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Clemens Brentano - ABENDSTÄNDCHEN



Hr, es klagt die Flte wieder, Und die khlen Brunnen rauschen, Golden weh'n die Tne nieder; Stille, stille, la' uns lauschen!
Holdes Bitten, mild Verlangen, Wie es s zum Herzen spricht! Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Tne Licht.
      Das Lied leitete ursprnglich den vierten Auftritt des Singspiels Die lustigen Musikanten ein, das Brentano im November 1802 whrend eines Aufenthalts in Dsseldorf geschrieben hatte. Das Spiel erschien 1803 und wurde im gleichen Jahr in einer Vertonung von Peter Ritter in Dsseldorf, in der musikalischen Bearbeitung E. T. A. Hoffmanns 1805 in Berlin aufgefhrt.

      Das Abendstndchen ist unabhngig vom Singspiel und von dessen Vertonungen lebendig geblieben, als eigenstndiges Gedicht, getragen allein von der ihm immanenten Musik. Seine Wirkung ist unmittelbar, ohne von einem ausdrcklichen Verstehen bedingt zu sein. Und das trifft eigentlich fr alle Gedichte von Clemens Brentano zu. Vielleicht ist hier auch die Ursache dafr zu suchen, da der Beitrag dieses Romantikers zur Entwicklung der deutschen Lyrik sehr unterschiedlich bewertet wurde und auch wird. Arthur Eloesser schtzt ihn nur als den Sammler von Volksliedern, Emil Staiger hingegen definiert in den Grundbegriffen der Poetik das Wesen des Lyrischen gerade anhand Brentanoscher Gedichte, wo er es am reinsten ausgeprgt zu finden glaubt. Das Wesen des Lyrischen besteht nmlich — nach Staiger — in der Einheit der Musik der Worte und ihrer Bedeutung, in dem Verzichtauf grammatischen, logischen und anschaulichen Zusammenhang, in der Tendenz des Zerflieens, der durch bestimmte Kompositionsmittel entgegengewirkt wird, Lyrik sei Dichtung der Einsamkeit, sie wird nur von einzelnen, Gleichgesinnten erhrt.
      Wenn man diese Wesensbestimmung des Lyrischen zurecht als einseitig und unzureichend hingestellt hat, so liefert sie, zumindest was die Lyrik von Clemens Brentano anbelangt, wertvolle Instrumente, die zur Erschlieung dieses eigenartigen Werkes dienlich sein knnen. Denn daran die gleichen Mastbe anlegen zu wollen, wie beispielsweise an Gedichte von Goethe oder Hlderlin, hiee, sich von vorneherein den Weg zu dieser Lyrik verbauen.
      Das Abendstndchen entbehrt jeder gedanklich-weltanschaulichen Aussage, es entbehrt jedes konkreten Bezuges auf wirkliches Erleben, ja selbst die Gegenstndlichkeit der Landschaft mu in Zweifel gezogen werden.
      Dieses Gedicht von Brentano — und es ist in diesem Sinne durchaus typisch fr sein Gesamtwerk — geht von keiner fixierbaren lyrischen Situation aus. Das Wann, Wo und Wer zerfliet im Strome eines allgemeinen Gestimmtseins. Albrecht Schne versucht in seiner Interpretation das Fehlen dieser konkreten Angaben, den dadurch entstehenden Gesamteindruck mit der Wirkung des gleichen Textes, wie er in das Singspiel eingebaut war, zu vergleichen. Hinter der Szene ist eine Flte zu hren, auf die Bhne, die einen Platz darstellt, treten der blinde Piast gefhrt von Fabiola; die beiden stimmen einen Wechselgesang an, wobei sie einander jeweils nach zwei Zeilen ablsen.
      Das eigenstndige Lied wird aber, im Grunde genommen, durch das Aufgeben der konkreten Dinglichkeit eher bereichert, denn eben die Unbestimmheit ist es, die ungeahnte Bezugsebenen erffnet. Das trifft beispielsweise auf die Sprechhaltung zu. Das anfngliche lyrische Ansprechen Hr kann man nicht mehr auf ein konkretes Gegenber beziehen, es wirkt daher allumfassend; der Leser wird durch diese erste Aufforderung schon selbst einbezogen in die geheimnisvolle Stimmung des Abends. Ebenso kann man auch das stille, stille, la' uns lauschen als den bereits erreichten Stimmungseinklang von Dichter und Leser werten. Das Ende der zweiten Strophe erst fhrt durch mich und mir das lyrische Ich ein, lat es aber offen, ob diesmal das dichterische Erleben genannt wird, oder ob auch das Ich allumfaend gedeutet werden soll.
      Auch wann und wo das lyrische Erleben ausgelst wird, ist nicht mehr zu fassen. Die Zeitangabe, die der Titel enthlt, erzeugt eigentlich nur Stimmung und durch die Loslsung vom Bhnenbild haben auch Flte und Brunnen jede Plastizitt verloren. Durch diese inexi-sten;e Anschaulichkeit werden die Bilder Brentanos so schwebend-unbestimmt, da, wie Walther Killy sagt, auch Sinnliches und Geistiges ineinander bergeht; d.h. bei Brentano ist die Grenze zwischen dem Gegenstand der Natur und dem Sprecher aufgehoben in einem totalen Gefhl. Die Flte und die Brunnen verlieren ihre Eigenexistenz, sie werden voneinander isoliert zu sinnlichen Eindrcken, die seelisches Erleben zugleich auslsen und ausdrcken. Zwischen Natur und Gemt •gibt es keine Scheidewand mehr .
      Aus dem Fehlen der Gegenstndlichkeit, der lyrischen Situation, der Unbestimmtheit der Sprechhaltung lieen sich — ex negativo — manche Sondermerkmale des Brentanoschen Gedichtes ertasten. Doch wird man seinem Wesen erst dann nher kommen, wenn man die ihm entsprechenden Mastbe anlegt, nach Staiger ist das in erster Instanz die Einheit der Musik der Worte und ihrer Bedeutung.
      Musik bestimmt alle Gedichte Brentanos. Das Abendstndchen bringr sie schon im Titel; die klagende Flte und die rauschenden Brunnen stimmen dann in der ersten Strophe eine Grundmelodie an, die nur schwermtig, unbestimmt-traurig sein kann. Und auch in der Flle der andersartigen Sinneseindrcke, wie sie z.B. das Beiwort khlen, s oder golden oder auch das Zeitwort weh'n vermitteln, ist doch das Akustische vorherrschend. Es steckt berall, in Substantiven , in Verben , die Musik verknpft darberhinaus alle Sinneseindrcke zu Synsthesien, wie golden weh'n die Tne nieder oder blickt zu mir der Tne Licht.
      Nicht nur in der Bedeutung der Worte und in ihrer sinnlichen Suggestivkraft entdeckt Clemens Brentano Musik, jenseits dieser Schichten findet er in den lautlichen und rhythmischen Gefgen der Worte eine Melodie, die er nr>ch strengen Gesetzen durchkomponiert und die u.E. am ehesten ein dichterisches Anliegen verrt, das sich hier wohl verborgen wei.
      Das metrische Gefge liefert dazu das Grundmuster: der vierfige Trochus und der Kreuzreim verleihen dem Gedicht jenen gleichmigen Flu, der unbestimmte Schwermut aufkommen lt. Die Satzstruktur wirkt allerdings dieser Eintnigkeit entgegen. Schon nach dem ersten Wort hr ist eine Pause erforderlich, ein Atemanhalten sozusagen, bevor die Stimmung einen bermannt, und auch die Aufforderung, mit der die Strophe schliet: stille, stille, erzeugt ein derartiges Absetzen. Die zweite Strophe teilt zwei ihrer Zeilen in je zwei gleiche rhythmische Untereinheiten, und auch die unerwarteten mnnlichen Reime spricht und Licht stren die gleichmige Sprachmelodie.
      Diese Spannung von uerer Ruhe und innerer Bewegung lt sich auch in der lautlichen Gestaltung der einzelnen Wrter verfolgen. Zunchst fllt deren Klangreichtum auf, der selbstverstndlich aus dembesonderen Vokalreichtum zu erklren ist. Man spricht gemeinhin von Lautmalerei, wenn der Dichter sich der Tonqualitten der Laute bedient, doch darf man bei Brentano keinesfalls an eine Absicht denken, damit etwa Tne der Natur wiedergeben zu wollen, viel Wesentlicheres strebt er an.
      Die erste Zeile setzt mit dunklen Tnen ein, klagt erhlt den Hauptakzent und klingt im hellen i des Reimwortes aus.
      Die zweite Zeile fhrt im Grunde eine Gegenklangfigur durch, denn von dem hohen fallen die Vokale auf u zu au: Und die khlen Brunnen rauschen. Dunkel beginnt die dritte Zeile mit golden und klingt im hellen nieder aus, die letzte fllt von dem beraus hellen i bis zum lauschen des Reimwortes. Klanglich entsteht also eine Bewegung von dunkel zu hell und umgekehrt.
      Die zweite Strophe bricht mit diesem Gesetz, denn Holdes Bitten, mild Verlangen weist in der durch die Pause sehr deutlich gekennzeichneten Mitte eine Tonhhe auf, die von dem dunklen o und a umrahmt wird. Hier gibt es also kein Flieen von dunkel zu hell, sondern eine Verknpfung der beiden Nuancen. Die zweite Zeile hingegen hlt mit den durchwegs hellen Vokalen eine gleichfrmige Tonhhe ein, die im deutlichen Gegensatz zu der ebenfalls gleichfrmigen, allerdings dunklen Tonart der dritten Zeile steht . Das Gedicht klingt dann in der Schluzeile endgltig in hellen Tnen aus .
      Lt man nun all diese Sondereindrcke global auf sich wirken, so wird man im Abendstndchen vielmehr als nur ein melancholisches Lied chen hren. Der rhythmischen Spannung von Ruhe und Bewegung ent • sprach die klangliche von Hell und Dunkel, und auch in den Bildern konnte eine gewisse Opposition festgestellt werden, die bedeutungsmig nicht zu fassen war. Jetzt erst kann die Zeitangabe des Titels wesentlich zu dessen Entschlsselung dienen: der Abend ist die Stunde des Schwebens zwischen Hell und Dunkel, zwischen Ruhe und Bewegung. Aus dieser Ungewiheit erweckt er unbestimmte Traurigkeit. Die erste Strophe gibt in all ihren Schichten dieses faszinierende Noch-nicht und Doch-schon wieder, whrend die zweite bereits eine Entscheidung, einen Ausgleich herbeisehnt — darum wird gebeten, danach wird verlangt; die Verknpfung von hellen und dunklen Tnen in dieser Zeile deutet ebenfalls darauf hin. Auch die rhythmische Unbestimmtheit der ersten Strophe wird durch die deutliche Zweiteilung von Zeile 1 und 3 berwunden. Kein Schwanken mehr von Hell und Dunkel kennzeichnet den weiteren Verlauf der Strophe, in groen Schwingungen werden beide Tonarten zugleich umfat .
     
Allein die Tatsache, da dieses Abendlied in hellen Tnen ausklingt, deutet darauf hin, da hier die Beunruhigung, die zwar leise aber dennoch sprbar den Gedichtanfang bestimmte, berwunden, im wrtlichen Sinne in Einklang gebracht wird. Die Synsthesie, die Verschmelzung der Sinneseindrke, trgt ihrerseits auch zu dem allgemeinen Ausgleich vom Ende des Gedichtes bei.
      Die dunklen Tne der vorletzten Zeile waren dafr wesentliche Voraussetzung. Durch die Nacht, die mich umfangen, I blickt zu mir der Tne Licht — diese beiden Zeilen zeugen von einer fr die Romantiker allgemein typischen Konzeption: die dunklen Seiten des Daseins zu erfassen, fhrt zu einer ungeahnten Bereicherung der Erlebniswelt, mehr noch, sie sind Voraussetzung fr einen harmonischen Ausklang. Es darf allerdings nicht bersehen werden, da die Überwindung der Unsicherheit im Abendstndchen nicht als gedanklich-erlebnismige Leistung zustandekommt, wie etwa bei Goethe oder Hlderlin, es bleibt eine rein poetische. In dem Reich der Dichtung, der schnen Bilder und Klnge kann der Romantiker also Harmonie stiften, dahin zieht er sich zurck vor einer feindlichen, nicht mehr zu bewltigenden Welt. Da die Kennworte dieser poetischen Welt in der objektiven keine echte Entsprechung mehr finden, ist von hieraus durchaus erklrlich. Bei Brentano schon werden die Bilder zu Geheimzeichen einer eigenen magischen, faszinierenden Welt, zu lyrischen Chiffren, die blo als Stimmungstrger wahrgenommen werden wollen. Bei seinen Nachfahren werden sie mehr und mehr unauflsbar, dunkel — auch darin Zeichen des zunehmend problematischen Verhltnisses des Dichtertums zur modernen Wirklichkeit.
     

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