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Blanckenburgs Romantheorie



Wielands Agathon war der erste deutsche Roman, der eine Bildungsgeschichte zu seinem zentralen Thema machte. Die meisten zeitgenössischen Kritiker spürten, daß mit diesem Buch eine neue Variante der Gattung auftrat, die wichtige thematische Möglichkeiten erschloß. Das wohl wichtigste Zeugnis für diese Wirkung des Agathon ist Christian Friedrich von Blanckenburgs 1774 erschienener Versuch über den Roman. Dieser umfangreiche Traktat führte zwar keine umstürzend neuen ästhetischen Begriffe ein, er ist aber dennoch von großer historischer Bedeutung, weil er zum ersten Mal in Deutschland einen breit angelegten Ansatz zu einer theoretischen Bestimmung der Gattung Roman unternahm. Blanckenburgs hoher Anspruch zeigt sich darin, daß er bei seinen Ãoberlegungen allenthalben Anschluß an die führenden Autoren der aufklärerischen Dichtungstheorie suchte, vor allem an Henry Home, Diderot, Lessing, Moses Mendelssohn und Christian Garve.

      Bei seinem Versuch einer Gattungsdefinition berief sich Blanckenburg auf ein einziges vollgültiges Muster, den wenige Jahre zuvor erschienenen Agathon. Zu Recht hat man gesagt, die gattungstheoretische Abhandlung sei über weite Strecken 'eine Exegese dieses Romans, ohne dessen Vorbild Blanckenburgs Romanbegriff ohne Anschauung, also leer geblieben wäre" . An dem von Wieland gelieferten Beispiel entwickelte Blanckenburg die Forderung, der Roman solle 'wirkliche Individua" darstellen und vor allem 'das Innre des Menschen" aufklären . Auf zahlreiche Bemerkungen im Text des Agathon kann sich auch der Gedanke berufen, der Roman solle die Reaktionen und Handlungen seiner Figuren lückenlos in ihrem psychischen Motivationszusammenhang schildern:
'Wenn wir den Agathon untersuchen: so findet es sich so gleich, daß der Punkt, unter welchem alle Begebenheiten desselben vereinigt sind, kein andrer ist, als das ganze jetzige moralische Seyn des Agathon, seine jetzige Denkungsart und Sitten, die durch all' diese Begebenheiten gebildet, gleichsam das Resultat, die Wirkung aller derselben sind, so daß diese Schrift ein vollkommen dichterisches Ganzes, eine Kette von Ursach und Wirkung ausmacht" .
      Diese Formulierungen deuten schon an, daß der Roman nicht Helden mit unveränderlichen Eigenschaften darstellen soll, sondern 'einen ganzen werdenden Menschen" , weil der Mensch seine Bestimmung erst am Ende eines längeren Prozesses kontinuierlicher Veränderungen und aufklärender Erfahrungen erreicht: 'Das All ist so eingerichtet, daß ein Mensch nicht seine Bildung erhalten kann, ohne durch mannichfaltige Begegnisse hindurch zu gehen" . Für den Versuch über den Roman steht außer Zweifel, daß der 'Romanendichter" seinen Helden an einen Punkt führen müsse, an dem seine 'Den-kungs- und Empfindungskräfte" zur Reife gekommen sind und er eine feste, seiner Person angemessene Position in der Welt erreicht hat . Nur auf diese Weise, so meint Blanckenburg, wird der Romanautor zum 'ächten Nachahmer des großen Alls". Denn: 'In der wirklichen Welt werden wir, durch alle Begebenheiten unsers Lebens, auf diese oder jene, aber immer auf die, für uns, für unser Seyn, für unsern ganzen Zustand aufs Beste passende Art ausgebildet" .
      Im Agathon sieht Blanckenburg dieses optimistische Konzept bestätigt: Er betont, der Held des Romans habe am Ende aufgrund seiner Erfahrungen einen gefestigten Zustand erreicht . Daß er schließlich nach Tarent gelange, sei bloßer Zufall; man könne ihn sich 'eben auch an einem anderen Ort [...] ohne Anstoß denken" . Mit dieser Bemerkung allerdings setzt sich der Interpret in offenen Widerspruch zum Text des Romans. Dort nämlich erklärt der Erzähler, Agathon werde 'in das Land der schönen Seelen und der utopisehen Republiken" versetzt, weil weitere Enttäuschungen in der unfreundlichen Wirklichkeit auch noch den 'kostbaren Ãoberrest seiner ehemaligen Tugend" zerstören würden . Offensichtlich liest Blanckenburg über die Aporien hinweg, die am Ende des Wielandschen Bildungsromans aufsteigen .
      Auch wenn Blanckenburg der ideellen Problematik seines Muster-Romans nicht ganz gerecht wird , so beschreibt seine Gattungstheorie doch wesentliche Momente des Bildungsromans. Vor allem die Konzentration auf die Entwicklungsgeschichte einer zentralen Figur in ihrem inneren Zusammenhang, die Betonung des Zusammenwirkens innerer und äußerer Faktoren in diesem Prozeß und die Ausrichtung der Romanerzählung auf einen harmonischen Schluß sind typische Merkmale der mit dem Agathon hervortretenden Gattung. Daß Blanckenburg diese Kriterien schlechthin allen Romanen als Forderung auferlegen will, ist ohne Zweifel eine dogmatische Ãobertreibung, die den vielfältigen Möglichkeiten der Gattung nicht gerecht wird. In dieser einengenden Bestimmung jedoch bezeugt sich ohne Zweifel die suggestive Wirkung, die vom Beispiel des Agathon ausging.
     

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