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Adolf Meschendörfer - SIEBENBÃœRGISCHE ELEGIE



Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit. Früh faßt den staunenden Knaben Schauder der Ewigkeit. Wohlvermauert in den Grüften modert der Väter Gebein, Zögernd nur schlagen die Uhren, zögernd bröckelt der Stein. Siehst du das Wappen am Tore? Längst verwelkte die Hand. Völker kamen und gingen, selbst ihr Name entschwand. Aber der fromme Bauer sät in den Totenschrein, Schneidet aus ihm sein Korn, keltert aus ihm seinen Wein. Anders schmeckt hier der Märzwind, anders der Duft vom Heu, Anders klingt hier das Wort von Liebe und ewiger Treu. Roter Mond, vieler Nächte einziggeliebter Freund, Bleichte die Stirne dem Jüngling, die der Mittag gebräunt, Reifte ihn wie der gewaltige Tod mit betäubendem Ruch, Wie in grünlichem Dämmer Eichbaum mit weisem Spruch. Ehern wie die Gestirne zogen die Jahre herauf, Ach, schon ist es September. Langsam neigt sich ihr Lauf.

      Mit Recht wird Adolf Meschendörfer zu den repräsentativsten Vertretern der deutschsprachigen Literatur Rumäniens der ersten Jahrhunderthälfte gezählt. Er entstammt einer kinderreichen Kronstädter Familie; nach Studien in Straßburg, Heidelberg, Wien, Budapest und Klausenburg wird er 1901 als Lehrer für deutsche und französische Sprache an der Honterusschule angestellt. Er gründete die Moderne Bücherei, dann eine Gesellschaft für Kunstfreunde und 1907 die Karpa-then, wo MeschendÖrfers Leonore-Roman erschien.
      Obwohl der Lehrerberuf und seine spätere Funktion als Schulleiter ihn sehr beanspruchen, entstehen im Laufe der Jahre neben Dramen auch Novellen, Gedichte , so wie die Romane Die Stadt im Osten , Der Büffelbrunnen . Von den späteren Erzählungen verdient Aus der Chronik des Bauerngeschlechtes Millen-Müll besondere Beachtung.
      Repräsentativ ist Adolf Meschendörfer nicht nur durch das eigene künstlerische Schaffen, sondern auch durch seine kulturpolitische Aufgeschlossenheit und seine Entschiedenheit im Verhältnis zu allen Völker-schaften des Landes. Die von ihm herausgegebene Zeitschrift Die Kar-pathen schlug eine mutige Brücke von Bruder zu Bruder und räumte, nicht unangefeindet, auch mit einer überholten, dilettantischen sächsischen Literaturbetrachtung auf. Als Meschendörfer 1957 vom rumänischen Staat mit dem Arbeitsorden I. Klasse ausgezeichnet wurde, kam dieser Preis einer ehrenden Anerkennung seiner grundsätzlich positiven Bestrebungen gleich, wobei die widersprüchlichen Gedanken, die in den dreißiger Jahren Meschendörfers Werk zur auslanddeutsichen Konjunkturware mißbrauchen ließen, nicht verschwiegen wurden. Seine Liebe zur völkerbunten Heimat, zur lebendigen Gemeinschaft all ihrer Söhne bewahrte Meschendörfer vor politischem Rechtsradikalismus. In der Glückwunsch rede Erwin Wittstocks im Jahre 1957 hieß es: Ich darf meinen Glückwunsch aber nicht schließen im Blick auf den Lebensgehalt Deiner Arbeit, ohne den starken und tragenden Gedanken mitzu-erwähnen, aus dem sie ihre Kraft gezogen hat. Ich meine Deine Heimatliebe, ich meine Dein beständiges Bekenntnis zur Heimat, von dem nicht nur Deine Werke zeugen, sondern Deine geistige Welt. . . belebt und befruchtet wird.
      Adolf Meschendörfer schrieb — überspitzt formuliert — ein einziges Gedicht: die Siebenbürgische Elegie. Er schrieb sie im Alter von fünfzig Jahren. Dieser Hinweis ist nicht unwesentlich, weil sich Persönliches und Ãœberpersönliches im elegischen Grundton dieser eigenartigen Verse derart verquicken, daß man oft den Mann im Hintergrund vergißt, dessen Jahre auch im September stehen. Der Dichter überblickt von reifer Warte aus heimatliche Landschaft, eigenes Leben; die sanft schwermütige Stimmungslage entspricht dem Abschiednehmen von Vertrautem, aber dem geschichtlichen Wandel notwendig unterworfenen Vorstellungen. Meschendörfers Elegie ist nicht Altersklage wie Walther von der Vogelweides Owe war sint verswunden, sie ist auch nicht die heraufbeschwörende feierliche Würdigung vergessener Schicksale wie Johannes Bobrowskis 1952 geschriebene Pruzzische Elegie. Meschendörfers Gedicht, das er dem siebenbürgisehen Maler Walther Teutsch widmete, ist die gelungenste lyrische Auseinandersetzung mit seinem fortwährenden Hauptthema, das Harald Krasser folgendermaßen umschrieb: Hat je eine Stadt ihren Dichter so reich und immer wieder befruchtet, wie Kronstadt Meschendörfer? . . . Die Stadt im Osten erwies ihren unausschöpflichen Reichtum; Größe der Vergangenheit und Daseinkampf der Gegenwart, Schicksals fülle der Menschenwelt und tröstliche Erhabenheit der Natur gingen hier ihre einzigartige Synthese ein, und diese Stadt... wurde ihm zum Sinnbild des Volksschicksals, zum Raum, der die Ganzheit unseres Daseins und alle Möglichkeiten seine* Gestaltung umschloß.

     
Die Siebenbürgische Elegie erwuchs aus der epochebedingten Meditation über die räumliche und geistige Landschaft Siebenbürgen, wurden doch gerade in den Jahren in der deutschsprachigen Presse Siebenbürgens angeregte Diskussionen um die Definition siebenbürgischer Eigenart, der siebenbürgisehen Seele, des siebenbürgisehen Menschen geführt.
      Die Elegie hatte im Vergleich zu anderen Gedichten von Meschendörfer das Glück, im geeigneten Augenblick zusammenzufassen, was die Gemüter unmittelbar bewegte. Für die Popularität dieses Gedichtes, das in mehrere Sprachen übersetzt und vertont wurde, wirkten außer den literarischen Qualitäten auch die aufnahmegünstigen Zeitumstände. Die Siebenbürgische Elegie fing das Lebensgefühl der bürgerlichen Generation ein, die nach 1918 die Einordnung Siebenbürgens in den neuen Rahmen des rumänischen Staates erlebte. Die Elegie wurde später in dem Gedichtband aus dem Jahre 1930 an erster Stelle abgedruckt und ein Jahr später als künstlerisch gesichertes Stück in den Roman Die Stadt im Osten eingebaut. In und nach den Jahren des zweiten Weltkrieges erfuhr die Elegie oft eine Mißdeutung als resignierende Stimme siebenbürgisch-sächsischen Weltuntergangs. Für die einheimische Lyrik bedeutete diese Elegie ein literarisches Ereignis ersten Ranges, und sie wurde zum herausfordernden Prototypen anderer siebenbürgischer Elegien.
      Viit dem Wörtchen anders trifft Meschendörfer den einstimmenden Akkord einer daktylisch-fallenden Rede. Dieses anders kommt im Gedicht fünfmal vor und gewinnt seine seltsame Eindringlichkeit durch den Gesamtkontext. Es scheint, als ob der Dichter einem imaginären Betrachter und verständnisvollen Zuhörer nach längeren Gesprächen nun eine abschließende Beschreibung siebenbürgischer Wesensart geben wolle, immer wieder angesetzt hat und schließlich das farblose anders wählt, welches nun doch erläutert werden muß.
      Ein erstes Merkmal dieser Landschaft ist ihre historische Empfindlichkeit, das Wissen um die Unerbittlichkeit geschichtlicher Abläufe. Eine gewisse Künstlichkeit und Lebensunfähigkeit kennzeichnet das betrachtende Geschlecht. Die wertenden Adjektive und Modalbestimmungen sowie die Verben und die einzelnen suggestiven Bilder lassen eine Spätzeit erkennen, ein Lebensgefühl, dem Bewahren, Verzögern entspringt und nicht frisches Wagen und Beginnen. Hinter fünf der sechs ersten Zeilen steht jeweils ein Punkt, jede Zeile schließt eine Aussage für sich ab, jede enthält diegleiche Grundstimmung gefaßter Klage. Schon das Kind ahnt in dieser historisch aufgeschlossenen Umgebung zwar nicht die Gesetze, jedoch die Konsequenz der Geschichte, die in eine Welt der Traditionen, der festgeglaubten Bindungen den Schauder der Vergänglichkeit hineinträgt. Zeit, Landschaft und Mensch vergehen; der Mensch hat die kürzere Lebensdauer. Ihn ruft der Dichter an; sucht er mitempfindende Zeugen, sucht er junge Freunde, denen er seine Erkenntnisse mitteilen will? Die siebente Zeile beginnt, nachdem ein Bild der Spätzeit entworfen wurde, mit einem entgegenstellenden Aber. Im Unterschied zum melancholischen Betrachter arbeitet der fromme Bauer ohne bedrückendes Reflektieren; für ihn bedeutet diese reiche Landschaft das Land des Segens, seine natürliche Lebensumwelt, mit der er sich durch Säen, Schneiden und Keltern eins fühlt. Der historische Boden ist sein gegebener, selbstverständlicher Acker. Diese siebente und achte Verszeile steht als feste Mitte im sechzehnzeiligen Gedicht. Doch auch die bäuerlich-fromme Welt bleibt nicht unberührt von der Stimmung der Elegie. Das geheimnisvoll eindringliche anders klingt wieder auf: aus dem Knaben wurde ein Jüngling, dessen Stirn zwar vom hellen Licht frühlinghafter Liebe gebräunt wurde, der aber der Meditation nicht entrinnen kann. Der Alleingebliebene hält Zwiesprache mit dem an Spätsommerabenden groß aufsteigenden Mond: es ist kein seelenlösender Magier mit silbernem Schein, sondern ein einsamer Gefährte. Dieser rote Mond, eine Vokativmetapher, die durch Verlegung der Zäsur rhythmisch aus der sechshebigen Zeile herausgestellt wird, trägt weniger die Farbe der Glut, vermittelt nicht Wärme noch Wonne, sondern man kann mit Goethe behaupten: in dem Roten ist Suchen und Begehren. Diese Anrede im wellenartigen Auf und Ab, das durch reiche Binnenassonanzen, Paarreim und regelmäßige Zäsuren nach der dritten Hebung bewirkt wird, brachte eine Unterbrechung, die den Abgesang vorbereitet. Die kindliche Ahnung, daß geschichtliche Zeit und Einzelschicksal unter dem gleichen objektiven Siegel gesetzmäßiger Unerbittlichkeit stehen, wurde bestärkt. Die bleiche Stirn weiß nun mehr vom Tod, der eigene Lebensherbst schafft ein klareres Verständnis geschichtlichen Wandeiis. Die Einsamkeit läßt ihn reifen, er wird hellhörig auch für die kluge Spruchweisheit des Eichbaums, der schon in der indoeuropäischen Mythologie als Sitz des göttlichen Blitzes verehrt wurde. Die Eichen waren heilige Bäume, zu ihren Füßen wurde Recht und Gerechtigkeit gesprochen, hier dichteten die Barden Gesänge zum Ruhm ihres Stammes. Bei Meschendörfer ist das Bild der Eiche immer wieder anzutreffen, wobei es etwas vordergründig den sächsischen Lebensbaum meint . Auch die adjektivische Zusammensetzung einziggeliebt setzt Meschendörfer, einmal aufgegriffen, immer wieder gerne ein; der schon erwähnte Roman beginnt: Sieh diese Stadt. Diese einziggeliebte, fruchtbare Stadt. Im Gedicht Erfüllung wird die Sonne als Einziggeliebte angesprochen.
      Auf die fünfzehnte Zeile, die durch kein Satzzeichen unterbrochen wird, folgt stockend, schrittweise die letzte Zeile dieses Gedichts, die im vokalischen Abgesang und L-Stabreim zögernd aber unaufhaltsam das Gedicht abschließt. Die menschliche Todesahnung läßt das Maß der Erkenntnis wachsen, der Dichter mag Trauer über die Vergänglichkeit empfinden, doch sieht er die Notwendigkeit und Natürlichkeit dieses Geschehens ein. Bemerkenswert bleibt der Reichtum an klangvollen Zwielauten. Raunendes au und Weite schaffendes ei herrschen vor. Wortwiederholungen und gleicher Anlaut unterstreichen die Eindringlichkeit der poetischen Aussage. Der farbliche Reichtum dieser Verse entspringt auch dem wirkungsvollen Zusammenspiel von lautlicher Fülle mit aussagekräftigen Verben .
      So entsteht ein Gedicht, das die kräftige Schönheit einer Landschaft, ihre geschichtliche Dichte auch in der gedämpften Erlebnisaussage der Elegie einzufangen weiß, das Bild einer dem Wandel unterworfenen Landschaft, die Meschendörfer mit allen Fasern seines Wesens geliebt hat.
     

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Adolf  Meschendörfer  -  SIEBENBÃœRGISCHE  ELEGIE    





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