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Das geheime Leben des Walter Mitty als ein poetologisches Grundmuster



Was bedeutet das im Grundsätzlichen? Antwort: Was sich an den Tagträumen Walter Mittys zeigt, ist die vom Autor Thurber gestaltete Sache. Dieses Ausgedrückte ist manifest da. Thurber gestaltet die Persönlichkeit des Walter Mitty auf Grund von dessen Tagträumen. In Abgrenzung von Freud ist zu sagen: Es geht nicht um den Dichter und das Phantasieren, sondern um den Dichter und das delegierte Phantasieren: delegiert an den Tagträumer, der selbst Teil der Fiktion ist und innerhalb dieser Fiktion seine Fiktion setzt. Was an den Tagträumen Walter Mittys als Antwort auf die von Thurber uns ebenfalls präsentierte objektive Realität zum Ausdruck kommt, ist die Eigenart des Individuums Walter Mitty, das hier zum Typus erhoben wird, und nicht die Eigenart des James Thurber. Die explizit gestaltete objektive Realität, d. h. die alltägliche Empirie des Walter Mitty, liefert die Grundlage dafür, dessen Tagträume als Reaktionen auf die unbewältigte Realität zu typisieren.

      Hätten wir, die Leser, nur die Erlebnisebene I des Walter Mitty vorliegen, so würden wir zwar einen von der geforderten Lebenspraxis überforderten Menschen sehen, nicht aber »Walter Mitty«. Hätten wir nur die Tagträume, also die Mischung aus objektiver und subjektiver Realität, so ließe sich nicht sagen, welcher Lebenswelt sie entstammen, denn sie haben ja ganz verschiedene Welten zum Schauplatz. Erst die Fakten über Mittys Alltag lassen seine Träume als konsequenten Ausdruck einer ganz bestimmten Existenzform erkennbar werden.
      Gedankenspiel und objektive Realität werden von Thurber deutlich getrennt. Von der Sache her war das leicht, denn die Welten, in die sich Walter

Mitty als Dilettant hineinträumt, sind weit von seinem Alltag entfernt: Sie stellen ihm die Möglichkeit bereit, im Scheinwerferlicht einer jeweils ganz bestimmten Ã-ffentlichkeit ein Held zu sein. Immer agiert er triumphierend unter den Blicken der Anderen.
      So bleibt in poetologischer Hinsicht festzustellen: Thurber stellt objektive Realität und Tagtraum in gleichgewichtigem Nebeneinander dar. Wenn wir nun dieses gleichgewichtige und dazu trennscharf dargestellte Nebeneinander von objektiver Realität und Tagtraum als poetologisches Grundmuster für die Einzeichnung subjektiver Realität in das Koordinatennetz objektiver Realität ansehen, so lassen sich aus solchem Grundmuster die folgenden zwei Varianten ableiten.
      - Erste Variante: Der Tagtraum setzt die Welt der objektiven Realität fort, und das derart, dass der Ãobergang von dieser zur subjektiven Realität des Traumspiels vom Leser nicht bemerkt wird. Der Leser wird über diesen >Ãoberstieg< nicht informiert, wie das bei Thurber der Fall ist. Hierin besteht der erste Unterschied zum Grundmuster. Des Weiteren aber kehrt der Tagträumer nicht wie Walter Mitty in die objektive Realität zurück. Der Text endet als Traumtext. Als Beispiele für diese erste Variante des Grundmusters sind Puschkins Schneesturm und Dürrenmatts Der Verdacht bereits oben analysiert worden. Beide Texte heben ab in den Tagtraum und kehren nicht mehr in die Ausgangssituation, aus der der Tagtraum aufstieg, zurück.
      - Zweite Variante: Hier fehlt die objektive Realität, also E I, mit Arno Schmidt gesprochen. Es wird uns vom Autor der Tagtraum eines impliziten Tagträumers präsentiert. Die Situation in der objektiven Realität, aus der der Tagträumer zu seinem Tagtraum animiert wird, bleibt unbenannt, ist aus dem Ganzen zu erschließen. Als Beispiel für diese zweite Variante des Grundmusters Walter Mitty seien Oscar Wildes Salome und Kafkas Die Verwandlung genannt. Dass in beiden Fällen geträumte Realität vorliegt, wird niemand leugnen wollen. Es verlangt jedoch ein diszipliniertes poetologisches Denken, um das träumende Bewusstsein in seiner vom Text nur implizierten Situation zu ermitteln, ohne in die freudsche Falle zu geraten und den jeweiligen Autor als Individuum mit einer Biografie ins Spiel zu bringen.
     

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