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Dantes Brief über den vierfachen Schriftsinn



Die einschlägigen Passagen aus Dantes oben genanntem Brief an Cangrande della Scala seien hier in extenso zitiert. Es geht Dante um die sachgerechte Deutung der Göttlichen Komödie, die er selbst La Commedia nannte. Wo es im Folgenden >Werk< heißt, ist immer diese gemeint.
      § 7. Um einzusehen, worum es geht, muss man also wissen, dass die Bedeutung dieses Werkes keine einfache ist; vielmehr könnte man es »polysem« nennen, d. h. mehrdeutig, denn die erste Bedeutung ist jene, die es durch den Buchstaben hat, die andere, die es durch das hat, was der Buchstabe bezeichnet; die erste Bedeutung nennt man die buchstäbliche, die zweite die allegorische oder mystische. Und zur besseren Illustration dieser Darlegungsmethode können wir sie auf die folgenden Verse anwenden: »Da Israel aus Ã"gypten zog, das Haus Jakob aus dem fremden Volk, Da ward Juda sein Heiligtum, Israel seine Herrschaft.« Denn: wenn wir nur den Buchstaben betrachten, ist das Bezeichnete der Auszug der Kinder Israels aus Ã"gypten zur Zeit Moses; wenn wir die Allegorie betrachten, so wird unsere Erlösung durch Christus bezeichnet; wenn die moralische Bedeutung, so die Umkehr der Seele aus der Trauer und dem Elend der Sünde in den Zustand der Gnade; wenn die anagogische Bedeutung, so der Auszug der heiligen Seele aus der Knechtschaft der Verderbnis dieser Welt in die Freiheit der ewigen Herrlichkeit. Und wenn auch diese mystischen Bedeutungen mit verschiedenen Namen benannt werden, können sie doch alle zusammen in einem allgemeinen Sinne als allegorisch bezeichnet werden, weil sie nämlich von der buchstäblichen oder historischen Bedeutung verschieden sind. Denn »Allegorie« kommt von griechisch »alleon«, was auf lateinisch »alienum« oder »di-versum« heißt.

      Und deshalb ist der Gegenstand dieses Werkes zuerst auf seine buchstäbliche Bedeutung anzusehen und danach in allegorischer Sicht auszulegen. Der Gegenstand des gesamten Werkes ist also, ganz buchstäblich genommen, der Zustand der Seelen nach dem Tode, dies und nichts anderes. Denn nur davon ist die Rede und nur um dies dreht sich alles, was darin vorkommt. Wenn aber das Werk allegorisch betrachtet wird, dann ist der Mensch nach Maßgabe seiner Verdienste und Verfehlungen in Ausübung seines freien Willens der Gegenstand, unterworfen der Gerechtigkeit in Belohnung und Strafe.
      Das Bibelzitat stammt aus Psalm 114 . Der vierfache Schriftsinn ist also, wie Dante im Grundsätzlichen ausführt, nur zweigeteilt, nämlich in die buchstäbliche Bedeutung und die dreistufige allegorische Interpretation. Betont man solche Zweiteilung, dann kommt sofort das barocke Emblem in Sicht. Der Literalsinn - das ist die Pictura; die allegorische Interpretation -das ist die Subscriptio, die den allegorischen und anagogischen Sinn impliziert, auch wenn sie sich selber explizit nur tropologisch gibt. So ist im barocken Emblem das Prinzip des vierfachen Schriftsinns auf die anschaulichste Weise, die sich denken lässt, präsent. Was ist die Subscriptio anderes als der sensus spiritualis der Pictura - zugespitzt auf den tropologi-schen Sinn! Es wird ja sogar dafür plädiert, dass Dante allegorisch nicht mit mystisch gleichgesetzt habe, sondern mit moralisch , wodurch sich aber nicht die Sache, sondern nur das Wort ändert, denn allegorisch meint ja immer dreierlei und darin eines, nämlich die übertragene Bedeutung: die Erziehung des Lesers durch den geistigen Schriftsinn, durch Sach- und Selbsterkenntnis in Konfrontation mit dem Literalsinn. Das natürliche Verstehen von Geschichte und Geschichten hat offenbar einen Zug zum vierfachen Schriftsinn. Dem entspricht, dass jeder Sachverhalt, der zum literarischen Gebilde ausgestaltet wird, automatisch eine übertragene Bedeutung gewinnt.
      Dante unterscheidet also zwischen allegorisch im engen Sinne und allegorisch im Allgemeinen .
     

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