Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Das Prinzip >Dichtung als Tagtraum

Das Prinzip >Dichtung als Tagtraum



Was an Puschkins Schneesturm und Dürrenmatts Verdacht erläutert wurde, die Möglichkeit nämlich, objektive Wirklichkeit der Fiktion implizit als Traumspiel einer Gestalt der Fiktion anzulegen, sei nun erneut erörtert. Das Prinzip, eine Fiktion innerhalb der Fiktion zu präsentieren, und zwar so, dass die Nahtstelle innerfiktional unsichtbar bleibt, ist offensichtlich nicht auf Anhieb einsichtig. Der Blick für dieses Prinzip muss trainiert, muss geschärft werden. Es setzt nämlich, um erkannt zu werden, voraus, dass Dichtung im Grundsätzlichen als Artefakt erfahren wird: als eine von einem Urheber >gesetzte< Wirklichkeit und nicht als Tatsachenbericht darüber, wie es wirklich gewesen ist.

      Der Urheber ist jetzt aber eine Gestalt der Fiktion. Der Autor delegiert also sein Dichten an eine Gestalt der Fiktion - und das ohne Vorwarnung. Auf diese Weise wird der Leser in eine Innenwelt gelockt, die sich den Anschein gibt, Außenwelt zu sein. Dies ganz im Sinne des Autors, der sich spielerisch auf den Hang des naiven Lesers einlässt, die Authentizität von Dichtung danach zu bemessen, inwieweit sie eine Geschichte erzählt, die das Leben schrieb. Man beachte nur die gegenwärtigen Werbetexte für Romane, Erzählungen, Dramen und Filme. Offensichtlich ist der Ernst eines Kunstwerks in den Augen des Publikums davon abhängig, ob es ein empirisches Substrat aufzuweisen hat. Eine solche Einsteüung aber, dass das Kunstwerk nur als Abbild von Empirie >seriös< sein kann, ist tödlich für das Spiel der Kunst, das alle Empirie nur >herablassend< aufgreift, was weiter unten, als Antwort auf die Frage »Kann Kunst >realistisch< sein«'« ausführlich dargelegt wird.
      Es gibt einen literarischen Text, der die Darstellung von Subjektivität als Reaktion auf Objektivität explizit vor Augen führt, nämlich James Thurbers Kurzgeschichte Das geheime Lehendes Walter Mitty, die erstmals 1939 in der Zeitschrift The New Yorker erschienen ist: The Secret Life of Walter Mitty. Die nur viereinhalb Seiten lange Geschichte fand sofort Anklang und gehört inzwischen zum klassischen Bestand amerikanischer Erzählkunst, ja der Titelheld ist im Amerikanischen sprichwörtlich geworden: Thurber hat mit Walter Mitty den Prototyp des chronischen Tagträumers veranschaulicht, so, wie Sinclair Lewis mit George F. Babbitt den Prototyp des außengelenkten Durchschnittsbürgers.
     

 Tags:
Das  Prinzip  >Dichtung  als  Tagtraum    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com