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Anna Schuller-Schullerus - dramatik



Wenn man dokumentarisch untermauerte Werturteile zum Publikumserfolg des dramatischen Erstlings der Anna Schuller-Schullerus Am zwin Krezer diachronisch vergleicht, so wird die Behauptung Karl Kurt Kleins belegt, sie habe 'nicht nur die besten mundartlichen Erzählungen geschrieben, sondern auch das erfolgreichste mundartliche Lustspiel"1. Heißt es bei Rudolf Hörler 1913 'das erfolgreichste und bekannteste Stück überhaupt", so ist es für Michael Marke! noch im Jahre 1971 'eine der erfolgreichsten Dichtungen der siebenbürgisch-sächsischen Literatur" und 'das meistgespielte sächsische Lustspiel".

      Mit Recht kann also die Verfasserin von zwölf Schauspielen, 'Volksstücken", von denen neun erschienen sind, als eine hervorragende Dramatikerin der siebenbürgisch-sächsischen Literatur bezeichnet werden. Die funktional-dokumentarische Bedeutung ihres Schaffens vertieft sich, wenn man die Schriftstellerin als jene Vertreterin der 'Heimatkunst" betrachtet, die 'zum erstenmal künstlerische Werte in das Tendenzschrifttum hineintrug".
      Adäquate Substanz liefert als Subjekt und Zielobjekt solcher Tendenzen der dörfliche Lebensraum der Siebenbürger Sachsen, den die Schriftstellerin aus eigenem Erleben kennt und geistig durchdringt — ihre Werke gehören zu den 'einzigen, die den Stempel des Erlebten und Durchlebten in so hohem Maße an sich tragen" 5. Zugleich ist sächsische Dorfgemeinschaft für die Dichterin Nährboden 'sächsischer Solidarität", die sich verwirklicht vermittels Brauchtum und Sitte, aus sich heraus Träger des Kollektivgeistes wird, in dessen Sinne die Dichterin zu bilden trachtet.
      Das zielgerechte Einsetzen der sächsischen Mundart in den fneisten ihrer Stücke definiert die Schriftstellerin im Kontext der aufblühenden sächsischen Mundartliteratur, steht aber funktionell im engen Zusammenhang mit dem Anliegen, im Sinne der Förderung von Heimatbezogenheit, nationalem Zusammengehörigkeitsgefühl auf das Ethos auch literaturferner Menschen zu wirken. Mundart, in diesem Sinne vereindringlichend und lehrhaft, ist dies aber nur in dem Maße, als sie dem künstlerischen Bild, das nicht

Ins Idyllische abfällt, aber das Ideal anstrebt, in wahren Volks-Stücken, d. h. Stücken für das Volk, Authentizität verleiht.
      Das Ideal — individuelles und soziales Leben entsprechend den Anforderungen der Sitte — wird aber nicht mit Anspruch auf Ewigkeitswert dargestellt; für A. Schuller-Schullerus ist Brauchtum funktionsentsprechende ritenhafte Vermittlung vorbildlichen ethischen Seins in der Kollektivität. Dabei sieht A. Schuller-Schullerus aber eine determinierende Rolle der geschichtlichen Faktoren* auf das nationale Sein und gesteht der Tradition als äußerer Form nur in dem Maße ihr Recht auf Permanenz zu, als ihr Inhalt das Bestehen vorbildlichen Seins adäquat auch in verändertem sozialem Konnex sichern kann.
      In ihrem ersten, zugleich erfolgreichsten Stück Am zwin Krezer, einem Lustspiel in echter Bauernmundart, ist ein zentrales Motiv der Handlung die Wette um zwei Kreuzer, die dem schlauen Bauern zukommen, der, als Handwerksbursche verkleidet, den reichen Gesch übertölpelt. Ähnlich wie in Fritz Reuters Reimschwank De Wedd der Bäcker von der Leidenschaft des Wettens, wird hier der Geizkragen vom Geiz kuriert. Das Hauptmotiv, eine Liebesprobe, steht im engen Zusammenhang mit der Problematik, mit der Existenzberechtigung tradierter Lebensformen im sächsischen Dorf. A. Schuller-Schullerus steht auf der Seite des Neuen in dem Sinne, daß ihr Stück verkündet, nicht mehr 'det old Riecht" gelte. Nicht Vater oder Mutter sollen die Wahl des Ehepartners bestimmen, sondern wahres Empfinden, das stark genug sein wird, über Vorurteile und Hattertgrenzen hinweg eine Lebensgemeinschaft einzugehen. A. Schuller-Schullerus' Anliegen wird künstlerisch realisiert dank der Folgerichtigkeit von Handlungs- und Dialogführung, dank der psychologisch und sozial gut motivierten Charakteristik, der nicht zuletzt die Sprache der Personen dient. Es gelingt ihr, ein 'unverwüstliches Bild" aus dem sächsischen Dorfleben in einer Umbruchsituation zu liefern, wobei typische Formen der Situa-tions- und Sprachkomik funktionell so verwertet werden, daß sowohl Lacheffekte erzielt als auch Seitenhiebe versetzt werden. Lehrhafte epische Einschübe und Gesangseinlagen verleihen der Handlung stellenweise einen schleppenden Gang, was wiederum durch die Authentizität einer bilder- und wendungsreichen Sprache wettgemacht wird. Als Nachspiel zu diesem Stück wurde die dramatische Allegorie De Arbet geschrieben. Es ist dies ein Festspiel , dessen 'schlichte Sprache [...] und ohne jede Süßlichkeit erreichter Stimmungsgehalt" es auszeichnen.
      Das zweite mundartliche Lustspiel der Dichterin Der G'dnj-zeleroken , sieben Jahre später auch als Erzählung veröffentlicht, ist im Thema und in der Tendenz dem Erstlingsdrama verwandt, wieder wird ein beliebtes Motiv, das Heilen menschlicher Gebrechen durch wohlmeinende List, verwertet, nur daß es diesmal ein weiblicher 'Hausdrachen" ist, dem durch einen gelungenen Bühnentrick die Hartherzigkeit ausgetrieben wird, zum Segen des Haus- und Ehefriedens. Auch in diesem Stück vertritt die Dichterin die Ansicht, daß keine der traditionellen Schranken die Zuneigung zweier Menschen vereiteln darf. Symbolkräftig steht hierfür der Titel des Stückes, und strukturbildend wirkt das Motiv des 'Rockenzerbrechens", eines Brauches, der dem Burschen erlaubt, sich vor aller Augen zu der Geliebten zu bekennen, indem er am letzten Spinnabend des Jahres den Günzelrocken des Mädchens zerbricht. Die Komik der Charaktere und Situationen hat dem Stück einen großen Publikumserfolg gesichert, wenn auch oft die Lehrhaftigkeit allzu eindringlich offenbar wird und dem zeitlich abgerückten Zuschauer die Aufdeckung von Mißständen im damaligen sächsischen Schulwesen Vergangenheit bedeuten. Ebenso besteht eine Diskrepanz zwischen deftiger Situationskomik und den oft übergangslosen lyrischen Einlagen, so 'daß keine einheitliche Grundstimmung aufkommen kann".
      Das Problemdrama in drei Akten De Olden ist ein Diskussionsstück über das Verhältnis zwischen der inneren Haltung des Einzelnen im gesellschaftlichen Konnex und dem veränderten wirtschaftlichen und geistigen Leben. Die Handlung spielt um die Jahrhundertwende, eine Zeit grundlegender Wandlungen in der siebenbürgischen Landwirtschaft. Der sächsische Bauer steht vor der Alternative: den Konkurrenzkampf aufzugeben und Lohnarbeiter zu werden oder das Leben und die Tradition des kargen, aber freien Bauerntums weiterzuführen. Dieser Gegensatz tritt im Drama als Konflikt zwischen Vater- und Sohngeneration in Erscheinung. Eine Lösung kann angestrebt und erreicht werden, da die Dichterin auf Schwarz-Weiß-Malerei der Charaktere verzichtet, vor allem aber da sie ihre Ansicht auf die Gestalten überträgt, die einsehen, daß 'die alte Zeit" überholt ist, daß es unumgänglich ist, neue Lebensformen anzunehmen, daß aber die innere Lebenshaltung, gebildet und gefestigt im Sinne des Gemeinschaftsgeistes, weiter gefördert werden muß. In Aufbau und Sprachführung ergeben sich bedeutende Unterschiede zum ersten Drama der Dichterin. Da dies ein Diskussionsdrama ist, muten die Szenen arrangiert an, die Sprache ist — der Problematik adäquat — gewichtig, 'alles wird ausschließlich auf die thematische Auseinandersetzunghin angelegt". Die Lösung wird rein äußerlich durch einen 'Fingerzeig Gottes" — einen Blitzschlag — herbeigeführt, was aber nicht unmotiviert bleibt, da der Glaube als Erziehungsfaktor für das überlieferte Ethos bestimmende Funktion hatte.
      Außer den bisher genannten mundartlichen hat A. Schuller-Schullerus auch hochdeutsche Dramen verfaßt; sie haben, da es meist Gelegenheitsdichtungen sind, wenig Breitenwirkung erlebt.
     

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Anna  Schuller-Schullerus  -  dramatik    





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