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Beispiel eines Emblems



Sehen wir uns aus dem Emblematum Ethico-Politicorum Centuria von Julius Wilhelm Zincgref und Matthaeus Merian das Beispiel 92 an. Es zeigt als Pictura eine Hafenstadt, über der die Sonne scheint und sich im Wasser spiegelt. Das Motto lautet: Monstratur in undis, d. h. Sie zeigt sich in den Wellen, und die Subscriptio erläutert, daß Gott nur in seinen Werken erblickt werden kann, so wie unser Auge die »heiße Sonne« besser in »Fluß und Bronnen« als direkt zu sehen vermag. Mit einem Wort: »Sonne« steht für »Gott«.

      Die Pictura, allein dargeboten, würde nicht die Deutung nahe legen, die durch die tatsächliche Subscriptio geliefert wird. Sobald wir aber die Subscriptio gelesen haben, sehen wir die Pictura in einem neuen Licht. Was die Subscriptio über die Pictura sagt, leuchtet ein. Und dieser Vorgang ist es, der durch das Denken der poetologischen Differenz in Gang gesetzt wird. Die Designata einer Dichtung erscheinen plötzlich - d. h. wie durch einen Blitz erhellt - im Lichte des Intentum. Der deutschen Subscriptio ist hier eine französische vorgeschaltet, die weitaus abstrakter gehalten wurde: Gott ist unsichtbar und tritt nur im Spiegel seiner sichtbaren Werke vor unsere Augen. Nur so, in der Widerspiegelung, sind seine Geheimnisse erkennbar, die ingeniös versteckt liegen. Cognaissance reflexe, d. h. Erkenntnis durch Reflexion, lautet die Ãoberschrift.
      Titel, Bild und Text sind die Teile des barocken Emblems, also Inscriptio , Pictura und Subscriptio. Der Titel lenkt bereits auf die Subscriptio hin, aber gleichsam verdeckt: Monstratur in undis - {Sie zeigt sich in den WelleN) d. h. So kann man sie besser sehen. Das Bild enthält zwar die innerfiktionale Begründung des innerfiktionalen Sachverhalts. Hier also: Willst du die Sonne sehen, so betrachte ihr Spiegelbild im Fluss oder Brunnen, sonst wirst du geblendet und kannst gar nichts mehr sehen. Erst der Text aber liefert die außerfiktionale Begründung für die Konstitution des innerfiktionalen Sachverhalts , d. h. für den Sachverhalt, derauf dem Bild zu sehen ist. Das Bild dient also der Verdeutlichung des Gedankens, dass Gott nicht direkt, sondern nur in seinen Werken »am Himmel und auf Erden« zu sehen ist. Würden wir ihn direkt erblicken, so würden wir geblendet.
      Fazit: Das Bild wird durch den Text zum Beweis für die Wahrheit des Gedankens . Ontologisch-hermeneutisch heißt dies: Das Bild wurde vorausgeschickt, damit der Text überzeugt. Das Bild untersteht also dem Text, nicht umgekehrt . Der unmittelbare Anblick des Emblems aber vermittelt ontisch-hermeneutisch genau das Gegenteil: die Subscriptio wird von einer vorgegebenen Pictura abgelesen, d. h. erst in ihr gefunden.
      In Wahrheit also demonstriert das barocke Emblem ein gleichsam gemimtes Finden. Denn: Was gefunden werden soll, ist ja zuvor vom Künstler im Bild versteckt worden. Das Bild >dient< also im wörtlichen Sinne dem Text als Beweis.
      Auf den ersten Blick aber, der als solcher mit zum Emblem gehört, gibt sich das Verfahren nicht zu erkennen. Das Bild ist es ja, das zunächst alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll: mit dem Titel als Wink, der, für sich genommen, wie jeder literarische Titel allerdings keinen verbindlichen Schluss auf die Bestimmtheit der Pictura und das Allgemeine der Subscriptio zulässt. Und es ist die Subscriptio, die plötzlich ein Licht aufgehen lässt, in dem die Pictura ihre Bedeutung zeigt, so dass wir mit intensivierter Aufmerksamkeit zur Pictura zurückkehren. Die Subscriptio ist damit in der Pictura aufgegangen. Dennoch hält das Emblem die Kluft zwischen Bild und Text offen.
     

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