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Alfred Kittner - KASPAR-HAUSER-LIED



Was sollen mir die Tage, Was soll ich in der Welt? Ich trage meine Klage, Zertrümmert und zerschellt.
      Ich stehe bang und frage Und staun, wie alles flieht. Das Leben ist wie Sage, Das Blühen ist wie Lied.
      So staun ich blau und trage Tief innen sanften Traum. Mir starben Wort und Waage, Ich wachse blind und Baum.

      Die Dinge greifen zage Und furchtsam mir ins Blut. Mit dürren Zweigen rage Ich kalt und ohne Mut.
      Ist alles Sterben Plage? Mein Wurzelwerk ist wund. Ich grabe tief und nage Das Staunen in den Grund.

     
Ich bin ganz Kind und Frage, Mir schenkt sich jeder Stern. Wenn ich nach Sonnen jage, Fühl ich mich nah dem Herrn.
      Was sollen mir die Tage? Was soll mir da die Welt? So klein ist alle Klage, Von jenem Licht erhellt!
Alfred Kittner wurde im Jahre 1906 in Czernowitz geboren. Nach unterbrochenem Germanistikstudium arbeitete er zeitweilig an deutschsprachigen Tageszeitungen der Heimatstadt und als Bibliothekar. Im Jahre 1942 wurde er von den Nazis nach Transnistrien deportiert und bis an den Bug getrieben. Leidensjahre in den Vernichtungslagern der Südukraine. Dank dem siegreichen Durchbruch der Roten Armee wurde er 1944 befreit. Seit 1945 lebt Kittner in Bukarest. Bis zum Jahre 1958 war er an verantwortlicher Stelle im Bibliothekswesen und als deutscher Rundfunksprecher tätig. Lebt heute als freischaffender Schriftsteller, Ãœbersetzer und Herausgeber in Bukarest. Kittner veröffentlichte bisher drei Gedichtbände: Der Wolkenreiter , Hungermarsch und Stacheldraht. Verse von Trotz und Zuversicht. und Flaschenpost . Er gab die ausgewählten Werke Büchners, den poetischen Nachlaß seines Freundes Sperber u.a. heraus. Nebenher entfaltete er eine reiche Obersetzertätigkeit aus dem Rumänischen .
      In einem Brief an den Interpreten zählt Kittner Eichendorff, Hesse, Hille, Mombert, Brentano, Haringer, Hausmann und vor allem Kafka zu seinen literarischen Vorbildern, denen er tiefgreifendste Anregungen verdankt. Das Kaspar-Hauser-Lied entstand 1924 als Kittner kaum 18 Jahre alt war.
      Der Titel des Gedichts ist sowohl historisch als auch literaturhistorisch belastet, er knüpft einerseits Bezüge zu der Gestalt des Kaspar Hauser, andererseits zu den künstlerischen Ausgestaltungen einer sich tatsächlich ereigneten Begebenheit. Der Knabe Kaspar-Hauser erschien im Jahre 1818 bei einem Rittmeister in Nürnberg mit einem schwer verständlichen Brief, nach dem er seit 1812 in Abgeschlossenheit von der Welt aufgezogen worden sei und nun wie sein Vater Soldat werden solle. Die Verhöre und Lebensgewohnheiten des Knaben ließen auf eine lange Haftzeit schließen . Die Pflegschaft seiner Betreuer — von Sensationslüsternheit und Neugier gesteuert — verdarb mehr als sie nützte: Er blieb geistig unterentwickelt und fand schließlich eine Stellung als Schreiber. 1833 wurde er von einem Unbekannten getötet, der ihm Auskunft über seine Eltern versprochen hatte.

     
Die geheimnisumwitterte Atmosphäre, die seine Person umgab, führte schon sehr früh zu poetischen Bearbeitungen, die im 19. Jahrhundert vorwiegend auf kriminalistischen Effekten gründeten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Stoff von kolportagehaften Zügen gereinigt und sein ideell-humaner Gehalt auch in der an sich stofflosen Gattung der Lyrik ausgewertet. In Georg Trakls Gedicht Kaspar Hauser Lied wird die historische Vorlage zur Folie einer •— in der 3. Person vollzogenen — Selbstaussprache, die auch Aussage über Wcltzustand und Schicksal des Unschuldigen, Naturverbundenen ist. Während aber Trakls raunend-schwermütiges Gedicht noch von Anspielungen auf das geschichtliche Faktum durchkreuzt wird , verzichtet Kittner völlig — sieht man vom Titel ab — auf lyrische Verarbeitung und Anverwandlung konkreter historischer Befunde.
      Kittners Gedicht ist monologische Aussprache, die die Begebenheiten Kaspar Hausers verschweigt und nur dessen Grunderlebnis — Gefühl des Fremdseins — schöpferisch umgestaltet. Es wird durch einfache strophische Gliederung und einheitliches Versmaß konstituiert und — wie schon der Titel anmeldet — in die Nähe des Liedhaften gerückt; durch die großstreckenweise eigenwillige Bilderwelt, die reflexiven Einschübe und die bewußte Verzahnung von kindlich-naiver Schau und moderner Psychologie erweist sich das Gedicht als sprachliche Leistung des frühen 20. Jahrhunderts. Die beiden ersten Zeilen, die in der letzten Strophe erneut aufgegriffen, aber gemäß dem lyrischen Ablauf bedeutungsvoll umgewandelt werden, hypostasieren die Gestimmtheit des lyrischen Ich, drücken fragend sein Verhältnis zu Zeit und Welt aus. Die rhetorischen Fragen bergen in sich selbst die Antworten, die dann in den nächsten Zeilen konkret ausgesprochen werden: der Zustand ist einer der Klage, die echolos verhallt, vom lyrischen Ich allein getragen werden muß, das zertrümmert und zerschellt keine Verankerung und keinen Trost findet. Die zweite -Strophe verdeutlicht die Bindungslosigkeit des lyrischen Ich, sein Staunen vor der Flüchtigkeit der Welt, die sich ihm verweigert. Das Leben scheint ihm Sage und des Lebens eigentliches Gesetz, das Blühen, kurz und verdämmernd wie Lied. Durch das Weglassen des Artikels vor Sage und Lied werden Leben und Blühen nicht sachlich genau umrissen, sondern mit einer Aura des Unbestimmten umwoben und- durch diesen Kunstgriff aus der Sphäre des konstatierenden Sprechens in den Rang poetisch wirksamer Sprache gehoben. Das Abseitsstehen, die Kontaktschwierigkeiten des ly-ryschen Ich fängt Kittner in geballter Sprache ein und macht sie durch Verschwisterung von Bild und Lautgestalt fühl- und greifbar. Indemer eine Haltung durch eine Farbe näher bestimmt: — so staun ich blau — entleert er diese ihres optischen Wertes und benützt sie zur Qualifikation eines Zustandes, der Unschuld und Ahnungslosigkeit signalisieren soll. Im Innerlichkeitsbereich lebt aber sanfter Traum, obwohl die Kategorien zur Orientierung in der äußeren Welt fehlen. • In der einzigen Textstelle, die in das Imperfekt zurückgreift, erklärt das lyrische Ich sein Verhältnis zur Wirklichkeit. Wort, der Zauberstab, mit dem die Vielfalt der Erscheinungen benannt und erobert, und Waage, mit der ihre Bewegtheit ins Gleichgewicht gebracht und gegliedert wird, sind gestorben. Daher scheint ihm das Leben wie Sage und das Blühen wie Lied, daher wächst er blind und Baum. In den beiden letzten Zeilen dieser Strophe:
Mir starben Wort und Waage, Ich wachse blind und Baumerreicht Kittners Sprach-dichte ihren Höhepunkt. Durch die Koppelung von Konkretem und Abstraktem — als Subjekte — und von Adjektiv und Substantiv — als Umstandsbestimmungen — beweist Kittner ein gestalterisches Vermögen, das an jenes der Else Lasker-Schüler heranreicht.
      Da der Dichter an Weltentzug leidet, sind auch die Beziehungen zu den Dingen getrübt; diese erfühlen ihrerseits das Anderssein und reagieren zage und furchtsam. Ein Bild der voraufgegangenen Strophe aufnehmend, imaginiert sich das lyrische Ich als, oder besser: ist Baum, aber nicht einer unter vielen sondern allein, abgenabelt vom Kreislauf der Natur: dürr, kalt und ohne Mut. In der Gleichrangigkeit von Ich und dürrem Baum durch metaphorische Ãœberwölbung, die der Veranschaulichung von großer Nothaftigkeit dienen soll, gelingt es dem Gedicht nicht, vorgegebene Erfahrensweisen zu durchbrechen, es erringt nicht An-schauung, bleibt Konvention, vor allem durch die zersprochenen, abgegriffenen Attribute dürr und kalt. Aus dieser Befindlichkeit wächst erneut eine Frage, nicht mehr rhetorischer Provenienz, sondern von der Grenze äußerster Hoffnungslosigkeit gestellt: die Frage nach dem Wesen des Todes. Liier ist ein Grad von Weltentfremdung erreicht, der in das Verlöschen zu münden scheint. Doch der Weg nach Innen ist auch ein Blick in die Tiefe ; das Staunen darüber, wie alles flieht, wird umgebogen und Werthaftes im Innerlichkeitsbereich gesucht. Die sechste Strophe löst die Identität Ich-Baum auf und fügt sich nicht sehr in den kausallogischen Ablauf des Gedichts, wirkt scheinbar abgeschnürt von der bisherigen Textur, vor allem in der zweiten Zeile, die ein durchaus positives Verhältnis zum Sein ausspricht: Mir schenkt sich jeder Stern.
      Indessen: Stern und Sonne, ebenso wie Traum und Grund gehören einem Raum an, der anders geartet ist als jener, den Kittner Welt nennt.
      Jedenfalls: im Rückzug dorthin, wo sanfter Traum möglich, wo jeder Stern aufnahmebereit, in der Absage an eine versuchte Einordnung in nur irdisches Geschehen, ereignet sich ein Kairos, erfüllt sich das Gnadengeschenk der Bindung an überindividuelle Mächte.
      So nimmt die letzte Strophe die einleitenden Zeilen, kaum aber vielsagend verändert, wieder auf, und dem Zertrümmerten und Zerschellten der ersten Strophe scheint alle Klage klein angesichts des mythischen Lichts, das ihm Einsicht in tiefste rätselhafte Seinsgründe vermittelte.
     

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Alfred  Kittner  -  KASPAR-HAUSER-LIED    





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