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Christian Maurer - HERBSTLICH VON UNGEFÄHR



So wie es Herbst wird im Nubaum, im Licht, in den Winden, an Straenkreuzungen, in den Verkehrsampeln, so wie es Herbst wird im Hause, im Holz der Sthle und Ksten — so wirst du selber dich findenherbstlich von ungefhr, voll zgernder Gesten, Stroh in den Haaren, Kletten am Hemd ber'm Herzen, zeitlos in allen Gehaben, ein wenig gelangweilt inmitten gilbender Bilder, wie sie in Alben verschmerzen Zeit und Erinnern, und beider schwindenden Sinn.

      Amselruf aus dem Nubaum im Wind, die Schwarzspechte schlagen
Lichtspan um Lichtspan aus der Blutbuche Rinde heraus.
      Herbstlich von ungefhr, — hr, wie es knackt in den Ksten —
Stroh in den Hnden, voll zgernder Gste und Gesten,mut du als Hausherr freundlich Belangloses sagen,

Kletten am Herzen, hr, wie es Herbst wird im Haus.
      So wie den Kragen du hochschlgst, und frstelnd erschauerst , von seinem wolligen Rand wie einem Finger berhrt, so wie im Schachspiel zgernden Zugs einen Bauern Feld um Feld deine Hand nher zur Knigin fhrt, da ihn der letzte Schritt wandle, adle und krne, aber du weit schon — deiner verwandelten Schnen Herzfeld schlgt der feindliche Lufer, lauernd diagonal. So wie es Herbst wird, so wie die Schwarzspechte hmmern,wie vor dem letzten Feld der Vormarsch des Bauernstockt, —herbstlich von ungefhr berquerst du den Fahrdamm im Dmmernvom gelben Auge der Ampel ans andere Ufer gelockt.
      Christian Maurer, geboren 1939, lebt als Schauspieler in Hermannstadt. Er ist dem Leserpublikum durch Verffentlichungen in allen deutschsprachigen Publikationen unseres Landes bekannt. 1964 erschien sein Gedichtband Die Hnde im Jugendverlag
Bukarest.
      Als Prosaautor trat Christian Maurer mit Theatergeschichten hervor, von denen einige zunchst in der Anthologie von Hans Liebhardt Worte und Wege, Kriterionverlag, Bukarest, 1970 aufgenommen wurden. Der Prosaband Chronik hinter Kulissen erschien noch im gleichen Jahr, ebenfalls bei Kriterion.
      Christian Maurer uert in vielen Gedichten sein Verwobensein mit der Landschaft und dem Geist seiner Heimat. Neben den ans rumnische Volkslied anklingenden, wie zum Beispiel Die Doina, sind es vor allem Naturgedichte, die zu Vermittlern der lyrischen Aussage bei Maurer werden. Herbstlich von ungefhr erschien erstmals 1968 in der Tageszeitung Neuer Weg.
      Der Anfang des Gedichtes lt nur an den ersten Teil des Titels denken, denn er reiht Stimmungserzeugende Bilder aneinander. Sie alle stehen aber unter dem Vorzeichen des so wie, d.h. ihr Spannungsbogen schwingt bis zu dem So wirst du selber dich finden I herbstlich von ungefhr.. . Hier haben wir den Titel ganz — eine leitmotivisch eindringliche Zeile, die die Seinsweise des lyrischen Du problematisch erscheinen lt: herbstlich, das bedeutet Ende und Flle, warum aber von ungefhr? Der weitere Verlauf der Strophe dringt allmhlich in dieses Geheimnis. Das Du findet sich voll zgernder Gesten, es lst sich also schwer von dem, was war, und trgt noch dessen deutliche Spuren: Stroh, Kletten . Dieses Unvermgen sich loszusagen hebt das Du aus dem Zeitstrom heraus und nimmt ihm dabei die Mglichkeit, ihn zu begreifen: darauf deutet der Vergleich vom Album mit den gilbenden Bildern.
      Die Variierung der herbstlichen Bildelemente in der zweiten Strophe legt tiefere Schichten frei. Sie beginnen auch in der Welt der Tiere und Pflanzen und nhern sich dann ber die Gebrauchsgegenstnde dem menschlichen Sein. Im Grunde wiederholt sich hier die Struktur der ersten Strophe, aber eben in abgewandelter Form; denn nicht zufllig wird hier die Aufzhlung durch ganze Stze ersetzt, die Bewegung bringen. Es geschieht etwas, es verndert sich etwas. Das Herbstwerden wird deutlicher als anfangs in Bilder der Vernichtung, des Todes gekleidet: der Amselruf verkndet ihn, die Schwarzspechte tragen sein Gewand, und die Blutbuche, aus der Lichtspan um Lichtspan herausgeschlagen wird, gliedert sich ebenfalls in diesen Bildkomplex.
      Angesichts dieser Wandlungen kann sich das angesprochene Du nicht mehr abwartend verhalten, es wird aufgefordert zu hren, also etwas zu tun.
      Der Zusammenhang der Bilder lt nahezu eine lyrische Situation entstehen, vertieft jedenfalls das Verstndnis des bisher Ausgesagten; die Kletten werden nun deutlich etwas, was anhaftet und das Herz beengt. Und auch das Haus weitet sich zu dem Existenzraum des Du, in dem sich zwar noch die zgernde Haltung des Anfangs verbirgt, aber schon als etwas Fremdes: auf dieses beginnende Sich-Loslsen deutet die Vorstellung von den Gsten hin, denen man Belanglosigkeiten sagt, die also ausgeklammert sind aus einem Erleben, das sich ausschlielich an das Du wendet: ...hr, wie es Herbst wird im Haus. In dieser Forderung zum Sich-Lossagen und neuerworbenen Erlebnisvermgen liegt die vorlufige Leistung des Du.
      Die dritte Strophe versucht, den lyrischen Vorgang wieder unter den Spannungsbogen des so wie zu stellen. Neuartige Bildelemente werden teilweise mit bekannten Beiwrtern versehen , unverkennbar tritt diesen aber eine andere Gruppe gegenber: frstelnd, verwandelt, feindlich, lauernd. Das Du wird hier schrittweise mit dem neuen Zustand konfrontiert, vor dem es in der ersten Strophe zgerte und zu dem es sich in der zweiten durchrang- Und zwar geht diesmal der Weg von den umgebenden Dingen ber die Tier- und Pflanzenwelt, dem naturverbundenen Menschen zu dem Du — eine Gegenbewegung, also, zu der bisherigen Bildstruktur.
      Es wird aber mit dem Motiv des Schachspiels auch eine ganz andersartige Bilderwelt einbezogen. Sie ist nur teilweise in der des Gedichtganzen verankert und daher auch nur teilweise berechtigt. Whrend die Assoziationen: zgernd, Bauer, Herzfeld Brcken zu schlagen versuchen, erscheinen uns zumindest Zeile fnf und sechs entbehrlich, wird hier doch ein berpedantes Gleichnis dafr gegeben, was das Gedicht als Ganzes ohnehin enthlt. .
      Die Aussage ergibt sich aber viel selbstverstndlicher aus dem Schlu des Gedichtes. Das letzte Bild klingt an die Ausgangszeilen an und ist besonders tragfhig fr das lyrische Urteil. Durch die Transponierung des Landschaftlich-Jahreszeitlichen in die Dingwelt der Grostadt wird das Wesen des Gedichtes erhellt. Ein Sich-Lossagen geht unmerklich, aber mit absoluter Notwendigkeit vor sich: man empfindet, da sich das lyrische Ich in einem Übergangszustand befindet. Das gelbe Licht der Ampel soll den Weg freigeben in das noch Unsichere, aber Verlockende: Vom gelben Auge der Ampel ans andere Ufer gelockt. Die Schicksalhaftigkeit ist von dem feindlich, lauernd der vorigen Strophezu einem Dmmern abgedmpft. Sich loslsend, sich preisgebend gliedert sich das Du in einen als sinnvoll, wenn auch noch ungewi erkannten Lauf des Hier und Jetzt.
      Herbstlich von ungefhr ist ein Stimmungsgedicht im besten Sinne des Wortes. Seine Bilderwelt nhrt sich aus dem unmittelbaren Erleben des siebenbrgischen Herbstes und verdichtet sich zu der Aussage einer fr den heutigen Menschen gltigen Seinsproblematik. Aus dieser Interferenz entstand eines der schnsten Gedichte von Christian Maurer.
     

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Christian  Maurer  -  HERBSTLICH  VON  UNGEFÄHR    





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