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Das barocke Emblem lässt die poetologische Differenz offen zutage treten: das Sonetten die Welt von Andreas Gryphius



Es gibt nun, wie ich meine, eine spezielle literarische Gattung die derart beschaffen ist, dass sie die poetologische Differenz gleichsam nackt darbietet: für jeden sofort sichtbar. Das ist das barocke Emblem , bestehend aus Inscriptio, Pictura und Subscriptio. Die Pic-tura - das ist die Veranschaulichung der Subscriptio. Was die Pictura bedeuten soll, das sagt uns die Subscriptio. Von der Pictura geht unser Blick zur Subscriptio und von der Subscriptio zurück zur Pictura. Die Subscriptio -das ist das außerfiktionale Intentum des innerfiktionalen Sachverhalts, den die Pictura designiert. Kenne ich die Subscriptio nicht, so fehlt der Anschauung, die mir als Pictura entgegentritt, der Begriff. Hätte ich aber nur die Subscriptio, so fehlte mir die Anschauung, die noch mehr zu denken gibt als das, was der Begriff von ihr benötigt. Celare artem ist nicht das Prinzip des barocken Emblems. Das Finden als Erfinden {inventiO) von Bild und Wort wird uns hier explizit vor Augen geführt. Von Illusionsstiftung kann keine Rede sein. Die Pictura gibt her, was sie herzugeben hat, die Sinnzuschreibung der Subscriptio mag noch so willkürlich, d. h. überraschend sein.

      Dass zwischen Emblem und Dichtung eine enge Verwandtschaft besteht, ist immer wieder betont worden. So weist Manfred Windfuhr darauf hin, dass sich etwa Gryphius' Sonett An die Welt sehr leicht in ein Emblem umwandeln ließe, wenn man an Stelle der Quartette eine Pictura setzen würde, so dass die Ãoberschrift zur Inscriptio und die Terzette zur Subscriptio würden. Die Quartette schildern, wie ein vom Sturm mitgenommenes Schiff im rettenden Hafen ankommt. Die Terzette verallgemeinern dies als Eingehen des Menschen in den ihn von der Welt erlösenden Tod. Umgekehrt wiederum lässt sich »ein Emblem ohne große Schwierigkeiten vollständig in Literatur verwandeln« . Hier das Gedicht von Andreas Gryphius:
An die Welt
MEin offt besturmbtes Schiff der grimmen winde spiell Der frechen wellen baall/das schier die flutt getrennet Das vber klip auff klip'/vndt schaum/vndt sandt gerennet;
Kombt vor der zeit an port/den meine Seele will.
      Offt wenn vns schwartze nacht im mittag vberfiell: Hatt der geschwinde plitz die Seegel schier verbrennet! Wie offt hab ich den Windt/vndt Nord' vndt Sudt verkennet!
Wie schadthafft ist der Mast/Stewr = ruder/Schwerdt/vnd Kiell. Steig aus du müder Geist! steig aus! wir sindt am Lande! Was grawt dir für dem portt/itzt wirstu aller bände
Vndt angst/vndt herber pein/vndt schwerer schmertzen los. Ade/verfluchte weit: du see voll rawer stürme: Glück zu mein vaterlandt/das statte ruh' im schirme
Vndt schütz vndt friden hält/du ewiglichtes schlos.
Die beiden Terzette ziehen ein Fazit aus den Anschauungen der beiden Quartette: Das Meer ist die Welt und der Hafen ist der Tod. Und der Tod wird uns von der Welt erlösen, wie der Hafen den Seefahrer von den Strapazen der Schifffahrt erlöst. Je eher, desto besser. Dieses Fazit lässt sich zwar bereits an den Quartetten ablesen , aber nur, wenn man die Terzette kennt; denn sie erst lassen dieses Fazit ausdrücklich werden. Ja, es wäre auch ein ganz anderes Fazit möglich: nämlich die Verzagtheit dieses Seefahrers zu rügen.
      Im Grundsätzlichen heißt das: die Subscriptio entsteht gleichsam vor unseren Augen, ist Erfindung angesichts der Pictura. Erst die Terzette lassen ja blitzartig das Gemeinte in seiner Eindeutigkeit sehen. Allerdings, und das darf nicht vergessen werden, gehört die separate Darbietung von Pictura und Subscriptio hier mit zur Verfahrensweise des poetischen Geistes Denn in Wahrheit geht ja die Subscriptio als das Gemeinte der Pictura voraus! Das Emblem und das ihm entsprechende Gedicht haben die Deutung der Welt eigens zum Thema erhoben, spielen sie uns gleichsam rituell vor und halten deshalb die Kluft zwischen dem Bild und dessen Deutung durch den Betrachter programmatisch offen. Im Grundsätzlichen ist festzustellen, dass der »eindeutige Sinnbezug« der Subscriptio über den »gegenständlichen Befund des Besonderen« der Pictura ins Allgemeine hinausweist .
      Es kommt in unserem Zusammenhang darauf an, das hier eingebrachte Sonett von Andreas Gryphius nicht als eine zeitgebundene Sonderform von Literatur zu rubrizieren, sondern als eine Offenlegung jener Kluft zwischen Intentum und Designatum , die als verborgene auch für jeden normalen literarischen Text konstitutiv ist. Von Anfang an wird ja die Pictura als »schweigende Schrift« präsentiert .
      Mit anderen Worten: Ein literarischer Text ist eine Pictura, zu der die Subscriptio fehlt und erschlossen zu werden hat, sei es eine Ballade von Goethe , ein Roman von Balzac oder eine Komödie von Tschechow {Die MöwE).
      Das barocke Emblem lässt diesen Sachverhalt ausdrücklich werden: die Pictura - das ist der innerfiktionale Sachverhalt, und die Subscriptio - das ist der Anblick des innerfiktionalen Sachverhalts von außerfiktionalem Standpunkt. Nur dass hier beides, Anschauung und Deutung, innerhalb ein und desselben Textes vorkommt: als Emblem mit Inscriptio, Pictura und Subscriptio. Die Interpretation der Pictura steht als Inscriptio und Subscriptio schon da.

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