Zur Problematik von Gattungsbegriffen |
| Gattungs- und Epochenbegriffe sind der Literaturwissenschaft unverzichtbar: nur mit diesen Instrumenten kann sie ihr riesiges historisches Material gliedern und ordnen. Dabei ist eine präzise und einheitliche Verwendung der Begriffe ein Gebot der Wissenschaftlichkeit, ja schon Voraussetzung einer vo |
Bildungsgeschichten und Bildungsprobleme als Thema des Romans |
| Die seit Beginn dieses Jahrhunderts allgemein eingebürgerte Gattungsbezeichnung ,Bildungsroman' deutet auf ein inhaltliches Moment in den ihr subsumierten Werken, aber dieser Hinweis ist keineswegs eindeutig. Das Wort ,Bildung' nämlich kann vieles meinen, zum Beispiel einen Entwicklungsprozeß, aber |
Vorgeschichte des Begriffs im I9. Jahrhundert |
| Anfang des 19. Jahrhunderts nachweisen. Fritz Martini hat entdeckt, daß der Dorpater Professor Karl von Morgenstern in einigen um 1820 erschienenen Vorträgen und Abhandlungen sich mit dem 'Wesen des Bildungsromans" und seiner Geschichte befaßt hat. Allerdings gelangen diese Aufsätze noch nicht zu ei |
Hegel |
| Die neuere Erörterung des Gattungsbegriffs ,Bildungsroman' bezieht sich mit Vorliebe auf die kurzen Bemerkungen, die Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik dem Roman gewidmet hat. Es ist allgemeine Überzeugung, daß Hegels Bestimmungen die spezielle Ausprägung der Gattung als Bildungsroman i |
Dilthey |
| Es war Wilhelm Dilthey, der den Begriff des Bildungsromans mit breiter Wirkung in Umlauf gebracht hat. Schon 1870 in seinem Leben Schleiermachers verwendet er für die Romane, 'welche die Schule des Wilhelm Meister ausmachen", den Terminus ,Bildungsroman'. Grund für die Wahl dieser Bezeichnung war ih |
Lukäcs |
| Georg Lukäcs' bereits 1916 veröffentliche Theorie des Romans enthält Beiträge zu einer Klärung des Gattungsbegriffs ,Bildungsroman', die von der Literaturtheorie und der Literaturhistorie zu ihrem Schaden lange nicht recht aufgenommen wurden. Zwar benutzt Lukäcs selbst nicht den Terminus ,Bildungsro |
Gattungsdefinitionen in der Nachfolge Diltheys |
| Bis in die neueste Zeit hinein haben die Literaturgeschichtsschreibung und die Gattungstheorie den Bildungsroman meist von dem inhaltlichen Moment her definiert, das der Gattung schon bei Dilthey und früheren Autoren ihren Namen eingetragen hatte: Man fand das entscheidende Kriterium darin, daß im M |
Neuansätze |
| In neuerer Zeit sind eine ganze Reihe von Gattungsbestimmungen vorgeschlagen worden, die sich von der seit Dilthey eingebürgerten Betrachtungsweise zu lösen versuchen und die Form des Bildungsromans, aber auch seine zentrale Thematik auf eine entschieden neue Art erfassen sollen. Monika Schrader zum |
Der Bildungsroman - eine deutsche Literaturgattung? |
| Unter den Literaturhistorikern besteht Einigkeit darüber, daß Romane, die Bildungsgeschichten zu ihrem zentralen Thema machen, bei deutschen Autoren auffällig zahlreich vertreten sind. Immer wieder hat man versucht, diese Beobachtung aus den Besonderheiten der deutschen Kulturtradition zu erklären. |
Gattungsbestimmung für den Zweck dieses Arbeitsbuches |
| Die Überlegungen dieses Buches, die im Anschluß an eine seit Jahrzehnten geläufige Betrachtungsweise einen bestimmten Zusammenhang der deutschen Romangeschichte verfolgen, gehen aus von folgender Bestimmung des Bildungsromans: Der Gattung sollen Werke zugerechnet werden, in deren Zentrum die Lebens |
Gattungsgescbichte im I8. Jahrhundert - Bibliographie |
| Becker, EvaD.: Der deutsche Roman um 1780. Stuttgart 1964. [Untersucht die deutschsprachigen Romane des Jahres 1780 und lokalisiert den 'Erziehungs- und Entwicklungsroman" als eine Variante des 'mittleren" Genres zwischen dem 'hohen" empfindsam-didaktischen Prüfungsroman und dem niedrig-komischen (s |
Das 'Zeitalter der Kritik |
| Damit individuelle Bildungsgeschichten überhaupt zum Thema des Romans werden können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Nötig ist beispielsweise, daß der Einzelne als bildungsfähiges und bildungsbedürftiges Wesen begriffen wird, was bedeutet, daß sein Platz in der Gesellschaft und der Si |
Die Entdeckung der Individualität |
| Im ersten Absatz von Rousseaus Autobiographie meldet sich ein Bewußtsein von der Einzigartigkeit der eigenen Person, das in der hier spürbaren Schärfe vorher unbekannt war und das in dem beispiellosen Vorsatz, sich selbst ohne jede Scham und Schonung darzustellen, seinen literarischen Ausdruck sucht |
Der Aufstieg des Romans |
| Im Klassizismus der Frühaufklärung gehörte der Roman nicht zu den anerkannten Literaturgattungen. Gottsched hat erst 1751 in die vierte Auflage seiner Critischen Dichtkunst ein Kapitel 'Von milesischen Fabeln, Ritterbüchern und Romanen" aufgenommen, in dem er die Gattung mit Vorbehalt und ohne sonde |
Entwicklungsgeschichten als Romanthema |
| In der Literaturgeschichte der früheren deutschen Aufklärung finden sich keine Vorformen des mit Wieland hervortretenden Bildungsromans. Die traditionalen Ordnungen wirkten zu dieser Zeit noch so stark, daß die Orientierungsnöte des sich selbst und seinen Platz in der Welt suchenden Einzelnen noch n |
Blanckenburgs Romantheorie |
| Wielands Agathon war der erste deutsche Roman, der eine Bildungsgeschichte zu seinem zentralen Thema machte. Die meisten zeitgenössischen Kritiker spürten, daß mit diesem Buch eine neue Variante der Gattung auftrat, die wichtige thematische Möglichkeiten erschloß. Das wohl wichtigste Zeugnis für die |
Agathon als Held einer Bildungsgeschichte |
| Manche Interpreten haben bezweifelt, ob der Titelheld des Wielandschen Agathon überhaupt eine Entwicklung durchläuft, die sich als Bildungsprozeß auffassen ließe. Sie folgerten aus diesem Zweifel, daß man das Buch nicht als Bildungsroman verstehen könne (vgl. z.B. W. Paulsen: Ch. M. Wieland, S. 27, |
Wielands Entwicklungsbegriff |
| In Wielands Vorstellungen von der lebensgeschichtlichen Entwicklung des einzelnen Menschen verbinden sich die Elemente der beiden im 18. Jahrhundert kursierenden gegensätzlichen Lehren, der Präformations- und der Milieu-Theorie (vgl. oben Kp. 1.1.2.). Schon der 'Vorbericht" des Agathon stellt den 'I |
Die Grundfrage |
| Der schwärmerisch für die Sache der Tugend begeisterte Agathon stößt nach seinen ersten enttäuschenden Erfahrungen auf das Problem, wie der Mensch in einer korrupten Welt dem moralischen Gesetz treu bleiben könne. Zunächst glaubt er, eine Antwort auf diese bedrängende Frage durch Ortsveränderung lin |
Etappen in Agathons Entwicklung |
| Der Text des Romans selbst macht in einer Erzähler-Reflexion am Ende der Syrakusaner Episode klar, daß Agathons Abenteuer als eine sich steigernde Folge von Desillusionierungen zu verstehen sind, die seinen schönen Glauben an die Güte des Menschen in Frage stellen:
'Es ist oben schon bemerkt worden |
Das Ziel von Agathons Btldungsgescbichte |
| Der Erzähler des Romans gibt sich hinsichtlich der Möglichkeiten Agathons, seine moralische Überzeugung gegen weitere Enttäuschungen zu behaupten, sehr nüchtern und illusionslos. Es scheint ihm außer Zweifel zu stehen, daß der Held seiner Geschichte durch weitere Abenteuer nach Art der in Smyrna und |
Die dritte Fassung des ,Agathon |
| Schon bald nach dem ersten Erscheinen des Agathon hat Wieland den Roman für unvollendet erklärt: Eine definitive Beurteilung des Werks sei erst nach dem Erscheinen eines dritten Teils möglich, der philosophische Unterhaltungen zwischen Archytas und Agathon enthalten solle (Briefe vom 2. VI. 1768 und |
Figurationen mitteleuropäischer Geistigkeit. Versuch einer literarhistorischen Periodisierung |
| In den Roman des großen kroatischen Schriftstellers Miroslav Krleza Povratak Filipa La-tinovicza (Die Rückkehr des Filip Latinovicz) ist auch eine Szene eingebaut, in der Filip, nach längerem Aufenthalt in Paris, der Metropole europäischer Kultur, nun wieder in seine periphere - wie es heißt - ,pann |
Der Blick nach Mittel- und Südosteuropa in der Literaturgeschichte von Nagl/Zeidler |
| Die Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn, herausgegeben zunächst von Johann Willibald Nagl und Jakob Zeidler, nach dem Tod von Zeidler fortgesetzt von Eduard Castle, dieses vierbändige Werk, ist zweifellos auch heute n |
Neun Bukarester Thesen zu Literaturentwicklung und Forschungsperspektiven: Deutschsprachige Literatur des Auslands |
| Vorbemerkung
Sie haben sich nie getroffen, der italienische Grundschullehrer aus dem Alpendorf V. und der polnische Diplomingenieur Johann Müller aus Warschau. Die erfundenen Figuren, die ihr Leben in der zugewiesenen Welt des Erzählten vollenden, berichten aber gleichermaßen von irritierenden, see |
Südostdeutscher Autor - binnendeutscher Verlag - binnendeutscher Leser |
| Weil ein heutiger österreichischer Germanist mit der aus kulturpolitischen Gründen intensiv geführten Debatte über die Eigenständigkeit der österreichischen Literatur1 aufgewachsen ist, fällt ihm vielleicht besonders deutlich auf, daß eine solche Debatte über die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigke |
Die ,Südostdeutschen Vierteljahresblätter' als Publikationsmedium für Literatur |
| Die ,Südostdeutschen Vierteljahresblätter", München, werden mit ihrem nächsten, 40. Jahrgang vier Jahrzehnte ihres Erscheinens erfüllen, ein Alter, das bislang noch nie - auch nicht annähernd - von einer Kulturzeitschrift der Deutschen aus dem Südosten Europas erreicht wurde. Dies fordert zu einem R |
Erfahrungen eines Autors mit Verlagen |
| Mir durch allzu freimütige Äußerungen hier vor Ihnen nicht potentielle Wege der Veröffentlichung zu verbauen - ich bin ein gebranntes Kind -, ist eine Absicht, für deren Gründe ich Sie um Verständnis bitte. Daher werde ich im folgenden sparsam mit Namensnennungen umgehen.
Dessen ungeachtet ist die |
Die deutschsprachige Literatur Galiziens in der Forschung |
| 'Soviel ich weiß, hat von den deutschen Literaturhistorikern bis jetzt keiner den Versuch unternommen zu zeigen, in welchem Grade Galizien und Galizier am deutschen Geistesleben sich beteiligten oder zumindest interessierten. Während man nicht gerade selten in literarischen Zeitschriften über deutsc |
Die deutsche Literatur in der Bukowina. Entwicklungstendenzen und Forschungslücken |
| Für Hugo von Hofmannsthal waren die Kriegsereignisse im Herbst 1914 und im Winter 1915 in den Waldkarpaten, war die wiederholte Einnahme von Czernowitz ein Erlebnis, das er als Wendepunkt im Leben seines Schwierigen, des Grafen Hans Karl Bühl, darstellt. In der ,Neuen Freien Presse' schrieb Hofmanns |
Als beispielhaft dargestellt - doch kaum gekannt: Die aktivistische Czernowitzer Zeitschrift ,Der Nerv' (I9I9) |
| Paul Raabe begründete in der Einleitung zum ersten der 18 Bände seines Index Expressionismus (1972) die Bedeutung der in Frage kommenden Zeitschriften, Jahrbücher und Anthologien der Zeitspanne 1910-1925, die in Deutschland, Österreich und in der Schweiz erschienen sind, folgendermaßen: '[Sie] ware |
Der Lyriker Alfred Margul-Sperber. Ein Forschungsbericht. Nebst einer kurzen Nachrede |
| I
Zu den unumstößlichen Gewißheiten rumäniendeutscher Literaturgeschichtsschreibung gehörte die Überzeugung von der Ranghöhe des Lyrikers Alfred Margul-Sper-ber(23. 9.1898-3.1.1967). Werturteile, wie etwajenes von Hans Liebhardt-'Alfred Margul-Sperber war der bedeutendste Dichter, der in Rumänien |
Jene Welt, von der wir wenig wissen. Einige Anmerkungen zu Josef Burg |
| Bei einer Begegnung am 16. November 1987 in der Redaktion der Moskauer Zeitschrift Sowjetisch Heimland'1 kam Josef Burg auf die Stationen seines Lebens zu sprechen und stellte fest: 'Ich bin Jude, aber ich bin auch Bukowiner, und das bedeutet, daß ich mich zu jenem österreichisch-deutschen Kulturkre |
Zu einigen Werken verdienstvoller Zipser im I9. Jahrhundert, klassifiziert nach Samuel Weber |
| Wir sind, um es mit den Worten Dr. Guhrs zu sagen, in unserem Beitrag darum bemüht, 'den Inhalt vergangener Jahre, das Wissenswerte der Gegenwart" zu vermitteln und den 'Einblick in die Zukunft"1 zu eröffnen und zu ermöglichen.
Greifen wir zu diesem Zweck auf den von Samuel Weber verfaßten Sammelba |
Wilma von Vukelich: Eine Chronistin des Judentums in Mitteleuropa |
| Wilma von Vukelich (1880-1956) gehört zu jenen Schriftstellern der alten Donaumonarchie, deren Leben und Schaffen durch die Zugehörigkeit zu einer Nation und zu einem enggezogenen Kulturkreis nicht zu erklären sind. Einer jüdischen Familie aus Ungarn entstammend, verlebte sie die meisten Jahre ihres |
'Ich wohne in Europa/Ecke Nummer vier: Identitätsprobleme einer Minderheitenliteratur im Spiegel der siebenbürgisch-deutschen Literaturgeschichte |
| Mitte August 1990 übertrug die deutsche Sendung des Rumänischen Fernsehens ein Literaturgespräch, das sich auch auf die Standortbestimmung der rumäniendeutschen Literatur bezog. Rechts saß der Schweizer Verleger Egon Ammann und hielt das fragliche Phänomen schlichtweg für deutsche Literatur; links s |
Unbekannte Nachlaßmaterialien zur siebenbürgisch-deutschen Literatur des I9. Jahrhunderts |
| Am 24. September 1848, mitten aus den Wirren der Revolution, schrieb Martin Schenker aus Hermannstadt - etwas voreilig - an seinen in Leipzig studierenden Freund Franz Obert: 'Der ungrische Staatsparoxismus [...] ist vorüber; die allgemeine Nationalitätenbrandung in Pannonien ist beschworen und Gott |
Klassisch-romantische Nachklänge im siebenbürgischen Realismus des I9. Jahrhunderts |
| Das Verständnis für klassisch-romantische Dichtung, die Neigung zu ihr ist auch in den Jahrzehnten allmählicher innerer Ausrichtung auf Realistik durch die Schule gefördert worden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstand man humanistische Bildung als Aneignung antik-klassischer und klass |
Im Trubel der Geschichte - Heinrich Zillichs Briefe an Alfred Margul-Sperber |
| In einem ausführlichen, dreiteiligen Überblick über Die deutsche Dichtung Siebenbürgens in unserer Zeit1 hat Harald Krasser schon sehr früh eines der charakteristischen Merkmale der Tätigkeit Heinrich Zillichs treffend erfaßt: 'In Zillich durchdringen sich Dichter und publizistischer Kämpfer." Als |
Aufgaben einer Literaturgeschichtsschreibung der rumäniendeutschen Literatur nach I945 |
| In Rumänien wird in letzter Zeit ein Schlagwort überstrapaziert: das von der Rückkehr zur Normalität. Wenn wir uns heute nach über vier Jahrzehnten beispielloser Gängelei und Bevormundung zu Forschungsschwerpunkten und -defiziten in der Literaturgeschichte Ostmittel- und Südosteuropas äußern können, |
Übersetzungen belletristischer Texte in der Zeitschrift ,Die Karpathen' (I907-I9I4) und in der Wochenschrift ,Karpatenrundschau' (I980-I989) |
| Mankos und Frustrationen der Literatur von nationalen (Sprach-)Minderheiten sind mit Bezug auf die siebenbürgisch-sächsische, banat-schwäbische und nicht zuletzt auf die sogenannte rumäniendeutsche Literatur bereits öfters und kompetent untersucht und nachgewiesen worden.1 Die Jahrestagung des Arbei |
Forschungsschwerpunkt 'Oscar Walter Cisek. Auszüge aus dem II. Kapitel der Dissertation über 'Sprache und Stil in O.W. Ciseks literarischen Werken |
| Anhand dieses knappen Berichts soll ein allgemeiner Überblick über Leben und Schaffen des Dichters und Schriftstellers geboten werden.
Oscar Walter Cisek gehört einer Zeit an, in der die beiden Weltkriege (1914-1918 und 1939-1945) entscheidende Zäsuren setzten. Mit seinen literarischen Anfängen zä |
Die Erzählungen Oscar Walter Ciseks. Versuch einer Integration in den europäischen Kontext |
| Der Lyriker, Epiker, Kunst- und Literaturkritiker Oscar Walter Cisek (1897-1966) gehört nicht nur zu den hervorragendsten Vertretern der rumäniendeutschen Literatur der Zwischenkriegszeit, deren vielseitige Tätigkeit ihre Fortsetzung auch nach 1945 findet, sondern zu den repräsentativsten Autoren un |
Die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur vor historischem Hintergrund |
| Die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur mußte Anfang der siebziger Jahre - aus einem Zustand des Scheintodes - sozusagen mit Gewalt wieder ins Leben gerufen werden. Es fing 1973 mit dem Preisausschreiben desWochenblatts ,Neue Zeitung' 'Greift zur Feder!" an. Aus den überraschend zahlreichen Einsendun |
Zur Standortbestimmung der ungarndeutschen Literatur |
| 'Das Zweiglein brach ab. Niemand sah es, nur der Gärtner. Die Adern spritzten noch Blut zur Wunde, aber das Zweiglein wurde immer dürrer. Und der Gärtner war traurig."1 So beginnt und so endet die titelgebende Erzählung des im Sommer 1990 viel zu früh verstorbenen Dichters Claus Klotz in der 1989 im |
Rätsel mit Auflösung: Was ist ein Text? |
| Die Frage „Was ist ein Text?", in scheinbar kindlich-naiver Manier formuliert, soll nicht einer Manie der Definitionen das Wort reden, sondern nur, viel bescheidener, zur Klärung eines Begriffs beitragen, den wir täglich verwenden, ohne uns über seinen Inhalt Gedanken zu machen. Wie von Bildern, sin |
Gestatten: Hugo von Hofmannsthal |
| Hofmannsthals Leben und Schreiben steht im Zeichen der Vollendung am Anfang, der Fragmentarität am Ende. Aus jüdischer Glaubens- und Bildungstradition stammend - obgleich sein Vater zum Katholizismus konvertierte -, verfügt schon der Schüler über eine stupende Belesenheit, die jedoch kein bloß äußer |
Lust auf Lyrik? |
| Die Lyrik Hugo von Hofmannsthals entstand vorwiegend in seinen jungen Jahren und steht, zusammen mit den lyrischen Dramen, am Anfang seines Schaffens. Doch ist nicht das der Grund, weshalb unsere Textanalysen mit der Arbeit an den Gedichten beginnen. Die .Textualität', wenn das Kunstwort denn den sp |
Spielarten des Dramas |
| In einem (für manchen Leser vielleicht:) etwas heftigen Hiatus setzt nach der Analyse lyrischer Texte die Interpretation von Dramen ein; auf die Kleinform folgt die Großform, sogar, da der Roman nicht behandelt wird, die ,größte' im vorliegenden Band. Sprachlich und konzeptionell weniger konzentrier |
Lyrisches Drama: Der Tod des Tizian |
| Die Gattung des lyrischen Dramas wird dem Leser nicht eben häufig begegnen, ist sie doch auf die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert (das Fin-de-siecle) beschränkt (obschon ihre Folgen bis in die moderne Dramatik hin spürbar sind). Daraus kann, wer mag, folgern, dass die Methodik zur Analyse dieser ku |
Tragödie: Elektra |
| Nach dem Tod des Tizian, der nur sehr bedingt für die Bühne geeignet ist, wenden wir uns einem sozusagen ,richtigen' und reinen Bühnenwerk zu, der Tragödie Elektra von 1903. Es war schon bei der , Vorstellung' Hofmannsthals betont worden, dass er sich zeitlebens zur Bühne hingezogen fühlte, weil er |
Komödie: Arabella |
| Mit der Analyse, die der Tragödie Elektra galt, haben sich, über das bis dahin bekannte lyrische Drama hinaus, Einblicke in Aufbau und Struktur des Dramas ergeben, die nun am Beispiel einer Komödie zu vervollständigen sind. Wenn statt des weitaus berühmteren Schwierigen - der nicht unbedingt für uns |
Vom Erzählen oder: Was für Geschichten! |
| Es ist ein Hofmannsthal zu verdankender Glücksfall, dass unser Kapitel zur Analyse von Erzählungen mit einem Text beginnen kann, der thematisch an das vorangegangene Kapitel anknüpft. 1909 schreibt Hofmannsthal eine Erzählung mit dem Titel Lucidor und dem Untertitel 'Figuren zu einer ungeschriebenen |
Versuch zum Essay |
| Theoretische Gegenstände stehen nicht unbedingt in dem Ruf, die Leser literarischer Texte zu faszinieren. Für den nun folgenden Versuch über den Essay gilt es, den Leser gleichwohl einzustimmen und für eine Gattung einzunehmen, die ihrem Inhalt nach den Sachtexten zuzuordnen ist, dabei aber durchaus |
Frage für Kenner: Was ist das,Literarische' an literarischen Texten? |
| Literarische Texte sind Texte der besonderen Art; sie übermitteln nicht in erster Linie Botschaften, sondern sind, in der spezifischen Art ihrer Gestaltung, selbst schon die Botschaft - mit dem viel zitierten, auf die Medien gemünzten (auf diese freilich kaum zutreffenden) Satz des Kanadischen Medie |
Paul Ernst |
| Der Novellenkunst Paul Ernsts gerecht zu werden, ist heute nicht einfach. Allzu radikal ist die Abkehr seiner eigenen Zeit von ihm vollzogen worden; eine Abkehr, die nicht selten bis zum Unverständnis und zum Ressentiment reicht. Immerhin liegt eine so ausgedehnte Novellenproduktion des Dichters vor |
Franz Kafka |
| Ein Prosawerk spezifisch novellistischen Charakters aus Kafkas Dichtungen auszuwählen, ist schwierig. Goethe hat in seiner von Eckermann überlieferten Novellendefinition von der 'unerhörten, sich ereigneten Begebenheit" als dem Kern der Novellendichtung gesprochen. Was das zweite Attribut meint, wir |
Die Entwicklung der deutschen Novelle in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg |
| Die bisherige Darstellung der Geschichte der deutschen Novelle im 20. Jahrhundert reicht bis in die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Ein Ausblick auf die Zeit nach dem Krieg soll den Abschluß des Buches bilden. Er wird nicht ergiebig sein. Bedeutende Novellendichtungen sind in dem Zeitraum zwischen de |
Die siebenbürgisch-sächsische Literatur im sozial-politischen und kulturellen Gefüge der Jahre I849—I890 |
| Nachdem die Revolution von 1848/49 niedergeschlagen worden war, wurde das absolutistische Regime instauriert, das bis Anfang des Jahres 1860 andauerte. Fortschrittliche Bestrebungen aller Art wurden unterdrückt, die Freiheit des Bürgers zur Meinungsäußerung und politischen Betätigung drastisch einge |
Versuch einer Abgrenzung und Wesensbestimmung der Lyrik |
| Die Grundstruktur der Periode 1849—90 stellt sich in ihren lyrischen Ausdrucksformen als vielschichtig und vielgestaltig dar, was von vornherein jeden Versuch ihrer Wesensbestimmung erschwert. Die Lyrik so verschiedener Dichternaturen wie Friedrich Krasser und Viktor Kästner, um nur die Extremfäll |
Zielsetzung und Leistung im Bereich der epischen Literatur |
| Die siebenbürgisch-sächsischen Prosawerke der zweiten Jahrhunderthälfte lassen den Eindruck entstehen — und die literarhistorischen Arbeiten, die sich darauf beziehen, betonen dies —, daß das Hauptziel der erzählenden Dichtung, das ästhetische, durch bildende und erzieherische Nebenziele ergänzt |
Die siebenbürgisch-sächsische Kalendererzählung |
| In der zweiten Hälfte des 19. Jh. stellten die einheimischen Dichter ihre Fähigkeiten immer mehr in den Dienst der Kalender, einerseits weil sie hier eine gute Möglichkeit fanden, ihre Novellen und Erzählungen zu verbreiten, anderseits weil sie das erzieherische Anliegen dieser Publikationen unterst |
Stellenwert, Thematik und Struktur der dramatischen Literatur |
| Die geschichtlichen Ereignisse der Jahre 1849—90, die sich auf die politische Situation der Sachsen in Siebenbürgen nachhaltig auswirkten, verwiesen die Dichtung auf das Gebiet des historischen Schauspiels. Die dramatische Behandlung geschichtlicher Stoffe mit unverkennbarer Zeitbezogenheit erweis |
Traugott Teutsch - Das dramatische Werk |
| Das dramatische Werk von Traugott Teutsch umfaßt zwei historische Stücke: Sachs von Harteneck (1874) und Johannes Honterus (1898). Teutsch hat auch ein Lustspiel, Hannibal Heimchen, geschrieben1, das er aber später vernichtete2; es soll zum Teil Dichtung, zum Teil Wahrheit enthalten haben 3. Bei den |
Michael Albert - Das dramatische Werk |
| Die Hinwendung Michael Alberts zur Dramatik ist gleichermaßen auf persönliche und geschichtliche Beweggründe zurückzuführen. Zunächst war es der Erfolg, den sein Dichterfreund Traugott Teutsch mit der Schwarzburg (1882) gehabt hatte, der Albert dazu bewog, selbst heimische Stoffe aufzugreifen und dr |
Aspekte der Lyrik um die Jahrhundertwende |
| Mit Periodisierungsschwierigkeiten wird man nicht nur bei der einheimischen Literatur um 1900 im allgemeinen, sondern auch bei der Lyrik rechnen müssen. Sowohl 1918, aber vor allem 1890 können, auf die Lyrikentwicklung bezogen, trotz des historischen Einschnittes, den sie markieren, nur im Sinne ein |
Die Prosa und die literarischen Strömungen der Zeit |
| In Siebenbürgen stieß die naturalistische Stilrichtung wie auch sonst auf Widerstand. Das war nicht anders zu erwarten, da auf radikale Art versucht wurde, ihr in der Kunst Daseinsberechtigung zu verschaffen. Doch dauerte es hierzulande länger, bis diese Widerstände zumindest soweit beseitigt werden |
Kalendererzählungen der Jahrhundertwende |
| Noch 1911 stellte Adolf Meschendörfer die gleichen Anforderungen an die Kalender wie etwa Traugott Teutsch zwanzig oder dreißig Jahre früher; ein Zeichen dafür, daß das Niveau noch keineswegs zufriedenstellend war: 'Der Kalender ist das einzige Buch, welches der Kleinbürger und der Bauer sich alljäh |
Heinrich Schuster - epik |
| Der Erzähler Heinrich Schuster hat lange Zeit als einer gegolten, der zu Unrecht unbeachtet geblieben war.1 So wurden im Lauf der letzten Jahre Anstrengungen unternommen (besonders von Michael Markel), ihn und sein Werk der Vergessenheit zu entreißen. 2 Widmet man sich ihm, wird man sich also auf da |
Johann Plattner - epik |
| Im Jahr 1854 wird Johann Plattner1 als Sohn eines Landwirts in Stolzenburg geboren. Dort verbringt er seine Kinderjahre und besucht die Volksschule. 1875 besteht er auf dem Hermannstädter Gymnasium die Maturitätsprüfung, dient darauf sein Freiwilligenjahr ab und beginnt 1876 das Studium der Philolog |
Johann Leonhardt - epik |
| Johann Leonhardt1 wurde 1859 in Schäßburg geboren, besuchte dort das Gymnasium und studierte anschließend in mehreren deutschen Städten (Leipzig, Heidelberg, Berlin) Theologie und Germanistik. Persönliche Kontakte mit Literaten und Künstlern sowie ein systematisches Studium der Museen und des Theate |
Thematik, Problemstellung und Spielarten der dramatischen Dichtung |
| Ein- und Zuordnung der dramatischen Werke der Epoche 1890—1918 zu einem Gesamtbild werden durch die Vielzahl der vorliegenden Stücke und durch deren mangelnde künstlerische Reife erschwert. Trotzdem sei hier der Versuch gewagt, bemerkenswerte Leistungen im Bereich des dramatischen Schaffens za ver |
Johann Leonhardt - dramatik |
| Der Bildungsweg und auch die literarischen Arbeiten Johann Leonhardts stehen im Zeichen des 19. Jh., es läßt sich vor allem der Einfluß M. Alberts, T. Teutschs und Fr. W. Schusters feststellen. Leonhardt schrieb seine Dramen in einer Zeit, in der Vertreter jüngerer Generationen ihre Zweifel an den e |
Michael Königes - dramatik |
| Michael Königes wurde 1871 in Zeiden als Sohn eines wohlhabenden Bauern geboren. Der Vater untersagte dem überdurchschnittlich Begabten nach Abschluß der Volksschule eine weitere Ausbildung und bestimmte ihn zum Bauernberuf. So verbrachte Michael Königes sein Leben auf dem Grundbesitz an der Burzen |
Anna Schuller-Schullerus - dramatik |
| Wenn man dokumentarisch untermauerte Werturteile zum Publikumserfolg des dramatischen Erstlings der Anna Schuller-Schullerus Am zwin Krezer (1898) diachronisch vergleicht, so wird die Behauptung Karl Kurt Kleins belegt, sie habe 'nicht nur die besten mundartlichen Erzählungen geschrieben, sondern au |
Vorblick auf die gegenwärtige Lyrik; Dissonanzen und Abnormität |
| Die europäische Lyrik des 20. Jahrhunderts bietet keinen bequemen Zugang. Sie spricht in Rätseln und Dunkelheiten. Aber sie ist von einer auffallenden Produktivität. Das Werk der deutschen Lyriker vom späten Rilke und von Trakl bis zu G. Benn, der französischen von Apollinaire bis zu Saint-John Pers |
Negative Kategorien |
| Das Erkennen moderner Lyrik steht vor der Aufgabe, Kategorien zu suchen, mit denen sie zu beschreiben ist. Man kann der Tatsache nicht ausweichen, und die gesamte Kritik bestätigt es, daß sich vorwiegend negative Kategorien einstellen. Entscheidend ist allerdings, daß sie nicht abwertend, sondern de |
Theoretische Vorspiele im I8. Jahrhundert: Rousseau und Diderot |
| In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnen im europäischen Schrifttum Erscheinungen aufzutreten, die, von der späteren Lyrik her betrachtet, als deren Vorspiele gedeutet werden dürfen. Wir begnügen uns damit, dies an Rousseau und Diderot zu zeigen.
Rousseau kommt hier weniger in Betracht a |
Novalis über künftige Dichtung |
| Die hier aus Rousseau und Diderot belegten neuen Bestimmungen der Phantasie und der Dichtung verstärken sich in der Romantik Deutschlands, Frankreichs und Englands. Der Weg, den sie dann von da aus zu den Autoren des mittleren und späten 19. Jahrhunderts nehmen, ist genau verfolgbar und oft beschrie |
Französische Romantik |
| Als literarische Mode erlosch die französische Romantik um die Jahrhundertmitte. Aber sie ist das geistige Schicksal späterer Generationen geblieben, auch derer, die sie zu liquidieren gedachten und andere Moden einführten. Was Maßlosigkeit an ihr war, Pose, Prunk, rasch sich verbrauchende Trivialit |
Theorie des Grotesken und des Fragments |
| Ebenso folgenreich ist aber auch die Theorie des Grotesken. Diderot hatte sie im Neveu de Rameau umkreist. Victor Hugo entwickelte sie in der Vorrede seines Cromwell (1827) als Teil einer Dramentheorie. Sie stellt wohl überhaupt den bedeutendsten Beitrag zum romantischen Ideengut dar, der von franzö |
Kluge, Alexander - Chronik der Gefühle |
| Um die heimliche Macht und den Eigensinn der Gefühle zu erkunden, sucht Kluge in seinen Geschichten und Materialien der Chronik der Gefühle nach den Elementen, die nicht nur Lebensläufe, sondern auch ganze historische Entwicklungen beeinflussen. Kluge weist dabei den Gefühlen im Zusammenhang mit Erf |
Die Wiederentdeckung der »Germania« des Tacitus |
| Auslöser: Als zu Beginn der Renaissance in Italien das Interesse an der römischen Vergangenheit wieder erwachte, waren die Schriften von Publius Cornelius Tacitus praktisch vergessen. Mit wachsendem Interesse an der Antike begannen Sammler bald Klosterbibliotheken systematisch nach alten Manuskripte |
Der von Kürenberg |
| Ich zoch mir einen valken mere danne ein jdr. do ich in gezamete als ich in wolte hdn und ich im sin gevidere mit golde wol bewant, er huop sich üf vil hohe und floug in anderiu lant.
Ich zog mir einen Falken Länger als ein Jahr, Und da ich ihn gezähmet, Wie ich ihn wollte gar Und als ich sein Gefi |
Walther von der Vogelweide |
| 'Under der linden
an der beide,
da unser zweier bette was,
Da muget ir vinden
schone beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schone sanc diu nahtegal.
Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
do was min friedel komen e.
Da wart ich empfangen,
here frouwe,
daz i |
VERSCHNEIT |
| Es ist ein Schnee gefallen Und es ist doch nit Zeit. Man wirft mich mit den Ballen, Der Weg ist mir verschneit.
Mein Haus hat keinen Giebel, Es ist mir worden alt, Zerbrochen sind die Riegel, Mein Stüblein ist mir kalt.
Ach Lieb, laß dich erbarmen, Daß ich so elend bin, Und schließ mich in dein Ar |
Paul Fleming - AN SICH |
| Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
weich keinem Glücke nicht, steh' höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren, nimm dein Verhängnis an, laß alles un |
Andreas Gryphius - TRANEN DES VATERLANDES Anno I636 |
| Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun, Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat auf gezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret, Das Rathaus liegt im Graus, die Starken si |
Johann Christian Günther - ABSCHIEDSARIA |
| Schweig du doch nur, du Hälfte meiner Brust; Denn was du weinst, ist Blut aus meinem Herzen. Ich taumle so und hob an nichts mehr Lust Als an der Angst und den getreuen Schmerzen, Womit der Stern, der unsre Liebe trennt,
die Augen brennt.
Die Zärtlichkeit der innerlichen Qual Erlaubt mir kaum, ein |
Friedrich Gottlieb Klopstock - DIE FRÜHEN GRÄBER |
| Willkommen, o silberner Mond,
Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.
Des Mayes Erwachen ist nur
Schöner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Thau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,
Und zu dem Hügel |
Matthias Claudius - ABENDLIED |
| Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Ja |
Gottfried August Bürger - LENORE |
| Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen: 'Bist untreu, Wilhelm, oder tot? wie lange wirst du säumen?" Er war mit König Friedrichs Macht gezogen in die Prager Schlacht und hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben.
Der König und die Kaiserin,
des langen Haders müde,
bewegten ihr |
Johann Wolfgang Goethe - WILLKOMMEN UND ABSCHIED |
| Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wol |
Johann Wolfgang Goethe - HEIDENRÖSLEIN |
| Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön, Lief er schnell, es nah zu sehn, Sahs mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: Ich breche dich, Röslein auf der Heiden! Röslein sprach: Ich steche dich, Daß du ewig d |
Johann Wolfgang Goethe - PROMETHEUS |
| Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres Unter der So |
Johann Wolfgang Goethe - AN DEN MOND (letzte Fassung) |
| Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz;
Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Über mein Geschick.
Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh- und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud und Schmerz In der Einsamkei |
Johann Wolfgang Goethe - SULEIKA |
| In tausend Formen magst du dich verstecken, Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich; Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken, Allgegenwärtige, gleich erkenn ich dich.
An der Zypresse reinstem, jungem Streben, Allschöngewachs'ne, gleich erkenn' ich dich; In des Kanales reinem Wellenleben, Alls |
Johann Wolfgang Goethe - SELIGE SEHNSUCHT |
| Sagt es niemand, nur den Weisen, Weil die Menge gleich verhöhnet: Das Lebendge will ich preisen, Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung, Die dich zeugte, wo du zeugtest, Überfällt dich fremde Fühlung, Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen In der Fin |
Friedrich Hölderlin - DIE EICHBÄUME |
| _Aus den Gärten komm' ich zu euch, ihr Söhne des Berges! Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich, pflegend und wieder gepflegt mit den fleißigen Menschen zusammen. Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel, Der e |
Friedrich Hölderlin - LEBENSLAUF |
| Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger, Doch es kehret umsonst nicht Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts oder hinab! herrschet in heiiger Nacht, Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, Herrschet im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht |
Friedrich Hölderlin - BROT UND WEIN |
| An Heinze
1
Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse
Und, mit Fackeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg. Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen,
Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
Und |
Novalis - HYMNE AN DIE NACHT |
| Welcher Lebendige^ Sinnbegabte liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen, seiner müden Allgegenwart als weckender Tag? Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt und schw |
Clemens Brentano - ABENDSTÄNDCHEN |
| Hör, es klagt die Flöte wieder, Und die kühlen Brunnen rauschen, Golden weh'n die Töne nieder; Stille, stille, laß' uns lauschen!
Holdes Bitten, mild Verlangen, Wie es süß zum Herzen spricht! Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Töne Licht.
Das Lied leitete ursprünglich den vierte |
Joseph von Eichendorff - MONDNACHT |
| Es war, als hätt der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nun träumen müßt.
Die Luft ging durch die Felder, Die Ähren wogten sacht, Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, Flog durch die stillen Lande, Als |
Eduard Mörike - UM MITTERNACHT |
| Gelassen stieg die Nacht ans Land,
lehnt träumend an der Berge Wand,
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
und kecker rauschen die Quellen hervor, sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr vom Tage,
vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied, |
Heinrich Heine - LORELEI |
| Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr g |
Heinrich Heine - ENFANT PERDU |
| Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm' ich gesund nach Haus-Ich wachte Tag und Nacht — Ich könnt' nicht schlafen, Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar — (Auch hielt das laute Schnarchen |
Georg Herwegh - AUFRUF |
| Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Laßt, o laßt das Verseschweißen! Auf den Amboß legt das Eisen! Heiland soll das Eisen sein.
Eure Tannen, eure Eichen — Habt die grünen Fragezeichen Deutscher Freiheit ihr gewahrt? Nein, sie soll nicht un |
Theodor Storni - ABSEITS |
| Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter bliihn; der Ueidcduft
Steigt in die blaue Sommerluft.
Laufkäfer hasten durchs Gesträuch In ihren goldnen Panzcrröckchen, Die Bienen hängen Zweig um Zweig Sich a |
Gottfried Keller - ABENDLIED |
| Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!
Fallen einst die müden Lider zu, Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh.
No |
C. F. Meyer - DER RÖMISCHE BRUNNEN |
| Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.
Der Novellist und Lyriker Conrad Ferd ina |
Friedrich Nietzsche - VEREINSAMT |
| Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein —
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!
Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn-
Die Welt — ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer |
Stefan George |
| Komm in den totgesagten park und schau: Der schimmer ferner lächelnder gestade. Der reinen wölken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau Von birken und von buchs. der wind ist lau. Die späten rosen welkten noch nicht ganz. Erlese küsse s |
Hugo von Hofmannsthal - BALLADE DES ÄUßEREN LEBENS |
| Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, Und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben Und fallen nachts wie tote Vögel nieder Und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht der Wind, und immer wieder Vernehmen wir un |
Rainer Maria Rilke - SPANISCHE TÄNZERIN |
| Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten zuckende Zungen streckt —.• beginnt im Kreis naher Beschauer hastig, hell und heiß ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar.
Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
|
Rainer Maria Rilke - DIE ERSTE ELEGIE |
| Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade
ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen v |
Hermann Hesse - IM NEBEL |
| Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnb |
Gottfried Benn - KARYATIDE |
| Entrücke dich dem Stein! Zerbirst die Höhle, die dich knechtet! Rausche doch in die Flur! Verhöhne die Gesimse — sieh: Durch den Bart des trunkenen Silen aus seinem ewig überrauschten lauten einmaligen durchdröhnten Blut träuft Wein in seine Scham!
Bespei die Säulensucht: toderschlagene
greisige |
Kurt Schwitters - AN ANNA BLUME |
| O du, Geliebte meiner siebenzwanzig Sinne, ich liebe dir! — Du deiner dich dir, ich dir, du mir-
— Wir?
Das gehört (beiläufig) nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist
— bist du? — Die Leute sagen, du wärest — laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm st |
Georg Trakl - ABENDLAND |
| Else Lasker-Schüler in Verehrung
1
Mond, als träte ein Totes Aus blauer Höhle, Und es fallen der Blüten Viele über den Felsenpfad. Silbern weint ein Krankes Am Abendweiher, Auf schwarzem Kahn Hinüberstarben Liebende.
Oder es läuten die Schritte
Elis' durch den Hain
Den hyazinthenen
Wieder verh |
Johannes Robert Becher - NECKAR BEI NÜRTINGEN |
| Die Ufer sind so flach, daß auch die Wiesen Sanft mitzufließen scheinen mit dem Fluß. Ein uferloses grünes Überfließen, Ein Überfluß, drin alles mitziehn muß!
Die Apfelbäume blühn. Ein weicher Schimmer
Liegt überm Land. Es blüht aus dir heraus.
Still. Nur der Fluß, das Blühn . .. Ich wünsch mir |
Else Lasker-Schüler - EIN LIED |
| Hinter meinen Augen stehen Wasser, Die muß ich alle weinen.
Immer macht ich auffliegen, Mit den Zugvögeln fort;
Buntatmen mit den Winden In der großen Luft.
O ich bin so traurig — — — — Das Gesicht im Mond weiß es.
Drum ist viel samtne Andacht
und nahender Frühmorgen um mich.
Als an de |
Else Lasker-Schüler - WELTENDE |
| Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben war,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen . . . das Leben liegt in aller Herzen wie in Särgen.
Du! wir wollen uns tief küssen — es pocht eine Sehnsucht an die Welt, |
Bertolt Brecht - ERINNERUNG AN DIE MARIE A |
| An jenem Tag im blauen Mond September Still unter einem jungen Pflaumenbaum Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe In meinem Arm wie einen holden Traum. Und über uns im schönen Sommerhimmel War eine Wolke, die ich lange sah Sie war sehr weiß und ungeheuer oben Und als ich aufsah, war sie nimmer |
Günter Eich - ENDE EINES SOMMERS |
| Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!
Wie gut, daß sie am Sterben teilhaben !
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
während unter dem Brückenbogen die "Zeit rauscht.
Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an. Kr mißt seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab. Seine Strecke |
Paul Celan |
| SINGBARER REST — der Umriß dessen, der durch
die Sichelschrift lautlos hindurchbrach, abseits, am Schneeort.
Quirlend unter Kometenbrauen
die Blickmasse, auf die der verfinsterte winzige Herztrabant zutreibt mit dem draußen erjagten Funken.
— Entmündigte Lippe, melde, daß etwas geschieht, no |
Ernst Jandl - HÖRPROBE |
| höherhören
höherhören
höherhören
höherhören
höherhören
höherhören
höherhören
höherhören
höherhören
höherhören
höhere hören und daumen
höhere daumen und hören
höhere hören
und höhere daumen
meine höheren daumen meine höheren hören
kennen sie mich herren kennen sie mich herren kennen si |
Ingeborg Bachmann - DIE GESTUNDETE ZEIT |
| Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
Sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die a |
Hans Magnus Enzensberger - LANDNAHME |
| das ich gegründet habe mit meinen äugen,
das ich mit meinen heutigen bänden halte,
mein land, mein sterbliches land,
leuchtend von meiner freude,
die hat dich zu mir verwünscht
für die fremde und die vertraute zeit,
für alle Zeiten, die uns geblieben sind.
ich sage dir deinen namen, sprich un |
Günter Kunert - WIE ICH EIN FISCH WURDE |
| Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus Über das belebte Land. Um sich zu retten Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.
Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden, Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand, Und sie schl |
Siebenbürgisch-sächisches Volkslied - DER DRUM - DER TRAUM |
| DER DRUM
Ech gang an mänes Vueters Guerten
niderlua und schliufa,
ech draeme mer a Draemeleng,
at schnuat iwer mech;
ja, ja, at schnuat iwer mech.
Et bläten ok drua Ruiselenj,
da hangen iwer mech,
diu nüm ech da drua Ruiselenj
und bund mer ene Krunz;
ja, ja, und bund mer ane Krunz.
Und da |
Banater Volkslied - ICH BIN E SCHWOB |
| Ich bin e Schwob vum Schwoweland,
Ich hau fünf Finger an jeder Hand,
Esse un trinke kann ich gut
Un rede tu ich wie's mer kummt. Die Banater große Buwe, Die sin so maschtich wie die Ruwe, Un wann se gehn uf de Kerweihball — Na so was find't mer net üwerall!
Un wann se fahre in de Plug,
No ste |
Josef Marlin - DEN FREUNDEN IN WIEN |
| Im Sommer 1846
Ein ernstes Wort voll sorgenvoller Liebe
Rieht' ich an euch voll gleichem gutem Sinn,
Daß nimmer die Begeisterung zerstiebe
Und unsrer Seele frei Zusammengliihn.
Wie seltsam auch sich krümmen unsre Pfade,
Nie fehle uns die leuchtende Idee!
Das Leben gibt dem Schönen keine Gnade |
Friedrich Krasser - MARSEILLAISE DES CHRISTENTUMS |
| (gekürzt)
Sagt an, wer ist's, dem ihr die Saat vertraut,
Der Wald und Felder düngt mit saurem Schweiße?
Der euch Paläste, Dome, Burgen baut,
Der Stadt' und Dörfer schuf mit seinem Fleiße?
Wer ist's, der jeden Raum, den ihr bewohnt, Zum Feenschloß verherrlicht läßt erscheinen, Wo ihr geschmückt |
Michael Albert - BAUERNSTUBE |
| Draußen rieselt der Regen;
Dem Dorf entgegen
Schlägt aus dem Walde der Wind.
November ist es, der Abend beginnt
Zu dunkeln nach kurzer Tageszeit.
Da werden die Dächer weiß â€” es schneit.
Vom Lutherofen um Bank und Schrein Strahlt gaukelnd der Flamme rötlicher Schein. Die Katze, die glatt sich |
Nikolaus Schmidt - DAS LIED DER UNTERDRÜCKTEN |
| Ich bin ein Sohn des Staubes, Ich bin ein Sohn des Lichts, Ich bin das Sturmgeläute Des großen Weltgerichts. Kein weiser Lehrer war es, Der mir zum Singen riet, Mir gab ein Gott die Leier, Mir gab ein Gott das Lied.
Es wandelt meine Seele Tief in der Unterwelt, Und lächelnd überschaut sie Das helle |
Adolf Meschendörfer - SIEBENBÜRGISCHE ELEGIE |
| Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit. Früh faßt den staunenden Knaben Schauder der Ewigkeit. Wohlvermauert in den Grüften modert der Väter Gebein, Zögernd nur schlagen die Uhren, zögernd bröckelt der Stein. Siehst du das Wappen am Tore? Längst verwelkte die Hand. Völker kamen und |
Eduard Schullerus - ASTERN |
| Liebst du die amethystenen Sterne, Mädchen, Die von verdorrten, sommermüden Hängen Durch all das herbstzeitstille große Welken Als späte Boten frohen Lebens leuchten?
Du kennst sie nicht? — Wohlan, so wandern wir
Nach unseren Bergen, wo der Sonnenschein,
Der herbstlich blasse, seine Kinder wärm |
Hermann Kloß - IM WIESENWINKEL |
| Heut' führst du mich zum kühlen Wiesenwinkel,
Wo Sonnenblumen noch, umhegt vom Walde,
In voller Blüte stehn, weil Sonnenstrahl
Sie hier nicht welkt und heißer Mittagswind.
Bald öffnen sich die Bäume und uns grüßt
Das Licht, — nach langer Schattenwanderung
Das milde Abendlicht. Aufatmend harr |
Josef Gabriel der Ältere - SCHNITT |
| Ich breng euch frohi Botschaft heut!
Dr Schnitt is do, die scheni Zeit;
Schon zeiticht üwr Berch un Tal
Die Gerscht, dr Weeze üwrall.
Wie's Herz 'em lacht,
Wann mr's betracht
Un geht so dorch des weiti Feld,
Wie reich die Fechsung sich hat g'stellt.
Drum uf, aus Hütte, Hof un Haus Ziehn en d |
Oscar Walter Cisek - DAS OPFER |
| Es heben meine schwanken Hände
In den Tag dies Herz, ein zitterndes Tier,
Das in mir lag, äugte
Durch Dickicht und schwarzen Wald.
Aber nirgend leuchten Die süßen Feuer der Gnade, Und mein Opfer sehnt sich Zurück nach dem Atem Der finsteren Pflanzen, Zurück nach dem Moos, Denn jeder Lichtflug En |
Alfred Margul-Sperber - AN EIN ALTERNDES ANTLITZ |
| Ich kann den Abend nicht zu Ende denken Und nicht die Landschaft, die dein Lächeln trug. Du wolltest mir das Herz der Wiese schenken, Und unser Pfad war Traums genug.
Verstöbertes Gefild! Die Flocken sprühen. Hier war es irgendwo: wo war es nur? Ich muß mich über weiße Wege mühen Und suche noch im |
Peter Barth - DER ÜBERGANG ZUM TAG |
| Die Nacht ist finster. Nirgend ein hervorbrechender Mondenschein. Die Wolken ziehen leise, leise dahin auf ihrer weiten Reise ins Endlose des Raums hinein.
Das Astgezweig am kahlen Baum schrickt auf aus seinem starren Traum Ein Luftzug bringt aus weiter Ferne den Atemzug der vielen Sterne, die allv |
Franz Liebhard - GESPRÄCH MIT MIR SELBST |
| Hätte ich in meinem Leben ein Dutzend Bäume gepflanzt, würde man von mir sagen, er liebte die Bäume;
hätte ich von Jahr zu Jahr Hunderte Bäume gepflanzt, die unserer Erde mehr Früchte schenken und eine reinere Luft dem Atem, würde man von mir dereinst sagen, er liebte die Menschen;
hätte ich Wälde |
Alfred Kittner - KASPAR-HAUSER-LIED |
| Was sollen mir die Tage, Was soll ich in der Welt? Ich trage meine Klage, Zertrümmert und zerschellt.
Ich stehe bang und frage Und staun, wie alles flieht. Das Leben ist wie Sage, Das Blühen ist wie Lied.
So staun ich blau und trage Tief innen sanften Traum. Mir starben Wort und Waage, Ich wachse |
Wolf Aicbelburg - AUF DIESER HÖHE |
| Auf dieser Höbe trifft der Wind nur Stein. Schafe haben wandernd eine Heimat. Sollte dir, dem Wanderer im Grün, Frühling täuschen einen Aufenthalt?
Auf dieser Höhe halt die Sonne Rast. Tiere wissen nicht von Glück, sie wandern. Käferflügel, Vogelflugmäander schläfern ein, doch du bist nicht zu Gast |
Christian Maurer - HERBSTLICH VON UNGEFÄHR |
| So wie es Herbst wird im Nußbaum, im Licht, in den Winden, an Straßenkreuzungen, in den Verkehrsampeln, so wie es Herbst wird im Hause, im Holz der Stühle und Kästen — so wirst du selber dich finden
herbstlich von ungefähr, voll zögernder Gesten, Stroh in den Haaren, Kletten am Hemd über'm Herzen |
Joachim Wittstock - TÜRKENHÜGEL |
| (bei Hermannstadt)
Tafelberg, den Vögeln entgegengebogen daß sie ihn nachtlang beschweren ein Hügel — allein ohne gefallene Türken doch aller, die je gegen sie gekämpft
So sind auch Heldengräber nicht Gräber für Helden
doch jener, die südwärts ritten
erst wenn der Halbmond sich lodernd über si |
Anemone Latzina - WENN SIE MAL |
| Wenn Sie was zu sagen haben,
sagen Sie es mir.
Ich wohne in Europa,
Ecke Nummer vier.
Gleich wenn Sie 'reinkommen,
erste Türe rechts,
hier sagen Sie was Sie sagen wollen,
beiderlei Geschlechts.
Wenn Sie mal 'nen Schmerz haben,
bringen Sie ihn mir.
Ich wohne in Europa
Ecke Nummer vier.
Gl |
Frieder Schuller - VON JAKOBSDORF |
| Als einer einmal seinen Hut
(das war nicht gestern, etwas mehr zurück)
vom Kopfe nahm, und das nicht mit Verlaub wie heute
(es war kaum Andacht, mit Bedacht nur
fuhr die Hand zur Krempe),
als dieser in der Linken seinen Hut noch hielt
(mag sein, er trug nur eine Mütze oder ein Stück Fell,
doc |
Franz Hodjak - WELTRAUMFLUG |
| Nicht die Fernen sind es,
was uns trennt vom nächsten Stern:
es ist die Schwerelosigkeit,
mit der wir treiben
im Weltraum.
Hier ist ein Meer: doch wir wollen schwimmen,
zu schwer fänden wir uns zwischen versunkenen Schiffen
am Grund. Dort steht ein Gipfel, im Eis:
doch wer schwört auf das an |
Gerhard Eike - SPRING |
| Spring:
rot gelb blau grün über grünblau be spring rot gelb blaugrün spring über
spring über das seil über den sträng hau über das wort über das über
bespringen das wort den sträng befruchten lau in September nacht morgen lacht über und übt sich früh übt sich befragen und
aufgemacht tor zum wort |
Literarische Titel sind beliebig |
| Die Niederschrift der hier vorgelegten Überlegungen zum literarischen Titel ist während einer Lesepause in Gang gekommen - Lesepause nicht als Pause gemeint, in der man liest, sondern als Pause inmitten einer Lektüre. Ich las die Novelle Der fremde Freund von Christoph Hein ein zweites Mal. Sie war |
Literarische Titel dienen der Identifikation |
| Der Titel einer Dichtung ist das Erste, was uns von ihr begegnet. Mit den Sternen am Himmel ist es genau umgekehrt: Erst zeigen sie sich, und dann erst bekommen sie einen Namen. Und wie ist es mit den Menschen? Wie begegnen sie uns? Wann erfahren wir, wie unsere Eltern heißen? Zunächst begegnen uns |
Literarische Titel sind eine eigenständige Textsorte |
| Manches Mal macht der Haupttitel eines Textes auf dessen literarische Gattung aufmerksam. So hat Goethe eine Ballade mit dem Titel Ballade geschrieben, ein Märchen mit dem Titel Das Märchen, eine Novelle mit dem Titel Novelle, und im Nachlass von Georg Trakl findet sich ein Gedicht mit dem Titel Ged |
Titelträume sind in den Sand geschriebene Prä-Texte |
| Es lässt sich nun sagen, was mit dem Ausdruck >Titelträume< gemeint ist. Titelträume sind die Träume, in die man bei der Lektüre von Titeln versinkt, deren Texte man nicht kennt. Es sind Träume ohne Text, die dennoch auf den unbekannten Text bezogen sind, auf den sich der Titel bezieht: Träume auf e |
Definition der poetologischen Differenz |
| Titelträume sind die Vorboten unseres Umgangs mit Literatur. Die poetologische Differenz ist der Leitbegriff des tatsächlichen Umgangs mit Literatur. Die Voraussetzung der poetologischen Differenz liegt allem Kunstverständnis zugrunde, und der Leser eines literarischen Textes macht von dieser Voraus |
Puschkins Schneesturm: Marjas Gedankenspiel |
| Betrachtet sei also zunächst Puschkins Erzählung Der Schneesturm. Sie gehört zu dem Zyklus Die Erzählungen des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin, der 1831 erschienen ist. Im Schneesturm, der dritten von insgesamt fünf Erzählungen, wird geschildert, wie sich die siebzehnjährige Gutsbesitzerstochte |
Dürrenmatts Verdacht: Bärlachs Gedankenspiel |
| Das soeben kenntlich gemachte Verfahren Puschkins, die objektive Realität der Fiktion so anzulegen, dass sie die Struktur eines Gedankenspiels der Hauptgestalt hat, findet sich auch in Dürrenmatts Der Verdacht, einem Text aus dem Jahre 1951.2
Der Verdacht ist ein Kriminalroman. Seine Hauptperson is |
Zwischenbemerkung |
| Beide Texte haben gemein, dass sie eine Fiktion innerhalb der Fiktion präsentieren, wobei die eingelagerte Fiktion die Hauptsache ist. Beide Autoren konstruieren die Hauptsache im Namen der Hauptgestalt als jeweils deren Welt im Kopf. Bleibt dieses Konstruktionsprinzip ungesehen, so verhüllt sich di |
Shakespeares Hamlet. Warum musste Polonius sterben? |
| Die poetologische Differenz sehen, heißt also, die Eigenart der gestalteten Sache erkennen. Zur weiteren Erläuterung dieses Gedankens sei nun Shakespeares Hamlet betrachtet, und zwar die zufällige Tötung des Polonius durch
Hamlet im dritten Akt. Um die Situation zu verstehen, aus der heraus Hamle |
Grundsätzliche Erläuterung der poetologischen Differenz |
| Es zeigt sich jetzt etwas Grundsätzliches: Die poetologische Differenz lässt sich angesichts eines bestimmten innerfiktionalen Sachverhalts ganz offensichtlich nicht auf Anhieb denken. Wir müssen das Ganze kennen, um eine außerfiktionale Begründung einsehen zu können. Das wiederum bedeutet, dass dur |
Nichtliterarische Texte lassen es nicht zu, die poetologische Differenz zu denken |
| Die poetologische Differenz zu denken heißt, den innerfiktionalen Sachverhalt derart in den Griff zu nehmen, dass seine inadäquate Deutung ausgeschlossen wird. Ein solcher Zugriff ist angesichts der Bedeutung eines nichtliterarischen Textes nicht möglich: eine historische Abhandlung über Alexander d |
Die poetologische Differenz will sich verbergen |
| Dennoch müssen wir uns über ein paradoxes Faktum im Klaren sein. Gerade der literarische Text setzt immer wieder alles daran, uns an seine Wirklichkeit so glauben zu machen, als sei es eine empirische Wirklichkeit. Ja, das Können des Dichters zeigt sich gerade darin, uns derart dem suggestiven Sog d |
Das barocke Emblem lässt die poetologische Differenz offen zutage treten: das Sonetten die Welt von Andreas Gryphius |
| Es gibt nun, wie ich meine, eine spezielle literarische Gattung die derart beschaffen ist, dass sie die poetologische Differenz gleichsam nackt darbietet: für jeden sofort sichtbar. Das ist das barocke Emblem (von griech. emblema = »Einlegearbeit«), bestehend aus Inscriptio, Pictura und Subscriptio. |
Beispiel eines Emblems |
| Sehen wir uns aus dem Emblematum Ethico-Politicorum Centuria (1664) von Julius Wilhelm Zincgref und Matthaeus Merian das Beispiel 92 (Zincgref/ Merian 1986: xcii) an. Es zeigt als Pictura eine Hafenstadt, über der die Sonne scheint und sich im Wasser spiegelt. Das Motto lautet: Monstratur in undis, |
Die Bedeutung der poetologischen Differenz für die Deutung literarischer Texte |
| Es kommt in unserem Zusammenhang darauf an, zu erkennen, dass die Trennung von Bild und Text, wie sie das barocke Emblem als Trennung von Pictura und Subscriptio programmatisch vornimmt, in jedem literarischen Text vorliegt, jedoch so, dass die Kluft zwischen Bild und Text nicht mehr zu sehen ist, w |
Das Prinzip >Dichtung als Tagtraum |
| Was an Puschkins Schneesturm und Dürrenmatts Verdacht erläutert wurde, die Möglichkeit nämlich, objektive Wirklichkeit der Fiktion implizit als Traumspiel einer Gestalt der Fiktion anzulegen, sei nun erneut erörtert. Das Prinzip, eine Fiktion innerhalb der Fiktion zu präsentieren, und zwar so, dass |
Walter Mitty, der chronische Tagträumer |
| Mein Interesse an Thurbers Kurzgeschichte ist aber primär kein soziologisches, sondern ein poetologisches. Es geht also darum, Thurbers Art und Weise, das Phänomen des Tagtraums zu nutzen, in ihrem Prinzip zu verdeutlichen.
Dieses Prinzip sieht so aus, dass die objektive Wirklichkeit (Lebenssituati |
Theorie: Arno Schmidt und Sigmund Freud |
| Arno Schmidt hat in seinen Berechnungen die These aufgestellt, Dichtungen seien Gedankenspiele, und gelangt zu der Formel
LG = E I + E IL
Das heißt, in Worten ausgedrückt: Das Längere Gedankenspiel (LG) ist jeweils die Summe von objektiver Realität (Erlebnisebene I) und subjektiver Realität (Erleb |
James Thurbers Darstellung der Tagträume Walter Mittys |
| Ich komme nun zum Ziel meiner Argumentation: Thurber liefert uns mit seiner Kurzgeschichte Das geheime Leben des Walter Mitty das Muster für die poetologische Nutzung des Tagtraums. Denn: Was tut Thurber? Er lässt den Tagtraum und die objektive Realität, aus der dieser aufsteigt, explizit deutlich w |
Das geheime Leben des Walter Mitty als ein poetologisches Grundmuster |
| Was bedeutet das im Grundsätzlichen? Antwort: Was sich an den Tagträumen Walter Mittys zeigt, ist die vom Autor Thurber gestaltete Sache. Dieses Ausgedrückte ist manifest da. Thurber gestaltet die Persönlichkeit des Walter Mitty auf Grund von dessen Tagträumen. In Abgrenzung von Freud ist zu sagen: |
Erläuterung der ersten Variante |
| Offensichtlich erfordert es ein gewisses Training, um die Nahtstelle zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit wahrzunehmen, gerade weil der Au-
tor alles daran setzt, diese Nahtstelle unsichtbar zu machen. Zwei poetologi-sche Verfahren sind es, mit denen diese Nahtstelle unauffällig gemac |
Traumfabrik Hollywood |
| Die Filmwerbung ist, wenn es um Filme für Erwachsene geht, durchgängig und weltweit darauf aus, wo immer es möglich ist zu betonen, es handle sich um eine Geschichte, die tatsächlich passiert sei, eine wahre Geschichte, eine Angelegenheit, die dann und dann die Gerichte beschäftigt habe. Mit einem W |
Erläuterung der zweiten Variante |
| Als Beispiele der zweiten Variante des Grundmusters Walter Mitty waren Oscar Wildes Salome und Franz Kafkas Die Verwandlung benannt worden. In beiden Fällen fehlt die Erlebnisebene I. An die Konstruktionsfreudigkeit des Lesers werden hohe Anforderungen gestellt, ohne dass jedoch Willkür ins Spiel ko |
Unmögliche Literaturgeschichte |
| Wie steht ein literarischer Text zur Geschichte? Die Antwort kann nur lauten: Er steht, wie jedes Kunstwerk, aus der Geschichte heraus. Man könnte auch sagen, er ist mit seinem Leser jeweils >gleichzeitig< da. Doch solche Formulierung kehrt Gleichzeitigkeit um. Denn in Wahrheit ist ja nicht der lite |
Zwei Argumente gegen die Praxis der Literaturgeschichtsschreibung |
| Wie die soeben bereits zitierten Bedenken Rene Welleks und Austin Warrens gegenüber der Praxis der Literaturgeschichtsschreibung zeigen, wurde die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit einer Geschichte der Literatur bereits 1949 zum Lehrbuchwissen. Inzwischen sind immer weiter Literaturgeschichte |
Meditation anlässlich eines Flaschentrockners |
| Kann Kunst >realistisch< sein? Mit anderen Worten: Kann Kunst die empirische Realität so darstellen, wie sie wirklich ist? Zweifellos nicht. Künstlerische Darstellung verwandelt die empirische Realität. »Things as they are/Are changed upon the blue guitar« (Stevens 1972: 165).
Sogar ein ready made |
Poetologische Definition des Realismus |
| Es sei deshalb an dieser Stelle eine poetologische und damit generelle Definition des Realismus eingeschaltet. Sie kennzeichnet den Realismus als nur eine Möglichkeit, Veranschaulichungen zu konstituieren.
Ein literarisches Kunstwerk ist dem Realismus zuzurechnen, wenn es
1. an keiner Stelle ein N |
Fortschritt und Richtigkeit |
| Die Tatsache, dass das realistische Erzählen sich am Ideal wissenschaftlicher Exaktheit orientierte, hat nun zweierlei zur Folge gehabt, das sich für die Rezeption der realistischen Texte als Kunstwerke negativ auswirken musste:
1. Der explizite oder implizite Anspruch auf wissenschaftliche Exakthe |
Die Wahrheit der Dichtung und die Richtigkeit der Darstellung |
| Zum Schluss sei noch ein aufschlussreiches Diktum Maupassants eingebracht. Er stellt im Vorwort zu seinem Roman Pierre et Jean (1887) fest:
Die Wahrheit darzustellen heißt also nichts anderes, als die vollständige Illusion der Wahrheit zu liefern [...]. Ich schließe daraus, dass sich die talentiert |
Erzählzeit und erzählte Zeit |
| Es gibt offensichtlich ganz verschiedene Möglichkeiten, Zeit durch literarische Darstellung bewusst zu machen. So hat etwa der Germanist Günther Müller zwischen »Erzählzeit« und »erzählter Zeit« unterschieden. Unter »Erzählzeit« wird die Zeitspanne verstanden, die der Dichter für das Erzählen benöti |
Zeit als Vergänglichkeit |
| Welche Möglichkeiten aber gibt es für die Thematisierung von Zeit innerhalb der Dichtung selbst? Sehen wir uns Beispiele an. Friedrich Schiller vermerkt in seinem Spruch des Konfuzius (1795):
Dreifach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, Pfeilschnell ist das Jetzt entflog |
Damals, jetzt und dann |
| Nun kann aber Zeit noch auf eine ganz andere Weise Thema eines literarischen Textes werden, indem uns nämlich eine Person oder mehrere als verstrickt in die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart gezeigt werden. Was heißt das?
Zur Erläuterung ein Seitenblick auf Sein und Zeit |
Vergangenes |
| Zeit kann, konkret gesprochen, literarisch so dargestellt werden, dass jemand von einem Ereignis der Vergangenheit in seiner Gegenwart regelrecht heimgesucht wird. Man denke an den König Ödipus des Sophokles. Zwei Ereignisse der Vergangenheit ragen plötzlich in die Gegenwart des Königs Ödipus hine |
Zukünftiges |
| Es gibt aber auch literarische Texte, die den Hauptakzent nicht auf die Beschwörung vergangener Wirklichkeiten legen, sei es als Enthüllungsdrama oder als Rekonstruktion privater oder historischer Wirklichkeit, sondern auf das, was kommen wird, auf das, was kommen könnte - mit einem Wort: auf die Zu |
Gegenwärtiges: der Augenblick |
| Es sind nun solche literarischen Texte benannt worden, die ihren Schwerpunkt entweder in der Vergegenwärtigung von etwas Vergangenem oder im Gewärtigen des Zukünftigen hatten. Was noch ansteht, ist die Erläuterung solcher Texte, deren zentrales Thema die Gegenwart ist. Die Thematisierung des Gegenwä |
Gegenwärtiges: die Langeweile |
| Der ausgezeichnete Augenblick ist das Gegenteil der Langeweile. Beide aber haben die Gegenwart gemein. Der erfüllten Zeit des Augenblicks steht die leere Zeit der Langeweile gegenüber. Die Langeweile als literarisches Thema bringt paradoxerweise keine langweiligen Texte hervor: man denke an Tschecho |
Die Symptome der Vergänglichkeit |
| Die wahre Marke der Zeit ist der Tod. Er begegnet als Todesfall und ist in der Todesangst potenziell jederzeit präsent. So setzt das Denken an den Tod den Horizont, in dem aller Wechsel und die Vergänglichkeit als das, was sie sind, erfahren werden. Man denke an die Einbettung des menschlichen Dasei |
Gemessener Raum und erlebter Raum |
| Mit dem Raum ist es wie mit der Zeit: Er wird nicht zunächst als >messbarer< Raum wahrgenommen, d. h. als physikalisch-technischer Raum, und danach auch noch irgendwie >erlebterlebter Raum< präsent. Und erlebt wird Raum nicht als solcher, sondern als »dort hinten am Waldrand, wo die Straße zur Stadt |
Haus und Weg als die Schauplätze des erlebten Raums |
| Das Ich-Hier-Jetzt hat entweder im Haus seinen Standort, oder es bewegt sich auf einem Weg zu einem Ziel. So hat der erlebte Raum nur zwei Schauplätze: einen festen, geschlossenen und einen wechselnden, offenen. Allerdings können beide Schauplätze miteinander identisch werden, denn was sind Kutsche, |
Situation |
| Eine Situation ist dadurch definiert, dass jemand in ihr steckt: hier und jetzt. Das Ich-Hier-Jetzt steckt immer in einer Situation (von lateinisch »situs« -Stellung, Lage). Ein situationsloses Dasein gibt es nicht. Wer in einer Situation steckt, befindet sich in einer ganz bestimmten Stellung zur U |
Erläuterungen an Textbeispielen |
| Ein Musterbeispiel der Evokation eines Hauses ist Edgar Allan Poes Erzählung Die Morde in der Rue Morgue, während Anton Tschechows Erzählung Die Steppe mit dem Untertitel Geschichte einer Reise als Musterbeispiel der Evokation eines Weges gelten darf. Das Schiff als bewegliches Haus, unter-
wegs, |
Nah und fern, oben und unten, links und rechts |
| Raumerfahrung ist immer gegliedert. Das heißt: Welt, die räumlich begegnet, hat immer ihr >nah< und >fernoben< und >untenrechts< und >linksbe-deutet< ihm etwas in dem Sinne, dass es zum Zeichen genommen wird, das uns nonverbal etwas bedeutet, so wie man etwa sagt: »Er bedeutete ihm, zu schweigen«, o |
Die künstlerische Darstellung bringt sich selbst zum Anblick |
| Die Sache einer Dichtung wird von ihrem Autor gemäß der poetologischen Differenz entfaltet, d. h. durch Umsetzung einer Absicht (Intentum) in Charaktere und Handlung (Designata) veranschaulicht. Und diese Sache bietet immer auch einen >Anblicknoch einmah einbringt, indem der Leser zu dem, was er lie |
Zeit und Raum und Welt |
| Deshalb lässt sich behaupten: Die poetologische Bewältigung von Zeit und Raum ist der Prüfstein für die Höhe der künstlerischen Intelligenz eines Autors. Zeit und Raum sind sowohl innerfiktional >da< als auch zwischen der Welt der Dichtung und dem Leser. Einfacher ausgedrückt: Die Art der Verständni |
Heideggers »Welt«-Begriff |
| Was meinen wir, wenn wir das Wort >Welt< benutzen? Da ist zunächst jene Bedeutung, die der Begriff annimmt, wenn er das All des Seienden bezeichnet, das innerhalb der Welt vorhanden sein kann, - so, wenn wir etwa vom höchsten Berg der Welt sprechen, vom Weltfrieden oder vom Weltkrieg. Des Weiteren k |
Das Dargestellte und sein Anblick von außerfiktionalem Standpunkt |
| Die Leistung der künstlerischen Intelligenz besteht nicht allein darin, uns zur Einfühlung in verstandene Welt zu bringen, sondern gleichzeitig und doch zusätzlich darin, uns, die Leser, in ein Verhältnis zur verstandenen Welt zu bringen, das in deren Anblick von außerfiktionalem Standpunkt aus sein |
Das Kunstwerk als Artefakt |
| Artefakt bezeichnet ein Erzeugnis menschlichen Könnens. Insofern wäre die Kennzeichnung des Kunstwerks als Artefakt eine Tautologie, wenn wir uns nicht normalerweise in die Welt des Kunstwerks >einsperren< lassen würden und sie an die Stelle unserer alltäglichen Wirklichkeit setzten. Wir nehmen die |
Der Schritt zurück |
| Die Sache der Dichtung wird, indem sich die künstlerische Darstellung selber zum Anblick bringt, zur Dichtung als Sache. Dieser, von solchem Anblick mitgesetzte Raum, aus dem die Fiktionalität der Fiktion sichtbar wird, ist von den literarischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts intensiv genutzt word |
Der vierfache Schriftsinn - Plädoyer für den vierfachen Schriftsinn |
| Offensichtlich hat es die Lehre vom vierfachen Schriftsinn bisher nicht geschafft, sich aus der Lokalisierung im Mittelalter zu befreien. Man unterstellt ihr eine wesensmäßige Rückbindung an die christliche Theologie. Nun wird niemand bezweifeln wollen, dass die christliche Theologie ein besonderes, |
Erläuterung des vierfachen Schriftsinns |
| Einen literarischen Text nach dem vierfachen Schriftsinn deuten heißt, ihn in vier Durchgängen erfassen:
1. Der Literalsinn. Zunächst kommt es darauf an, den buchstäblichen Sinn zu verstehen, den Literalsinn - also das, was >dastehtgeistiger< Schriftsinn: allegorisch, tropologisch und anagogisch.
|
Der vierfache Schriftsinn impliziert eine vom Geist erfüllte Wirklichkeit |
| Der vierfache Schriftsinn konnte sich nur deshalb etablieren, weil er mit seiner Ausgrenzung der Heiligen Schrift aus allen anderen Texten, die als profane dem geistigen Sinn grundsätzlich entzogen waren, das poetologische Prinzip in die empirische Wirklichkeit hineintrug, als deren rechtmäßige Ausl |
Der anagogische Sinn als Vollendung des vierfachen Schriftsinns |
| Es geht jetzt um die Herausarbeitung der universellen und damit aktuellen Gültigkeit des vierfachen Schriftsinns. Im anagogischen Sinn findet der vierfache Schriftsinn seine Vollendung, denn die Hinaufführung in den überzeitlichen Sinn impliziert die Selbstreflexion der künstlerischen Intelligenz im |
Was leistet die Rückbesinnung auf den vierfachen Schriftsinn? |
| Unter den hier dargelegten Prämissen hat die Rückbesinnung auf den vierfachen Schriftsinn folgende Konsequenzen:
1. Das mit Nietzsches Begriff der »kritischen Historie« herrschend gewordene Hinterfragen der Tradition im Namen des »frischen Lebens der Gegenwart« wird als nur ein Moment des Umgangs m |
Die erste Leistung des vierfachen Schriftsinns |
| Mit Nietzsches »kritischer Historie«, die er in seiner Abhandlung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (Unzeitgemäße Betrachtungen, Zweites Stück; Nietzsche 1980, Bd. 1: 243-334) programmatisch erläutert hat, wird das Hinterfragen, das Aufdecken dessen, was sich an dem, was einer sagt, |
Die zweite Leistung des vierfachen Schriftsinns |
| Der Vollzug des Verstehens findet seine Vollendung erst im anagogischen Sinn, in dessen Sog der tropologische Sinn nur einen Haltepunkt ausmacht, an dem der Leser persönlich angesprochen wird.
Der anagogische Sinn bringt unter den hier eingebrachten Voraussetzungen den poetologischen Zuschauer herv |
Die Literatur und die Wissenschaften |
| Es fällt auf, dass sich die verschiedensten Fakultäten mit der Literatur beschäftigen, sie zu ihrem Gegenstand machen: Theologen, Juristen, Mediziner, Philosophen - alle zeichnen auf ihre Weise als zuständig, wenn es um Literatur, wenn es um Dichtung geht. Das liegt ganz offensichtlich daran, dass d |
Zweierlei Zugriff der anderen Wissenschaften auf den literarischen Text |
| Es ist zu unterscheiden, ob
1. der Gegenstandsbereich einer Wissenschaft selber literarisches Thema ist und deshalb diese Wissenschaft auf den Plan ruft oder ob
2. der literarische Text als Ganzes einer Symptomatologie unterworfen wird, die ihn der Literaturwissenschaft entzieht und ihn zum Gegens |
Der poetologische Zuschauer |
| Doch nun zurück zur Lehre vom vierfachen Schriftsinn, die aufgrund ihrer hier vorgenommenen Ausrichtung in der poetologischen Rekonstruktion des einzelnen literarischen Textes ihre Vollendung findet: als Literaturwissenschaft im strengen Sinne.
Zusammenfassend ist erneut zu betonen: Im aktuellen Ko |
Der vierfache Schriftsinn heute |
| In der so genannten modernen Hermeneutik hat die Lehre vom vierfachen Schriftsinn keine Wirkung entfaltet. Auch in der Theologie ist sie heute nur noch von historischer Bedeutung: als strategisch gehandhabtes Auslegungsinstrument der Kirchenväter im Kampf um das rechte Verständnis der Heiligen Schri |
Dantes Brief über den vierfachen Schriftsinn |
| Die einschlägigen Passagen aus Dantes oben genanntem Brief an Cangrande della Scala seien hier in extenso zitiert. Es geht Dante um die sachgerechte Deutung der Göttlichen Komödie, die er selbst La Commedia nannte. Wo es im Folgenden >Werk< heißt, ist immer diese gemeint.
§ 7. Um einzusehen, worum |
Wunde und Schmerz |
| Dichtung besteht aus Situationen. Es geht nun darum, den Situationsbegriff, der in meine bisherigen Erörterungen bereits verschiedentlich hereinspielte, im Detail zu verdeutlichen. Dies sei an der literarischen Darstellbarkeit von Schmerz und Angst durchgeführt.
»[...] und wenn wir an eine Wunde de |
Die Veranschaulichungen des Schmerzes und deren Geltungsbereiche |
| Wunde und Schmerz sind paradox als höchst lebendige Privation des Lebens. Sie zeigen uns gefährdetes Leben, das sich gegen seine Gefährdung wehrt.
Als Zwischenbilanz ist an dieser Stelle festzuhalten: Schmerz als literarisches Thema kann als körperliche oder seelische Wunde veranschaulicht werden o |
Mitleid oder Genugtuung |
| An diesem Beispiel - nehmen wir in concreto die Version, die uns das Evangelium des Matthäus überliefert - wird nun ein weiterer Sachverhalt deutlich, der für die Erörterung des Schmerzes als literarisches Thema zu bedenken ist. Die Leidensgeschichte Christi ist in all ihren Aspekten darauf angelegt |
Ästhetik des Schmerzes |
| Zur Ästhetik der literarischen Darstellung des Schmerzes hat Lessing mit seiner Laokoon-Diskussion (1766) Entscheidendes gesagt, indem er die Darstellung von Schmerz und Leiden in der Malerei anderen ästhetischen Normen unterwirft als in der Poesie. Es wäre in unserem Jahrhundert zu fragen, ob sich |
Furcht und Angst |
| Das Phänomen Angst wirft im Unterschied zum Phänomen Furcht Schwierigkeiten auf, sobald es literarisch gestaltet werden soll, denn die Furcht hat ein »objektives Korrelat«, nicht aber die Angst. Die Angst hat kein konkretes Wovor, sie ist gegenstandslos. Literarische Darstellung aber ist auf objekti |
Situation und >objektives Korrelat« |
| Wir konnten eingangs feststellen, dass die Angst im Unterschied zur Furcht immer gegenstandslos sei, dass aber literarische Darstellung immer auf ein
»objektives Korrelat« angewiesen sei, um Verständlichkeit garantieren zu können. Was ist hier unter einem »objektiven Korrelat« zu verstehen? T. S. |
Zur Befindlichkeit der Angst |
| Angst wird also dadurch darstellbar, dass das sich immer wieder erneuernde Scheitern des betroffenen Subjekts in seinem Bestreben, sich von der Angst zu befreien, dargestellt wird. Paradox ausgedrückt: objektives Korrelat der Angst ist die unablässige Abweisung objektiver Korrelate. Sobald solche Ab |
Angst als literarisches Thema |
| In einer ganzen Reihe von Erzählungen hat Guy de Maupassant das Phänomen der Angst gestaltet. Es sind dies Auf dem Wasser (Sur l'eau, 1881), Er? (Lui?, 1883), Erscheinung {Apparition, 1883), Einsamkeit (Solitude, 1884), Der Horla (Le Horla, erste Fassung 1886, zweite Fassung 1887) und zwei verschied |
Schmerz und Angst |
| Schmerz und Angst sind die Boten des Todes. Sie gehören zum Leben, ja sie provozieren es, indem sie Gefahren anzeigen. Gewiss, es gibt Schmerztherapien und Möglichkeiten, von der Angstkrankheit geheilt zu werden. Die Phänomene Schmerz und Angst aber lassen sich nicht abschaffen, dürfen auch gar nich |
Kunst als Kunstgriff? |
| Die Technik literarischer Darstellung lässt sich lehren und lernen. Sie gehört zum Handwerk. Allerdings findet auch das, was sich nicht lehren und lernen lässt, weil es das >Geniale< an einem gelungenen Kunstwerk ausmacht, nur über das Handwerkliche Eingang ins Werk. Es steht deshalb außer Zweifel, |
Dürfen Kunstgriffe sichtbar werden? |
| Welcher Umgang mit der Erzähltechnik ist aber vom Interpreten zu fordern? Kunstgriffe werden offensichtlich erst dann sichtbar, wenn sie ihre Wirkung bereits getan haben, auf den zweiten Blick also. Man könnte auch sagen: Sie zeigen sich erst im Anblick der Welt des Textes von außerfiktionalem Stand |
Der Kunstgriff im poetologischen Zusammenhang des Einzelwerks |
| Hermeneutisch bedeutet das: All die Handbücher zur Identifikation literarischer Techniken sind soviel wert wie der Interpret, der sie zur Auslegung eines Einzeltextes nutzt. Sucht der Interpret sein Heil in den Kunstgriffen, dann hat er zwar die unmittelbare Nachvollziehbarkeit von allem, was er sag |
Dichter über ihre Dichtungen |
| Edgar Allan Poe hat uns, wie mir scheint, einen Weg gewiesen, als er für sein Gedicht The Raven die Entstehungsgeschichte als poetologisches Geschehen nachlieferte. Sein Traktat über die Verfahrensweise des poetischen Geistes trägt den Titel The Philosophy ofComposition. Man mag in seinen Darlegunge |
Ein kurzes Wort zu Edgar Allan Poes Philosophie der Komposition |
| Werfen wir einen Blick auf Poes Schilderung der Entstehung seines berühmtesten Gedichts, The Raven. Es handelt von einem Raben, der sprechen kann, wenn auch nur ein einziges Wort: »nevermore«, und besteht aus 18 Strophen, die eine Geschichte erzählen, die in der letzten Strophe ihre Pointe hat. Poe |
Die Fixierung des Literalsinns: eine Abstraktionsleistung |
| Den buchstäblichen Sinn eines Textes zu fixieren, nämlich in Worte zu fassen, ist durchaus keine leichte Aufgabe, denn die Bedeutung dessen, was wörtlich dasteht, steht ja selber nicht wörtlich da. Es soll im Folgenden deutlich gemacht werden, dass sich der Literalsinn nicht automatisch ergibt, sond |
Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber |
| Francis Macomber wird aus seinem Leben der Zerstreuung in die Grenzsituation geführt. Er gelangt in Afrika (Kenia) auf Großwildjagd zur Todesbe-wusstheit und über diese schließlich zur höchsten Seinsbewusstheit. Er hält in dem großen Augenblick seiner Ekstase die Angst vor dem Nichts aus. Das
heißt |
Wie immunisiert sich Hemingways Erzählung gegen ihre falsche Deutung? |
| Hemingways Erzählung hat ihre erzähltechnische Pointe darin, dass sie dem Leser eine falsche Deutung des zentralen Sachverhalts anbietet: Robert Wilsons Verkennung Mrs. Macombers. Die poetologische Raffinesse besteht darin, dass die falsche Deutung nicht explizit als falsch gekennzeichnet wird. Ja, |
Stichworte |
| Den Literalsinn einfach abzulesen, »ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen« (Nietzsche 1980, Bd. 13: 248), macht also einen wie auch immer bewussten Übergriff auf den anagogischen Sinn notwendig, setzt mithin
Kunstverstand voraus. Anders ausgedrückt: Wir lesen einen literarischen Text and |
Hermeneutik |
| Während das Lesen von Texten eine Passion sein kann, war das Deuten und Auslegen schon früh eine Profession. Wer einen Text auslegt, geht davon aus, daß der Autor einen Sinn in den Text hineingelegt hat, der nicht jedem zugänglich ist. Die Position dieses berufsmäßigen Interpreten ist dabei eine mit |
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds |
| Um 1900 begründete Sigmund Freud (1856-1939) eine neue wissenschaftliche Disziplin, die Psychoanalyse. Im Unterschied zum Großteil der damaligen Psychiater ging er davon aus, daß seelische Störungen meist nicht auf organische Schäden (z. B. des Gehirns) zurückzuführen sind, sondern auf unbewußte psy |
Kleists «Michael Kohlhaas»5 und Freuds Ödipuskomplex |
| Ausgangspunkt wäre also: Ein in der Position des Sohns befindlicher Protagonist versucht, einen anderen, der für ihn die Position des Vaters einnimmt (also den Zugang zur Mutter versperrt und mit Kastration droht), als Nebenbuhler auszustechen oder zu beseitigen. Die Protagonisten eines ödipalen Kon |
Lacans Konzeption des Ödipus |
| Das Gesetz, das mit der Kastrationsdrohung durchgesetzt werden soll, ist in erster Linie das Inzestverbot. Die Wirkung dieses Verbots für den Sohn ist: Alle Frauen (außerhalb der Familie) sind erlaubt, wenn auf die eine (die Mutter) verzichtet wird. Als Repräsentant dieses Verbots erscheint der Vate |
«Michael Kohlhaas» und Lacans Konzept des Begehrens |
| In der Konzeption der symbolischen Kastration bei Lacan ist das Begehren eine zentrale Kategorie. Sich davon zu trennen, das Begehren der Mutter auszufüllen, verlangt, sein eigenes Begehren zu finden. Unsere erste Frage wird also sein: Was begehrt Kohlhaas, was treibt ihn ?
In der Konfrontation m |
Sozialgeschichtliche Literaturwissenschaft |
| Daß jene und behauptetes Verfahren gewiß an der Diskreditierung sozialgeschichtlicher Orientierungen der Literaturwissenschaft mit schuld ist. Diese Diskreditierung lag darin, daß unter diesem Etikett oft nichts anderes vorgenommen wurde als eine - methodologisch gesehen - traditionelle Textexeges |
Literaturgeschichte als Sozialgeschichte |
| Daß Literaturgeschichte als Sozialgeschichte geschrieben werden könne und solle, war einmal Programm": Was an den Werken und am literarhistorischen Prozeß erklärungsbedürftig sei, sollte durch den Rekurs aufs Soziale erklärt werden. Das heißt auch: andere Dimensionen seien zu vernachlässigen; die so |
Sozialgeschichtliche Interpretation |
| Sozialgeschichtliche Interpretation bedeutet, daß nicht beansprucht wird, alle Texte oder literarische Phänomene könnten durch die Rückbindung an ihre soziale Situation besser verstanden werden; auch nicht, daß sich durch solche Rückbindung literarhistorische Kohärenz zwischen den Werken ergibt. Die |
Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse |
| Die konsequenteste sozialhistorische Orientierung liegt darin, syn-chronisch wie historisch Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse zu betreiben. Man mag dabei die Anwendung auf die Gegenwart als bezeichnen, solange eine Verwechslung mit den genannten literaturgeschichtlichen Unter |
Empirisch-konstruktivistische Literaturwissenschaft |
| Die Literaturwissenschaft gilt als Prototyp einer hermeneutischen Wissenschaft, d. h. einer Disziplin, in der das als Methode der Textauslegung eingesetzt wird. Allerdings hat der Siegeszug der Naturwissenschaften dazu geführt, daß sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Reihe von ursprünglich |
Was bedeutet ? |
| Diese Kernannahme der aktiven Konstruktivität menschlicher Informationsverarbeitung ist innerhalb und außerhalb der Literaturwissenschaft entwickelt worden. Innerhalb der literaturwissenschaftlichen Theorie handelt es sich dabei vor allem um Modelle der Rezeptionsästhetik3 und Semiotik4, die die Meh |
Handlungsrollen im Literatursystem |
| Die Forschung der Empirischen Literaturwissenschaft bezieht sich also vor allem auf die genannten vier Handlungsrollen, wobei die Erforschung der Textrezeption wegen ihrer theoretischen Bedeutung besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Unter dem Aspekt der Produktion herrscht bislang noch die |
Das Verhältnis zur hermeneutischen Literaturwissenschaft und andere offene Probleme |
| Mit der Empirisierung der Literaturwissenschaft ist eine Veränderung der Schwergewichte literaturwissenschaftlicher Forschung verbunden, wie das für jeden Paradigmawechsel gilt4 , und zwar gleichgültig, ob man von einer Ersetzungs-, Ergänzungs- oder Integrationsrelation zur hermeneutischen Literatur |
Historische Diskursanalyse - Foucault und die Folgen |
| Foucault (1926-1984) war Philosoph und Theoretiker der Humanwissenschaften, kein Literaturwissenschaftler. Dennoch galt der Literatur in allen Phasen seiner theoretischen Arbeit sein besonderes Interesse. Seine literaturtheoretischen Denkansätze gehen dabei von vier zentralen Problemstellungen aus:
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Literaturgeschichte -Mentalitätsgeschichte |
| Literarische Texte bilden Schnittpunkte ganz verschiedener Diskurse. Sie verbinden Meinungen und Überzeugungen, Absichten und Wünsche, Redeweisen und Sprechformen, zu denen auch die nonverbalen Sprachen wie Körpersprachen, Gestik u. ä. zu rechnen sind. Alle diese Elemente verweisen auf Diskurse unt |
Systemtheorie? Anwenden? |
| < Systemtheorie > ? - schon das Wort löst in den Literaturwissenschaften nicht selten Ressentiment aus. Denn man pflegt hier ein ambivalentes Verhältnis zu Theorien. Einerseits weiß man sehr wohl, daß es ohne sie nicht geht. Theorie organisiert Beobachtungen am Gegenstand und wird deshalb gebraucht. |
Dekonstruktion |
| Dies ist kein Artikel über die Dekonstruktion. Sein Titel scheint das Gegenteil zu versprechen: Besonders in dem Kontext eines « Grundkurses Literaturwissenschaft» wird erwartet, daß ein Text mit dieser Überschrift erklärt, was es mit der Dekonstruktion auf sich hat. Indessen ist keineswegs sicher, |
Intertextualität |
| Als der Begriff Intertextualität in den 6oer Jahren von Julia Kristeva im Umfeld der Gruppe «Tel Quel» geprägt wurde1, hatte er in erster Linie politische und kulturkritische Implikationen. In seiner weiteren Entwicklung ist dieser Anspruch jedoch zunächst in den Hintergrund getreten2; entworfen wur |
Geschlechterdifferenz und Literaturwissenschaft |
| Vom Spielbein zum Standbein?
Wo heute in der etablierten Fachöffentlichkeit Veranstaltungen zur < Feministischen Literaturwissenschaft > stattfinden, geschieht das überwiegend in einem säuberlich umzäunten Gebiet - und zwar als Zugeständnis an die unübersehbar gewordene Forschung von Frauen. Was de |
Didaktische Aspekte |
| Lyrik zwischen 1900 und 1945 hat in der Schule zwar gegenwärtig ihren festen Platz, aber der Kanon der seit Jahrzehnten immer wieder gelesenen Gedichte ist äußerst selektiv. Drei Beobachtungen möchte ich mit diesem Kanon verbinden: Es spielt erstens die Dichtung der Jahrhundertwende eine erheblich g |
Themenvorschläge für Sequenzen und Unterrichtsreihen |
| Die Lyrik von 1900 bis 1945 bietet ein breites Textangebot für Unterrichtsvorhaben der unterschiedlichsten Art:
- Thematische Unterrichtsreihen: Gedichte werden einzelnen Themenfeldern zugeordnet, die dann besonders ergiebig sind, wenn Schriftsteller sich immer wieder mit ihnen beschäftigten und es |