Gedicht als Sprache und der in ihm beschriebenen Stille. Mag der Dichter seine wortmalerischen Künste bemühen wie er will: Die Vögelein schweigen, er aber nicht. Er verletzt die natürliche Stille, indem er sie beschreibt; er vertreibt seinen stillen Gegenstand, je mehr er ihn sprachlich zu fassen versucht. Das Gedicht exemplifiziert die unüberbrückbare Kluft zwischen einer menschlichen, zum Beschreiben beschränkten Sprache und einer stummen Natur, die nichts beschreibt, weil sie auch nicht spricht.
      Bezeichnend aber für das Gedicht ist weniger diese Kluft zwischen Sprache und Natur als die bemerkenswerte Tatsache, daß sie von den Lesern des Gedichts auf symptomatische Weise übersehen oder verdrängt wird. « So erweist sich », schreibt Walter Urbanek über das Gedicht, «daß der Abendfrieden über der Landschaft im Grunde eine Spiegelung der empfindenden, sehnenden Seele des Dichters ist, daß die Natur für den Dichter spricht».l Warum sollte man von einem Gedicht sagen, daß die Natur in ihm spricht, wenn im Gedicht explizit gesagt wird, daß sie schweigt ? Der Grund für diese Diskrepanz liegt weniger beim Interpreten als bei dem Gedicht selbst. Der Text ist gerade dazu konzipiert, die Illusion zu erwecken, daß die Distanz zwischen seiner lyrischen Sprache und der in ihr beschriebenen Natur aufgehoben wird -obwohl er diese Distanz ausdrücklich in seiner Beschreibung einer stummen Natur betont. Das, was der Text besagt , widerspricht dem Gefühl, das er bewirkt . Seine kon-stative Aussage unterminiert seine performative Wirkung.

     
In Goethes Gedicht geht es also nicht um Natur, auch nicht um die Differenz zwischen Natur und Sprache, sondern um die irrtümliche Neigung, diese Differenz zu verkennen. Diese Neigung aber wird von dem Gedicht selbst hervorgerufen. Die Sprache von Goethes Text ist selbst schon Metasprache: Sie kommentiert die irrtümliche Verwechslung von Natur und Sprache, die sie selbst bewirkt. Insofern ist Goethes Gedicht, so sehr es auf den ersten Blick der «Fabel» von Ponge in Inhalt und Stil entfernt scheinen mag, auch ein selbstreferentieller Text. Diese Selbstreferentialität hat dann auch zur Folge, daß die Abgrenzung eines metasprachlichen Diskurses diesen Text problematisch wird. Man erwäge die Formulierung der folgenden Beschreibungen von « Ein gleiches »:

«Die Sprache ist die abendliche Stille selber» .
      «Es ist schon oft beschrieben worden, wie in den ersten beiden Versen in dem langen und der folgenden Pause die schweigende Dämmerung hörbar wird » .
      Was veranlaßt einen vermeintlich objektiven < literaturwissenschaftlichen > Diskurs, zwei sich widersprechende Begriffe - «Sprache» und «Stille», «hörbar» und «schweigend» - so unmittelbar miteinander zu verbinden ? In der Rhetorik nennt sich eine solche widersprüchliche Verbindung Oxymoron; eines der am häufigsten gewählten Beispiele für diese Figur ist der Ausdruck «beredtes Schweigen». Wenn der Diskurs das Gedicht von einer < stillen Sprache > oder einem < hörbaren Schweigen > spricht, dann wiederholt er - und zwar nicht nur konzeptuell, sondern auch auf seiner rhetorischen Oberfläche - gerade den Widerspruch, um den es im Gedicht geht. Er wiederholt die Verwechslung von Natur und Sprache, von Schweigen und Sprechen, die der Primärtext bewirkt und bereits als Irrtum aufdeckt. Er spricht nicht das Gedicht, sondern führt nur das aus, wovon im Gedicht die Rede ist. Anstatt das Gedicht zu kommentieren, wird er selbst im Gedicht kommentiert.
      Oder ist die Verwechslung von Sprechen und Schweigen im Kommentar beabsichtigt ? Nur vorgetäuscht, um die eigenen rhetorischen Irreführungen ironisch aufzudecken ? Ist der Kommentar gleichermaßen rhetorisch selbstbewußt wie das Gedicht ? « Ein gleiches » ? Wenn ja, dann rechne man auch ihn der Literatur zu.
     

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