Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Bildungsgeschichten und Bildungsprobleme als Thema des Romans

Bildungsgeschichten und Bildungsprobleme als Thema des Romans



Die seit Beginn dieses Jahrhunderts allgemein eingebürgerte Gattungsbezeichnung ,Bildungsroman' deutet auf ein inhaltliches Moment in den ihr subsumierten Werken, aber dieser Hinweis ist keineswegs eindeutig. Das Wort ,Bildung' nämlich kann vieles meinen, zum Beispiel einen Entwicklungsprozeß, aber auch den Zustand am Ende eines solchen Prozesses und ebenso den Inbegriff kultureller Werte, aus dem ein Einzelner, eine soziale Schicht oder ein Volk ihre geistige Existenz begründen. In den zahlreichen Ableitungen und Zusammensetzungen, in denen das Wort ,Bildung' vorkommt, kann es noch andere Bedeutungsnuancen annehmen. Durch reine Worterklärung ist daher dem Gattungsbegriff, und das heißt zugleich: dem zentralen, die Gattungsgemeinsamkeit begründenden Thema nicht beizukommen. Die Warnung eines angelsächsischen Kritikers ist nur zu gut begründet: 'Any generalisation about the ,Bildungsroman' as a genre is apt to be bedevilled by the variant meanings of the word ,Bildung' in German" . Ähnlich hatte sich schon Lothar Köhn in seinem 1968 publizierten Forschungsbericht geäußert: 'Eher hinderlich als förderlich am Begriff Bildungsroman [...] ist sein first word ,Bildung', das sich weder zum geschmeidigen terminus technicus umprägen läßt, noch - legt man auf den Wortinhalt Wert- die geistesgeschichtlichen Veränderungen zweier Jahrhunderte semantisch widerzuspiegeln vermag. Der Begriff behält besonders für eine Anzahl neuerer, mit der Tradition verbundener Romane etwas Mißliches" .

      Man hat die Unklarheit der Gattungsbezeichnung dadurch beheben wollen, daß man den Inhalt des Wortes ,Bildung' aus dem Verständnis der Goethezeit zu bestimmen versuchte: Damals sei die Gattung entstanden, und man habe deshalb bei ihrer Beschreibung die Vorstellungen jener Epoche zu berücksichtigen. Nur wo dieses klassische Bildungskonzept sich in Romantexten als wirksam erweise, solle man von Bildungsromanen sprechen, um einen allzu vagen Begriffsgebrauch zu vermeiden .
      Gegen diese Patentlösung erheben sich allerdings erhebliche Einwände: Zunächst einmal ist das Bildungskonzept der für den Zusammenhang wichtigen Autoren um 1800 - Goethe, Herder, Schiller und Humboldt - keineswegs einheitlich. Sicherlich gibt es Verwandtschaften und partielle Ãœbereinstimmungen, aber man sollte nicht übersehen, daß ein allgemein definiertes Bildungsideal der Goethezeit eine vereinfachte, wichtige Unterschiede nivellierende Konstruktion wäre. Zu bedenken bleibt auch, daß weder die Autoren noch die ersten Leser und Kritiker der in Betracht kommenden Romane den Gattungsbegriff ,Bil-dungsroman' verwendet haben. Ein zeitgenössischer Wortgebrauch, der das Wort zwingend auf den philosophisch-pädagogischen Ideenkomplex der goethezeitlichen Bildungstheorie festlegen würde, existiert also nicht. Die rückblik-kende literaturhistorische Betrachtung sollte sich nun nicht im Stil einer engen geistesgeschichtlichen Sehweise darauf festlegen, die Romane Wielands, Goethes, Jean Pauls und anderer Autoren bloß als Illustration und Bestätigung der Philosophie ihrer Zeit aufzufassen. Verfährt man so, dann übergeht man die Differenzen zwischen der abstrakten Begrifflichkeit philosophischer Reflexion einerseits und der bildhaften Anschaulichkeit der künstlerischen Darstellung andererseits. Dabei handelt es sich keineswegs um eine bloße Äußerlichkeit in der Darstellung eines und desselben Gehalts, sondern um substantielle Unterschiede, die schon bei der Exponierung des Problems, aber auch bei seiner Entfaltung und bei Vorschlägen zu einer Auflösung spürbar werden müssen.
      Wenn es demnach nicht ratsam ist, den in der Gattungsbezeichnung auftretenden Begriff ,Bildung' durch einen pauschalen Verweis auf die Bildungskonzepte der Goethezeit zu erläutern, bleibt nur die Möglichkeit, den Begriff weiter und offener zu fassen, - was übrigens schon Dilthey getan hat. Es empfiehlt sich, mit ihm lediglich die Vorstellung zu verbinden, daß der Entwicklungsgang einer zentralen Figur erzählt wird, der über bald bereichernde, bald desillusionierende Erfahrungen zur Selbstfindung und zum Eintreten in bejahte Bindungen führt. Dieses sicherlich sehr weite und historisch wenig spezifizierte Verständnis des Bildungs-Themas ist hinreichend, um einen bestimmten Romantypus gegenüber anderen, wie dem Abenteuer-, Schelmen- oder Gesellschaftsroman abzugrenzen.
      Es ist nun allerdings kein Zufall, daß die Entstehung des Bildungsromans im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zusammenfällt mit vielfältigen Bemühungen, ein theoretisches Konzept zur Bildung des Menschen zu formulieren. Die Frage, welche Faktoren das Werden des Einzelnen bestimmen, wie er seiner Existenz eine verbindliche Orientierung und einen ,Sinn' geben kann, welche Ansprüche er erheben darf und welche Forderungen der Gesellschaft er als verbindlich anerkennen muß, all diese Fragen nach dem Weg und dem Ziel individueller Lebensgänge stellten sich in der sozialen und geistesgeschichtlichen Umbruchsituation am Ende des Aufklärungszeitalters mit besonderer Dringlichkeit .
      Ein zweiter Faktor bei der Entstehung des Bildungsromans ist das Vordringen eines deutlichen Bewußtseins von der unwiederholbaren Besonderheit der einzelnen menschlichen Person . Indem deren Entfaltung zum Ziel erhoben wird, gerät die Lebensgeschichte des Einzelnen vor schwer lösbare Probleme: Denn dem Anspruch auf Behauptung und Verwirklichung der individuellen Natur stellt sich die äußere Welt mit ihrer Forderung nach Anpassung an ihre Ordnungen entgegen. Eine Versöhnung von Ich und Welt ist unter der Prämisse vorstellbar, daß dem Subjekt zwar versagt ist, seine Ansprüche zu verabsolutieren, daß ihm aber doch eine Lebensform erreichbar ist, die es ihm erlaubt, die eigene Besonderheit im Allgemeinen aufgehoben zu fühlen.
      Individuelle Bildungsgeschichten begegnen nun allerdings nicht nur in Romanen. Auch die Autobiographie schildert den Lebensgang eines Einzelnen und will ihn als einen kohärenten und sinnvollen Vorgang auffassen. Die Verwandtschaft der beiden literarischen Gattungen bestätigt sich in der starken autobiographischen Färbung vieler Bildungsromane, die zwar nicht immer so offen zutage liegt wie im Fall des Grünen Heinrich, aber von vielen Autoren — von Wieland und Goethe zum Beispiel — bezeugt ist.
      Die Nähe von Autobiographie und Bildungsroman wird auch darin sichtbar, daß beide Gattungen den Epochenumbruch im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts spiegeln. Für die Gattungsgeschichte der Autobiographie bedeutet dies, daß die älteren Formen der Selbstdarstellung, die religiöse Lebensbeichte, die Berufsautobiographie und die abenteuerliche Lebensgeschichte durch einen neuen Typus verdrängt werden . Georg Misch war der Auffassung, daß die Autobiographie erst mit dieser Entwicklung zu ihrem eigentlichen Thema gelangt sei, nämlich zur Darstellung des 'vollen Lebensgehalts der als ein einzigartiges Ganzes gewürdigten Persönlichkeit" .
      Man hat zeigen können, daß sich die Autobiographie auch in ihren Darstellungsmitteln zunehmend dem Roman annähert, um die Individualität des sich selbst schildernden Ich durch die erzählerische Vergegenwärtigung seiner Erfahrungen hervortreten zu lassen . Wenn sich nun Autobiographie und Roman in ihrer Thematik und in ihrer Darstellungsweise so nahe kommen, liegt die Folgerung nahe, sie seien gar nicht scharf zu trennen. Andre Maurois hat einmal provozierend bemerkt, daß der Unterschied zwischen dem Autobiographen und dem Romancier darin bestehe, daß der erstere — vielleicht sogar guten Glaubens - behaupte, die erzählte Geschichte sei die eigene, während der Autor eines Romans wisse und offen eingestehe, daß er seine Geschichte erfindet . In der Tat überformt jede um Verdeutlichung von Sinnbezügen bemühte Erzählung der eigenen Lebensgeschichte die krude Abfolge der Tatsachen, indem sie auswählt, Akzente setzt und Zusammenhänge herstellt. Freuds denkwürdiger Satz, daß 'die biographische Wahrheit [...] nicht zu haben" sei , gilt auch für die Autobiographie. Denn der Sinn einer Lebensgeschichte, das Prinzip, unter dem sie sich als Zusammenhang darstellt, läßt sich nicht als empirisches Datum greifen, sondern ergibt sich erst als Resultat einer hermeneutischen Auseinandersetzung mit dem Lebensstoff. Das allerdings heißt nun nicht, daß die Bedeutung erst nachträglich dem an sich sinnleeren Material der Biographie aufgezwungen wird. Denn schon im Vollzug der Existenz selbst, so hat Dilthey mit Recht betont, machen sich Entwürfe eines sinnvermittelnden Zusammenhangs geltend, etwa in den auf Dauer gestellten sozialen Bezügen, in einer bestimmten Orientierung des Handelns oder in dem Bild, das sich der Einzelne von seiner Vergangenheit und Zukunft macht .
      Trotz aller Affinitäten von Autobiographie und Bildungsroman scheint es vertretbar, die beiden Gattungen im Hinblick darauf auseinanderzuhalten, daß die eine ihre Geschichte als fiktiv erscheinen läßt, während die andere sich ausdrücklich auf authentische Lebenswirklichkeit bezieht. Auch wenn der Verfasser einer Autobiographie die Unwahrheit sagt, wenn er sich selbst belügt, wenn er beschönigt oder hochstapelt, muß er sich auf die Identität mit dem Ich seiner Lebensschilderung festlegen lassen. Gerade durch die Art seiner Lügen und Unaufrichtigkeiten wird ihn der Leser auf eine verräterische Weise charakterisiert finden .
      Als im späteren 19. und im 20. Jahrhundert der Persönlichkeitsbegriff des bürgerlichen Zeitalters in eine Krise gerät und die Beziehung des Einzelnen zu seiner gesellschaftlichen Umwelt sich problematischer gestaltet, berührt das in gleicher Weise die Voraussetzungen für die Autobiographie und den Bildungsroman . Es wird als zunehmend schwieriger empfunden, den Lebensgang des Einzelnen noch als einen zielgerichteten, durch alle Krisen seinen Zusammenhang bewahrenden Prozeß zu verstehen. Auch im Gebrauch ihrer herkömmlichen Darstellungsmittel werden beide Gattungen verunsichert. Denn es wird zweifelhaft, ob sich eine komplexere und von Brüchen gezeichnete Lebenserfahrung überhaupt noch in der Form einer linear fortschreitenden, vom Prinzip kohärenter Entwicklung getragenen Erzählung darstellen läßt. Somit bestätigt sich die innere Verwandtschaft des Bildungsromans mit der klassischen Autobiographie des bürgerlichen Zeitalters nicht nur in der Phase ihrer Entstehung, sondern auch in der Krise beider Gattungen in der jüngeren Moderne .
     

 Tags:
Bildungsgeschichten  Bildungsprobleme  als  Thema  Romans    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com