Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Als beispielhaft dargestellt - doch kaum gekannt: Die aktivistische Czernowitzer Zeitschrift ,Der Nerv' (I9I9)

Als beispielhaft dargestellt - doch kaum gekannt: Die aktivistische Czernowitzer Zeitschrift ,Der Nerv' (I9I9)



Paul Raabe begründete in der Einleitung zum ersten der 18 Bände seines Index Expressionismus die Bedeutung der in Frage kommenden Zeitschriften, Jahrbücher und Anthologien der Zeitspanne 1910-1925, die in Deutschland, Ã-sterreich und in der Schweiz erschienen sind, folgendermaßen: '[Sie] waren in einem heute nicht mehr nachvollziehbaren Maße Schauplätze und Zentren der literarischen und künstlerischen, der geistigen und politischen Auseinandersetzung" } Er wies auch darauf hin, daß 'es unendlich Mühe [machte], die meist kurzlebigen Zeitschriften oder die entlegenen Anthologien überhaupt zu ermitteln, aber gerade die Sammelveröffentlichungen [...] führen die Namen der zahllosen Autoren vor Augen, die im Expressionismus schrieben und den Geist jener Zeit bestimmten" } Da die einzelnen Autoren nur namentlich - allerdings in verschiedenen Konnexionen - erfaßt wurden, fehlt in den über 37.000 sich wiederholenden Angaben jeder Hinweis, der es erlaubte, diejenigen expressionistisch-aktivistischen Dichter zu identifzieren, die nach dem November 1918 und im Jahre 1919 in den Gebieten tätig waren, die nunmehr zu Großrumänien gehörten.

      Dasselbe gilt für Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus , eine Biobibliographie, in der Paul Raabe und Ingrid Hannich-Bode eine Einteilung nach den Geburtsorten bieten: Aus dem Königreich Ungarn stammen der Siebenbürger Erik-Ernst Schwabach und der Banater Hans Kaltneker , aus -Rumänien Jakob Levy Moreno , der als Begründer der Soziometrie von großer Bedeutung, als junger Expressionist und Herausgeber aktivistischer Zeitschriften noch wenig bekannt ist. Die Bücher dieser Autoren sind nur im einheitlichen deutschen und amerikanischen Sprachraum erschienen und ihre Kontakte 1919 zum Kulturleben Großrumäniens unbeachtlich. Zu unterstreichen ist, daß kein Buchenländer als solcher erwähnt wird, obwohl u.a. der aus Czernowitz stammende Erich Singer 1913 in Leipzig einen Bukowiner Musenalmanach herausgebracht hat.
      Der gut dokumentierten plötzlichen Vermehrung bzw. Entstehung von mehr oder minder eindeutig expressionistischen und engagiert pazifistischen Zeitschriften und Jahrbüchern im einheitlichen deutschen Sprachraum 1916-1920 steht eine vergleichbare explosive Entstehung geistesverwandter, kurzlebiger Zeitschriften innerhalb der Grenzen Großrumäniens in der Zeitspanne 1919-1921 gegenüber. Es handelt sich um ,Das Ziel' , das den Titel vom Kurt Hiller'schen Vorgänger übernahm, um ,Das Neue Ziel' , um die Hermannstädter Periodika ,Ostland' und ,Frühling' , um dasTemeswarer ,Erwache' , um die Czernowitzer Blätter ,Der Nerv' und ,Das Licht' und um das ,Ostland-Jahrbuch für das Jahr 1921'. Wie durch Aufsätze von Dietmar Hellermann, Peter Motzan, Stefan Sienerth u.a. belegt, war die Ausrichtung der siebenbür-gischen Periodika nicht einheitlich: ,Ostland' I und .Frühling' waren eklektisch, erste-res mit völkischem Einschlag, das zweite noch im Banne des Impressionismus, ,Das Ziel' war weitgehend aktivistisch und begrüßte deshalb die Bukowiner Blätter als 'Kampfgenossen"; das von Nandor Herczog edierte ,Erwache' war vorrangig pazifistisch mit aktivistischem Einschlag.
      An der Priorität der deutschen und dann auch der österreichischen expressionistisch-engagierten Zeitschriften in all ihren Schattierungen gegenüber den mehr oder minder entsprechenden 'rumäniendeutschen" Periodika, die ab 1919 erscheinen, konnte und kann nicht gerüttelt werden, desto mehr aber an der angenommenen quasi-totalen Abhängigkeit. Für Richard Csaki , den Herausgeber des ,Ostland' I, ebenso für den Kultur- und Literaturhistoriker Karl Kurt Klein u.a. war durch das Ende des Krieges und durch die - meiner Meinung nach verabsolutierte - Isolierung infolge der Kappung der Verbindungen zu Deutschland und Ã-sterreich eine Situation entstanden, in der eigene Periodika ent- und bestehen konnten. In seinen allerdings erst 1958 erschienenen Memoiren schildert Egon Hajek den damaligen Antrieb der Kronstädter Intellektuellen, 'sich selbst zu helfen, in erhöhtem Maße zu schreiben" . DieseThese sollte Jahrzehnte später von Horst Schuller Anger und anderen wiederaufgenommen werden. Heutzutage mehren sich die Stimmen, die die Titelübernahmen , das Nachdrucken von Texten - etwa von Hiller und Rubiner im ,Nerv' -, die vergleichbare 'Modernisierung" der Ausdrucksweise durchaus nicht als platte Nachahmung ansehen, sondern - in den Worten Zoran Kon-stantinovic - als 'eine kreative Rezeption, die eine Disposition voraussetzt", und letztere war zweifelsohne gegeben.
      Hatte sich die rumänische Literaturwissenschaft traditionsgebunden vorwiegend auf die Vorbildrolle der französischen Avantgardisten konzentriert - auch weil es bekannte zweisprachige Mittler wie Tristan Tzara und Benjamin Fondane gab -, so lenkte Ov. S. Crohmälniceanu wiederholt und insbesondere in seinem Standardwerk Literatura romänä si expresionismul die Aufmerksamkeit auf die Mittlerfunktion der deutschen Periodika Großrumäniens in den ersten Jahren nach dem Weltkrieg, und dieser Hinweis führte auch zu einer erhöhten Forschertätigkeit. Crohmälniceanu vermerkte ausdrücklich, daß er das paradigmatische, dem Aktivismus verpflichtete Programmatische Manifest des ,Nerv' im Kronstädter,Ziel', Nr. II 1919, studiert habe, da er das Czernowitzer Periodikum in keiner der staatlichen Bibliotheken gefunden hatte. Die meisten anderen Forscher reihen ,Das Ziel' und das ,Licht' aneinander, zitieren aus dem Kronstädter Nachdruck der beiden programmati-schenTexte und lassen es im dunklen, daß ihrWissen nur auf dem Nachdruck fußt und daß ihnen die Zeitschriften als solche quasi unbekannt sind. ° Dort, wo die Kenntnisse sozusagen aus dritter Hand stammen - etwa aus Crohmälniceanu über Buchbesprechungen -, kommt es zu Ungenauigkeiten wie in Richard Brinkmanns Expressionismus, da der ,Nerv' zusammen mit dem ,Licht' und dem ,Klingsohr' [!] in einem Halbsatz undifferenziert aneinandergereiht wird. Ein vielleicht vergleichbares proce-dere findet man in Raabes Index, in dessen Liste von hundert ausgewählten expressionistischen Zeitschriften auch ,Proletkult' figuriert, obwohl kein einziges Exemplar des Periodikums aufgetrieben werden konnte und es Hinweise darauf nur aus anderen Quellen gibt.

     
   Zur Zeit seines Erscheinens war der ,Nerv' in Kronstadt und Hermannstadt bekannt, wurde teils aufs wärmste begrüßt, teils kritisch reserviert betrachtet. In den einleitenden Worten zum Abdruck der Programme vom .Nerv' und vom ,Licht' heißt es im ,Ziel': 'Ein Gemeinschaftliches durchzittert diese Blätter: Jugend, Fortschritt, Wahrheit, Kampf [...]. Im Sinne der Verjüngung des Volksgeistes, der Veredlung der Menschlichkeit begrüßen wir den ,Nerv' und das ,Licht' und reichen unsere Hände den Kampfgenossen ins Buchenland hinüber." In der Rubrik Zeitungen und Zeitschriften des ,Ostland' I bemerkte R[ichard] Cs[aki], der es 1936 zum Direktor des Stuttgarter Auslandsinstituts bringen sollte, daß sich 'diese neue deutsche Zeitschrift [d.h. ,Der Nerv'] in der Bukowina in vorwiegend schöngeistigen Bahnen [bewegt]; wo sie sich auch sozialen u.a. Zeitfragen zuwendet, vertritt sie den radikalen Standpunkt einer internationalen Literatur-Jugend .'' Eine ebenfalls von Csaki mit Initialen signierte Beurteilung erschien in der Hermannstädter ,DeutschenTages-post', Nr. 125/1919, und der ,Nerv' druckte diese beileibe nicht günstige Rezension in der Nr. 12 vom 28. Juni 1919 unter der trotzigen Ãoberschrift Selbstanzeige nach. Csaki wies darin auf die Gemeinsamkeiten zwischen dem ,Ziel' und dem ,Nerv' hin, darunter auf die große Kritikbereitschaft und die 'Formlosigkeit als gewolltes Mittel", und bescheinigte den Mitarbeitern der Czernowitzer Zeitschrift die Zugehörigkeit zu einem 'echten, rechten Sturm und Drang". Abschließend heißt es: 'EinenTon allerdings [...] vermisse ich in der Skala dieser beiden Zeitschriften - den völkischen. Wie ist es doch möglich, daß unsere Lebensfrage über lokalen Theaterskandalen [...] einerseits und den großen Menschheitsfragen andererseits so ganz vergessen wird?
Wenn ich die Kronstädter ,Zielgesellschaft' nicht so gut kennte, ich könnte aus diesem einen Umstand fast darauf schließen, daß internationale Literaten nichtarischen Geblütes hinter der Zeitschrift stecken."
Nur kurz darauf, und zwar in seinem ausgewogenen Ostdeutsche [n] Brief aus Rumänien, der 1920 in zwei Folgen des Berliner ,Literarische[n] Echos' erschien, entwarf Oscar Walter Cisek ein Panorama der damaligen deutschen Literatur in Großrumänien und erkannte in Alfred [später Margul-]Sperber und Rieh Lieh die größten lyrischen Begabungen; in späteren Jahren sollte sich Heinrich Zillich von diesen seinen Jugendsünden' distanzieren: 'Als meine Heimat Rumänien zufiel [...], erregte die sich genialisch gebärdende kurzlebige Zeitschrift ,Das Ziel' in Kronstadt die Deutschen Siebenbürgens; ich [wurde] ihr meist gedruckter Hausdichter und gewann auch den 1. Preis ihres literarischen Wettbewerbs mit dem Gedicht, das erschröcklich Blutlied hieß und das ich heute nur mit Heiterkeit zu lesen vermag. Es machte mich ,berühmt' und verschaffte mir Gelegenheit, die ,ars amandi' zu lernen." Zum Buchenländer 'Kampfgenossen" des ,Ziel' heißt es anerkennend bei Cisek: 'Der ,Nerv' war eine aktivistische Zeitschrift, die, von einer Gruppe junger Dichter aus der Bukowina herausgegeben, in Czernowitz erschien und nach dem 13. oder 14. Heft verschwand. Schade, daß man sich allzu oft kleinen Skan-dälchen hingab [...]. Der Lyriker Aflfred] Sperber veröffentlichte hier die Novelle Die Tscherigowna, die stilistisch stark von Kasimir Edschmid beeinflußt ist. Jedenfalls war der ,Nerv' die einzige ostdeutsche Zeitschrift, die Originalbeiträge von Heinrich Mann und Franz Werfel erhalten hatte. Ich möchte hier nicht zuviel sagen, daß aber auch diese Zeitschrift Existenzberechtigung hatte, ist gewiß."
Es ist augenscheinlich, daß der ,Nerv' 1920 für Cisek zugänglich war, und zwar wenigstens bis zur Nr. 12 vom 28. Juni 1919, ist doch das Gedicht Werfeis in dieser Folge erschienen; es ist anzunehmen, daß der Rezensent die Nr. 13 vom 12. Juli, die nur aus der polemischen Beilage Der Galgen bestand, nicht mehr zu Gesicht bekam, vermutlich ebenso nicht die Nr. 14 vom 12. September 1919, auf deren letzter, der Seite 130 der Zeitschrift, die nicht mehr verwirklichte Ankündigung prangte, der ,Nerv' würde 'ab 1. Oktober [1919] wieder halbmonatlich erscheinen".
      Fast ein Jahrzehnt sollte vergehen, bis Alfred Margul-Sperber im Feuilleton des ,Czernowitzer Morgenblatts' in acht Folgen einen Der unsichtbare Chor überschrifte-ten Entwurf eines Grundrisses des deutschen Schrifttums in der Bukowina veröffentlichte, in dessen Folgen Vund VI er sich mit dem ,Nerv', mit dessen spiritus rector Albert Maurüber und mit den Leistungen der Mitarbeiter 'aus der klärenden Distanz von Jahren" auseinandersetzte.

     
   Sperber beurteilt die Dichtungen und Prosatexte Maurübers als das Beste in der Zeitschrift, wirft dem Autor aber vor, sich und die Zeitschrift zu sehr in Auseinandersetzungen und Polemiken nicht nur literarischer Natur verwickelt zu haben - auch, daß 'die Tscherigowna sich eine starke Umarbeitung durch Maurüber gefallen lassen mußte." Trotzdem hielt er dem ,Nerv'-Herausgeber zugute, daß dieser 'die jungen Kräfte, die sich um das Banner des ,Nerv's geschart hatten, außerordentlich gefördert und befruchtet [hatte]." Viele Mitarbeiter der Zeitschrift erwähnt Sperber nur kursorisch, für einige findet er Worte des Lobes wie z.B. für den 'feinsinnigen Essayisten" Ernst Maria Flinker und für den nicht nur durch Gedichte, sondern auch durch Aphorismen, Kunstprosa und aktivistische Texte vertretenen Artur Kraft ; außerdem hebt Sperber 'die schwerflüssigen, aber gedankentiefen Aufsätze von LotarWurzer-Rädäceanu und seine mit dem Pseudonym R. Hart gezeichneten eigenartigen Gedichte und Eminescu-Ãobersetzungen" hervor.
      Wurzer , der noch in den zwanziger Jahren deutsche Gedichte veröffentlichte, die er mit dem Anagramm Walter Rohuz signierte, wandte sich in zunehmendem Maße der Politik zu, wurde 1927 als L. Rädäceanu Generalsekretär der rumänischen sozialdemokratischen Partei bis zu deren Verbot 1938, wirkte im Widerstand, und führte 1948 die wiedererstandene Partei als ein 'Grote-wohl" der KP zu. Während seiner letzten Lebensjahre war er Arbeitsminister und Ordinarius des Bukarester Lehrstuhls für Germanistik, in dessen Rahmen er mir, einem seiner Assistenten, den Auftrag gab, das 'rumäniendeutsche" Schrifttum und die Periodika nach 1918 im Hinblick auf ihre literarische Ergiebigkeit zu erforschen, erwähnte in diesem Zusammenhang das ,Neue Ziel' und den ,Nerv', verschwieg aber, daß er Mitarbeiter der beiden Zeitschriften gewesen und auch im Besitz einer Kollektion des Czernowitzer Blattes war.
      Jahrelang mußte ich mich wie Crohmälniceanu mit dem ,Ziel'-Nachdruck des Programmatischen Manifests des ,Nerv' begnügen. Margul-Sperber, über den ich wiederholt geschrieben hatte, ließ mich lange zappeln, erbarmte sich schließlich meiner und lieh mir um 1963/64 ein leider lückenhaftes Konvolut des ,Nerv' aus dem Nachlaß Albert Maurübers; ich konnte es über die Universität fotographieren und zwei Abzüge herstellen lassen. 1971/72 schenkte mir Bruno Cornel Skrehunetz-Hillebrand , ehemaliger Redakteur der Czernowitzer ,Deutschen Tagespost' und dann bis 1968 Redakteur des in Salzburg redigierten ,Südostdeutschen', einige ,Nerv'-Hefte, die aus dem Nachlaß Hans Hammerstein aus Kirchdorf/OÃ- stammten. So konnte ich das vorher Fotokopierte größtenteils vervollständigen und zwei ,Nerv'-Reproduktionen herstellen, von denen ich die erste der Bukarester Zentralen Universitätsbibliothek übergab, die zweite hingegen meinem Archiv 'rumäniendeutscher" Literatur einverleibte.
      In dem erst 1987 erschienenen Katalog der 1919-1924 in Rumänien edierten Zeitungen und Zeitschriften werden für den ,Nerv' folgende Standorte genannt: die Zentrale Universitätsbibliothek verfügt über die von mir über-gebene Fotokopie, in der Brukenthal'schen Bibliothek in Hermannstadt liegen die Hefte 1 und 5-8 und in der nur wenigen 'vertrauenswürdigen" Lesern zugänglichen Bücherei des Instituts für historische und sozial-politische Studien des ZK der rumänischen KP wird eine alle 14 ,Nerv'-Hefte umfassende Kollektion aufbewahrt, die Lotar Wurzer gehört hatte und die, zusammen mit seinen Manuskripten und Drucksachen, nach dem Ableben seiner Frau Eugenia Rädäceanu 1974 in diese Bibliothek gelangte.

     
   Habent sua fata libelli: 'Meine" Fotokopie ist während der Revolution vom Dezember 1989 im Gebäude der B.C.U. zusammen mit den meisten Büchern, Dissertationen und älteren Periodika verbrannt, das Feuer war nicht nur in den Filmreportagen über den Volksaufstand zu sehen, sondern mir auch von befreundeten Professoren schriftlich bestätigt worden. Das Zweitexemplar ist mit meinem Archiv aus meiner Wohnung in Bukarest Anfang 1977 abtransportiert und in die Redaktion der Bukarester ,Neue[n] Literatur' verbracht worden, wo es im Sommerl von Hedi Hauser, Cheflektor des Kriterion-Verlags, in einer Abstellkammer in zerfleddertem Zustand und mit eindeutigen Lücken gesehen wurde. Meine schriftlichen Bitten um Kopien des ,Nerv'-Exemplars sind unerfüllt geblieben, inoffiziell ließ man mich wissen, die Verbote in bezug auf das 'nationale Patrimonium" seien auch nach 1989 gültig. Schon vorher wurde ganz amtlich gelogen; die Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek schickte 1984 und 1987 je einen internationalen Leihschein für den ,Nerv' an die B.C.U. - das erste Mal kam die Antwort 'nous n'avons pas" und das zweite Mal 'wir haben nicht".
      In diesem Zusammenhang ist noch folgendes aus der Vor-Perestroika-Zeit erwähnenswert: Nie wurde ein Schreiben der Bukarester Universität von der Universität Czernowitz beantwortet; wandte sich Bukarest in dieser Frage an Kiew, kam keine Antwort, ging es um Ukrainisches, wurde allerdings ausführlich und kompetent geantwortet. Der vor einigen Jahren verstorbene ältere Germanist Friedrich Tabak, Lektor an der Universität Czernowitz und gelegentlicher Mitarbeiter der Bukarester ,Neue[n] Literatur', - zuletzt mit je einem Aufsatz über Karl Emil Franzos und über die aus Czernowitz stammende Dichterin Klara Blum vertreten - ließ mir Ende der sechziger Jahre durch einen Verwandten, der Bukarest besuchte, sagen, die Czernowitzer Bibliothek sei 1940 und erneut 1944 von Deutschsprachigem, insofern nicht KP-konform, gesäubert worden und das Ãobrige in deutscher Sprache wäre nur mit Sondergenehmigung zu lesen - den ,Nerv' gebe es nicht. Mich ließ Tabak bitten, in der Bukarester Akademiebibliothek nachzusehen, ob die von ihm in Czernowitz edierte Zeitschrift ,Wandlung' dort vielleicht erhalten sei und ob ich ihm dies und jenes daraus ablichten oder kopieren könne. Ich war in der Lage, die Zeitschrift zu orten, doch war sie wie alles, was Bessarabien und die Nordbukowina betraf, sekretiert, und das Kopieren größerer Texte daraus verboten. Trotzdem soll ihm meine briefliche Mitteilung zu einer Aufstockung der Rente verholfen haben.
      Hierzu noch folgendes: Ins Manuskript der Anthologie Im Spiegel der Presse [...]-siehe Anm. 6 und 24- nahm ich auch L. Wurzers Beitrag Ãober das Verhältnis der sozialistischen Ãoberzeugung zum nationalen Bewußtsein2*" auf, der mir nicht nur gediegen, sondern auch - aus der Sicht der Redigierungsjahre des Bandes 1969/70 - 'aktuell" erschien. Auf höhere Weisung" forderte mich der Verlag auf, bei diesem Aufsatz auf die bei allen anderen anthologisiertenTexten vorhandene Angabe des Erscheinungsortes des Periodikums zu verzichten, da man so bemerken konnte, daß es sich um ein Buko-winer Blatt handle. Mein Einwand, diese Nicht-Angabe könnte erst recht auffallen, wurde nach einer Denkpause von 14 Monaten beiseite gewischt, denn ein 'Tabu [sei] eben ein Tabu". Der Band ging mit dieser Lücke doch in den Druck; es gelang aber, in eine bald darauf erschienene Buchbesprechung den Passus Im Spiegel der Presse .. ." einzuschmuggeln, und zwar als 'Abon entendeur salut!", als eine Einladung nachzudenken und nachzuforschen. In der [Nach-]Bemerkung zu Wurzers Aufsatz kritisierte die Redaktion des ,Nerv', d.h. Maurüber, daß das Nationale überbewertet werde, sei doch 'Kultur das Allumfassende, Unbedingte" und wären die Nationen nur 'die großen Vereinigungen jener, die auf einer Stufe der Kultur" stünden. Typisch aktivistisch-weltfremd!
Die sich in den letzten Jahren überstürzenden Wandlungen in Ost- und Südosteuropa haben auch das Bukowina-Tabu gebrochen und neue Entfaltungsmöglichkeiten für die Erforschung des buchenländischen deutschen Schrifttums geschaffen. 1990 konnten Germanisten der Jassyer und der Czernowitzer Universität Kontakt aufnehmen, und im Frühling 1991 wurde Dr. Andrei Corbea-Hoisie eingeladen, im Rahmen der Czernowitzer Universität über Paul Celan zu referieren. Bei dieser Gelegenheit stellte Andrei Corbea dem dortigen Dozenten Dr. Pjotr Rychlo die Frage nach dem ,Nerv'. Letzterer hat rezentissime in den Kulturseiten Czernowitzer ukrainischer Zeitungen und Zeitschriften Biobibliographien Paul Celans, Alfred Kittners, Else Kerens, aber auch Alfred Margul Sperbers, Georg Drozdowskis, Rose Ausländers u.a. veröffentlicht und gleichzeitig Ãobersetzungen von deren Gedichten dargeboten. Im Brief vom 11. Juli 1991 teilte mir Dr. Rychlo mit: 'Ãober den ,Nerv' habe ich leider nichts gefunden - weder in der Universitätsbibliothek, wo alter Fonds in schrecklichem Zustand ist, noch im [städtischen] Archiv. Die Zeitschrift selbst fehlt auch in den Katalogen."
Im Hinblick auf die Quellenlage sei zusammenfassend folgendes gesagt: Fast alle Erwähnungen des ,Nerv' und Zitate daraus fußen auf dem Nachdruck des Programmatischen Manifests im ,Ziel'; Richard Csakis Beurteilung der Zeitschrift in der ,DeutschenTagespost', als Selbstanzeige des ,Nerv' nachgedruckt , bezieht sich ausdrücklich nur auf die ersten acht Ausgaben des ,Nerv', und es handelt sich dabei wohl um die jetzt in der Brukenthal'schen Bibliothek aufbewahrten Exemplare . Die beiden fast vollständigen Kollektionen, und zwar die aus dem Nachlaß Wurzers und die aus meinem Archiv, standen mir nicht zur Verfügung; meine Angaben fußen auf dem Hammerstein'schen Konvolut, auf demjenigen, das Alfred Kittner für seine in der Bukarester ,Neue[n] Literatur' 1971 in zwei Folgen gedruckte Anthologie Gedichte aus der Bukowina [.. .] dem Maurüber-Sperber'schen Exemplar entnommen hatte, auf den Mitteilungen Ernst Maria Funkers, der mein Kollege am Bukarester Lehrstuhl für Germanistik sein sollte, und auf den Notaten und Auszügen des nach seiner Aussiedlung in Wien lebenden Forschers Erich Prokopowitsch - alles in allem auf mehr als dreiviertel des Inhalts der 130 fortlaufend numerierten Seiten des ,Nerv", die in zwölf Folgen erschienen, jedoch als vierzehn angegeben wurden, und zwar die erste Ausgabe retroaktiv als 1-2 und die kaum seitenreichere Nr. 9/10. Unter diesen Umständen ist die Herstellung eines wünschenswerten Registers zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich.
      Der ,Nerv' sollte eine ,Wochenschrift für Kultur' werden, wie im Untertitel der Nr. 1 angegeben und bei dem nächstfolgenden Heft Nr. 3 beibehalten wurde; ab Nr. 4, die am 12. März 1919 erschien, trugen alle Hefte den Untertitel ,Eine Zeitschrift für Kultur'. Die Ankündigung in der Nr. 14 vom 12. September 1919, daß der ,Nerv' ab 1. Oktober wieder erscheinen würde, blieb ein frommer Wunsch.
      Für die Kurzlebigkeit des ,Nerv' ist nicht nur der Widerstand der bloßgestellten, schockierten und wissentlich verleumdenden 'Bürger-Kanaille" verantwortlich, mit der sich die Zeitschrift in der Rubrik Der Galgen auseinandersetzte, die dann zur mitnumerierten Beilage Der Galgen. Ein Kampfblatt gegen Unkultur und schließlich als Sonderheft Der Galgen. Gartenfeste zum einzigen Inhalt der Nr. 13 wurde, sondern auch die sich beschleunigende Entwertung der noch zirkulierenden k.u.k.-Krone, was 'die Aufbringung der Druckkosten für jedes Heft fast unüberwindlich [machte] und nur durch Hilfe der Mitarbeiter bewältigt werden konnte." Im Mai begannen neuerlich die Verlegenheiten, bis Alfred Sperber Hilfe brachte. Noch gravierender war jedoch der Richtungsstreit, der den Kreis der Mitarbeiter entzweite und schließlich wohl zur Einstellung des Erscheinens führte. Im Heft 7 vom 27. April veröffentlichte Maurüber den Aufsatz Der Bolschewismus, die Sozialdemokratie und die Geistigen, in dem er sich vom politischen Sozialismus distanzierte, und Artur Kraft führte diesen Gedankengang in Für und über den Aktivismus im Heft 9-10 vom 29. Mai weiter, indem er die bekannten Thesen Ludwig Rubiners noch verschärfte; unter diesen Umständen hatten sich Lotar Wurzer und Ernst Maria Flinker der sozialistischen Partei zugewandt, und letzterer wurde im ,Vorwärts" aktiv, versuchte aber die persönliehen Beziehungen zu den ,Nerv'-Aktivisten aufrechtzuerhalten, was brüsk zurückgewiesen wurde, denn 'es [sei] unanständig, .Feststellungen' im ,Vorwärts' zu schreiben und die Hand zum Gruße hinzureichen."1" Die Auseinandersetzung führte dazu, daß die sozialdemokratisch geprägte Gewerkschaft der Buchdrucker die Fertigstellung des Heftes 11 vom Verzicht der .Nerv'-Redaktion abhängig machte, den Aufsatz Der Fall der Sozialdemokratie zu veröffentlichen; daraufhin erschien die Zeitschrift mit der blank gebliebenen, aber mit dem Aufsatzti tel versehenen Spalte - wie zur Kriegszeit.

     
   Den größten Raum in den 130 Seiten des ,Nerv' nehmen - so scheint es anhand der zur Verfügung stehenden Spalten und Notate - die Gö/gen-Rubriken und Beilagen ein. Es handelt sich dabei um Kritiken amTheater- und 'Gesellschafts"wesen, um das Umfunktionieren der Presse zur Werbetrommel der Prinzipale, um den Rummel der Wohltätigkeitsbälle und -Veranstaltungen, in den Worten Maurübers: 'Tolle Nacht [...] Die Stadt der Arbeitslosen tanzt. Nacht ohne Sorgen [...]. Die Stadt, der Hungertyphus droht, tanzt [.. .]."

   Es ist für den 'Zeitgeist" charakteristisch, daß die im ,Nerv' fragmentarisch dargebotene Kunstprosa der Mitarbeiter niemals finalisiert werden sollte, so Der dumpfe Sumpf' von Artur Kraft, Alfred Sperbers Die Tscherigowna und Albert Maurübers Gedichte und Das zerbrochene Tor . Bedenkt man Sperbers Einlassung über die Umarbeitung seiner Novelle durch Maurüber und die Ã"hnlichkeit zwischen dem Text Krafts und den beiden Fragmenten des ,Nerv'-Herausgebers, so muß man bei der Einschätzung der Erzählkunst von Kraft und des jungen Sperber vorsichtig urteilen.
      Bei den Gedichten der Czernowitzer ,Nerv'-Mitarbeiter herrscht hingegen eine große Vielfalt der Ausrichtung der Gestaltung. Formstreng ist z.B. Artur Krafts Sonett Aufruf- nach Golgatha!,m eine Einleitung zu einem rhapsodischen Appell, es mögen sich wenigstens fünfzig Männer der Stadt zu einer 'Gemeinschaft der Geistigen" bekennen. Kunstvoll und hermetisch angehaucht ist R. Harts Traum* aktivistisch 'pur" hingegen MaurübersTriptychon Mein Kamerad, dessen erster Teil Prosa, die beiden folgenden jedoch Verse sind. Ãoberhaupt gehen Verse und Prosa wiederholt ineinander über-so z.B. in Krafts Aufruf [...]. Für Richard Csaki war Ernst Maria Funkers Erotische Begegnung irgendwie überhitzt.
      Anhand des Manuskripts Die Lebensfahrt 1914-1921, das Alfred Kittner 1969 herausgab, und der Sperber'schen Gedichte im ,Nerv' ist es möglich zu umreißen, wie Maurüber seine redaktionelle Arbeit auffaßte: Sperbers Erweckung blieb unverändert, wurde jedoch ,aktivistisch' An die Geistigen umgetauft; bei der Frühfahrt im Schnellzug[e] wurde 'entgleiten" durch das ungewohnte 'vergleiten" ersetzt, das vielleicht zur Czernowitzer Umgangssprache gehörte. Bei der oft nachgedruckten und auch vertonten Ukrainische[n] Steppe wurde der vierte von den fünf Versen: 'Einsamer Vogel zieht", der mit '[...] Hirtenlied" reimt, durch 'Bist du nicht müd" ersetzt, was nur eine Assonanz ist - oder war dies ein Reim für Maurüber? In dem ersten Band, den Sperber nach Kriegsende veröffentlichen konnte, wurden die beiden letzten Verse durch 'ideologisch angepaßte" vom Dichter selbst ersetzt. Im Vorwort zum Sperber-Band Ausblick und Rückschau hat LotarWurzer-Rädäceanu dies gerügt, denn 'Gedichte sind immerhin, besonders wenn sie veröffentlicht wurden, bleibende Zeugen dichterischer Entwicklung. Sie können nicht aus derWelt geschafft werden." Und ich versuchte, 1971 in Sachen Sperber auf den Sack einzudreschen, damit es der allgegenwärtige Zensur-Esel spüre: 'Umdichtung ist nicht Neudichtung [...]. Er [Sperber] erlaubte sich mit diesen Gebilden [den Gedichten von 1914-1921] die meisten Verbesserungen' bzw. beugte sich den diesbezüglichen redaktionellen Wünschen ziemlich widerstandslos."

   Die von Wladimir [von] Zalozieckyi in Kunst und Revolution im ,Nerv' 4 vom 12. März initiierte Diskussion wurde nur mittelbar in den meist sehr kritischen Besprechungen von Aufführungen fortgeführt.
      Vergleichsweise viel Raum nimmt die Auseinandersetzung zwischen dem Studenten Friedrich Flinker und dem evangelischenTheologen Dr. Viktor Glondys ein, der die Nachfolge des Philosophen Richard Wähle an der Universität als Privatdozent angetreten hatte. Auf Flinkers panegyrische Darstellung der Lehre Wahles im ,Nerv', Heft 6 vom 8. April, folgte im Heft 7 die kritische Beurteilung des Bändchens Ãober Komponenten und Projektionen der Empfindung, das Glondys Anfang 1919 hatte drucken lassen. Die Zeitschrift brachte in der Nr. 9/10 vom 29. Mai einen ausführlichen Leserbrief des Dozenten, dazu eine überlange Entgegnung Flinkers; das Schlußwort der Leitung* gab - wen wundert es? - Flinker recht und unterband eine weitere Stellungnahme Glondys'. Glondys, der im ,Ostland' kompetent über die Czernowitzer Kulturszene berichten sollte, wurde etwas später Stadtpfarrer von Kronstadt und 1932 Bischof der evangelischen Kirche A. B. von 'Großrumänien", doch mußte er 1941 unter dem Druck der Völkischen von seinem Amt zurücktreten.

     
   Wie groß der Nachholbedarf an Informationen über wichtige Neuerscheinungen aus dem einheitlichen deutschen Sprachraum war, belegen die im Grunde verspäteten Buch- und Periodikapräsentationen im ,Nerv', wie z.B. Ernst Maria Flinkers Rezension von Franz Pfemferts Aktionsbuch, das 1917 in Berlin erschienen war, und der Nachdruck von Ludwig Rubiners Essay Mitmensch, den das Züricher ,Zeit-Echo' im Mai 1917 veröffentlicht hatte.
      Die kriegsbedingten Lücken im Informationsfluß haben nicht nur - wie in einem anderen Zusammenhang erwähnt - das Erscheinen des ,Ziel', des ,Ostland' I und des ,Nerv' mit verursacht, sondern auch das Plagiieren und Abkupfern wenigstens teilweise erleichtert und gedeckt. Richard Csaki hat dies in Verbindung mit derTitel-Illu-stration des ,Ziel' bloßgestellt und streng verurteilt: 'Wer wird mich jetzt erwischen? so kalkuliert der geistige Schieber. Meistens wird er recht behalten. Wissen wir, ob alles, was da an kühnen literarischen Produkten aufgetaucht ist, unter dem richtigen Namen segelt?" Ernst Maria Flinker stellte im ,Nerv', Nr. 3 vom 17. 'Jänner" fest, daß die Inhaltsangabe der Versunkenen Glocke Gerhart Hauptmanns in einerTheater-kritik fast wortwörtlich aus Eduard Engels Literaturgeschichte abgeschrieben worden war. S[alus] M[arkus] entlarvt in der Nr. 14 vom 12. September 'die Plagiatorenbande Porubsky - Licht". Dagobert Runes , der damals blutjunge Mitherausgeber des ,Licht', später Direktor der New Yorker 'Philosophical Library", Lexikograph, Herausgeber und zweisprachiger Publizist, hat wohl während seines bis 1922 dauernden Aufenthalts in Czernowitz die ihm zugänglichen Exemplare der Zeitschrift vernichtet, was in seinem Brief an Erich Beck von 1989 nicht ausdrücklich geleugnet wird.

     
   Nachdem es im Frühsommer 1919 schien, daß der ,Nerv' nicht weiter ediert würde, bemühte sich Arnold Schwarz, den Der Galgen [...] wiederholt bloßgestellt hatte, Maurüber und die Seinen nachträglich anzuschwärzen, und da kam ihm der Brief eines angeblichen ,Nerv'-Mitarbeiters zupaß, der Arthur Kraft und Albert Maurüber des Plagiats bezichtigte, sie hätten von Richard Wähle u.a., aber insbesondere von Karl Kraus, 'abgeschrieben". Diesen Brief veröffentlichte nun Schwarz und 'glossierte ihn mit Injurien". In ihm, zu dessen Autoren sich A. Oberländer im ,Vorwärts' und implizite Salus Markus im ,Nerv' bekannten, wurde Kraus zum Mitarbeiter 1908 des ,Simplicissimus' gemacht, ihm wurde ein nicht existierender Aufsatz Birnbaumbach zugeschrieben, und einige frei erfundene Aphorismen wurden als aus dem Kraus'schen Sittlichkeit und Kriminalität abgekupfert angeführt. Aber - so Salus Markus: 'Dieses - die einzige Karl-Kraus-Nachahmung, die man uns vorwerfen könnte, - [war], daß wir A. Schwarz einen Grubenhund aufgetischt haben." Die beiden Autoren hatten auch gewollt, die 'Bildungslosigkeit des ,lesenden' Publikums" zu entlarven, wo doch 'jeder, der jemals die Umschlagseite einer,Fackel' gelesen hatte", die falschen Anschuldigungen als richtig ansah. ^ Es mag auch eine Rolle gespielt haben, daß die Belieferung der Bukowina mit ,FackeP-Exemplaren bis 1922 nur sporadisch erfolgte. Kein Wunder, daß dem Galgen schon sehr früh, und zwar im Heft 4, das Motto 'Karl Kraus gewidmet" vorangestellt wurde. Ungleich positiver schilderte Rose Ausländer die 'Kraus-Gemeinde": 'K. Kraus hatte in Czernowitz eine große Gemeinde von Bewunderern; man begegnete ihnen, die .Fackel' in der Hand, in den Straßen, Parks, Wäldern und an den Ufern des Pruth [.. .]".
      In den frühen ,Nerv'-Heften gab es keine Quellenangabe für den 'Schnitt", wie z.B. für die Worte zur Tat. Völkerbund, Militarismus und Zensur im Heft 4 vom 12. März, das Aussprüche von LeoTolstoi, Lichtenberg und Ludwig Börne u. a. vereint. In den späteren Heften wird auf die Sammelbände der Kriegszeit hingewiesen, aus denen 'Schnitt" übernommen wurde - so z.B. aus Kurt Hillers zweitem ,Ziel-Jahrbuch: Tätiger Geist' die Beiträge von Ludwig Rubiner, FrankThieß und Leo Matthias und aus dem Jüngsten Tag' des Kurt Wolff-Verlags die Gedichte von FranzWerfel und Georg Heym.
      Für die Autoren des ,Nerv' war nächst dem Nehmen, dem Nachdrucken u. dgl., das Geben wichtig, das Wirken über die Enge der Bukowina hinaus. So z.B. hatte Maurüber schon 1918 im Brünner ,Mensch' seine Roxana veröffentlicht und deren leicht veränderten Text in Heft 3 des ,Nerv' nachgedruckt. Wohl aus den erhaltenen Belegexemplaren hat er dann Heinrich Manns Der Bruder für den ,Nerv' übernommen. Daß Spiegel im Kerker von Ivo Andric , dem Nobel-Preisträger von 1961, im ersten ,Nerv'-Heft erschien, geschah im Austausch gegen ein Gedicht Sperbers, das im viersprachigen ,Zenit' abgedruckt wurde. Horst Schuller Anger hat hervorgehoben, daß die aktivsten 'auswärtigen" Mitarbeiter des ,ZieP und des ,Neuen Ziel' Bukowiner gewesen sind; von den fünf Betroffenen, die er aufzählt, sind vier ,Nerv'-Mitarbeiter, und zwar Sperber, Ernst Maria Flinker, Salus [Karl Sebastian] Markus und Lotar Wurzer.
      Am intensivsten waren die bisher übersehenen Verbindungen zwischen dem ,Nerv' und der Wiener Zeitschrift , Aufschwung', deren zehn Hefte vom Februar bis zum November/Dezember 1919 erschienen sind. Programmatisch sind sich die beiden Periodika sehr ähnlich, vergleicht man Artur Krafts Für und über den Aktivismus und die Chancen einer aktivistischen Sozialrevolution von PaulusTieck. Ins Auge springt die überproportionale Vertretung von Bukowiner Autoren des ,Nerv' im , Aufschwung': Der in Czernowitz aufgewachsene Josef Kalmer ist mit sieben Originalgedichten ebenso oft vertreten wie der schreibfreudige Herausge-berTobias Steinberg und dazu mit zahlreichen Ãobersetzungen aus Rimbaud, L. Szcze-panski u.a.; Kalmers Baudelaire-Verdeutschung Das Gespenst ziert die Erstseite der Erstnummer des , Aufschwung'. Lotar Wurzer ist präsent mit sechs Gedichten und mit dem Essay Die Bergpredigt und der Sozialismus,^ eine Art Ergänzung zum Verhältnis der sozialistischen Ãoberzeugung zum nationalen Bewußtsein; ebenfalls sechs Versgebilde steuert Kurt Goldstein bei, laut Sperber 'ein Lemberger Bukowiner Abstammung". Daß Werfeis Warum mein Gott im , Aufschwung' wie im ,Nerv' vertreten ist, mag auf die Benutzung desselben Almanachs Jüngster Tag zurückgehen; daß jedoch Bernhard Förster, von dem die Czernowitzer zwei Gedichte bringen, im Wiener Periodikum sehr viel Raum für ein Drama zur Verfügung hat, scheint mehr als zufällig zu sein, ganz wie der Umstand, daß der .Aufschwung" ein Buch Richard Wahles bespricht, das an die Czernowitzer Diskussion Friedrich Flinker -Viktor Glondys - Ri-chardWahle erinnert. Giselher Sorges Feststellung in Die literarischen Zeitschriften des Expressionismus in Wien, daß nämlich 'die prononcierten jüngsten Autoren" des .Aufschwung', zu denen er Sperber und Wurzer zählt, in keiner 'anderen expressionistischen Zeitschrift [mehr] in Erscheinung treten", erweist wohl, daß bei all diesen Gemeinsamkeiten die Bukowina-Connection eine entscheidende Rolle gespielt hat.
      Schon vor dem Ersten Weltkrieg waren Bukowiner Dichter nach Wien gezogen und hatten sich durchgesetzt; einige - so Kamillo Lauer , Victor Wittner und Isaac Schreyer - haben kaum Kontakt zu ihrer Heimat aufrechterhalten, Erich Singer gab 1911/13 im Leipziger Xenien-Verlag einen Bukowiner Musenalmanach heraus, ist im ,Nerv' vertreten, doch nicht mehr in die Heimat zurückgekehrt. Während des Ersten Weltkriegs lag Czernowitz lange nahe der Front und war zeitweise von russischenlruppen okkupiert; und darum setzten sich viele Bukowiner nach Ã-sterreich ab, insbesondere nach Wien, wie die Familie Sperber. Sohn Alfred schloß sich mit einigen Schulkollegen 'zu literarischen Konven-tikeln" zusammen, die 'vor allem aus Bukowinern bestanden"; Sperber erwähnt vorrangig Zeno Einhorn , 'einen Lyriker von unsagbar zarten Schwingungen", und Josef Kalmer, über den es 1928 im .Unsichtbaren Chor' heißt, er sei 'Kritiker, Essayist und Ãobersetzer aus allen möglichen Sprachen" und 'habe sich als Lyriker einen geschätzten Ruf gemacht". Im Konventikel Gleichaltriger 'schwärmte, dichtete und plante man die Herausgabe einer Zeitschrift", doch wurden sie alle einberufen und konnten fast nur brieflich weiterplanen. Nach Kriegsende kehrte Sperber in die Heimat zurück, während Kalmer in Wien verblieb, wo er sich im Rahmen des ,Aufschwung' betätigte und 1920 u.a. die Reihe Phalanx. Bibliothek für die Internationale des Geistes herausgab. Es leuchtet ein, daß Kalmer der Mittler zwischen Sperber und den anderen .Nervianern' einerseits und dem ,Aufschwung' andererseits gewesen sein muß.
      Das fast gleichzeitige frühe Ende des ,Nerv', des ,ZieF, des ,Aufschwung' und anderer deutscher aktivistischer Zeitschriften geht nur teilweise auf die sachlichen und finanziellen Schwierigkeiten zurück; eine große Rolle spielte der Umstand, daß 'die Hoffnungen der , Mensch'-Dichter auf eine bessere Zukunft nicht in Erfüllung [gingen]"; dazu noch der fast unlösbare Widerspruch zwischen der angestrebten Universalität und dem nicht zu entrinnenden Provinzialismus, wie er mittels der Galgen-Spalten und -Beilagen des ,Nerv' belegt werden kann. Auch für die Czernowitzer gelten weitgehend die Worte des späten Gottfried Benn: 'Es war eine belastete Generation, verlacht, verhöhnt [...], jäh, blitzend, stürzend, von Unfällen und Kriegen betroffen, auf kurzes Leben angelegt" - und auch das Diktum: 'man könne nicht sein Leben lang Expressionist bleiben",8" wofür die dichterische Wandlung Sperbers ab 1925 paradigmatisch ist.
     

 Tags:
Als  beispielhaft  dargestellt  -  doch  kaum  gekannt:  Die  aktivistische  Czernowitzer  Zeitschrift  ,Der  Nerv'  (I9I9)    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com