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C. F. Meyer - DER RÖMISCHE BRUNNEN



Aufsteigt der Strahl und fallend giet Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, berfliet In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strmt und ruht.
      Der Novellist und Lyriker Conrad Ferd inand Meyer, neben Keller und Gottheit der bedeutendste Schweizer Dichter des vorigen Jahrhunderts, wurde am 11. Oktober 1825 in Zrich geboren. Die auch von der verfeinertkultivierten Atmosphre des patrizischen Elternhauses bedingte und von ihr gefrderte Sensibilitt Meyers steigerte sich im Laufe der Zeit zu unfruchtbarer Tagtrumerei und Willenlosigkeit, spter zu Depressionen wegen seiner Lebensuntchtigkeit. Er wurde in eine Nervenheilanstalt gebracht.

      Genesen, unternahm C. F. Meyer einige Reisen ins Ausland. Aufenthalte in Paris - und in Italien vermittelten ihm nachhaltige Bildungs- und Kunsterlebnisse. Erste dichterische Versuche wurden verworfen, neugedichtet, bis sie, spt, in der lezten Form vorlagen. Der leidenschaftslosen Art seines Wesens entsprach eine von der Geschichte, der Landschaft oder von Kunstwerken inspirierte, todesberschattete Dichtung. Die lezten Lebensjahre verbrachte C. F. Meyer in geistiger Umnachtung; er starb 1898.
      Das Gedicht Der rmische Brunnen wurde, wie fast alle Gedichte C. F. Meyers, in mehreren Varianten geschrieben. Eine erste entstand 1866:
In einem rmischen Garten Verborgen ist ein Bronne, Behtet von dem harten Geleucht der Mittagssonne,

Er steigt in schlankem Strahle In dunkle Laubesnacht Und sinkt in eine Schale Und bergiet sie sacht. Die Wasser steigen nieder In zweiter Schale Mitte, Und voll ist diese wieder, Sie flutet in die dritte: Ein Nehmen und Geben, Und alle bleiben reich, Und alle Fluten leben Und ruhen doch zugleich.
      Vier Jahre spter erschien in den Romanzen und Bildern, Meyers zweitem Gedichtband, eine zweite Fassung. Sie beginnt:
Der Springquell pltschert und ergiet Sich in der Marmorschale Rund . ..und endet mit dem — im Vergleich zur ersten Fassung schon sehr komprimierten — Schlusatz:

Und alles strmt und alles ruht.
      Etwa fnfzigjhrig gelingt Meyer endlich der Meisterwurf, die eingangs abgedruckte endgltige Fassung des Gedichts.
      Unknstlerischer Deskriptivismus kennzeichnet den ersten Entwurf: ganze vier Zeilen enthalten die Ortsbeschreibung; unexpressive, seltsam fahrige Metaphern verraten das gestalterische Unvermgen eines Dilettanten. Da die Lokalisierung unntig war, beweist ihr Wegfall in den nchsten Varianten. Auch wird die Beschreibung des Wasserspiels von acht auf sechs und der Schlu von vier auf zwei Zeilen reduziert.
      Unbefriedigend bleibt, trotz vollstndiger Umarbeitung, auch die zweite Fassung, die sich von der endgltigen nur durch Beginn und Schlu unterscheidet. Uneigentlich, motivfern ist der erste Vers: Spring-quell , pltschert, ergiet stehen berhaupt in keinem Zusammenhang mit den nchstfolgenden Zeilen.
      Wie anders klingt die dritte Fassung! Die bliche Wortstellung steigt auf wurde umgestoen, das regelmige jambische Versma dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht, und doch nicht, denn der Akzent mu auf die zweite Silbe fallen: auf steigt der Strahl... Die ungewhnliche Betonung des Verbs wirkt wie ein Signal; vom dunklen auf schlgtder Klang um ins helle steigt. Von der Laubesnacht bewahrt die Partikel auf noch eine undeutliche Ahnung. Die zweite Zeile ist ebenfalls abgendert: indem sich in mit voll ersetzt wurde, vermeint man nun, die Flle der Marmorschale zu empfinden. Durch Substantivierung und Hintanstellung des Wortes rund ist die Form des Beckens gegeben. Das Wasser fllt die erste Schale, ergiet sich ber ihren Rand in die nchste . Trochisch betont, klingt das leuchtende die; der Klang fllt ab ins sanfte sich verschleiernd , steigt in berfliet wieder an und fllt ab bis zum dunklen Grund. Getreulich vollzieht die Sprachmelodie das Auf und Ab des Vorgangs nach.
      Das strmende gibt im fnften Vers setzt den Zyklus fort. Mit dem Wort Flut nimmt der Bewegungsvenlauf ein Ende, das Auf und Ab wird zu Geben und Nehmen, Strmen und Ruhen, ehiatisch verknpft in den letzten beiden Zeilen, verallgemeinert.
      Die ersten sechs Verse entsprechen den drei Schalen des Brunnens, jeweils zwei bilden eine Einheit, davon die erste Zeile die Bewegung enthlt. Bezeichnend fr den kunstvollen Bau ist die Tatsache, da die zweiten, ruhenden Zeilen keine prdikativen Verben enthalten. Der letzte Vers wird im vorletzten durch das kurze und lange i klanglich angedeutet. Und wie je zwei Zeilen zueinander in Beziehung stehen, so korrelieren das erste und das letzte Wort des Gedichts: dem Wort aufsteigt mit inchoativer Nuance entspricht am Schlu das perfektive ruht. Das Auf und Ab findet seine Auflsung im letzten Und strmt und ruht. Das Gedicht steht auf dieser kurzen Zeile, wie die breiten Schalen des Brunnens auf dnnem Schafte sich aufbauen . Das in der vorletzten Fassung zweimal vorkommende alles ist hier gestrichen und die Aussage des Gedichts dadurch vertieft. Was strmt und was ruht? Das Einzelne und das Allgemeine, alles und nichts.
      Conrad Ferdinand Meyer ist, wollte man seine Grundtendenz definieren, ein Artist, ein Kunstdichter — Dichter der Kunst. Diese Haltung geht so weit, da auch die Landschaft durch das Prisma der Kunst gesehen wird. Das Gedicht Auf Goldgrund sei als Modellfall zitiert:
Ins Museum bin zu spter Stunde heut ich noch gegangen, Wo die Heil'gen, wo die Beter Auf den goldnen Grnden prangen.
     
Dann durchs Feld bin ich geschritten Heier Abendglut entgegen. Sah, die heut das Korn geschnitten, Garben auf die Wagen legen.
      Um die Lasten in den Armen, Um den Schnitter und die Garbe Flo der Abendglut, der warmen, Wunderbare Goldesfarbe.
      Auch des Tages letzte Brde, Auch der Flei der Feierstunde War umflammt von heil'ger Wrde, Stand auf schimmernd goldnem Grunde.
      Keine Naturlaute sind zu hren, keine Entgrenzung des Ich vollzieht sich vor den Augen des Lesers im Gedicht, sondern eine bereits objektivierte Welt wird zur Schau gestellt. Es besteht keine Beziehung zwischen Dichter und Gedicht als die der Vaterschaft; der Dichter ist vom dichterischen Gebilde abgezogen. Der Knstler verschleiert sein Innenleben, wie er es zeit seines Lebens getan hat, als er in idyllischer Zurckgezogenheit lebte. Die lndliche Szene entzckt ihn, weil sie ihn an das Bild im Museum gemahnt, und nicht ihrer lebensfrohen Unbekmmertheit wegen. Aus dieser Grundhaltung heraus sind die vielen Gedichte ber Werke der Kunst entstanden, die C. F. Meyer, der geborene Augenmensch, geschrieben hat . Auch der Rmische Brunnen gehrt dazu.
      Zwei Symbole — Brunnen und Wasser — berlagern sich in diesem Gedicht. Besonders das Symbol des Wassers taucht in Meyers Lyrik immer wieder auf: im Sptboot, in Eingelegte Ruder, Schwle, Die toten Freunde u.a., und meist ist es der bleierne Spiegel eines Sees, der durchrudert wird. Schwle:
Trb verglomm der schwle Sommertag, Dumpf und traurig tnt mein Ruderschlag — Sterne, Sterne — Abend ist es ja — Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
Eine liebe, liebe Stimme ruft Mich bestndig aus der Wassergruft — Weg, Gespenst, das oft ich winken sah! Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?
Unheimlich, drohend lockt aus dem Wasser die Vergangenheit, das Abgeschiedene. Der Tod, dem C. F. Meyer whrend seiner Existenz zeitweilig nher stand als dem Leben, tritt dem Leser auch im Rmischen Brunnen entgegen, doch in anderer Art, verhaltener, gleichsam optimistischer, als natrliches Gegengewicht zum Dasein.
      So wie nach der Bewegung die Ruhe folgt, schliet schicksalmig das Leben mit dem Tod. Das Wasser steigt und fllt wie das Leben zum ruhenden Tod. Beide knnen ohne einander nicht bestehen, denn der Tod wohnt dem Leben inne. Sobald sich das Wasser in einer der Schalen zu beruhigen scheint, gibt sie es frei zu neuer Bewegung: Und jede nimmt und gibt zugleich — ein Perpetuum mobile, ein immerwhrender Kreislauf.
      Ein Weltgesetz offenbart sich hier: der innere Zusammenhang von Geben und Nehmen, von Bewegung und Ruhe, beide abhngig voneinander, gegenseitig sich bedingend. Und beiden dient als Behltnis das Kunstwerk, in dem sie ihre Gesetzmigkeit erfllen. Das Sein wre unvollkommen ohne die Kunst. In ihr gerinnt es zur Harmonie. Das Wasser stirbt in jeder Schale — im Kunstwerk .
      Den Augenblick verewigt ihr, Und sterbt ihr, sterbt ihr ohne Todheit es in Michelangelo und seine Statuen. Ist Kunst nicht eine Art von Tten und Verewigen zugleich? .
     

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C.  F.  Meyer  -  DER  RÖMISCHE  BRUNNEN    





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