Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Aspekte der Lyrik um die Jahrhundertwende

Aspekte der Lyrik um die Jahrhundertwende



Mit Periodisierungsschwierigkeiten wird man nicht nur bei der einheimischen Literatur um 1900 im allgemeinen, sondern auch bei der Lyrik rechnen müssen. Sowohl 1918, aber vor allem 1890 können, auf die Lyrikentwicklung bezogen, trotz des historischen Einschnittes, den sie markieren, nur im Sinne einer Arbeitshypothese akzeptiert werden. Gleitende Ãœbergänge kennzeichnen auch hier Anfang und Ende der Epoche. Das Erscheinungsjahr der Karpathen — 1907 — käme eher als eine Art lyrischer Wendepunkt in Frage, da sich hier tatsächlich ein dichterischer und dichtungstheoretischer Umbruch verzeichnen läßt. Doch ist vieles, was formuliert in den Karpathen präziser wurde, in Ansätzen schon zumindest ein Jahrzehnt vorher vorhanden, eine Tatsache, die für die Einheitlichkeit dieses Entwicklungsabschnittes spricht und den Beginn der neuen lyrischen Ausdrucksweise vor den Jahrhundertanfang verlegt. Demgegenüber stellte die Vereinigung Siebenbürgens mit dem rumänischen 'Altreich" nicht nur die rumänische, sondern auch die siebenbürgisch-sächsische Literatur vor neue Aufgaben, so daß sich ab 1918 auch in der Lyrik andersgeartete Tendenzen abzeichnen. Mit einem feinen Sinn für historische Entwicklungen hatten Meschendörfer und seine Mitarbeiter in ihrer Zeitschrift manches vorweggenommen, was erst nach 1918 zur vollen Geltung gelangen konnte.

      So trägt die dichtungsgeschichtliche Periode 1890—1918 durchaus den Charakter einer Ãœbergangszeit. Bei aller Mannigfaltigkeit weist sie dennoch eigene historische und literarische Wandlungs- und Prägegesetze auf. Die Vielzahl der parallel verlaufenden oder auseinanderstrebenden Tendenzen in der sächsischen Lyrik um 1900 kann nur schwer erfaßt werden. Reminiszenzen des Naturalismus, Impressionismus, Jugendstils, der Heimatkunst, Neuromantik und — gegen Ende der Epoche — auch des Expressionismus lassen sich auch in der Lyrik dieser Zeit nachweisen, doch ist keine dieser Strömungen für Siebenbürgen so stilprägend gewesen, daß die Dichtungsperiode als solche danach benannt werden könnte.
      Der Begriff 'Moderne" ließe sich — in Anlehnung an ähnliche Erscheinungen in den europäischen Literaturen — zwar verwenden, doch nur mit der Präzisierung, daß die Bezeichnung historisch undnicht stilspezifisch gebraucht wird, weil sie sonst nur für einen Teil der Lyrik dieser Zeit zutrifft. In Ermanglung eines treffenderen literaturgeschichtlichen Ordnungsbegriffes und mit Rücksicht auf westeuropäische Analogien wird daher allgemein von der Lyrik um die 'Jahrhundertwende" die Rede sein, eine Etikettierung, die sowohl den historisch differenten Einzelformen als auch dem Verbindenden dieser Literaturepoche wohl am ehesten gerecht wird.
      Die historischen Voraussetzungen der Lyrik unterscheiden sich nicht wesentlich von jenen der vorhergehenden Zeit. Der österreichisch-ungarische Dualismus bildete weiterhin den sozial-politischen Rahmen, allerdings hatte sich die Haltung zu ihm teilweise gewandelt. Während man früher auch in der Lyrik gegen ihn opponierte, fügten sich die Dichter jetzt entweder den bestehenden Verhältnissen oder sie zogen sich resigniert aus dem öffentlichen Leben zurück. 3 Die nun große Zahl der Liebes- und Naturgedichte läßt sich auch aus dieser Sachlage erklären. Die mißliche ökonomische Situation Siebenbürgens um 1900 bedingte eine gewisse Unsicherheit, die sich bei vielen Dichtern als Endzeitstimmung bemerkbar machte: 'Ein neues Jahrhundert! Wir können froh sein, daß unser kleines Volk, das alte [...] glücklich überdauert hat."
Das letzte Jahrzehnt vor dem Jahrhundertwechsel ist allgemein durch eine Verflachung und Verniedlichung der lyrischen Produktion gekennzeichnet. Die bedeutendsten Lyriker der zweiten Jahrhunderthälfte verstummen nach 1890. Michael Albert und Friedrich Krasser sterben 1893; Friedrich Wihelm Schuster und Traugott Teutsch geben ihre Gedichte zwar neu heraus, geschrieben und publiziert wurden sie jedoch viel früher. Das lyrische Bild nach 1890 wird von einer ganzen Reihe kleinerer Talente geprägt , die vor allem im Strahlungsbereich Michael Alberts stehen. Daß die Mundartdichtung zu Beginn unseres Jahrhunderts den Scheitelpunkt ihrer Entwicklung und Breitenwirkung erreichte, ist auch dieser Situation zuzuschreiben.
      Im ersten Entwicklungsabschnitt sind die Dichter tonangebend, die sich bewußt zur heimischen Tradition bekennen. Die Spärlichkeit lyrischer Erzeugnisse, die man nach dem Tode M. Alberts des öftern beklagte, wurde bald durch eine Unmenge von Liebes- und Naturgedichten wettgemacht, die die Zeitungen und Kalender jener Jahre füllten und später dann auch in Einzelbänden herausgegeben wurden. Viele dieser Verse gleichen einander in Tonfall und Bildwahl. Aus der Reihe der Schreibenden ragen W. Hermann, J. Lehrer, Fr. Rheindt und Viktor Orendi her-vor, nicht unbedingt durch die Qualität, sondern eher durch das Quantum ihrer Gedichte.
      Die bevorzugte Gattung ist das Lied, wie es in der deutschen Literatur besonders seit der Romantik gepflegt wurde, weil es 'einfach [...] in Form und Empfindung sei" und dennoch die Grundbedingungen der Schönheit: Innigkeit, Reinheit, Harmonie usw. aufweise9. In enger Verflochtenheit werden somit die 'wenigen Themen der Lyrik": Liebesweh und Liebeslust, Natur- und Heimatverbundenheit in allen möglichen Tonlagen, doch immer mit Hilfe derselben Requisiten variiert.
      Die politische Tendenzdichtung und die national-patriotische Lyrik, die vor und nach der Bildung des österreichisch-ungarischen Dualismus ihre Berechtigung hatten, verloren nach dem Sachsentag des Jahres 1890, der eine 'Aussöhnung" zwischen dem ungarischen Staat und den Sachsen gebracht hatte, an Relevanz und Aktualität. n Weil die historische Lage nun eine andere war, artete diese Lyrik um die Jahrhundertwende zur konventionellen Modedichtung aus.

     
   Das Epigonenhafte, das den meisten Versen jener Zeit anhaftet, tritt auch in der Gestaltungstechnik in Erscheinung. Nicht nur, daß Gemeinplätze in abgegriffenem Wortmaterial wiedergegeben werden, die Fahrlässigkeit in der Sprachgebung läßt sich auch an zahlreichen grammatikalischen Unstimmigkeiten erkennen.

     
   Unmittelbare Bezüge auf Zeitumstände sind recht selten, und wo man sie antrifft, bleiben sie meist unverbindlich. Gesellschaftliche und politische Fakten bekommen die Lyriker jener Zeit eigentlich nicht in den Griff, durch Stilisierung und Transponierung des Tatsächlichen ins Märchenhaft-Poetische der Wald-und-Wiesen-Lyrik werden soziale Widersprüche nicht aufgedeckt, sondern geglättet und entschärft:
Ich wollte, du wärest die dürftigste Maid, Verlassen auf einsamer Flur, Und ich war ein Prinz mit stolzem Geleit, Dann folgt' ich nur deiner Spur.

     
   Die starre, ahistorische Auffassung der lyrischen Formgesetze bedingte auch die negative Einstellung zur modernen lyrischen Ausdrucksweise. Allgemein rügte man an den Gedichten der Modernen die 'Habsucht nach Neuem", die Nichtbeachtung jedwelcher künstlerischer Regeln und die 'ungenierte und zügellose Phantasie". Die Verfechter dieser kritischen Einstellung, vor allem W. Hermannund J. Groß, waren auch die Hauptgegner der Erneuerungsversuche Meschendörfers und seiner Mitarbeiter.
      Denselben gesellschaftlichen und literarischen Gegebenheiten ist auch die Mundartlyrik entwachsen. In volksliedhaftem Tone verfaßt, thematisch und formell der Epigonenlyrik dieser Zeit sehr nahe stehend — Liebe, Heimat und Natur sind die bevorzugten Themenkreise —, erfreuten sich diese Gedichte vor allem dank den Vertonungen Hermann Kirchners einer breiten Publikumswirkung 18. Mit Recht nannte R. Hörler die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die 'goldene Zeit der mundartlichen Kunstdichtung Siebenbürgens" 19. Diese produktive Euphorie war dem ästhetischen Niveau der Texte indes meist abträglich. Während Kästners Gedichten handwerkliches Geschick und ernstes künstlerisches Anliegen bescheinigt werden können, sind die Verse seiner Nachfolger meist fahrlässig ausgeführt. Aus dem Bildhaften gleiten sie oft ins Begriffliche, und der didaktisch-pädagogische Zug verdrängt häufig die primäre Intention des Gedichtes. So tritt z. B. die Liebe zum auserwählten Mädchen im bekannten Af deser Ierd von Ernst Thullner hinter die Heimatliebe zurück:
Af deser Ierd, dö äs e Land, Si Wisch äs nichen ändert; Ich s'nt mich äng nö am zeräck, Wä ich de Walt durchwandertâ„¢
Die Chance ihrer Wirksamkeit in einigen Publikumskreisen lag im mundartlichen Sprachkleid, das abgegriffenen Formulierungen den Reiz der Neuheit verlieh, und weniger in ihrem ästhetischen Wert. Dabei wird meist hochsprachlich gedacht und Vorgeformtes erst nachträglich in Mundart umgesetzt. Ein aufschlußreiches Beispiel in dieser Hinsicht ist die an Goethe geschulte Lyrik von Friedrich Ernst. Obwohl die Gedichte sich den Anschein geben, persönlich Erlebtes zu artikulieren, handelt es sich im Grunde vorwiegend um Rollenlieder, in denen die lyrische Mitteilung gern einem Sänger aus dem bäuerlichen Stande in den Mund gelegt wird.
Es wäre jedoch verfehlt, dieser Phase dichterischer Entwicklung jede Rolle in der Herausbildung der modernen lyrischen Diktion abzusprechen, wie das in der Literaturgeschichtsschreibung bisher üblich gewesen ist. Das stünde nicht nur zum Selbstverständnis der damaligen Lyriker, die sich durchaus als 'modern" und zeitgemäß empfanden, im Gegensatz, sondern auch zum wirklichen Stand der Dinge. Die Rezeption der Moderne setzt in

Siebenbürgen lange vor dem Erscheinen von Menschendörfers Karpa-then ein, auch lassen sich einige Gedichte im Stil der neuen lyrischen Darbietungsweise schon vor der Jahrhundertwende, vor allem in den Akademischen Blättern24, vermerken. Desgleichen blieb die Naturalismus-Diskussion, die nach 1890 die heimischen Intellektuellen beschäftigte, nicht ohne Einfluß auf die Lyrik. Das Gedicht Im Spätherbst 1892 ist in seiner Absicht, die neuen Wirklichkeiten darzustellen, ein — freilich wenig geglücktes — Beispiel hierfür:
Kühler schon wehn die Flügel der Nacht, es dunkeln die Schatten, Und in das schützende Haus zieht sich das Leben zurück. Nur von drüben kreischt, dem Dampfe verbündet, das Sägwerk, Diese 'Nonne" im Dienst gieriger moderner Kultur. Seitwärts, im Herzen der Stadt, entzündet das Kaufhausdie Lichter; Rastlos bis tief in die Nacht, mehrt es geschäftig den Schatz. Fernher ein schriller Pfiff! die Sprache der Lokomotive...

   Der Frauenfrage, die um dieselbe Zeit in vielen sächsischen Kreisen zur Diskussion stand 2T, hat sich die Lyrik auch nicht verschlossen. Die Tatsache, daß um die Jahrhundertwende zahlreiche sächsische Frauen dichterisch tätig sind, ist wohl auch diesen Emanzipationsbestrebungen zu verdanken. Sie werden am prägnantesten in den Gedichten der Regine Ziegler akzentuiert 28, aber auch in jenen von Luise Helfenbein 29 und Helene Wachner:
Nicht dem Gefühle frönen, schenkt den Frieden, Die Arbeit ist's, die seiner würdig macht. O Schaffen, leuchtend Menschenziel hiernieden, Dein ist der Trost, das Glück, dein ist die Macht.
      So konnten die Dichter der Karpathen bereits auf einen, wenn auch spärlichen, einheimischen Fundus von Begriffen, Formen und Darbietungsweisen der Moderne bauen. Daß dabei vieles noch ohne Griffsicherheit geschah, tut der Sache zwar Eintrag, doch ist die kritische Unvoreingenommenheit in der Darstellung zeitgeschichtlicher Fakten höher zu veranschlagen als die epigonale Requisitenpoesie eines Viktor Orendi oder Wilhelm Hermann. So hat R. Ziegler in einigen Gedichten mehr vom Denken und Fühlen ihrer Generation zum Ausdruck gebracht, als dies andere Dichter in ihrer rückwärtsgewandten, pseudohistorischen Haltung zu tun vermochten. In einem ihrer Gedichte heißt es:
Warum das Leben heute so toll, Fragt mancher sich verwundert;

Es liegt im schweren Delirium das neunzehnte Jahrhundert.
      Sie war es auch, die eine Neufundierung der künstlerischen Gestaltung forderte, und das zu einer Zeit, wo in Siebenbürgen noch wenige von der Notwendigkeit eines Wandels im Bereich künstlerischer Aussage überzeugt waren:
Hauptmann, Ibsen und andere Haben 'ne Bowle gebraut; Kosten und nippen will jeder, Ob's ihm davor auch graut.
Auch von anderen Dichtern dieser Zeit wird das konventionelle Bild-und Vorstellungsprogramm gesprengt und Sprache in eindeutigem Abstand zur Alltagsrede gebraucht. Die Musikalität einiger Verse , ihre Tendenz zu ungewohnten sprachlichen Fügungen hebt diese Gedichte von früher erschienenen deutlich ab. Solche und ähnliche Versuche blieben jedoch wegen ihrer Zufälligkeit meist ohne Tiefenwirkung. Nur so ist es zu erklären, daß den Zeitgenossen die Gedichte von Eduard Schullerus und Hermann Kloß, die Meschendörfer in seiner Zeitschrift abdruckte, als durchaus neu und ungewohnt erschienen.
      Die Karpathen brachten relativ wenig Lyrik, darunter viel Zweit- und Drittrangiges, doch überragen die besten Leistungen alles andere, was in dieser Zeit an Lyrik geschaffen wurde. Mit Recht sah Richard Csaki in der Lyrik von E. Schullerus und H. Kloß die Erfüllung dessen, was für die 'spezifisch sächsische moderne Literatur" bedeutsam sei. Was ihre Dichtungen zunächst von jenen früherer Epochen unterscheidet, ist die bewußte Abkehr von 'Problemen der Allgemeinheit " und der Ãœbergang zur Gestaltung von individuellem Gefühlsleben. 36 Dadurch wurde das Inspirationsfeld beträchtlich erweitert und der siebenbürgisch-sächsische Lebensbezirk in der Poesie gesprengt. Auch ferne Landschaften, wie die italienische Riviera im Falle von E. Schullerus, fanden Eingang und Gestaltung in der Dichtung. Der Ausbruch aus der Stoffbeschränkung der vorhergehenden Lyrikepoche war notwendig geworden, selbst auf die Gefahr hin, daß die lyrische Verwertung nicht erlebter und erschauter Wirklichkeitsausschnittesich nachteilig auswirken konnte. Die lyrischen Texte der beiden genannten Dichter unterscheiden sich von den Darbietungen ihrer Zeitgenossen auch durch eine sorgfältigere Sprachgebung. Verstaubtes wurde gemieden, Neuschöpfung und Fremdwort mit Vorliebe angewandt:
Liebst du die amethystenen Sterne, Mädchen, die von verdorrten sommermüden Hängen durch all das herbstzeitstille große Welken als späte Boten frohen Lebens leuchten?
Hinsichtlich der Gattungen hat sich nicht viel geändert: Natur- und Liebesgedichten bleibt weiterhin der größte Raum vorbehalten. Doch mutet die lyrische Diktion dieser Gedichte durchwegs modern an, was u. a. durch eine strengere Ökonomie sowie durch die Absicht, das Einzelwort aus dem Kommunikationsrahmen herauszulösen, nicht zuletzt aber auch dank der geschickten Kombination der lyrischen Versatzstücke erreicht wird:
Schweigender Wald im Schnee;

Deine schwarzen Stämme stehn
Wie Sterne unverrückbar.

      Sein Blau noch zitternd
Von den Klängen des Herbstes.
      Zu deinen Füßen breiten sich schwerverschlossene Gräber,
Die keine Frühlingssonne,

Mit all ihren leuchtenden Zauberschlüsseln,
Uns wieder auf tut.
Gewöhnlich sind solche Gedichte in ihrer ersten Bedeutungsebene die scheinbar beziehungslose Darstellung eines Naturausschnittes. Dadurch wird mit der 'spätromantischen Sucht" M. Alberts und anderer, den Dichter ins Gedicht einzupflanzen, gebrochen. 39 Allerdings wird auch in diesen Gedichten das faktisch Dargebrachte durch Verweise auf überindividuelle Wirkungszusammenhänge überstiegen. Nur in den seltensten Fällen besitzt das Naturbild Eigenwert, meist dienst es zur Bekräftigung der dichterischen Aussage. Der Spielraum zwischen scheinbar bezugsloser Naturmetapher und sinnhafter Befrachtung ist charakteristisch für die Gestaltungstechnik der Karpathen-Dichter.
      Die Lyrik der Karpathen konnte sich, dank Meschendörfers Hinwendung zur literarischen Entwicklung der Zeit, schon durchaus auf der Grundlage des modernen internationalen Literaturzusammenhangs entfalten. So vermochten E. Schullerus und H. Kloßvon den Gestaltungstechniken ihrer europäischen Zeitgenossen Gebrauch zu machen und sie mit Erfolg in ihrem lyrischen Werk anzuwenden. In diesem Sinne unterscheiden sich die Natur- und Liebesgedichte der K arpathen-Lyrik.er von jenen der anderen sächsischen Dichter ihrer Zeit durch die Akzentverschiebung von der außerdichterischen Wirklichkeit auf die formale und sprachliche Struktur der Verse. Zwar werden äußeres Erlebnis und äußerer Dingbezug nicht unbedingt auf ein Minimum reduziert, doch kann man auch hier eine gewisse Ãœberbetonung klanglicher und gestalterischer Elemente feststellen. Lyrik wird nämlich primär nicht mehr im Sinne Traugott Teutschs als ungehemmte Wiedergabe einer 'den Tiefen des Gemüts" entquollenen 'starken und ausdrucksvollen Stimmung" verstanden, sondern als nichtgebundene, gesellschaftlich nichtverankerte Äußerungsform einer sprachlichen Intention.
Und doch ist es die siebenbürgische Landschaft, die in vielen Gedichten jener Zeit entweder um ihrer selbst willen oder als Rahmen gestaltet wird:
Wunderbalsamduft Feuchter Märzenerde; Zitternd — warme Luft Singt im Land das Werde!
R. Csaki sah in dem Umstand, daß die Landschaftserfahrung der Dichter nicht plakativ, sondern diskret ausgesprochen wurde, die eigentliche Leistung der modernen sächsischen Lyrik: 'Es ist epochemachend für unsere Literatur, daß die Motive unserer heimatlichen Landschaft in ihrer Wirkung auf einen sensiblen, hochgestimmten Kulturmenschen verwendet werden — in diesem unseren höchsten Sinn ist unsere Landschaft hier entdeckt worden." 43 Innige Heimatverbundenheit kennzeichnet auch diese Lyrik: 'Wann war der Tag, an dem ich dich zuerst gesehen, empfunden habe, Heimat? Wie weit reichst du überhaupt; schließen dich feste Grenzen ein: [...] Wir haben schon als Kinder auf unseren Spaziergängen unbewußt die ersten Steine zu dem Bau gesammelt, den wir Jahr um Jahr höher führen, zu dem heimeligen, wunderbaren Bau Heimat, den wir nie vollenden."
Die Idylle, die diese Naturlyrik oft heraufbeschwört —
Aus keinem Fenster mehr ein Schein. Hier schliefen alle längst schon ein. Der Kirchturm steht: ein drohend Schwert, Das jedem Feind den Einbruch wehrt —ist eine Reaktion auf die politische Unsicherheit der Zeit. Die sozial-politische Lage am Vorabend des Ersten Weltkriegs wird somit meist gebrochen reflektiert.
      Die sächsischen Lyriker der Jahrhundertwende reagierten auf den Ausbruch des Krieges unterschiedlich. Die Skala der Stellungnahmen reicht von überspitzten chauvinistischen Begeisterungstiraden im Sinne der offiziellen Propaganda über schlichte Mundartlieder im Volksliedtone, in denen von den Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen die Rede ist , bis zur harten Anklage, die besonders in den Versen von Johann Schuster-Herineanu zum Ausdruck kommt48. Unterschwellig bereitet sich da, besonders gegen Endes des Krieges, der Ãœbergang zur Problematik der Nachkriegslyrik vor. Die negative Einstellung zum Krieg und seinen Verheerungen gewinnt allmählich die Ãœberhand und findet dann ihre Fortführung in der Lebenshaltung der Heimkehrer, die nach einer tiefgreifenden Bewußtseinswandlung nun auch eine veränderte sozialpolitische Situation vorfinden.
     

 Tags:
Aspekte  der  Lyrik  um  Jahrhundertwende    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com