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Alfred Margul-Sperber - AN EIN ALTERNDES ANTLITZ



Ich kann den Abend nicht zu Ende denken Und nicht die Landschaft, die dein Lächeln trug. Du wolltest mir das Herz der Wiese schenken, Und unser Pfad war Traums genug.
      Verstöbertes Gefild! Die Flocken sprühen. Hier war es irgendwo: wo war es nur? Ich muß mich über weiße Wege mühen Und suche noch im Schnee die Spur.

      Alfred Margul-Sperber, geboren 1898 in Storoshinetz als Beamtensohn, Gymnasium in Czernowitz und Wien, nach Kriegsabitur an die Ostfront. Bei Kriegsende Rückkehr in die Heimat, anschließend Reisen ; verdingt sich als Arbeiter, Beamter 'Und schließlich als Redakteur bei der New Yorker Volkszeitung . Wiederum Rückkehr nach Czernowitz, wo er am Bukowiner Provinzboten, dann am Czernowitzer Morgenblatt mitarbeitet. Zwischen 1934 und 1940 ist er Beamter in Burdujeni , um sich schließlich in Bukarest als Pri-va-tlehrer für Fremdsprachen durchzuschlagen. Entgeht knapp der Deportation ,Ln die Todeslager Transnistriens. Nach 1944 zunächst Redakteur beim Bukarester Rundfunk, dann Journalist und freischaffender Schriftsteller. Stirbt 1967 in Bukarest. Erste Veröffentlichungen 1916 in Frontzeitungen. Gedichtbände: Gleichnisse der Landschaft , Geheimnis und Verzicht , Zeuge der Zeit , Ausblich und Rückschau , Mit offenen Augen , Taten und Träume und Unsterbliche-) August , Sternstunden der Liebe und Gedichte , Aus der Vorgeschichte . Rege Ãœbersetzertätigkeit aus dem Rumänischen und der Weltlyrik; auf sehnerregend seine Rumänischen Volksdichtungen . Alfred Kittner hat Gedichte aus dem Nachlaß unter dem Titel Das verzauberte Wort herausgebracht.
      Sperbers Lyrik ist vielschichtig und gegensätzlich. Vom Gelegenheitsgedicht reicht sie über ausgreifende Meditationen bis hin zum konkret tagespolitischen Engagement. Der tägliche Anruf von Dingenund Ereignissen fand in diesem Dichter ein ebenso tägliches Echo. Mit einer für rumäniendeutsche Verhältnisse außergewöhnlichen Sprachbegabung hat Sperber in unzähligen Varianten sich und die Welt zu halten und zu gestalten versucht. Viele dieser Versuche wuchsen ins Meisterhafte. Freilich nicht so sehr die konkreten Antworten auf den Tag, sondern eher jene still zurücktretenden Gedichte, in denen sich letztinstanzlich Sperbes sarmatische Weltschau poetisch verwirklichte. Mit gutem Grund schrieb der österreichische Literaturkritiker Ernst Fischer am 2. Mai 1963 an den Lyriker: Ihre Gedichte sind am schönsten, wenn sie nicht agitatorisch sind, sondern leise und zart, wenn man das Herz pochen hört, den Hauch einer Frau, den Atem der Natur empfindet. Das ist aus tiefem Sein die Stimme der Dichtung, das Leichter- und Reinerwerden der Wirklichkeit, das Schweben im Schwerelosen.
      Gerade dieses aber ist ohne den Hinweis auf Sperbers Heimat, der er in seinem Lebensgefühl praktisch unwandelbar verhaftet blieb, nicht zu verstehen. Diese Landschaft war ihm Nährboden und Determinanz. Und nicht zufällig erhielt der Begriff Atemwende in den Gedichten eines anderen aus dem Buchenland kommenden bedeutenden deutschen Lyrikers, und zwar Paul Celans, besondere Leuchtkraft und Bedeutung. Denn eben diese Heimat ist ein Land der Atemwende, der Schwebe und der Vertauschbarkeit, ein Land, in dem westlich ordnende Enge und östlich endlose Räume ineinanderspielen und sich die Waage halten, wo Siedlungen, Landschaft und Wald vorstoßen in die geistige und damit sprachliche Existenz des Individuums und der Kollektivität.
      Und ein zweites Mal ist es nicht zufällig, daß Sperbers erster Lyrikband, den er 1934 im Selbstverlag herausbrachte, gerade Gleichnisse der Landschaft hieß. Die Bukowiner Wälder geistern seither durch alle Jahre seines Schaffens, nicht lediglich als Hintergrund oder Anlaß des Gedichts, sondern als Wesenheit, als Ausdruck letzter und endgültiger Modalität: Selig in Flammen getränkt, I Steht der entblätterte Wald: I Der sich so edel verschenkt, I Bleibt als die reine Gestalt. .
      Das zweistrophige An ein alterndes Antlitz erschien 1959 im Band Taten und Träume. Sein Titel ist klar, offen und sachlich, legt einwandfrei Vorwurf und Zielrichtung der Verse fest. Desto faszinierend schwebender setzt schon die erste Verszeile ein. Das oben genannte Antlitz ist nicht Antlitz mehr, das Alter nicht Alter. So wie der Wald im Gedicht Herbstfrühe Wesenheit wurde, wird hier ein alterndes Gesicht zur abendlichen Landschaft, nicht lediglich im Vergleich oder in der Metapher, sondern als Identität. Es ist die Landschaft, die dein Lächeln trug, einmal, vor Zeiten, die wohl heiter waren, offenbar Erfüllung boten, Liebe, Glück. Doch sie sind erschreckend den Händenentglitten, sind abgestürzt in ein Bodenloses, so tief verloren, daß der Dichter das alles nicht einmal mehr Zu Ende denken kann: Erinnerung und Vorstellung versagen an der fallenden Zeit, am Altwerden.
      Mit der dritten Verszeile schwingt die Landschaft in das ihr identische Du hinüber, und mit diesem Du taucht verwischt und unsicher eine leise Erinnerung auf. Nicht an ein Reales, Faßbares und Erfülltes, sondern lediglich an eine Absicht, an etwas, das zwar zu geschehen hatte , aber nicht mehr nachweisbar ist. Es sollte das Herz der Wiese geschenkt werden, offenbar ein Akt der freudigen, lichtvollen Hingabe. Erläuternd kann in diesem Zusammenhang ein anderes Gedicht Sperbers herangezogen werden, und zwar Die Wiese und der Wald. Hier wird erstere, die leichte und frohe, die Raum für so viele I Bewegung sich nahm und bekam, die sich Sommertage lang an Licht und Sonne verschwendete, von der düsteren Kühle des Waldes bedroht: Aus dem Dunkel bangt und verlangt es I Nach ihrer lichten Gestalt. Es ist also bei Sperber die Wiese ein Sinnbild des heiteren Sich-Verschenkens, der lichtvollen Freundlichkeit. Um so mehr ihr Herz, ihr Ureigenstes und Wesentlich-Sinngebendes, das als Lichtpunkt in dem vormals potentiellen Schenkungsakt enthalten gewesen und aus dem dann auch unser Pfad, der gemeinsame Weg des Ich und Du entsprungen ist. Er war Traums genug , war also zumindest im Schein Abglanz und Möglichkeit der Verwirklichung.
      Aus diesen Andeutungen des Lichts stürzt das Gedicht wieder hinab. Schnee bricht herein: Verstöbertes Gefild! Die Flocken sprühen. Sperber hat das Bild des Schnees — er ist aus dem Gesicht seiner heimat liehen Landschaft als Wesenszug nicht wegzudenken — immer wieder abgewandelt, als leichtes Spiel oder als Zeichen des unwiederbringlichen Verlusts: Als weh der Winter fiel / In dunkler Tage Neigen, I Ward unser Leben leise . Mehr noch, in einem Gedicht, das sich Liebe im Schnee betitelt und in dem die Liebenden nackt durch den Schnee schreiten, wird ihre heiße, lichte Leidenschaft mit der Kälte der Welt geradezu tragisch konfrontiert: Und dieser Schleierflor I Des Schnees, der sprühend stäubte, I Das Licht, das sie betäubte, I Die Lust, die sich verlor, I Bis. was in ihnen liebte, I Zu Fremdheit lautlos fror.
      Im völlig verschneiten Gesicht ist es nunmehr erfolglos, Anhaltspunkte zu suchen. Auch die leiseste, nur ahnende Hoffnung auf ein erinnerndes Erkennen wird genarrt: immer kommt die Frage Wo war es nur? und macht eine Wiederholung de:; Glücks unmöglich. Das lyrische Subjekt ist de* Letzten, der Erinnerungverlustig gegangen, und es bleibt nur noch das Sich-Mühen über weiße Wege, die endlose Suche nach der Spur im Schnee.
      Eine solche schmerzliche Konsequenz entwächst bei Sperber aus dem Erlebnis und der Erkenntnis des hochmodernen Paradoxons, daß jede Zweisamkeit letztinstanzlich Einsamkeit ist und — umgekehrt —, daß die Entäußerung zur absurden und letzten Möglichkeit der Aneignung wird. Er hat das — fast aphoristisch — im Gedicht Lobspruch und Klage aus seiner Zwischenaktmusik so formuliert: Mit dir vereint, verbunden Tag und Nacht — I wie läßt sich solcher Trennung Schmerz
Erkenntnisse dieser Art aber wirken bei der einfachen Gedrängtheit unseres Gedichts vom verschneiten Gesicht um so tiefer. Mit der glatten Schmucklosigkeit seiner Redeweise, bei der dennoch gerade diese beiden Strophen ihre lyrische Schwebe und Verschleierung bewahren, stößt Sperber weit in die Bereiche echter Sprachkunst vor.
     

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