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Aufgaben einer Literaturgeschichtsschreibung der rumäniendeutschen Literatur nach I945



In Rumänien wird in letzter Zeit ein Schlagwort überstrapaziert: das von der Rückkehr zur Normalität. Wenn wir uns heute nach über vier Jahrzehnten beispielloser Gängelei und Bevormundung zu Forschungsschwerpunkten und -defiziten in der Literaturgeschichte Ostmittel- und Südosteuropas äußern können, müssen wir uns erst darauf besinnen, was in der Literatur und in der literarischen Wertung ,normal" ist. Ãoberlegungen zu den Aufgaben einer Literaturgeschichtsschreibung der rumäniendeutschen Literatur nach 1945 müssen vor allem davon ausgehen, auf einiges hinzuweisen, was den recht zahlreichen, in Rumänien erschienenen Aufsätzen. Kritiken und Wertungen vieler jüngerer Kollegen schwer zu entnehmen ist: die nicht normalen Umstände, unter denen dort Literatur entstand, gelesen und besprochen wurde, wie sie be- und verurteilt wurde, ständigem Argwohn und Unterdrückung ausgesetzt war. Das, sollte man meinen, ließe sich eher in spannungsreicher Epik darstellen, und man kann vieles davon bereits in den Werken des literarischen Exils nachlesen.

      Damit haben wir bereits ein erstes merkwürdiges Stichwort. Und gleichzeitig eine große Frage. Kann man denn bei einer so kleinen Literatur einen Begriff verwenden, der für wirklich Repräsentatives der ganzen Epoche der Nazidiktatur steht? Man wird es wohl können und müssen. Auch wenn man dabei auf den sonderbaren Umstand hinweisen muß, daß die rumäniendeutschen Dichter und Schriftsteller, die in die Bundesrepublik ins Exil gingen, in der Regel nicht mehr daran dachten, dorthin zurückzukehren, von wo man sie vertrieb. Mit dem Beginn ihrer literarischen Arbeit in Deutschland waren sie ja in ihre sprachliche Urheimat zurückgekehrt, in einen Kulturbereich, dem sie fast alles verdankten. Sie mußten, wollten sie ihrem selbstgewählten Metier treu bleiben, sich unter ganz neuen Bedingungen bewähren. Sie waren, mit einem Wort, in der Heimat als Vertriebene, während die in der angestammten Heimat Verbliebenen nicht nur sprachlich immer mehr in die Situation von Exilierten kamen, da man sie seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder fühlen ließ, wie sehr sie nur den Status von vorläufig Geduldeten hatten, mit einem Höchstanspruch auf die Rolle des Prügelknaben oder gar des inneren Feindes, wenn dort wieder mal Bedarf war. Es hat also diese kleine, für viele kaum beachtenswerte Literatur trotz dieses wichtigen Unterschiedes genau jene Dreiteilung aufzuweisen, wie sie die Literaturgeschichtsschreibung in der großen deutschen Literatur nach dem Ende der Nazidiktatur vornehmen mußte. Besonders in den letzten zwanzig Jahren gab es sowohl Autoren im Exil, die vorher im Widerstand waren, als auch eine innere Emigration . Es gab aber auch kompromißbereite Ãoberlebenskünstler, Mitläufer, Angepaßte und Lobhudler. Es gab Eiszeiten und Tauwetterperioden, als Zwischeneiszeit sozusagen, die als Nährboden und Hintergrund bekannt sein müssen, wenn nicht allzuviel im dunkeln bleiben oder zu falschen Schlüssen Anlaß geben soll. Es gab leider, und das muß unterstrichen werden, auch Opfer, Menschen, die an diesen Umständen verzweifelten und zerbrachen. Sie waren gewiß nur ein kleiner Teil jener Zahl, die wahrscheinlich nie ganz zu eruieren sein wird, denn neben den bekannt gewordenen stehen die vielen anonymen Opfer, wie sie in fast allen Schichten der Bevölkerung vorkamen und über die auch die genauesten, im nachhinein erstellten Statistiken nichts aussagen. Soviel zur Einstimmung.
      Von einem geistigen mitteleuropäischen Raum sprach man hier, von ungarndeutscher Literatur, von südostdeutschen Autoren, von siebenbürgisch-deutscher Literatur und nun auch noch von rumäniendeutscher. An diesem Begriff, den man häufig überstrapazierte, läßt sich einiges aussetzen. Die zeitliche Ausdehnung auf die Jahre und Jahrhunderte vor 1919, wie das zuweilen geschah, ist so unsinnig, daß man auf jede Diskussion darüber verzichten kann. Nach 1919 sollte auf einmal aus einer ,ungarndeutschen', ,siebenbürgisch-sächsischen' und ,buchenländischen' Literatur eine ,rumäniendeutsche' geworden sein. Nur damals zwischen 1919 und 1945 hat kaum jemand diesen Begriff verwendet. Es wurde höchstens von deutscher Literatur in Rumänien geschrieben oder gesprochen. Das galt dann als Sammelbegriff. Es gab drei, vier oder gar fünf grundverschiedene Siedlungsgebiete, von denen eines, das sieben-bürgisch-sächsische, auf eine viele Jahrhunderte alteTradition zurückblicken konnte. Es durfte auf die unbestreitbare Tatsache verweisen, daß es in seinen Grenzen die älteste Schulpflicht im ganzen südosteuropäischen Raum gab. Auch verdankte die Bevölkerungsmehrheit des neuen Nationalstaates, denn Rumänien war trotz zahlreicher Völkerschaften ein solcher, die Bewahrung ihres ältesten Sprachdokuments dem sächsischen Stadtarchiv von Kronstadt. Da war es nur selbstverständlich, daß man von einer siebenbürgisch-sächsischen Literatur sprach. Viel später sprach man von einer des Banats und des Buchenlandes. Siedlungsgebiete wie das der Bessara-biendeutschen, der Sathmarschwaben und der Zipser waren zu klein oder zu jung, um literarisch stärker in Erscheinung zu treten.
      Man kann auch umgekehrt vorgehen und sagen, das alles waren doch nur die südöstlichen Ausläufer jener Literatur, die Willibald Nagl, Jakob Zeidler und Eduard Castle als ,deutschösterreichische' bezeichnet hatten. Die Sprachinseln, auch die älteste deutsche, eben jene siebenbürgisch-sächsische, waren doch nur bedingt Inseln. Ihre Pfarrer hatten an deutschen Universitäten studiert, ihre Ã"rzte und Naturforscher manchmal auch in Wien, Innsbruck oder in der Schweiz. Der geistige Austausch blieb, allen historischen Fährnissen zum Trotz, immer intakt. Es war zumeist ein Austausch, wie er eben zwischen geistigem Zentrum und entfernter Provinz besteht, wobei nicht zu vergessen ist, daß, wie überall, auch die Provinz von Zeit zu Zeit auf das Zentrum befruchtend wirken konnte. Man kann diese Zusammenhänge nicht nur nicht leugnen, sondern man kann, wie man das so nachdrücklich für die Zeit nach 1919 tat, die Staatsgrenzen nicht außer acht lassen. Bis 1868 war Deutsch in all den Siedlungsgebieten die offizielle Sprache und, häufig genug, die Verkehrssprache in Wirtschaft und Bildung des Vielvölkerstaates. Knappe vier Jahre vorher hatte Friedrich Müller den Band Deutsche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen veröffentlicht. Die darin enthaltenen Quellen des 12.-16. Jahrhunderts könnten auch heute noch interessant sein, zumal über die Herausbildung einer Schriftsprache unter den Bedingungen einer geographischen Trennung noch keine schlüssigen Vorstellungen zu finden sind, obwohl selbst die Urväter der deutschen Philologie, Jakob und Wilhelm Grimm, auf diese älteste Sprachinsel aufmerksam geworden waren.
      Wenn man, besonders nach 1945, immer wieder auf die Eigenständigkeit verwies, dann geschah das nicht immer nur aus Selbstbewußtsein und Lokalpatriotismus. Es war Teil einer Ãoberlebensstrategie. Als Teil einer deutsch-österreichischen Literatur wäre eine Erforschung der siebenbürgisch-sächsischen nach 1945 kaum denkbar gewesen. Man denke dabei nur an die verdienstvollenArbeiten von Michael Markel, Peter Motzan, Stefan Sienerth, BrigitteTontsch, an den Band, den der Hermannstädter Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur herausgab. Daher ein ersterVorschlag: Man kann die deutschsprachige Literatur auf dem Boden des heutigen Rumänien vor 1919 ruhig auch als Teil der deutsch-österreichischen und der deutschen Literatur sehen, auch wenn im Falle Siebenbürgens ein stark ausgeprägtes Eigenbewußtsein dem entgegenzustehen scheint. Rumäniendeutsche Literatur beginnt sinngemäß erst mit dem Jahr 1919. Daß es keine einheitliche literarische Szene war, muß hier nicht mehr gesagt werden. Auch nicht mehr, wie reich sie anTageszeitungen, Wochenblättern und literarischen Zeitschriften war, die überregional wirkten. Auch daß man ein Landestheater und sein Schulwesen hatte, seine Lehrbuchautoren und Lehrerbildungsanstalten. Man weiß auch, wie das alles nach dem 23. August 1945 fast schlagartig aufhörte. Mit den Deportationen vom Januar 1945 und der Enteignung im Frühjahr desselben Jahres setzte jener Auflösungsprozeß ein, dessen Ende nun vor unseren Augen abläuft.
      Versuchen, nach dem August 1944 Zeitungen in deutscher Sprache herauszugeben, war nur wenig Erfolg beschieden. Erst im März 1949 erschien der 'Neue Weg" als Organ des Deutschen antifaschistischen Komitees, gewissermaßen als späte Anerkennung des von Deutschen mitgetragenen antifaschistischenWiderstandes im Banat und in Siebenbürgen, für den allein im Banat zehnTote, zum Großteil ehemalige Sozialdemokraten, zeugten. Die wöchentlich erscheinende Literaturbeilage dieser Zeitung war bis zum Erscheinen des 'Banater Schrifttums" und der daraus hervorgegangenen 'Neuen Literatur" in der Tauwetterperiode nach Stalins Tod die einzige Veröffentlichung der deutschsprachigen Kulturszene. Eine literaturgeschichtliche Darstellung ohne eine genaue Kenntnis dieser Veröffentlichungen ist eigentlich kaum vorstellbar. Natürlich waren die meisten der sehr jungen Leute, die sich in den ersten zehn Jahren des Bestehens der Zeitung in der Redaktion einfanden, keineswegs literarisch orientiert. Selbst die wenigen literarisch Interessierten wie Helga Reiter, Franz Storch, Hugo Hausl, Hedi und Arnold Hauser, zu denen noch Dieter Roth, Nikolaus Berwan-ger und Heinrich Lauer hinzukamen, waren zuerst und hauptsächlich voll und ganz Journalisten. Wie dieser Journalismus aussah, muß ich hier nicht sagen. Literarische Mitarbeiter von Rang gab es wenige. Außer Alfred Margul-Sperber und Franz Lieb-hardt waren es nicht viele, die man heute noch erwähnen müßte. Erst nach StalinsTod kamen mit den Namen Oscar Walter Ciseks und Erwin Wittstocks literarisch gewichtige Beiträge zur Veröffentlichung. Da setzte aber auch eine erste Blüte ein, die nur in diesem relativ milden Klima gedeihen konnte. Samen, Bewässerung und Pflege gingen wohl auf einen literarischen Wettbewerb zurück, den der 'Neue Weg" 1955 ausschrieb. Einakter, kurze Prosa und Gedichte konnten eingesandt werden. Sie kamen in solchen Mengen, daß die Redaktion sich gezwungen sah, einige Mitarbeiter mit einer Vorauswahl zu beauftragen, um der Jury die Möglichkeit zu bieten, den Zeitpunkt der Preisverleihung einigermaßen einhalten zu können.
      Von den beiden ungleichen Erzählern, die sich den ersten Preis teilten, war Paul Schuster der bekanntere. Sein Erstling Der Teufel und das Klosterfräulein hatte manche Gemüter erregt. Der Name Andreas Birkner hingegen war wohl nur wenigen der älteren und mittleren Generation bekannt. Der Pfarrer aus Siebenbürgen hatte seit 1945 nichts mehr veröffentlicht. Sprachmächtig stand er neben den übrigen in der kleinen Novelle Aurikeln. Auch Ludwig Schwarz, ein Bautechniker aus dem Banat, war eine Neuentdeckung. Für ihn war der Erfolg mit seinem Erstling Das Schlüsselbrett ausschlaggebend. Bis zu seinem Tod in Bukarest, während des Schriftstellerkongresses von 1981, blieb er bei der Literatur, trotz mancher Fährnisse, die sich bald für alle ergaben. Am schwersten traf es aber doch die Kronstädter Georg Scherg und Hans Bergel, die nach einem Prozeß vor einem Kronstädter Kriegsgericht viele Jahre Gefängnis und Zwangsaufenthalt überstehen mußten. Ihr aufsehenerregendes erstes Auftreten war brutal unterbrochen worden. Sie hatten reichlich Anteil an der Ãoberzeugung, die sich 1955 anbahnte, daß eine neue Literatur im Entstehen war, in der sprachliches Können, Kunst wieder etwas galten. Die Unsicherheit, die sich nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes, den Verhaftungen und Prozessen im Land verbreitete, ließ nicht nur die zeitweilig kaum zu bemerkende Zensur wieder zur absoluten Kontrollinstanz aufrücken. Sie führte auch zu einer Selbstzensur, die seither wirkungsvoll blieb. Deshalb wollen wir hier besonders darauf verweisen, daß die Literatur nach StalinsTod nicht in Bausch und Bogen abzulehnen ist, wie das neuerdings geschieht. Man darf nicht vergessen, daß alles, was deutsch geschrieben und veröffentlicht wurde, sich besonderer Aufmerksamkeit von Seiten der Zensur und der Staatssicherheit erfreute. Das gilt besonders für die Zeit vor 1953. Sicher hätte Cisek seinen Gefängnisaufenthalt wesentlich abkürzen können , hätte er auch nur eine einzige Ode auf Stalin geschrieben. Er tat es nicht. Es stellt sich aber auch die Frage, ob man einem Menschen wie Alfred Margul-Sperber seine Bereitwilligkeit, auf Bestellung zu reimen, so übelnehmen darf. Er hatte Angst. Schon früh schwer herzleidend, hätte er die Deportation nachTransnistrien, während des Krieges, kaum überstanden. Davor bewahrte ihn Oscar Walter Cisek, der ihn als Mitarbeiter des Außenministeriums in einer Art Handstreich aus dem Zug holte. Man weiß, daß die beiden bis zu Ciseks unerwartetemTod nichts trennen konnte. Der mit dem Staatspreis ausgezeichnete Sperber hatte ein Geheimnis zu hüten, dessen Bekanntwerden ihn vermutlich schnellstens vom öffentlichen Leben ausgeschlossen hätte: Söhne aus erster Ehe lebten in den Vereinigten Staaten, und einer von ihnen sei höherer Offizier, erzählte man sich. Die Angst, als Vater eines solchen Sohnes 'entlarvt" zu werden, hat ihn wohl zeitlebens nicht verlassen. Zu seinem Glück glaubte er, man wisse es nicht. Beim 'NeuenWeg" gab es sicher ein halbes Dutzend Leute, die es wußten und es nicht an die große Glocke hängten. Sie hätten oder haben bei diesbezüglichen Anfragen sicherlich alles kategorisch verneint.
      Die Jahre unter Stalin, dieTauwetterperiode, die neue Eiszeit nach 1956, der relativ große Spielraum zwischen 1965 und 1972, haben auch unter den Literaten viel Feigheit, Niedertracht und kleinliche Ã"ngstlichkeit ans Tageslicht gebracht, aber auch menschlichen Anstand, Klugheit, gutes Taktieren. Das ging vom zentralen 'Neuen Weg" über die neuen Regionalzeitungen 'Hermannstädter Zeitung" und 'Neue Ba-nater Zeitung" bis zur 'Karpatenrundschau", von der Zeitschrift 'Volk und Kultur" bis zur 'Neuen Literatur". Dabei dürfen auch die deutschen Verlagsabteilungen des Kriterion-, Dacia- und Facla-Verlags sowie die Lehrbuchautoren nicht vergessen werden. Glücklicherweise saßen in den meisten Fällen keine Eiferer und Karrieristen in den Redaktionssesseln. Im Gegenteil: Meist waren es Leute, die zäh und hartnäckig ihre Positionen, die die ihrer Minderheit waren, und eine vorurteilslose Kunst und Literatur verteidigten, Punkt für Punkt, oft mit Argumenten aus Marx und Engels, und sich so gegen die Zensur und Parteikontrolle und gegen die uneingestandene Absicht der schnellstmöglichen Assimilation oft erfolgreich zur Wehr setzten. Was vor allem in der zweiten Tauwetterperiode, etwa von 1962-1973 an Lyrik, Kurzprosa und später auch an Romanen und Theaterstücken veröffentlicht werden konnte, ist erstaunlich genug. Das allmähliche Einfrieren danach, das bereits 1981 sehr sichtbar wurde, konnte doch nicht alles hemmen. Ein Glück war, daß die offiziellen Auswerter der Auslandspresse und die Kontrolle der Presse und Verlage mehr und mehr nur noch darauf zu achten schienen, ob und wie das ungekrönte Herrscherpaar erwähnt wurde.
      Wir erlaubten uns diesen Rückblick, um nachhaltig daran zu erinnern, daß bei allem, was nach 1945 erschien, bis 1953 kaum eine Verbindung zur eigenen literarischen Tradition gestattet wurde und daß damals etwas begann und für Journalisten, Schriftsteller, Dichter und Leser gleichermaßen verbindlich wurde: die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen.
      Vor allem deshalb ist es verfehlt, heute diese Literatur einfach als kommunistische Propagandaliteratur abzutun und sich nicht weiter mit ihr zu beschäftigen. 'Bedachtsamkeit ist angezeigt..." meinte Walter Jens angesichts des Streits um Christa Wolfs Was bleibt. Auch für die viel weniger wichtigen rumäniendeutschen Autoren gilt das.
      'Nein, Freunde, nicht diese Töne: Ein wenig mehr Sensibilität statt des Spruchkammer-Denkens ...", möchte man mit Jens jenen zurufen, die allzu eilfertig über Werken und Autoren den Stab zu brechen bereit sind, nur weil sie nicht imstande sind, oder sich nicht der Mühe unterziehen wollen, sie zu verstehen.
      Die Literatur jener Jahre hat gewissermaßen die Legitimation dazu geliefert, sich mit deutscher Literatur überhaupt zu befassen. Auch konnte z.B. ShdanowsThese von 1934 immer dann erfolgreich bemüht werden, wenn man einen Autor aus der 'bürgerlichen Zeit" herausgeben wollte. Im Namen des Proletariats war man ja dazu verpflichtet, das literarische Erbe, das die Bourgeoisie angeblich zerflattern ließ, sorgfältig zu sammeln, es zu studieren und durch kritische Aneignung weiterzuentwickeln. Es ist das Verdienst der Verlagslektoren von Bukarest, Klausenburg undTe-meswar, es sollen keine Namen aufgezählt werden, sie sind alle bekannt, wenn nach und nach immer mehr Autoren, mit mehr oder weniger kritischen Vor- oder Nachworten ausgestattet, wieder abgedruckt wurden und so den Anschluß an die eigene literarische Tradition ermöglichten. Sie erschlossen einer jungen Generation die literarische Welt ihrer Eltern und Großeltern, deren Leben und Selbstverständnis. Und noch eines: Sie haben nicht unwesentlich zum Erhalt der Muttersprache beigetragen, die die junge Generation vom Ende der siebziger und Anfang der achtiger Jahre immer besser handhabte. Auch ihre Vertreter waren Kompromisse eingegangen. Denn erst. in voller Freiheit oder in Erwartung derselben, wurden sie so kompromißlos. Alle konnten es nicht sein. Wer in den letzten zehn Jahren überleben wollte, psychisch und physisch, konnte das kaum ohne Kompromisse. Wer klug genug war, seine Gedanken zu verbergen oder sie so auszudrücken, daß sie offiziell keinen Anstoß erregten, aber von allen, die zwischen den Zeilen zu lesen verstanden, aufgenommen werden konnte, dem haben seine Landsleute sicher auch etwas zu verdanken, wenn sie mit weniger Sprachkursen in Nürnberg eingestuft werden können bzw. schon die Fragebogen leichter ausfüllen als andere. Das alles sollten wir bedenken, bevor wir eine Inventur vornehmen. Aufgaben? Das Wort war nicht glücklich gewählt. Wir sollten uns aber Gedanken machen, wie auch diese Vergangenheit zu bewältigen ist, ohne einen Kahlschlag vorzunehmen.
      Es gibt Vorarbeiten zu einzelnen Schriftstellern. Es gibt Peter Motzans verdienstvolles Buch zur Lyrik, die beiden Bände Literaturkritik'' und und ... wir wissen, daß all das auch anders hätte geschrieben werden können. Auch die Lehrbücher zu diesem Zeitraum. Es gibt noch ihre Erstauflage, die den besten Ãoberblick über diese Jahrzehnte bot. Zur Ehre ihrerVerfasser muß gesagt werden, daß sie nicht in denTon der 'goldenen Ã"ra" einstimmten, daß sie möglichst bemüht waren, literarischer Qualität den Vorrang zu geben in ihrer Auswahl und Bewertung. Natürlich mußten die Namen derer verschwinden, die bis zur nächsten Ausgabe ausgewandert waren. Dagegen konnte sich keiner stemmen. Es blieb aber jene Substanz der Erstausgabe, von der man ausgehen kann und die man nur um jene Namen bereichern muß, die damals schon tabu waren. Eine Wertung der Autoren all jener Jahre nach ausschließlich literarischen Kriterien ist die vordringlichste Aufgabe. Doch werten oder neu werten soll man nur dort, wo wahre Werte vorhanden sind. Man könnte, wie vor Jahren vom Germanistik-Lehrstuhl in Hermannstadt, Einzelstudien, Minimonographien anstreben oder eine Zusammenschau. Beides ist möglich und zu wünschen. Doch darf man in keinem der Fälle vergessen, daß es sich um eine Literatur handelt, die unter besonderen Bedingungen entstand, also erläuterungsbedürftig ist.
      Man sollte auch darauf verweisen, daß diese Literatur selbst jene Zeitspanne literarisch bewältigen konnte. Die Zahl derer, die das nun frei und ungehindert tun könnten, ist in Rumänien selbst sehr gering. Die Mehrzahl der Autoren befindet sich längst in Deutschland. Dort entscheidet ein anderer, ungleich größerer Markt über die Thematik, und das wird kaum eine sein, deren Raum der Karpatenbogen oder die panno-nischeTiefebene ist.
     

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