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Banater Volkslied - ICH BIN E SCHWOB



Ich bin e Schwob vum Schwoweland,

Ich hau fünf Finger an jeder Hand,
Esse un trinke kann ich gut
Un rede tu ich wie's mer kummt. Die Banater große Buwe, Die sin so maschtich wie die Ruwe, Un wann se gehn uf de Kerweihball — Na so was find't mer net üwerall!
Un wann se fahre in de Plug,

No stehn se morjets zeitlich uf,
Spanne de Fuchs in de Sielscheit in


Un fahre in die Wiese nin.
      Im Banat die große Mädle, Die kamble sich in große Schedle; Un wann se sin im Wertshaus drin: For in die Kerch gehn han's ke Sinn.

      Basel Kathl un Basel Bärwel,
Gehn uf de Markt mit große Kärwel.
      Han Butter und Käs un Eier drin
Un gehn ins Gwälb un kaafe in.

      Unser Heemat is's Banat.
      Do esse mer Brote un Krautsalat,

Schlachte alli Johr fünf bis sechs Stück Schwein
Un trinke dezu zehn Emer Wein.
      Das Banater Voilksliedgut setzt sich zum Teil aus Liedern zusammen, welche die Einwanderer aus ihrer Heimat, aus Schwaben, Hessen, der Pfalz usw. mitgebracht haben. Die Erlebnisse der Auswaniderungs- und Ansiadlungszeit fanden aber sehr bald ihren Niederschlag in der Volksdichtung. Lieder in der Art wie Ich bin e Schwob trugen wesentlich zur Herausbildung eines heimatverbumdenen Selbstbewußtseins bei. Wir entnahmen es dem Band Donauschwäbisches Dichterbuch, Wien, 1939.
      Wollte man das Gedicht Ich bin e Schwob einer der verschiedenen Kategorien von Volksliedern zuordnen, so ergäbe sich am ehesten eine Beziehung zu jenen Liedern, die eine dominierende Trägergruppe bezeichnen, wie etwa die Ständelieder. Nun haben Gedichte dieser Art den vornehmlichen Zweck, Demonstration des Selbstverständnisses zu sein. Bekannt sind zahlreiche derartige Volkslieder, die das Selbstbewußtsein eines gewissen Standes ausdrücken , oft werden auch einzelne Berufe gepriesen und' ihre Nützlichkeit für alle Menschen hervorgehoben.
      In unserem Falle handelt es sich auch um die Äußerung eines ausgeprägten Selbstbewußtseins und Stolzes, die hier aber nicht die Vertreter eines Standes oder gar nur die eines gewissen Berufes vereinen, die dominierende Trägergruppe ist hier eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, nämlich die der Banater Schwaben.
      Der Titel und die erste Zeile des Gedichtes zeugen von dieser Haltung, die zum Ausgangspunkt des Gedichtes geworden ist. Wie so oft in der Volksdichtung prägt dieser Liedkern die Gesamttonart des Gedichtes. Die erste Strophe erinnert einigermaßen an Kindersprüche und das vor allem wegen der zwingenden rhythmischen Struktur dieser Zeilen. Die Gleichförmigkeit ist eine Folge der fast identisch gebauten Sätze, die mit je einem Vers zusammenfallen . Diese leiernde Melodie, die auf dem alten volkstümlichen Knittelvers fußt, läßt den Inhalt des Ausgesagten gewissermaßen in den Hintergrund treten. Die logische Un-gereimdieit der meisten dieser Kindersprüche ist eine allbekannte Tatsache.
      Zwischen den scheinbar so zusammenhanglosen Zeilen lassen sich aber bei diesem Volkslied dennoch Beziehungen herstellen. Zunächst deuten die beiden Ich-Einsätze auf das betonte Selbstbewußtsein, das hier Gegenstand des Gedichtes ist. Es entspringt der Zugehörigkeit zu der Bevölkerungsgruppe, vor allem aber der Verbundenheit mit einer bestimmten Landschaft: Ich bin e Schwob vum Schwoweland. Aus dieser Sicht konturiert sich eine bestimmte Aussagekraft der 2weiten Zeile, die sich weitgehend einer logischen Sinndeutung entzieht. Ich han fünf Finger an jeder Hand erhält die Bedeutung der Wendung etwas hat Hand und Fuß, ist also ein Ganzes, dem nichts fehlt. Die Verszeilen drei und vier gehen dann näher auf die Qualitäten dieses ganzen Menschen, des Schwaben, ein. Er weiß sehr wohl zu leben, pocht aber auch auf seine geistige Freiheit: Un rede tu ich wie's mer kummt.
      Das Kindersprüchlein ist also gar nicht so harmlos, wie es sich gibt. Es birgt ein kantiges aber zutreffendes Bild jener Trägergruppe, aus der es hervorgegangen ist. Solche formelhaft geprägten und scheinbarspielerisch verwendeten sprachlichen Fügungen können, wie auch Hermann Bausinger in seinem Werk Formen der Volkspoesie aufweist, Vorstufen zu den vertrauteren Erzählformen oder Liedern werden. Diese Funktion übernimmt auch die erste Strophe von Ich bin e Schwob.
      Das Lied, das im Anschluß daran entsteht, weist, wie das für das Volkslied allgemein kennzeichnend ist, epische Züge auf. Es reiht kleine Szenen aneinander, behält aber die kindlich-unmittelbare Sprachgebung bei. So dünken die Strophen wie Erklärungen zu einzelnen, mit starken und deutlichen Umrissen gezeichneten Bildern .
      In der Beschreibung der Banater große Buwe, also der männlichen Jugend, wird deren physische Stärke und Stämmigkeit hervorgehoben, durch den sehr plastischen Vergleich: die sin so maschtich wie die Ruwe, der, für die Denkweise des Bauern durchaus typisch, einen landwirtschaftlichen Vergleichsterminus heranzieht. Die Bewunderung für die jungen Männer aus dem Banat erreicht einen Höhepunkt mit dem Hinweis auf ihren Habitus am Feiertag, der für den Schwaben vornehmlich der Kerweihball ist. Es verschlägt dem Dichter sozusagen die Rede vor neugierigem Staunen; der Satz wird nämlich abgebrochen, und der Ausruf vom Ende der Strophe macht schließlich der stolzen Bewunderung Luft: Na so was find't mer net üwerall!
Die dritte Strophe, das nächste Bild, zeigt den Banater Bauern bei der Arbeit, denn er kann nicht nur feiern, sondern auch tüchtig anpacken:
Un wann se fahre in de Plug, No stehn se morjets zeitlich uf, Spanne de Fuchs in de Sielscheit in Un fahre in die Wiese nin.
      Den große Mädle gilt ebenfalls die Hochachtung des unbekannten Dichters. Die beiden ihnen gewidmeten Strophen weisen eine sehr ähnliche Bildstruktur auf wie die voraufgehenden. Anfangs werden auch diesmal physische Qualitäten erwähnt — es sind in diesem Falle die Schönheit der Mädchen und ihr Sinn für ein gepflegtes Aussehen: die kamble sich in große Schedle. Für das Feiern sind auch sie zu haben, dafür for in die Kerch gehn han's ke Sinn. Auch hier bewirkt die Bewunderung für diese lebenszugewandten Frauen das Abbrechen des Satzes: Un wann se sin im Wertshaus drin ...
      Auch die Frauen verstehn es aber, fleißig zu arbeiten. Nicht schwere Landarbeit, sondern der Verkauf der Erzeugnisse ist ihr Betätigungs-feld. Die Geschäftigkeit, mit der sie das tun, verleiht der ganzen Strophe eine besondere Lebendigkeit, ja Fröhlichkeit:
Basel Kathl un Basel B'drwel, Gehn uf de Markt mit große K'drwel. Han Butter un Käs un Eier drin Un gehn ins Gwälb un kaafe in.
      In dieser Stimmung wird auch ein Abschluß der Bildkette gefunden, die den Banater Bauern bei Arbeit und Feier gezeigt hat. Dieser Abschluß bringt ein Bekenntnis zur Heimat, denn die Heimat ist es, die solche Menschen und eine solche Lebensweise möglich macht. Doch hütet sich der Dichter vor billiger Sentimentalität. Wenn bisher selbstbewußt die Eigenart dieses Menschenschlags gepriesen wurde, so wird am Ende des Liedes ein humorvoller Ton angeschlagen, zu dem die vorletzte Strophe überleitete. Die Weltzugewandtheit und Lebenstüchtigkeit der Schwaben wird an dieser Stelle sinnfällig durch das Zugeben ihrer kleinen Schwächen. Jeder Leser oder Hörer von Ich bin e Schwob wird dafür warmes Verständnis finden und, auf dieser Grundlage erst, die rechte Beziehung zu der Lebenshaltung der Banater Schwaben gewinnen.
     

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Banater    Volkslied  -  ICH  BIN  E  SCHWOB    





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