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Bertolt Brecht - ERINNERUNG AN DIE MARIE A



An jenem Tag im blauen Mond September Still unter einem jungen Pflaumenbaum Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe In meinem Arm wie einen holden Traum. Und über uns im schönen Sommerhimmel War eine Wolke, die ich lange sah Sie war sehr weiß und ungeheuer oben Und als ich aufsah, war sie nimmer da.
      Seit jenem Tag sind viele, viele Monde Geschwommen still hinunter und vorbei. Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen Und fragst du mich, was mit der Liebe sei? So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst. Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer ich weiß nurmehr: ich küßte es dereinst.
      Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen

Wenn nicht die Wolke dagewesen war
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen,

Sie war sehr weiß und kam von oben her.
      Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer

Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten

Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.
      Bertolt Brecht ist heute noch eine der kontroversiertesten Dichter-persönlichkeiten der modernen deutschen Literatur. Von einem ironischen Expressionismus ausgehend, gelangte er über idie Neusachlichen und den Berliner Regisseur
Erwin Piseator zu einer zeitweilig dogmatisch-mechanischen Aufnahme der marxistischen Ästhetik. Nach 1933 im Exil lebend, vertiefte sich seine Weltschau ins Dialektische.
      Die Erinnerung an die Marie A., eines der schönsten deutschen Liebesgedichte, erschien 1926 in Bertolt Brechts Tascbenpostille, dem in nur 25 Bogenexemplaren von Gustav Kiepenheuer herausgebrachten ersten Lyrikband des Dichters. Die gleiche Sammlung — sie enthält das Gedicht in unveränderter Fassung — kam ein Jahr später im Propyläen Verlag als Bertolt Brechts Hauspostille heraus.
      Die drei Strophen von Marie, dem Pflaumenbaum und der Wolke beanspruchen ihren angestammten Platz in allen repräsentativen Anthologien deutscher Lyrik, obwohl sie sich als ganzes poetisches Gebilde nicht in die große Tradition der Dichtungsart einreihen lassen. Eine bestimmte Weltsituation und die sich daraus ableitende ästhetische Weltschau des jungen Dichters ließen diese eigenartigen Verse in Erscheinung treten.
      In den Schrecken des Krieges und den Wirren des Nachkriegs, in dem für Europa — mit einem Wort — katastrophal ansetzenden zwanzigsten Jahrhundert hatte der Augsburger Fabrikantensohn und spätere Student der Medizin wie alle seine Zeitgenossen die Welt als ein Fremdes und Feindliches erfahren. Durch eine maximal entwickelte Arbeitsteilung hatte jede Tätigkeit, vom Steineklopfen bis zum Gedichteschreiben, den Charakter der Freiwilligkeit verloren, und die damit verbundene Entfremdung der Welt sich über eine akute Selbstentfremdung bis zur Entfremdung von der Gattung gesteigert: Der einsame Baum im Steinfeld muß das Gefühl haben, daß alles umsonst ist. I Er hat noch nie einen Baum gesehen. Es gibt keine Bäume.
Die solcher Einsicht immanente Distanz zur entfremdeten Welt, zu sich selbst und zu den Mitmenschen, eine immer wieder bezeugte nüchterne, unsentimentale Lebensart, die literarischen Bildungserlebnisse des jungen Brecht drängten ihn in eine bestimmte ästhetische Grundhaltung: die Ironie. Sie gab sich als kritische Ãœberlegenheit mit Akzenten des sozialen Protestes u n d als Selbsterhaltung durch Distanz des Geistes von der Daseinstragik, als Notwehr also.
      Demgemäß ging es für Brecht auch nicht mehr an, ein Liebesgedicht so zu schreiben, wie es Goethe oder Rilke geschrieben hatten. Denn das, was man zumindest seit Hegel unter Lyrik verstand, war hinfällig geworden: das Gedicht als Totalität des Subjektiven, der sich genügenden Innerlichkeit, als Akt der Verinnerung , und damit die lyrische Haltung als gefühlsmäßige, mit dem Dargestellten mitschwingende Erregtheit des Ergriffenwerdens. Mit den das Ich gefährdenden Wandlungen der Welt spielte progressiv in das lyrische Gedicht die Objektivität von äußeren Begebenheiten hinein, das konkrete Dasein, das politische und häusliche Leben, bis zu den Weisen, Bedürfnissen und Bedingungender äußeren Existenz hinunter . Die Haltung des Lyrikers bekam epische Akzente, seine Darstellungsweise kennzeichnete sich mehr und mehr durch unbeteiligte Ruhe und abwägende Distanz, der bisher beschwingte Sprachfluß wurde bewußt unterkühlt im Sinne einer klaren und eindeutigen, oft sogar didaktischen Mitteilung.
      In solchem Kontext ist auch die Erinnerung an die Marie A. zu sehen. Schon ihr Titel, die Erinnerung und der nur als A. angegebene Nachname, deuten auf eine beträchtliche Distanzierung hin. Das bestätigt sich sofort in der ersten Strophe: sie stellt ein Begebnis im Sinne der Hegeischen Definition des Epischen dar. Bei sehr sparsamer Verwendung von gefühlsmäßig beschwerten Epiteta und dem wenig bindenden Reim , der sich durch das ganze Gedicht zieht, wird über eine Liebensszene mit Pflaumenbaum und Wolke sachlich berichtet, indem Szene und Szenerie zwar wiedergegeben, die Liebe, das Gefühl aber eher verschwiegen als angedeutet wird.
      Die beiden ersten Verse der zweiten Strophe bestätigen dann noch einmal die im Titel programmatische Distanz . Mehr noch, sukzessive verwischt sie alles, was einmal da war: Liebe, Geliebte und die körperliche Berührung fallen der Amnesie zum Opfer. In den Bereichen der Sprache aber — und Dichtkunst _ ist Sprach-Kunst — bedeutet solches Vergessen den Tod. Wir sind am Tief-und gleichzeitig Angelpunkt des Gedichts: Wenn nicht die Wolke dagewesen war. Ironisch distanziert werden Du, Ich und ihr Zueinander total entfremdet ad acta gelegt. Es bleibt die Wolke. Der Dichter ist nicht mehr unmittelbar als eine private Person beteiligt, sondern als dichtende Intelligenz, als Operateur der Sprache, der seine Sehweise an einem beliebigen, in sich bedeutungsarmen Stoff erprobt . Es findet die Versachlichung des Gefühls statt anhand jener Wolke, die übringens in sehr vielen Gedichten Brechts an Schwer-Punkten auftaucht: Einmal sucht er noch ihr Gesicht: in der Wolke! , Vielleicht sehen wir einst in den Wolken I Weiß, vom Wind verwehet, sein Gesicht. und Später, in den einsamen Jahren I Werden Wolken, weiße, noch geschaut. . Nun ist die Wolke nicht nur an sich, das heißt physisch leicht, sie hat auch lyrisch-gefühlsmäßig ein geringes spezifisches Gewicht. Als ein immer und überall Leichtes ist sie die letzte Möglichkeit, das Sterben zu er-tragen. Sie ist also Rettung, aber auch Hinweis auf die totale Schwere der Welt . Lediglich die Wolke noch ist schwerelos genug, das ungeheure Gewicht der Negation aufzuheben. Und schlagartig — freilich auf dem Wege der sprachlichlogischen Erkenntnis und nicht mehr demjenigen des Erfühlens — geht dem Leser erschütternd die Fragwürdigkeit des Daseins auf. In einer distanzierenden Versachlichung sichert sich das Gedicht, dem Lebensgefühl des zwanzigsten Jahrhunderts Rechnung tragend, eine neuartige lyrische Finalität zu.
     

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