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Agathon als Held einer Bildungsgeschichte



Manche Interpreten haben bezweifelt, ob der Titelheld des Wielandschen Agathon überhaupt eine Entwicklung durchläuft, die sich als Bildungsprozeß auffassen ließe. Sie folgerten aus diesem Zweifel, daß man das Buch nicht als Bildungsroman verstehen könne .
      In der Tat scheinen manche Bemerkungen des Autors darauf hinzudeuten, daß er sich die Geschichte seines Helden weniger als einen Vorgang der Entfaltung und Steigerung dachte denn als eine Art Klärung und Zurückführung auf den Wesenskern. Der Vorbericht zur ersten Fassung erklärt es ausdrücklich als Plan des Werks, den Charakter Agathons einer Reihe von 'Proben" zu unterziehen, 'durch welche seine Denkensart und Tugend erläutert, und dasjenige, was dar-inn übertrieben und unächt war, nach und nach abgesondert würde" . Der Gedanke an eine Veränderung des Romanhelden scheint ganz außerhalb der Vorstellungen Wielands zu liegen, wenn er in einem Brief über den entstehenden Roman sagt: 'Aber es wird Kopf-Arbeit brauchen, den Agathon, nachdem er durch alle die media durch gegangen sein wird, die ihm noch bevorstehen, wieder an eben den Punkt zu bringen, von dem er aus gelaufen ist" .

      Nun gibt es aber eine Fülle von Bemerkungen im Text des Romans, die von bedeutsamen Ã"nderungen in der Person des Helden sprechen und ganz allgemein die Notwendigkeit betonen, daß der Mensch sich im Fortgang des Lebens wandelt und durch Erfahrung reift. So heißt es etwa von Agathon, daß 'seine Art, Personen und Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Veränderung erlidten hatte" . Oder es ist die Rede von den 'Pro-gressen, welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele während seinem Aufenthalt zu Syracus machte" . Dem Erzähler der Geschichte des Agathon scheint es unmöglich und gar nicht wünschenswert, daß der Mensch sich immer gleich bleibt:
'die Besten haben an ihren Ideen, Urtheilen, Empfindungen, selbst an dem worinn sie vortrefflich sind, an ihrem Herzen, an ihrer Tugend, unendlich viel zu verändern. Und die Erfahrung lehrt, daß wir selten zu einer neuen Entwiklung unsrer Selbst, oder zu einer merklichen Verbesserung unsers vorigen innerlichen Zustandes gelangen, ohne durch eine Art von Medium zu gehen, welches eine falsche Farbe auf uns reflectirt, und unsre wahre Gestalt eine Zeitlang verdunkelt" .
      Obwohl hier von der 'Entwiklung unsrer Selbst" die Rede ist, scheint Wie-laud dann wenige Zeilen später wieder der Auffassung zuzuneigen, daß es eine unveränderliche Natur der Person gebe, die von allen Modifikationen durch äußere Urnstände unberührt bleibt und erst am Ende einer längeren Reihe klä-muler Erfahrungen hervortritt:
'Er Agathon| schien nach und nach ein andächtiger Schwärmer, ein Piatonist, ein Republicaner, ein Held, ein Stoiker, ein Wollüstling; und war keines von allen, ob er gleich in verschiedenen Zeiten durch alle diese Classen gieng, und in jeder eine Nuance von derselben bekam. So wird es vielleicht noch eine Zeitlang gehen - Aber von seinem Character, von dem was er würklich war, worinn er sich unter allen diesen Gestalten gleich blieb, und was zuletzt, nachdem alles Fremde und Heterogene durch die ganze Folge seiner Umstände davon abgeschieden seyn wird, übrig bleiben mag - davon kann dermalen die Rede noch nicht seyn" .
      Offensichtlich liegt hier nicht die Vorstellung eines wachstumsähnlichen, organischen Prozesses der Entfaltung zugrunde. Andererseits ist nicht zu bezweifeln, daß Agathon sich wandelt und daß er im Durchgang durch seine Wandlungen Fortschritte macht. Das Ziel seiner Entwicklung liegt darin, daß sich seine wahre Natur rein und frei von allen verfälschenden Einflüssen darstellt. Wenn man sich nicht allzu eng auf die goethezeitlichen Bildungsvorstellungen fixiert, läßt sich auch dieser Klärungs- und Läuterungsprozeß Agathons als Bildungsgang bezeichnen. Daß Agathon am Ende derselbe sei wie zu Beginn der Geschichte, läßt sich im Ernst nicht behaupten. Zwar liegt dem Roman daran, den moralischen Kern seines Helden gegen alle Anfechtungen zu erhalten, aber dessen Bekenntnis zur Tugend hat ein anderes Gewicht und einen anderen Charakter, nachdem er seine eigene Täuschungsanfälligkeit und die Unzuverlässigkeit der Welt gründlich erfahren hat. Man hat die Entwicklung Agathons mit folgender Formulierung treffend umschrieben:
'Von einem Zustand seelischer Diffusität, der dadurch gekennzeichnet ist, daß die Tendenzen zum Guten, Schönen und Wahren auf mannigfache Weise mit anderen, ihnen feindlichen Tendenzen verquickt erscheinen, schreitet der Held bei wachsender Fähigkeit, sich selbst zu objektivieren, zu einem Zustand fort, wo sich der Charakter von den übrigen Momenten der Person abhebt, wo er eine scharfe äußere Umgrenzung und eine klare innere Strukturiertheit aufweist . Auf einen solchen Prozeß den Begriff ,Entwicklung' anzuwenden, erscheint umso legitimer, als die Läuterung des Charakters eine Steigerung seiner konstituierenden Merkmale impliziert" .
      Daß es Wieland am Beispiel Agathons um die Herausbildung eines moralischen Charakters zu tun ist, wird besonders deutlich sichtbar, als er in einer Erzähler-Reflexion mit dem Gedanken eines Miß-Bildungs-Romans spielt: Die Geschichte kenne Fälle, in denen sich edel veranlagte Menschen zu grausamen Despoten entwickelt hätten, weil sie einer falschen Erziehung ausgesetzt gewesen seien. Die fortschreitende Korruption der moralischen Anlagen, die sich an solchen Beispielen beobachten läßt, erscheint dem Erzähler des Agathon als 'ein sehr nüzlicher Stoff, den wir der Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie empfehlen, der bey philosophischen Einsichten eine hinlängliche Kenntniß der Welt besässe" .

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