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Anemone Latzina - WENN SIE MAL



Wenn Sie was zu sagen haben,sagen Sie es mir.

      Ich wohne in Europa,
Ecke Nummer vier.
      Gleich wenn Sie 'reinkommen,erste Türe rechts,hier sagen Sie was Sie sagen wollen,beiderlei Geschlechts.
      Wenn Sie mal 'nen Schmerz haben,bringen Sie ihn mir.

      Ich wohne in Europa

Ecke Nummer vier.
      Gleich wenn Sie 'reinkommen,erste Türe rechts,da lassen Sie was Sie lassen wollen,beiderlei Geschlechts.
      Wenn Sie mal 'nen Wunsch haben,kommen Sie zu mir.

      Ich wohne in Europa
Ecke Nummer vier.
      Gleich wenn Sie 'reinkommen,erste Türe rechts,da krieg'n Sie was Sie haben wollen,beiderlei Geschlechts.
      Und wenn Sie dann noch 'nen Hund brauchen,kommen Sie zu mir.

      Ich wohne hier und heute
Ecke Nummer vier.
      Gleich wenn Sie 'reinkommen,erste Türe rechts,da krieg'n Sie was Sie haben wollen,beiderlei Geschlechts.
      Anemone Latzina wurde 1942 in Kronstadt geboren. Hier besuchte sie das Gymnasium und ging anschließend an die Bukarester Universität. Studierte Germanistik bis 1968. Von da an in Bukarest, zunächst Redakteur bei der rumänischen Wochenzeitung für Außenpolitik Lumea, dann ab 1969 bei der Neuen Literatur. Ehe mit dem ungarischen Schriftsteller Szäsz Janos. Reisen ins Ausland u.a. in die DDR, die Bundesrepublik Deutschland und nach Frankreich. Erstveröffentlichung 1964 in der Bukarester _ Tageszeitung Neuer Weg. Seither relativ selten und mit Unterbrechungen Gedichte in den deutschsprachigen Periodika des Landes. Mehrere Übersetzungen aus dem Ungarischen und Rumänischen. Für 1971 berettet der Klausenburger Dacia Verlag ihren Debütband vor.
      Anemone Latzina hat sich bereits mit frühen und frühesten Veröffentlichungen von ihren schreibenden Altersgenossen abgehoben. Ihre ersten Gedichte schlössen willentlich und wissentlich nicht an die Überlieferungen rumäniendeutscher Lyrik an. Temperament und Bildungserlebnisse scheinen gleicherweise hier mitgespielt zu haben. Die ersten Veröffentlichungen jedenfalls weisen in ihrer ironischen Grundhaltung, in Sprachgebrauch und Aus-sage zunächst auf die Neusachlichen der zwanziger Jahre in Deutschland, vor allem aber auf Bertolt Brecht hin. Daß solche Nachklänge in Anemone Latzinas Gedichten sichtlich werden,_ überhöht und bestätigt die kennzeichnende Linie ihrer Entwicklung, die insoweit eigenständig in Erscheinung tritt, als die Lyrikerin immer wieder bemüht ist, angelesene Strukturen konkret auf ihre eigene spezifische Umwelt zu beziehen und sie dadurch relevant zu finalisieren. Beispielhaft dafür ist das Gedicht Schlußfolgerung : Dies aber ist das Land in dem ich lebe. I Dies sind die Menschen. I! Das Gras ist grün, j Der Schnee ist weiß. I Der Himmel hoch. / Das Volk macht mit. II Dies aber sind die Menschen. I Die Menschen in dem Land in dem ich lebe.
      Anemone Latzinas Lyrik lebt grundsätzlich von und im Gestus der Ironie. Die abwägende Skepsis sich selbst und der Welt gegenüber stößt^ die Dichterin in eine bewußte Distanz zum Existenziellen hinaus. Das ist bei ihr kein heiteres Spiel, sondern ein Akt äußerster, oft sogai physisch schmerzlicher Willensanstrengung, eine Modalität der Selbst-bewahrung und Bewahrung der Welt in schwierigen und schwerwiegenden Zeitläuften. Ich will es mir unbequem machen, heißt es im Gedicht Am Morgen, und damit sagt Anemone Latzina über sich und ihr Dichten Wesentliches aus. Von dieser Haltung ausgehend, begibt sich die Lyrikerin in die Bereiche der Objektivität, der Umwelt und legt folgerichtig fordernd fest: Ich träume von roten Legionen, / schenkt mir zum Frauentag Patronen, I dann geht's!
In die Kreise dieser grundsätzlichen Problematik, die sich im gegensätzlich-fragwürdigen Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt polarisiert, schreibt sich auch das Gedicht Wenn Sie mal ein. Es erschien in Heft 7/1970 der Bukarester Monatsschrift Neue Literatur. Andere Lesarten der vier Strophen sind nicht abgedruckt worden.
      Schon der Titel des Gedichtes ist aussagend. In seiner Umgangs-' sprachlichen Aufforderung erniedrigt er ironisch nicht nur den mit Sie gemeinten Gesprächspartner , sondern vor allem selbstironisch die Sprecherin, indem er nämlich an die unmißverständliche Einladung anklingt, mit der Strichdamen aus aller Welt vorbeigehende Herren nächtens einhaken. Das will letztinstanzlich auf eine möglichst wirksame Unterkühlung des spätei im Gedicht Gesagten hinaus.
      Die ersten beiden Verszeilen stellen gleich ein Essentielles ins Gedicht: Wenn Sie was zu sagen haben, / sagen Sie es mir. Essentiell, weil das Sagen, das Mitteilen oder sich Mitteilen zu den fragwürdigsten Unternehmungen des Individuums im babylonischen Sprachgewirr des 20. Jahrhunderts wurde. Es gehört zu den erschreckendsten Erfahrungen im Europa des letzten Jahrhunderts, daß sich zwischen Mensch und Mensen eine klaffende Auskunftslosigkeit breitgemacht hat, die kaum übertönt werden kann. Als eine der wenigen Modalitäten, diese Un-Schallmauer zu durchstoßen, bleibt die Ironie, das heißt die schwebende und gleichzeitig kritische Distanz zur Realität. Und gerade hier versucht sich die Dichterin zu lokalisieren. Indem sie nämlich in den nächsten vier Verszeilen scheinbar sachliche Angaben über ihren Wohnort macht und dabei dennoch die Unbestimmtheit ihrer konkreten Existenzweise beibehält, stellt sie sich selbst in die Bereiche ironischer Schwebe und Ambivalenz. Nicht zufällig kehren diese Verse als bänkelsängerischer Kehrreim in den ersten drei Strophen des Gedichts wieder: sie sind defi-nitorisch.
      Nach solcher Festlegung schließt sich denn auch der Kreis der acht ersten Verse in erweiterter und vertiefter Ebene: es kann hier gesagt werden, was Sie sagen wollen, es bestehen also in der ironischen Schwebe nicht lediglich Möglichkeiten der Mitteilung, sondern die Gelegenheit zur freien Aus-sage, was unter den Umständen einer angewachsenensozialen Determinanz, in Zehen unabdingbarer gesellschaftlicher, also außerindividueller Bindungen sich als Rettung darstellt. Durch den Hinweis beiderlei Geschlechts wird das - im wiederum ironischen Anklang an die Aufforderung aus dem Titel - nur bestätigt.
      Die zweite Strophe lotet einen weiteren Bereich individueller Existenz aus. Nach Überbrückung des Schweigens zwischen Mensch und Mensch wird die Frage des Leidens berührt. Man kann das Leiden, einmal in der Mitteilung gebannt, dalassen, es weiterreichen an den andern und sich auf diese Weise von ihm befreien. Es besteht die seltene Chance, Tröstung zu finden durch das Zustandekommen einer Zweisamkeit. Mehr noch, in der dritten Strophe werden sogar Wünsche erfüllt, wenn auch diese Erfüllung hier ganz besonders unterkühlt auf das Wenn Sie mal des Titels bezogen wird. Denn der Hinweis da krieg'n Sie was Sie haben wollen, I beiderlei Geschlechts gibt sich als direkte Anspielung, wirkt plötzlich gar nicht mehr befreiend und distant, sondern eher konkret und dadurch absurd.
      Und hier bricht denn auch der bisher mögliche Ausweg ab. Was jetzt noch kommt, ist nicht mehr potentielle Rettung in der Ironie, sondern ein erschreckendes Abstürzen und Verharren im Sarkasmus. Schon das Und vor dem jeweils an den Strophenanfang gesetzten wenn kündigt den Umbruch an, indem es den bisherigen Sprachfluß unterbricht, den Umbruch, der sich in den ersten beiden Versen der letzten Strophe so realisiert: Wenn Sie dann noch 'nen Hund brauchen, I kommen Sie zu mir. Es handelt sich hier nicht um ein auf Nummer vier . mitwohnendes possierliches Haustierchen, sondern offenbar um die höhnische Herabwürdigung des eigenen Ich auf ein Tierisches. Der Versuch einer Bewahrung in der Distanz hat völlig fehlgeschlagen. Und es wirkt sich der Zusammenbruch sogar auf den bisher fixen Kehrreim aus: Ich wohne nicht mehr in Europa, sondern hier und heute. Diese Redewendung wird bewußt herangezogen am Tiefpunkt des Gedichts. Sie ist seit Jahrzehnten im Umgang, nicht selten als leere Losung, die - eben wenn und weil sie gedankenlos und hohl ist - ernste Folgen zeitigen kann. In dieser Situation kann es auch nicht anders sein, als daß in den letzten beiden Versen die konkrete Anspielung aus der vorhergehenden Strophe unflektiert wiederkehrt.
      So stellt sich dieses Gedicht folgerichtig durchstrukturiert, und damit poetisch durchaus realisiert dar. Das reicht bis in seinen sprachlichstilistischen Habitus, der nirgends ins Überhöhte und Schwulstige umschlägt, sondern mit adäquaten Mitteln der Alltagssprache die Aussage eindeutig und dennoch lyrisch schwebend ans Licht treten läßt.
     

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Anemone  Latzina  -  WENN  SIE  MAL    





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